Die begabteste Prosaistin der DDR

Erinnerung Heute vor 25 Jahren ist Irmtraud Morgner gestorben. Wie die Schriftstellerin aus dem Realsozialismus zum Popstar für die westdeutsche Frauenbewegung wurde

Der literarische Kanon ist ein Mysterium. So richtig kann niemand erklären, warum der eine Autor als Klassiker gilt, während der andere in den Untiefen der Bibliothekskeller verschwunden ist. Und wer dort erstmal liegt, fernab von Feuilletons und Konferenzen, hat kaum eine Chance auf Wiederkehr. Denn der Kanon ist Mainstream, und der Mainstream ist unerbittlich. So flackern die Namen der Verschwundenen höchstens noch an runden Geburts- und Todestagen durch den Blätterwald. Und damit wären wir beim Thema: Vor 25 Jahren ist Irmtraud Morgner gestorben.

Geboren wurde Morgner 1933 in Chemnitz. Für ihre literarische Sozialisation sorgten der Zufall und sie selbst. Beim Aufräumen, so die Anekdote, fand die Dreizehnjährige einen Koffer voller Reclam-Bücher, die sie heimlich lesen musste, weil Belletristik in ihrem Arbeiter-Elternhaus als Zeitverschwendung galt. Doch für die Heranwachsende wurde Literatur schnell zur Lieblingsbeschäftigung, aus der sie nach dem Abitur einen Beruf machen wollte. Sie ging zum Germanistikstudium nach Leipzig, wo sie bei den legendären Professoren Hans Mayer und Ernst Bloch lernen konnte, was Literatur und was Utopie ist. Nach einem Zwischenspiel als Redaktionsassistentin bei der Zeitschrift des DDR-Schriftstellerverbands, der Neuen Deutschen Literatur, war es dann soweit: Morgner wurde ab 1958 als freie Schriftstellerin geführt – und schrieb in ihrer ersten Erzählung Das Signal steht auf Fahrt zunächst ganz im Sinne der SED-Oberen, nämlich „undialektisch und autoritär didaktisch“, wie sie später selbst spöttelte. Mit ihrem proletarischen Stallgeruch schien sie auf dem besten Weg zur Vorzeigefrau der Literaturpolitik.

Doch dann fand die Autorin langsam zu ihrem Thema und zu ihrem Stil: Sie fing an, den „Eintritt der Frau in die Historie“ zu beschreiben. Montagehaft. In einem eigenartigen Stakkatostil. Und mit blühender Fantasie. Den Zensoren schien diese Herausforderung zu groß. Sie kassierten 1965 Morgners Text Rumba auf einen Herbst kurz vor dem Druck. Als dann drei Jahre später ein Roman namens Hochzeit in Konstantinopel erschien, konnten sich die Leserinnen und Leser in der DDR endlich selbst überzeugen, was Morgner in den Augen ihrer Staatsführung so gefährlich machte: Die Autorin bearbeitete in sehr eigenwilliger Art und Weise die Frauenfrage, die im real existierenden Sozialismus erstens als „Nebenwiderspruch“ und zweitens als geklärt galt. Die Frau stand dort längst ihren Mann, wie ein gängiger Alltagsausdruck verriet. Sie war offiziell gleichberechtigt und gleichgestellt.

Es war selbstverständlich, dass die Literaturwächter an diesem SED-Faktum die literarischen Texte messen mussten. Und mit Morgner sollten sie diesbezüglich weiterhin viel zu tun haben. Ende 1973 ging ein dickes Manuskript in der Zensurbehörde ein, das den wundersamen Titel Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz nach Erinnerungen ihrer Spielfrau Laura trug. Nicht weniger wundersam war der Plot des, so Morgner, „operativen Montageromans“: Beatriz de Dia, eine historisch verbürgte Trobairitz aus dem 12. Jahrhundert, wird 1968 nach über 800jährigem Schlaf durch Bauarbeiten am Fuße ihrer überwucherten Burg Almaciz in Südfrankreich geweckt, erlebt die Studentenunruhen im Pariser Mai in der Hauptstadt und zieht anschließend weiter ins „gelobte Land“, die DDR. Das Kardinalthema des Buches schält sich schon auf den ersten der knapp 700 Seiten heraus: die Emanzipation der Frauen in Ost und West.

