Die Bequemlichkeit des Erbes

Genetik Ist Thilo Sarrazin ein Rassist? Eine Betrachtung über Wesen und Verwendung des biologischen Determinismus in unserer Zeit

Es ist merkwürdig: Obwohl der Vorwurf des Rassismus den Anlass für das Parteiausschlussverfahren gegen den Ex-Bundesbanker Thilo Sarrazin gegeben hat, befasst sich die öffentliche Debatte fast ausschließlich mit der sozialen Integration. Die Frage, ob sich etwa Muslime tatsächlich genetisch von einem nicht näher definierten „wir“ unterscheiden, wird weitestgehend umschifft. Warum? Will man vermeiden, selbst des Rassismus’ verdächtigt zu werden? Werden Leserbriefe und Kommentare dahingehend gefiltert? Oder fehlt es schlicht an Bewusstsein?

Ob man Sarrazin und Ähnlichdenkende Rassisten nennen kann oder soll, hängt davon ab, was man unter Rassismus versteht. Sollen nur diejenigen Rassisten genannt werden, die in Fußballstadien Menschen mit dunkler Hautfarbe verprügeln oder auf Neonazi-Demonstrationen mitmarschieren, dann ließe sich Thilo Sarrazin gewiss nicht dazuzählen. Aber es gibt gute Gründe dafür, Rassismus breiter zu fassen und ihn als Alltagsphänomen zu erkennen: Als eine Einstellung, die Menschen aufgrund ihrer körperlichen Konstitution gewisse Fähigkeiten oder Eigenschaften zuschreibt, die vom Einzelnen nicht zu ändern sind – weil sie angeblich erblich fixiert aus der Tiefe der Generationenkette an die heutigen Träger weitergegeben wurden.

Eine solche Haltung muss man anstelle von Rassismus treffender „biologischer ­Determinismus“ oder „biologischer Essenzialismus“ nennen – und dabei ist es gleichgültig, ob gute oder schlechte Eigenschaften verhandelt werden: Die Grund­beding­ung des Andersseins sind für dieses Menschenbild die Gene; und wo positive Eigenschaften an Gene geknüpft werden, drängen sich meist auch negative auf.

Freilich gibt es auch andere Determinismen, die nicht weniger stigmatisieren und ähnlich tief in die Vergangenheit zurückgreifen: Etwa die Behauptung, eine Herkunftskultur sei ganz und gar prägend für ein Individuum. Der biologische Determinismus hat sich aber im 20. Jahrhundert als besonders gefährlich erwiesen. Ein wichtiger Grund hierfür war sein Erfolg unter Naturwissenschaftlern, die sich für objektiv hielten und die der Einladung von Politikern gerne folgten, bei der gesellschaftspolitischen Umsetzung ihrer Ansichten behilflich zu sein – nicht nur in Deutschland, aber hier besonders bereitwillig und mit besonders verheerenden Konsequenzen.

Unsicherheit und Hype

Sicher unterscheidet sich der heutige biologische Determinismus von dem des frühen 20. Jahrhunderts. Hätte Sarrazin nicht selbst darauf bestanden, Eugeniker und Rassenbiologen des frühen 20. Jahrhunderts zu zitieren, dann würden seine Thesen nicht unbedingt darauf hinweisen, dass er althergebrachten rassenbiologischen oder eugenischen Theorien anhängt. Nicht jeder, der einem „Volk“ genetische Besonderheiten zuschreibt, tut dies, weil noch nationalsozialistisches Gedankengut in ihm schlummert. Allerdings sind unsere Großeltern und Eltern von Biologielehrern unterrichtet worden, die nichts anderes kannten als biologischen Determinismus – und der war mitnichten nur ein Bestandteil deutscher Curricula. Meist schweigen die ehemaligen SchülerInnen peinlich berührt über das biologische Menschenbild, das ihnen damals vermittelt wurde, und nur selten – etwa anlässlich einer Geburt in der eigenen Familie – geben sie ihre große Unsicherheit auf diesem Gebiet zu erkennen.

Aber noch gewichtiger für die weite Verbreitung biologischer Determinismen ist der mediale Hype, der seit den neunziger Jahren um die Humangenetik betrieben wird. Forscher haben das Gen für Religiösität entdeckt! Das Gen für Untreue! Das Gen für Intelligenz! Das Gen für unruhige Lebensweise! Und kein Hype ohne entsprechenden Bedarf: Das Publikum liebt solche Botschaften, sie scheinen aus der Tiefe der Natur zu uns zu sprechen wie ein Orakel, wie eine Kristallkugel, die das unabänderliche genetische Schicksal eines jeden preisgibt: Nicht von uns selbst verantwortet, entzieht es sich dem Griff der Selbstdisziplin und entbindet uns von der moralischen Pflicht, an uns zu arbeiten.

