Die Beharrliche

Rebecca Harms kämpft seit fast 40 Jahren im Wendland gegen Gorleben. Nun legt sich die Grüne mit ihrer Parteispitze an

Eigentlich hat sie Urlaub. Ferien vom Raumschiff Brüssel, von Schuldenkrise und Euro-Debakel. Jetzt also Berggipfel, Wanderschuhe, leichtes Gepäck. Doch schleppt Rebecca Harms in diesen Wochen auch gehörige Wut mit sich herum. „Ich bin mir bei einigen in der Grünen-Spitze nicht sicher“, sagt sie und klingt dabei sehr kontrolliert, „ob sie sich über die Dimension des Themas im Klaren sind. Das Thema berührt die Seele der Partei. Wer damit unbedacht umgeht, riskiert enormen Schaden.“

Das Thema heißt Gorleben – Chiffre für Deutschlands ungelöstes Atommüllproblem, Symbol für hartnäckige Massenproteste, Geburtshelfer der Grünen. Derzeit aber ist es auch ihr verletzlichster Punkt. Denn grüne Unterhändler sind dabei, mit CDU-Umweltminister Peter Altmaier einen partei- und länderübergreifenden Konsens für ein Endlagersuchgesetz zu erarbeiten. Und nicht nur Harms – als Europa-Abgeordnete im Moment eigentlich mit ganz anderen Problemen belastet – fürchtet, dass die Anti-Atom-Partei dabei über den Tisch gezogen werden könnte.

Die Sache mit dem Atommüll lässt die 55-Jährige nicht los, schon ein ganzes Erwachsenenleben lang. 1975 gründet Harms die erste Anti-AKW-Initiative in Niedersachsen. Da ist sie gerade 19 Jahre, lernt Landschaftsgärtnerin. Und Gorleben ist noch ein unbekanntes Nest an der Zonengrenze. Fünf Jahre später zeigen Fotos eine Jeanne d’Arc des wendländischen Widerstands: Eine Frau mit braunen Haarzöpfen, anrührend jung, die inmitten eines Hüttendorfs mit nachdrücklicher Ernsthaftigkeit die „Republik Freies Wendland“ ausruft. Dem kreativen Widerstandsnest macht die Staatsgewalt rasch den Garaus. Aber Harms wird mit ihrem Engagement weit übers Wendland hinaus bekannt.

Oft schon anstrengend, ernsthaft

„Mit der Anti-AKW-Bewegung sind Leute in mein Leben getreten, die meinen Blick auf die Welt verändert haben“, sagt Harms heute. 1984 holt eine grüne Gorleben-Mitstreiterin sie als Mitarbeiterin ins Europa-Parlament. Zwei Jahre später ist die Katastrophe von Tschernobyl für sie ein tiefer Einschnitt. Harms reist in die Ukraine und nach Weißrussland, immer wieder, um dort Umwelt- und Menschenrechtsgruppen zu unterstützen.

Zu Hause arbeitet sie sich in die Oberliga der Grünen vor. Als gestandene Reala wird sie Fraktionschefin im niedersächsischen Landtag, dann Spitzenfrau fürs Europa-Parlament. 2010 wählen die europäischen Grünen sie zu ihrer Co-Fraktionschefin. Einstimmig. Dabei hat die Politik aus ihr keine mitreißende Rednerin gemacht, auch keine brillante Strategin. Ihren Rückhalt zieht Harms eher aus gestrig klingenden Tugenden: Beharrlich ist sie, insistierend, nachdenklich, oft schon anstrengend ernsthaft. Auf ihrem langen Weg von der Graswurzelaktivistin zum globalen Polit-Profi ist sie sich ziemlich treu geblieben.

Dabei bleibt die wendländische Heimat ihre politische und private Erdung. „Lichtjahre“ lägen zwischen ihrem Bauernhaus bei Gorleben und dem Europa-Parlament, bekennt Harms. „Diese Distanz ist oft nur schwer zu überbrücken.“ Zumal wenn zu Hause der Zwiespalt lauert. Auch Harms bekommt dort als exponierte Grüne den Argwohn zu spüren, mit dem viele Gorleben-Mitstreiter den versuchten „Neuanfang“ bei der Endlagersuche beäugen. Denn wieder einmal läuft alles unter dem Siegel der Verschwiegenheit, gern auch am Küchentisch des Bundesumweltministers. „Das erweckt den Eindruck, da wird wieder nicht mit offenen Karten gespielt“, rüffelt Harms in Richtung der grünen Unterhändler Winfried Kretschmann und Jürgen Trittin.

Politische Heimat Gorleben

Vielen im Wendland gilt es als Sakrileg, Gorleben bei der neuen Endlagersuche nicht von vorneherein auszuschließen. Denn angesichts der Milliarden, die bereits im „Erkundungsbergwerk“ vergraben wurden, könnte der Standort am Ende womöglich als billigste Lösung durchgedrückt werden. Harms, Realpolitikerin, die sie ist, wirbt für Pragmatismus. „Wenn die politische Kraft nicht ausreicht, Gorleben aus dem Verfahren herauszunehmen, obwohl alle wissen, dass dieser Standort politisch und geologisch verbrannt ist, darf man sich Verhandlungen nicht verweigern“, sagt sie. „Aber dann muss das Verfahren auch höchsten Ansprüchen an Transparenz und gesellschaftlicher Beteiligung genügen.“

So ist es aber nicht – zumindest nicht nach ihrer Analyse der bisher durchgesickerten Gesetzentwürfe, wie Harms in einem Brandbrief an die Grünen-Spitze kritisiert. Vor allem eines alarmiert sie: Wie der Umweltminister drückt auch die Grünen-Spitze aufs Tempo. Käme das Gesetz nicht vor der Niedersachsenwahl im Januar 2013, schlösse sich das Zeitfenster für einen Endlagerkonsens, argumentiert der Bundesvorstand. Möglichst schon Anfang September solle deshalb ein kleiner Parteitag den Daumen heben oder senken über das Verhandlungsergebnis.

„Inakzeptabel“, schimpft Harms über den Zeitdruck. Sie fordert vor einer Entscheidung breite Mitsprache von Experten, Zivilgesellschaft und möglichst einem grünen Sonderparteitag. Dies könnte den niedersächsischen Grünen im Landtagswahlkampf Luft verschaffen. Allerdings wird damit für einen Endlagerkompromiss vor der ebenfalls nahenden Bundestagswahl die Zeit knapp.

Für die Bundes-Grünen bedeutet das ein handfestes Dilemma. Und für Rebecca Harms einen gewagten Spagat, den ihr jenseits des Wendlands manch Grüner verübelt. Ihre politische Heimat sei nun mal Gorleben, verteidigt sich Harms. Aber sie hat längst gelernt, vorzubauen: „Politik zu machen bedeutet, dass man im Zweifel auch mit Niederlagen rechnen muss.“

Vera Gaserow ist freie Journalistin in Berlin

 

Rebecca Harms, Jahrgang 1956, führt mit Daniel Cohn-Bendit die Grünen im europäischen Parlament. Zu Hause im Wendland gehört ihr Engagement dem Widerstand gegen das „Atomklo der Nation“

11:04 13.08.2012

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