Die beiden Enden der Sonnenallee

Aufschwung, Abschwung Bitterfeld-Wolfen, einst als industrielles Dreckloch verschrieen, wird heute als Zentrum der Solar-Technik gepriesen. Im Schatten ihres "Leuchtturms" leidet die Stadt unter sozialer Erosion und Abwanderung

Manchmal lässt sich der Aufschwung im Abfluss messen. Zum Beispiel in Thalheim. Der kleine Ort mit 1.600 Einwohnern liegt inmitten platter Felder zwischen der einstigen Chemiestadt Wolfen und der Autobahn A9 und erhielt, wie viele Ost-Kommunen, Anfang der neunziger Jahre eine neue Abwasserentsorgung. Viele Orte leiden heute darunter, dass ihnen eifrige Berater damals überdimensionierte Anlagen aufschwatzten, die nicht ausgelastet werden können und zu hohen Abwasserpreisen führen. "Unsere Kläranlage ist zu klein", sagt der Bürgermeister, der seit 1990 die Geschicke der Gemeinde lenkt. Die Abwasserrohre sind voll. Die Kläranlage muss erweitert werden. Und das liegt am Aufschwung Ost.

Thalheim ist, was Politiker gern einen Leuchtturm nennen - ein industrieller Kern in einer ansonsten in weiten Teilen deindus-trialisierten Landschaft. Zu blühen begannen diese zu Weihnachten 1999, als vier Inhaber einer Kreuzberger Firma die Behörden ein wenig ärgern wollten. Weil sie sich in Berlin nicht genug unterstützt fühlten, sprachen sie in Sachsen-Anhalt vor - und wurden mit flott erteilten Baugenehmigungen und Fördergeld zum Bleiben überredet.

Heute ist die Firma Q-Cells nur eines von mehreren Unternehmen, die auf fruchtbarem Thalheimer Ackerboden sesshaft geworden sind und mit der Fertigung von Solarzellen für einen beispiellosen Aufschwung sorgten. 5.000 Arbeitsplätze gibt es in dem Gewerbegebiet, dessen zentrale Straße auf den sinnigen Namen Sonnenallee getauft wurde. Trotz der topografischen Gegebenheiten wird die Region heute als "Solar Valley" bezeichnet - in Anspielung auf das kalifornische Silicon Valley und dessen Vorreiterrolle bei der Entwicklung der Computertechnologie. Rund um Thalheim ist diePhotovoltaik zur Industrie gewachsen, was Manfred Kressin gerne mit einem Satz kommentierte, der ihm den Neid vieler anderer Bürgermeister eingebracht hat: "Bei uns gibt es mehr Arbeitsplätze als Einwohner."

Dass der Kommunalpolitiker den Satz heute nicht mehr sagen kann, liegt an einer Hochzeit im vorigen Jahr. Damals schlossen sich Thalheim, die beiden Städte Bitterfeld und Wolfen und die Gemeinden Holzweißig und Greppin zusammen - als Antwort auf Bevölkerungsrückgang und leere Kassen. Nur noch 46.000 Einwohner hat die neue Stadt. Fast so viele lebten 1989 allein in Wolfen. Ein Ende des Exodus ist nicht in Sicht: Für 2020 sagen Prognosen eine Einwohnerzahl von nur noch 40.000 voraus. Vielleicht, so Kressin, werden es durch die blühende Industrie ein paar mehr. Ob die Branche dann in der Region allerdings überhaupt noch genügend Arbeitskräfte findet, ist fraglich. Die Zahl der 17-jährigen Frauen, sagt der Bürgermeister, hat sich zuletzt binnen eines Jahres halbiert.

Chemie und Apokalypse

Obwohl die Einwohnerzahl sinkt, fällt die Arbeitskräftebilanz in der neuen Patchwork-Stadt längst nicht so glänzend aus wie in der Vorzeigegemeinde Thalheim. Zwar erstreckt sich über die Gemarkungen der vier anderen Orte das Gelände eines Chemieparks, in dem neben dem Pillenhersteller Bayer eine Vielzahl weiterer Firmen ansässig ist, die zusammen sogar 12.000 Menschen beschäftigen. Doch das ist nur ein Abglanz früherer Zeiten. Bis zum Ende der DDR arbeiteten allein im Chemiekombinat Bitterfeld über 20.000 Menschen. In Wolfen, wo 1923 der Farbfilm erfunden wurde, waren im Kombinat ORWO 15.000 Arbeiter tätig; dazu kamen noch Kraftwerkstechnik und Braunkohle. "Die Leute", sagt Joachim Teichmann von der Verwaltung der neuen Stadt, "kamen mit Bussen und Zügen aus Wittenberg, Delitzsch und Halle."

