Die Bedrohung des Reiches

Opfer des Regimes J. M. Coetzees Roman "Warten auf die Barbaren"

Eine Garnison am Rande des Reiches, ein Außenposten. Es ist ruhig. Die Nomaden, die jenseits des großen Sees in der Wüste leben, und "Barbaren" genannt werden, meiden den Ort. Trotzdem werden in der Hauptstadt, weit weg, zum Schutz des Reiches Notstandsgesetze in Kraft gesetzt. Ein Oberst der Staatspolizei mit dem Namen Joll trifft ein und verhört einen alten Mann und einen Jungen, die in der Nähe nach einem Überfall verhaftet wurden, aber offensichtlich unschuldig sind. Während des Verhörs stirbt der alte Mann. Es ist klar, dass ihn Joll gefoltert und getötet hat. "Ich wollte nie mehr als ein ruhiges Leben in ruhigen Zeiten", sagt der Magistrat der Garnison, der gleichzeitig der Erzähler in J.M. Coetzees Roman Warten auf die Barbaren ist. Als "Beamter mit literarischen Ambitionen" hätte er nur noch wenige Jahre bis zur Pension gehabt. Doch Oberst Joll bereitet seinem ruhigen Leben ein Ende. Gewalt und Folter sind ihm zuwider, aber er hört nicht die Schreie aus dem sonst selten benutzten Gefängnis. Und das, obwohl er ahnt, was vor sich geht und sogar sein Ohr "auf die Töne menschlichen Schmerzes" eingestimmt ist. Die Mauern des Gefängnisses sind zu dick und der Lärm der Stadt verstummt nicht "an einem warmen Sommerabend ..., weil irgendwo jemand schreit. (An einem bestimmten Punkt beginne ich mich selbst zu verteidigen.)"

Coetzee thematisiert in seinem 1980 zum ersten Mal auf Deutsch erschienen und jetzt in einer ausgezeichneten Neuübersetzung vorgelegten Roman den Konflikt des aufgeklärten, liberalen Beamten in einem repressiven politischen System. Auch wenn er die politischen Verhältnisse ablehnt, profitiert er von ihnen. Allerdings wird sein mangelndes Engagement für das Regime sehr schnell durch Oberst Joll in Frage gestellt. Und die Gewalt gegen die "Barbaren", die in Wirklichkeit dazu dient, das Reich im Innern zu festigen und nichts mit einer wirklichen Bedrohung zu tun hat, ist nicht mehr zu übersehen und zu überhören. Als ziviler Verwalter der Garnison hat er keine Macht über den Oberst. Nach dem Tod des alten Mannes spürt er aber, dass er ein Teil des Repressionsapparates ist. Er verliert die Lust an den Vergnügungen mit den jungen Huren der Stadt, die ihm als Kolonialherren grenzenlos zur Verfügung stehen. Er wendet sich einer Nomadenfrau zu, die nach einem der Rachefeldzüge von Oberst Joll geschändet und halb blind in der Garnison zurückgeblieben ist. Aber er schläft nicht mit ihr, sondern wäscht ihre Wunden in einer an die Christusgeschichten erinnernden Weise. Doch der Versuch, sich so in einem christlich-zivilisatorischen Akt von persönlicher Schuld reinzuwaschen, scheitert, denn es ändert nichts an der kolonialen Situation. Die "Barbarenfrau" hat sich schließlich genauso wenig frei für ihn entschieden wie zuvor die Huren und muss froh sein, die Rolle als Mätresse des Magistrats einnehmen zu dürfen. Sie bleibt damit koloniales Objekt, das seine wirklichen Bedürfnisse nicht artikulieren kann und er bleibt Kolonialherr, der sie nicht versteht. So ist auch die gefahrvolle Reise fragwürdig, die er unternimmt, um sie zurück zu ihrem Volk zu bringen, weil sie ihn nie darum gebeten hat. Eine Reise, die ihn in den Augen von Oberst Joll endgültig zum Verräter und damit zu einem weiteren Opfer des Regimes macht.

Warten auf die Barbaren erinnert an die Erzählungen Kafkas. Wie Beim Bau der chinesischen Mauer ist die Bedrohung des Reiches fiktiv. "Gegen wen sollte die große Mauer schützen", fragt der Erzähler in Kafkas Geschichte. "Gegen die Nordvölker. Ich stamme aus dem südöstlichen China. Kein Nordvolk kann uns dort bedrohen." Wie bei Kafka schweben auch Coetzees Figuren in einem eigenartigen Zwischenzustand zwischen Zeitlosigkeit und historisch-gesellschaftlicher Bestimmbarkeit. Mit wenigen Änderungen könnte das Buch sowohl zu einem Science-Fiction-Roman über die Kolonisierung eines fremden Planeten als auch zu einer Erzählung über eine Polizeistation in einem der Apartheit-Homelands gemacht werden. Wenn bei Kafka das österreich-ungarische Kaiserreich und der erste Weltkrieg im Hintergrund steht, ist es bei Coetzee Südafrika und die Apartheit. Trotzdem ist Coetzee kein Kafka-Epigone. Seine Geschichte ist im Gegensatz zu den kurzen, parabelhaften Erzählungen des Prager Autors episch angelegt. Geschickt hebt er mit seiner Prosa wenige Einzelheiten und Zusammenhänge aus der chaotischen Wirklichkeit heraus und legt für den Leser eine "Sinnspur", stellt diese aber später mit einem anderen möglichen Sinn wieder in Frage. Es entsteht eine Deutungsvielfalt, die zum Beispiel auch für die Hauptfigur gilt. Einerseits identifiziert sich der Leser mit ihr, andererseits sorgt seine Unentschiedenheit (die sich in seiner Namenlosigkeit ausdrückt) und seine Verquickung mit dem System immer wieder dafür, dass er auf Distanz geht. Eine Verwirrung, die produktiv das Denken in Gang hält, neugierig auf den weiteren Verlauf der Geschichte macht und etwa Brechts Anspruch an das epische Theater für den Roman umsetzt: unterhaltsam zu sein und gleichzeitig zum Nachdenken anzuregen. Eine Prosa also, die in ihrer Schlichtheit nicht nur Schönheit entwickelt, sondern sich ebenso von einer heute eher marktgängigen, suggestiven Schreibweise absetzt. Ein im besten Sinne engagierter Roman, der in keinem Punkt vereinfacht, sowohl intellektuelles Vergnügen bereitet, als auch spannend zu lesen ist. Ein Buch, das vorsichtig optimistisch endet und zeigt, das alle politischen Verhältnisse den Kern ihres Unterganges bereits in sich tragen - wobei offen bleibt, wie es danach weiter geht.

Jean M. Coetzee: Warten auf die Barbaren. Roman. Aus dem Englischen von Reinhild Böhnke, S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 2001, 288 S., 39,90 DM.

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00:00 05.10.2001

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