Veronika Lipphardt
15.09.2010 | 10:50 9

Die Bequemlichkeit des Erbes

Genetik Ist Thilo Sarrazin ein Rassist? Eine Betrachtung über Wesen und Verwendung des biologischen Determinismus in unserer Zeit

Es ist merkwürdig: Obwohl der Vorwurf des Rassismus den Anlass für das Parteiausschlussverfahren gegen den Ex-Bundesbanker Thilo Sarrazin gegeben hat, befasst sich die öffentliche Debatte fast ausschließlich mit der sozialen Integration. Die Frage, ob sich etwa Muslime tatsächlich genetisch von einem nicht näher definierten „wir“ unterscheiden, wird weitestgehend umschifft. Warum? Will man vermeiden, selbst des Rassismus’ verdächtigt zu werden? Werden Leserbriefe und Kommentare dahingehend gefiltert? Oder fehlt es schlicht an Bewusstsein?

Ob man Sarrazin und Ähnlichdenkende Rassisten nennen kann oder soll, hängt davon ab, was man unter Rassismus versteht. Sollen nur diejenigen Rassisten genannt werden, die in Fußballstadien Menschen mit dunkler Hautfarbe verprügeln oder auf Neonazi-Demonstrationen mitmarschieren, dann ließe sich Thilo Sarrazin gewiss nicht dazuzählen. Aber es gibt gute Gründe dafür, Rassismus breiter zu fassen und ihn als Alltagsphänomen zu erkennen: Als eine Einstellung, die Menschen aufgrund ihrer körperlichen Konstitution gewisse Fähigkeiten oder Eigenschaften zuschreibt, die vom Einzelnen nicht zu ändern sind – weil sie angeblich erblich fixiert aus der Tiefe der Generationenkette an die heutigen Träger weitergegeben wurden.

Eine solche Haltung muss man anstelle von Rassismus treffender „biologischer ­Determinismus“ oder „biologischer Essenzialismus“ nennen – und dabei ist es gleichgültig, ob gute oder schlechte Eigenschaften verhandelt werden: Die Grund­beding­ung des Andersseins sind für dieses Menschenbild die Gene; und wo positive Eigenschaften an Gene geknüpft werden, drängen sich meist auch negative auf.

Freilich gibt es auch andere Determinismen, die nicht weniger stigmatisieren und ähnlich tief in die Vergangenheit zurückgreifen: Etwa die Behauptung, eine Herkunftskultur sei ganz und gar prägend für ein Individuum. Der biologische Determinismus hat sich aber im 20. Jahrhundert als besonders gefährlich erwiesen. Ein wichtiger Grund hierfür war sein Erfolg unter Naturwissenschaftlern, die sich für objektiv hielten und die der Einladung von Politikern gerne folgten, bei der gesellschaftspolitischen Umsetzung ihrer Ansichten behilflich zu sein – nicht nur in Deutschland, aber hier besonders bereitwillig und mit besonders verheerenden Konsequenzen.

Unsicherheit und Hype

Sicher unterscheidet sich der heutige biologische Determinismus von dem des frühen 20. Jahrhunderts. Hätte Sarrazin nicht selbst darauf bestanden, Eugeniker und Rassenbiologen des frühen 20. Jahrhunderts zu zitieren, dann würden seine Thesen nicht unbedingt darauf hinweisen, dass er althergebrachten rassenbiologischen oder eugenischen Theorien anhängt. Nicht jeder, der einem „Volk“ genetische Besonderheiten zuschreibt, tut dies, weil noch nationalsozialistisches Gedankengut in ihm schlummert. Allerdings sind unsere Großeltern und Eltern von Biologielehrern unterrichtet worden, die nichts anderes kannten als biologischen Determinismus – und der war mitnichten nur ein Bestandteil deutscher Curricula. Meist schweigen die ehemaligen SchülerInnen peinlich berührt über das biologische Menschenbild, das ihnen damals vermittelt wurde, und nur selten – etwa anlässlich einer Geburt in der eigenen Familie – geben sie ihre große Unsicherheit auf diesem Gebiet zu erkennen.

Aber noch gewichtiger für die weite Verbreitung biologischer Determinismen ist der mediale Hype, der seit den neunziger Jahren um die Humangenetik betrieben wird. Forscher haben das Gen für Religiösität entdeckt! Das Gen für Untreue! Das Gen für Intelligenz! Das Gen für unruhige Lebensweise! Und kein Hype ohne entsprechenden Bedarf: Das Publikum liebt solche Botschaften, sie scheinen aus der Tiefe der Natur zu uns zu sprechen wie ein Orakel, wie eine Kristallkugel, die das unabänderliche genetische Schicksal eines jeden preisgibt: Nicht von uns selbst verantwortet, entzieht es sich dem Griff der Selbstdisziplin und entbindet uns von der moralischen Pflicht, an uns zu arbeiten.