Lähmende Ohnmacht

Umso schöner, wenn sich damit Herkunftsmythen verbinden lassen: Schon die Urgroßmutter väterlicherseits war vom Stamm der unbeugsamen, kriegerischen, von den Wikingern abstammenden Küstenbewohner, denen der heutige Nachwuchs sein besonderes Erbgut verdankt. Oder andersherum: Die Behauptung, Unterschiede zwischen Menschengruppen seien genetisch, gibt die denkbar einfachste Antwort auf die Frage, wie viel der Staat in Integration investieren sollte: Null. Soziologische Studien führen mit ihren komplexen Ergebnissen bei manchem Entscheidungsträger zu einer lähmenden Ohnmacht, weil die implizierten Maßnahmen schwer umzusetzen wären. Hingegen bietet die genetische Expertise – wenn sie denn so eindeutig spräche wie von Sarrazin und Co. gewünscht – eine große Entlastung für unbequeme Entscheidungsprozesse.

Was dabei gerne verschwiegen wird, ist der Unterschied zwischen einem kausalen Zusammenhang und einer statistischen Korrelation. Gene kodieren für Proteine, nicht für Eigenschaften. Kausale Zusammenhänge zwischen Genprodukten und Charaktereigenschaften herzustellen, ist Wissenschaftlern bisher nicht gelungen. Was sie lediglich nachgewiesen haben, ist, dass bestimmte Gen-Allele – sozusagen Versionen eines Gens – auffallend häufig mit Verhaltensbeobachtungen korrelieren. Damit ist noch nichts über die Ursache der Korrelation gesagt: Sie kann ein Artefakt, eine statistische Verzerrung, sie kann kulturell bedingt oder vollkommen anders zustande gekommen sein. Selbst wenn dabei ein signifikanter Zusammenhang zwischen Eltern und Kindern besteht, heißt dies noch lange nicht, dass die „Vererbung“ auf genetischem Wege geschah (siehe Kasten).

Streit unter Wissenschaftlern

Noch dazu werden solche Beobachtungen allzu oft vereinfachend und unreflektiert interpretiert. Wie beobachtet man Untreue, Religiosität, Gefühle oder gar Intelligenz an Versuchstieren, oder gar an Menschen? Um jede dieser Eigenschaften, in ihrer Beobachtbarkeit und in ihrer Meßbarkeit, gibt es unter Wissenschaftlern seit Jahrzehnten unaufhörlich Streit. Eine komplexe Konfliktlage, die im medialen Kontext meistens unerwähnt bleibt.

Es sind aber nicht nur die Journalisten, die das Bedürfnis nach biohistorischen Identifikationen bedienen, sondern leider auch die Wissenschaftler selbst. Sarrazin hätte in seinen umstrittenen Interviews durchaus auf Originalstudien verweisen können, die behaupten, „Abraham’s Children“ teilten gemeinsame genetische Strukturen. Aber diese wissenschaftlichen Arbeiten sind höchst umstritten, eben weil sie vorgeben, althergebrachte ethnische, nationale und kulturelle Bezeichnungen aus der komplexen Materie DNA ablesen zu können – als ob sie dort wie Namensschilder angeheftet seien. Studien über auffällige genetische Muster in „aschkenasischen Juden“ – wen auch immer die zahlreichen, widerstreitenden Definitionen darunter zählen – verschweigen oft, dass der Kreis der Betroffenen viel enger eingegrenzt werden könnte, etwa auf einen Ort, an dem eine entsprechende Mutation entstand; oder dass auch Angehörige anderer, benachbarter Orte oder Gruppe überproportinal stark betroffen sind. Die Kategorisierung „aschekenasische Juden“ wird schon damit vollkommen unscharf .

Genetische Selbstbehauptung

Differenzierung tut aber nicht nur auf der Seite der Sarrazins not, sondern auch auf der seiner Kritiker. Wer sich nicht die Mühe macht, die weit verbreitete Akzeptanz biologischer Determinismen zu begreifen, läuft Gefahr, selbst unzulässig zu vereinfachen. So etwa die Äußerung des Generalsekretärs des Zentralrates der Juden in Deutschland, Stephan Kramer: „Wer die Juden über ihr Erbgut zu definieren versucht, auch wenn das vermeintlich positiv gemeint ist, erliegt einem Rassenwahn, den das Judentum nicht teilt.“ Präziser müsste es aber heißen „ ... der erliegt einem biologischen Essenzialismus, dessen rassistischer Ausprägung nur sehr wenige Juden anhängen.“ Denn auch dies ist kein neues Phänomen: Juden, wie viele andere marginalisierte und diskriminierte Gruppen auf der ganzen Welt, haben sich im 20. Jahrhundert explizit auf die Biologie und die Genetik berufen, um ihre Identität und ihre Rechte positiv zu stärken.