Geschlechtertausch-Geschichte

Und Morgner behandelte ihr Thema mit einer sprachlichen, kompositorischen und inhaltlichen Radikalität, die nicht nur in der DDR ihresgleichen suchte. Doch damit nicht genug: Sie erdreistete sich sogar, ein Spielchen mit den Literaturwächtern zu spielen. Morgner hatte nämlich kurzerhand zwei Texte in den Roman montiert, die in selbstständiger Form bereits von der Zensur kassiert worden waren, nämlich Teile aus ihrem Roman Rumba auf einen Herbst und eine Geschlechtertausch-Geschichte mit dem Titel Gute Botschaft der Valeska. Aus dieser Provokation machte die Autorin keinen Hehl. Sie kennzeichnete ihr Zensurspiel sogar, indem sie die Einschübe in den Kapitelüberschriften markierte.

Dass Morgners Roman trotz allem erscheinen konnte, ist ein ähnliches Mysterium wie die Tatsache, dass er heute weitgehend vergessen ist. Als das Buch, 1974 bei Aufbau veröffentlicht, der Mannschaft des westdeutschen Luchterhand Verlags in die Hände fiel, waren die Reaktionen überschwänglich. Der Juniorchef Otto F. Walter nannte die Trobadora prompt den „mit absoluter Sicherheit“ bedeutendsten DDR-Roman und eines der gewichtigsten Bücher der deutschen Nachkriegsliteratur überhaupt. Für den Adelsschlag sorgte schließlich der Literaturkritiker Wolfram Schütte in der Frankfurter Rundschau: Er bezeichnete die Trobadora als „Bibel der aktuellen Frauenemanzipation“. Dieses Urteil nahm die westdeutsche Frauenbewegung gerne auf und feierte Morgner bald als sozialistischen Popstar ihrer Sache. Allein die Lizenzausgabe der Trobadora verkaufte sich über 100.000 Mal.

Irmtraud Morgner, mittlerweile in den Vierzigern, von ihrem zweiten Ehemann, dem Dichter Paul Wiens geschieden und alleinerziehende Mutter, setzte sich indessen bald an den zweiten Teil der Emanzipationsbibel, der mit dem Titel Amanda 1983 gleichzeitig in der DDR und in der BRD erschien. Auch hier wählte sie wieder eine Montageform mit einem bunten Durcheinander verschiedenster Textformen und einen extrem dichten Schreibstil. Beides, so erklärte Morgner über ihre Figuren, entspreche dem Lebensrhythmus der gewöhnlichen Frau, der eben ständig von haushaltsbedingten Abhaltungen zerstreut werde. Deswegen sei ihre Prosa Pressluft, heftig und sehr angestrengt gearbeitet. Beim Publikum und bei der professionellen Kritik wurde auch Amanda ein Erfolg.

"Die begabteste Prosaistin der DDR"

Wegen ihrer Popularität in Ost und West genoss Morgner zu diesem Zeitpunkt bereits das Privileg, längere Lese- und Studienreisen antreten zu können. Besondere Sympathie für die westlichen Staaten entwickelte sie dabei aber nicht – ungeachtet dessen, dass ihr auch die DDR immer weniger als „gelobtes Land“ erschien. Ihre einzige Heimat, so erklärte sie kurz vor ihrem Tod im Mai 1990 und in Anbetracht der bevorstehenden Vereinigung der beiden deutschen Staaten, sei letztendlich die Literatur: „Ja, ein anderes Zuhause hab ich nicht. Ich lebe ja sowieso im Exil, in der Männergesellschaft, ob hier oder drüben.“

Irmtraud Morgner war Kommunistin, Fantastin und Feministin. Für den bürgerlichen, realistischen, männlichen Literaturbetrieb der Nachwendezeit war das wohl zu viel des Guten. Er ließ sie langsam verschwinden. Das ist beschämend, denn vielleicht ist sie genau das, was die Luchterhand-Lektorin Ingrid Krüger bereits in ihrem ersten Gutachten zur Trobadora feststellte: Die „begabteste Prosaistin der DDR“. Daran sollte man ruhig mal erinnern.

13:07 06.05.2015
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