„Die BBC kaltmachen“

News Boris Johnsons rechte Hand will die britische Medienlandschaft umbauen. Das geht in einer Welt im Nachrichten-Chaos alle an
„Die BBC kaltmachen“
Hinter Premier Boris Johnson lauert Dominic Cummings mit sinistren Plänen

Foto: Tolga Akmen/AFP/Getty Images

Es war 2004, als sich eine obskure Gestalt an den Rändern des konservativen Spektrums ihre Zeit damit vertrieb, in einer Reihe kaum beachteter Blogs darüber zu sinnieren, wie sie das britische Establishment zerlegen könnte. Eines ihrer wichtigsten Ziele war die BBC. Erstens: Die Glaubwürdigkeit des Senders musste geschwächt werden. Zweitens: Die BBC sollte durch die Gründung eines britischen Pendants zu Fox News abgelöst werden. Drittens: Minister sollten Auftritte in den wichtigen Sendungen der BBC verweigern.

Dominic Cummings war damals Anfang 30 und hatte sich von Thinktank zu Kampagne gehangelt (sowie drei Jahre in Russland an „diversen Projekten“ gearbeitet). Sein Publikum wird sich auf ein paar Dutzend Leser*innen beschränkt haben. Kaum einer konnte ahnen, dass er 15 Jahre später im Herzen der Regierung angekommen sein würde – und dass das von ihm so verachtete Establishment seine einsamen Gedankenspiele nach Hinweisen durchforstet, wie die Zukunft Großbritanniens aussehen könnte.

Dominic Cummings’ Traum

Scrollen wir weiter. Unser Nischenblogger ist jetzt die rechte Hand des Premierministers – und mag, in mancher Hinsicht, sogar mächtiger sein als er. Und Cummings hat gewissenhaft damit begonnen, seine Blaupause umzusetzen – unter anderem werden Minister von Auftritten in wichtigen BBC-Sendungen abgehalten.

Zu Beginn des Jahres 2020 dachten die meisten, die Zukunft der BBC sei nebensächlich für eine neue Regierung, die weniger als ein Jahr Zeit hat, um ihre künftigen politischen Beziehungen und Handelsabkommen mit dem Rest der Welt zu regeln. Im Februar folgten die ersten Warnsignale, dass ein Virus in China globale Auswirkungen haben könnte. Doch just in diesem Moment steckte ein Downingstreet-Insider – mutmaßlich Cummings – einer Zeitung, die Regierung habe die Absicht, „to whack the BBC“ – die BBC kaltzumachen.

Man beachte die Mafiosi-Sprache.

Warum sollte eine Regierung, die so viele andere Herausforderungen auf dem Tablett hat, ihre Zeit darauf verwenden? Es gibt viele mögliche Antworten, keine davon ist wirklich rational:

1) Für manche ist das Thema rein ideologisch. Die BBC, wie die meisten öffentlich-rechtlichen Sender, existiert dank Steuergeldern. Einigen erscheint das zu etatistisch – wenn nicht gar sozialistisch. Wer auf die freie, uneingeschränkte Marktwirtschaft steht, für den ist die bloße Existenz der BBC eine Beleidigung.

2) Andere verfolgen Eigeninteressen. James Murdoch, Ruperts Sohn, wünschte der BBC 2009 in einer Rede öffentlichkeitswirksam den Tod. Sie „behindere den Nachrichtenmarkt“. Vorstellbar, dass sein Vater das auch denkt. Murdochs Zeitungen kritisieren unermüdlich die BBC (ebenso ABC in Australien) – zeitgleich launcht er neue Unternehmen (wie jüngst Times Radio), die bereitstehen, um die Lücke zu füllen.

3) Addieren Sie 1) und 2) und als Politiker eröffnet sich Ihnen eine Chance. Die Gatekeeper der alten Medien – wir nannten sie die Pressebarone – befinden sich auf dem absteigenden Ast, aber besser ist es, man hat diese Milliardäre auf seiner Seite. „Whacking the BBC“ – und damit das Ende des „unfairen“ Wettbewerbs – könnte Politikern die Gunst ihrer Zeitungen sichern.

4) Dann ist da die Politik in polarisierten Zeiten. Wer sich rechts verortet, für den ist die BBC links, großstädtisch, elitär und abgehoben. Wir hören oft, die BBC „habe sich beim Brexit vertan“. Aber diese Kritik gibt es spiegelbildlich auch von links. Remainers werden bis ins Grab glauben, die BBC sei die Brexit Broadcasting Corporation. Früher hätten sie die Barrikaden bemannt, um die Organisation zu verteidigen. Im Moment hat die BBC wenig Freunde. Ein guter Zeitpunkt, um zuzuschlagen.

5) Die einfachste Erklärung wäre: Kontrolle. Viele Politiker wollen die Nachrichten beherrschen. Einen unabhängigen, gut ausgestatteten überregionalen Sender, der laut allen Umfragen weit mehr Vertrauen genießt als sie, sehen sie nicht gerne. Eine geschwächte Presse kommt ihnen entgegen.