„Strategischen Essenzialismus“ kann man diese Form der Selbstbehauptung nennen. Nur sehr selten gehen die Wortführer der Benachteiligten dabei so vor, dass andere Gruppen diskreditiert werden. Meist wählen sie biologische Konzepte, die es erlauben, Diskriminierung per se zu kritisieren. Deutsch-jüdische Wissenschaftler haben bis 1933 aktiv an der Debatte über Rassen, Vererbung und insbesondere die sogenannte „jüdische Rasse“ teilgenommen. Während ihre nichtjüdischen Kollegen in wissenschaftlichen Arbeiten und politischen Foren zunehmend offenen Rassismus proklamierten, waren diese jüdischen Wissenschaftler die lautesten Kritiker des Rassenwahns und der deterministischen Rassenbiologie. Auch sie beriefen sich auf Rassenkonzepte und auf die eventuelle Vererbung bestimmter Eigenschaften innerhalb ethnischer Gruppen. Aber aus der Vielfalt der damals diskutierten biologischen Konzepte wählten sie die weniger deterministischen; ihre Schriften fallen skeptischer und differenzierender aus als die ihrer nichtjüdischen Kollegen.

Wieder geht es um "Rassen"

Die genetische Vielfalt der Menschheit ist ein ungeheuer komplexes Phänomen, das sich weder an Staatsgrenzen noch an Religionszugehörigkeiten oder an die Hautfarbe hält. Entgegen der weit verbreiteten Ansicht, spätestens 1945 sei die Rassenbiologie abgeschafft worden, haben die Biowissenschaften durchgängig versucht, diese Vielfalt zu verstehen und erklären. Seit kurzem wird dies, vor allem in den USA, wieder unter dem Stichwort „Rassen“ praktiziert, sei es im Rahmen biomedizinischer und pharmakogenetischer Fragestellungen oder des boomenden Interesses am „genetic ancestry testing“. Im ethnisch viel homogeneren Deutschland lässt diese Debatte noch auf sich warten.

Sollte die SPD ihr Ausschlussverfahren wesentlich auf den Vorwurf des Rassismus – präzise: biologischen Determinismus – stützen, so sollte sie sich dessen bewusst sein, dass, wie in allen Parteien, ein Großteil ihrer Basis denselben Gedankenfiguren anhängt. Es wäre ein mutiger Schritt, der aber nach sich zieht, biologischen Determinsmen differenziert, gut informiert und konsequent entgegenzutreten.

Veronika Lipphardt ist Biologin und Gruppenleiterin am Max-Planck-Institut für Wissen­schaftsgeschichte in Berlin. Sie erforscht die Rezeption menschlicher Biodiversität im 20. Jahrhundert

Von Genen und Menschen: Was determiniert hier was?

Gene legen vieles fest und doch sehr wenig. Zwar enthält jedes Gen den Bauplan für ein Eiweiß, das eine Funktion ausübt, die Teil eines Komplexes anderer Funktionen, Eiweiße, Gene ist. Das Konzert der Gene ergibt dann Prozesse, etwa im Gehirn, die tatsächlich Tun und Talente bestimmen.

Ob oder wann ein Gen aktiv ist wie das Konzert also klingt wird aber nicht nur von biologischen Zwängen determiniert, sondern auch von prägenden Ereignissen im Leben eines Organismus.

Die Epigenetik umfasst Effekte, die aus der Umwelt bis ans Erbgut heranreichen, und es nachhaltig prägen. Studien zeigen, dass Mutterliebe, Traumata, Ernährung oder Nikotin Abdrücke im Genom hinterlassen, die teils auch an die Folgegeneration vererbt werden. Sehr wahrscheinlich gilt dasselbe auch für Bildung, Kultur und soziales Erleben.

Epigenetische Prozesse verändern nicht die Gene selbst. Sie hängen chemische Fähnchen ans Erbgut, die durch veränderte Einflüsse meist wieder entfernt werden können.

Menschliches Schicksal kennt mithin biologischen Spielraum. Es hängt von gebotenen oder selbst erschaffenen Möglichkeiten ab. Was neue Probleme aufwirft wenn auch diese Erkenntnisse unreflektierte Schlüsse zeitigen.

10:50 15.09.2010

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