Heute kommen sie nicht mehr. Das Erbe der früheren Filmfabrik sucht nur noch das Unternehmen ORWO Net am Leben zu halten. Die leerstehende frühere Firmenzentrale, ein imposantes, rundes Gebäude, war zuletzt als neuer Sitz der Stadtverwaltung im Gespräch. Ansonsten gibt es auf dem Werksgelände ein Technologie- und Gründerzentrum, ein paar kleine Firmen, vor allem aber sehr viel Platz. Auch die Chemiebetriebe benötigen nur noch einen Bruchteil der Fläche und der Beschäftigten. Und Kohle wird in der Gegend gar nicht mehr gefördert.

Das hat sein Gutes. Zum Ende der DDR galt Bitterfeld als "dreckigste Stadt Europas", erinnert sich Teichmann. Staub aus den Gruben, Ruß aus vielen Schornsteinen und der Gestank aus den Kesseln und Kolonnen verhalfen dem Ort zu einem katastrophalen Ruf. "Bitterfeld, Bitterfeld, wo der Dreck vom Himmel fällt", zitiert Kressin einen Spruch über die Stadt, die zum Synonym für alle Schwächen des gescheiterten Realsozialismus wurde. Erzeugnisse des Chemiekombinats wie das Pflanzenschutzmittel BI 58 sicherten lebenswichtige Importe. Die Anlagen aber, in denen sie zusammengebraut wurden, waren jahrelang auf Verschleiß gefahren worden; Folgen für Arbeiter, Anwohner und Umwelt kehrte man unter den Tisch. Eine Reportage von 1989 im Spiegel las sich wie ein Augenzeugenbericht von der Apokalypse.

Vom Giftsee zur "Riviera"

Inzwischen zeichnet auch das Hamburger Nachrichtenmagazin ein anderes Bild von Bitterfeld. Das Loch, aus dem einst Kohle gekratzt und das beim Hochwasser 2002 vorfristig geflutet wurde, ist heute ein See namens Goitzsche, in dem vor einigen Sommern die Kanadische Wasserpest wucherte - nach Aussage von Biologen ein Indiz dafür, dass das Wasser zu sauber ist. An Stegen liegen Yachten; an den Ufern entstehen Ferienhäuser und Restaurants; auf einer Halbinsel werden Konzerte veranstaltet. Die Rede ist von der "Bitterfelder Riviera", die mit stählernen Landmarken wie einem Pegelturm im See und der "Bogen" genannten Aussichtsplattform auf einem nahe gelegenen Hügel auch Touristen anzieht - wenngleich, wie Teichmann einräumt, zunächst nur aus der näheren Umgebung.

Aber ist Fremdenverkehr im Armenhaus ein Rezept für die Zukunft? In Bitterfeld-Wolfen gibt es nicht wenige Menschen, die sich selbst einen Naherholungsausflug an die Goitzsche nicht leisten können. Viele leben in Wolfen-Nord, einem Plattenbaugebiet, das einst den Arbeitern des Fotokombinats komfortable Wohnungen mit Heizung und Warmwasser bot. Zeitweise zogen 1.500 Menschen im Jahr hierher. Nach dem Ende der DDR ergriffen dann bis zu 2.000 pro Jahr die Flucht; von 33.000 Einwohnern blieb ein Drittel.

Heute ist die Siedlung dreigeteilt: In den älteren, grünen Quartieren wohnen Rentner, die ein gutes Einkommen und keinen Grund haben, Wohnung und langjährige Nachbarn aufzugeben. Anderswo aber wurden bereits ganze Straßenzüge samt Schulen, Kindergärten und Kaufhallen abgerissen. Und Teile von Wolfen-Nord sind das, was euphemistisch als "sozialer Brennpunkt" bezeichnet wird: mit Häusern, deren Bewohner seit Jahren keinen Betrieb mehr von innen sehen durften, und mit einer auffälligen Häufung von Einrichtungen wie Drogen- und Suchtberatung, Familien- oder Straffälligenhilfe. Der Anteil der Kinder, die ohne Frühstück in die Schule geschickt werden, ist hoch, weshalb der Pfarrer der Christophorusgemeinde, die ihren Sitz im Wohngebiet hat, vor einigen Jahren auf die Idee kam, eine große Festtafel für die Kinder auszurichten. Einer der kleinen Besucher, erzählt er, habe auf ein Dorf am Horizont jenseits der Felder gezeigt und gefragt: "Welche Sprache sprechen die Leute dort?"

Ganze Straßenzüge abgerissen

Ein Wolfener Spezifikum sind solche Probleme nicht, weshalb man sich in der Stadt beeilt zu versichert, die Siedlung sei "kein Ghetto". Auch Joachim Teichmann sucht die triste Realität zu relativieren - durch die nicht eben ersprießliche Aussage, dass die soziale Lage im Stadtzentrum Bitterfelds "auch nicht besser" sei. 15 Prozent der Menschen in der neuen Stadt haben keine Arbeit. Vor ein paar Jahren war noch jeder vierte ohne Job. Allerdings: Der Aufschwung im "Solar Valley" ist eben noch immer nicht bei allen angekommen. Die Sonnenallee hat nicht nur ein oberes, sondern auch ein unteres Ende.

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