6) Und dann wäre da noch die populistische Variante von 5). Das Bannon/Trump-Skript nimmt bewusst die Medien ins Visier, die das größte Vertrauen genießen (etwa die New York Times), um die Leute davon zu überzeugen, dass selbst der beste Journalismus Fake ist. Wenn immer mehr Menschen bezweifeln, dass es eine „Wahrheit“ gibt oder „Fakten“, können sie ein Spielfeld errichten, auf dem ihre Wahrheiten und ihre Fakten so gut wie alle anderen sind. Wenn Sie „das Feld mit Scheiße fluten“ wollen (Bannon-Sprech), wird Ihnen der Informationsauftrag der BBC nicht besonders attraktiv oder relevant erscheinen.

Es kann andere Gründe für diese seltsame Obsession geben. Dominic Cummings, der so starken Einfluss auf Premierminister Johnson hat, scheint Institutionen nicht besonders zu mögen. Er wertschätzt weder den öffentlichen Dienst noch die Justiz, Europa oder die akademische Welt. Er ist seltsamerweise nicht besonders konservativ. Er wirkt, als wolle er alles in die Luft jagen und von vorne anfangen.

Es stimmt, dass das Finanzierungsmodell der BBC nicht so bleiben kann, wie es ist. Die Gebühren am Käufer eines TV-Geräts auszurichten, ist aus der Zeit gefallen. Hier muss sich etwas ändern. Aber eine schrittweise, beratende Reform ist etwas anderes, als die BBC „kaltzumachen“. Die Regierung hat schon klargestellt, welchen Typus sie gerne als Vorstand der BBC sähe – oder als Vorstand der Medienaufsichtsbehörde Ofcom. Ihre ersten beiden Wunschkandidaten, die geleakt wurden, waren ehemalige Chefredakteure rechtskonservativer Zeitungen. Der eine hat sich strafbar gemacht, weil er die Zahlung der BBC-Gebühren verweigerte, der andere macht keinen Hehl aus seiner Verachtung für das, was er „Sozialhilfe“-Journalismus nennt.

Schauen wir auf das größere Bild.

Wir leben in einer Welt im Nachrichten-Chaos. Einer Welt, in der die Politik immer polarisierter und populistischer wird und die Mitte erodiert. In der zwei Drittel aller Befragten sagen, sie könnten zwischen verantwortungsvollen Nachrichten und Müll nicht mehr unterscheiden. Was für ein Moment, um die vertrauenswürdigste, gemäßigste und zuverlässigste Nachrichtenquelle kaltzumachen, die außerdem für alle verfügbar ist. Der Gedanke, man könne irgendetwas in Großbritannien verbessern – die Kultur, Entscheidungsprozesse, die Staatsführung, den Zusammenhalt, die Wirtschaft – , indem man die BBC durch ein Pendant zu Fox News ersetzt, ist meiner Meinung nach vollkommen verblendet.

Eröffnet die Kastration der BBC den privaten Medien die Möglichkeit, besser zu florieren? Wenn ja, würde sich die Medienlandschaft in den USA bester Gesundheit erfreuen. Spoiler Alert: Dem ist nicht so.

Natürlich hofft jede halbwegs vernünftige Person, dass erstklassiger Journalismus – international, national, lokal – eines Tages wieder ein Geschäftsmodell entdeckt, das es ihm ermöglicht, zu wachsen und kostendeckend zu arbeiten. Aber es muss einen Plan B geben: Und dazu könnten Organisationen gehören, die nicht in erster Linie profitorientiert sind, aber mit der schnellen und zuverlässigen Bereitstellung von Nachrichten dazu beitragen, dass Gesellschaften sich gut entwickeln.

Vier Jahre unter Donald Trump haben gezeigt, wie beängstigend es ist, in einer Gemeinschaft zu leben, in der die Menschen nicht mehr wissen, wem sie glauben sollen. Einer Gesellschaft, in der Gefühle mehr zählen als Beweise.

Das Jahr 2020 hat uns eine Reihe von Albträumen, von Unwahrscheinlichem und Nie-da-Gewesenem beschert. Besonders abwegig ist, dass ein vormals unbekannter Blogger nur noch um Haaresbreite davon entfernt sein könnte, seinen Traum von der Zerstörung der BBC zu verwirklichen, einer Sendeanstalt, die weltweit bewundert wird und nach deren Vorbild 1950 auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Deutschland entstand. Und dass diese Nachricht, bisher zumindest, nur mit einem Schulterzucken quittiert wird.

Ihre Gegner sollten sich darauf nicht verlassen. Am Ende wollen die Briten nicht, dass Rupert Murdoch ihre Medien noch mehr filtert. Sie fluchen und stöhnen vielleicht über die BBC. Aber während die Institution sich auf ihren hundertsten Geburtstag vorbereitet, könnte sie sich als weit widerstandsfähiger erweisen, als ihre Feinde es sich vorstellen können.

Alan Rusbridger war von 1995 bis 2015 Chefredakteur des Guardian. Er ist Rektor der Lady Margaret Hall der Universität Oxford

Übersetzung: Christine Käppeler

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