Lähmende Ohnmacht

Umso schöner, wenn sich damit Herkunftsmythen verbinden lassen: Schon die Urgroßmutter väterlicherseits war vom Stamm der unbeugsamen, kriegerischen, von den Wikingern abstammenden Küstenbewohner, denen der heutige Nachwuchs sein besonderes Erbgut verdankt. Oder andersherum: Die Behauptung, Unterschiede zwischen Menschengruppen seien genetisch, gibt die denkbar einfachste Antwort auf die Frage, wie viel der Staat in Integration investieren sollte: Null. Soziologische Studien führen mit ihren komplexen Ergebnissen bei manchem Entscheidungsträger zu einer lähmenden Ohnmacht, weil die implizierten Maßnahmen schwer umzusetzen wären. Hingegen bietet die genetische Expertise – wenn sie denn so eindeutig spräche wie von Sarrazin und Co. gewünscht – eine große Entlastung für unbequeme Entscheidungsprozesse.

Was dabei gerne verschwiegen wird, ist der Unterschied zwischen einem kausalen Zusammenhang und einer statistischen Korrelation. Gene kodieren für Proteine, nicht für Eigenschaften. Kausale Zusammenhänge zwischen Genprodukten und Charaktereigenschaften herzustellen, ist Wissenschaftlern bisher nicht gelungen. Was sie lediglich nachgewiesen haben, ist, dass bestimmte Gen-Allele – sozusagen Versionen eines Gens – auffallend häufig mit Verhaltensbeobachtungen korrelieren. Damit ist noch nichts über die Ursache der Korrelation gesagt: Sie kann ein Artefakt, eine statistische Verzerrung, sie kann kulturell bedingt oder vollkommen anders zustande gekommen sein. Selbst wenn dabei ein signifikanter Zusammenhang zwischen Eltern und Kindern besteht, heißt dies noch lange nicht, dass die „Vererbung“ auf genetischem Wege geschah (siehe Kasten).

Streit unter Wissenschaftlern

Noch dazu werden solche Beobachtungen allzu oft vereinfachend und unreflektiert interpretiert. Wie beobachtet man Untreue, Religiosität, Gefühle oder gar Intelligenz an Versuchstieren, oder gar an Menschen? Um jede dieser Eigenschaften, in ihrer Beobachtbarkeit und in ihrer Meßbarkeit, gibt es unter Wissenschaftlern seit Jahrzehnten unaufhörlich Streit. Eine komplexe Konfliktlage, die im medialen Kontext meistens unerwähnt bleibt.

Es sind aber nicht nur die Journalisten, die das Bedürfnis nach biohistorischen Identifikationen bedienen, sondern leider auch die Wissenschaftler selbst. Sarrazin hätte in seinen umstrittenen Interviews durchaus auf Originalstudien verweisen können, die behaupten, „Abraham’s Children“ teilten gemeinsame genetische Strukturen. Aber diese wissenschaftlichen Arbeiten sind höchst umstritten, eben weil sie vorgeben, althergebrachte ethnische, nationale und kulturelle Bezeichnungen aus der komplexen Materie DNA ablesen zu können – als ob sie dort wie Namensschilder angeheftet seien. Studien über auffällige genetische Muster in „aschkenasischen Juden“ – wen auch immer die zahlreichen, widerstreitenden Definitionen darunter zählen – verschweigen oft, dass der Kreis der Betroffenen viel enger eingegrenzt werden könnte, etwa auf einen Ort, an dem eine entsprechende Mutation entstand; oder dass auch Angehörige anderer, benachbarter Orte oder Gruppe überproportinal stark betroffen sind. Die Kategorisierung „aschekenasische Juden“ wird schon damit vollkommen unscharf .

Genetische Selbstbehauptung

Differenzierung tut aber nicht nur auf der Seite der Sarrazins not, sondern auch auf der seiner Kritiker. Wer sich nicht die Mühe macht, die weit verbreitete Akzeptanz biologischer Determinismen zu begreifen, läuft Gefahr, selbst unzulässig zu vereinfachen. So etwa die Äußerung des Generalsekretärs des Zentralrates der Juden in Deutschland, Stephan Kramer: „Wer die Juden über ihr Erbgut zu definieren versucht, auch wenn das vermeintlich positiv gemeint ist, erliegt einem Rassenwahn, den das Judentum nicht teilt.“ Präziser müsste es aber heißen „ ... der erliegt einem biologischen Essenzialismus, dessen rassistischer Ausprägung nur sehr wenige Juden anhängen.“ Denn auch dies ist kein neues Phänomen: Juden, wie viele andere marginalisierte und diskriminierte Gruppen auf der ganzen Welt, haben sich im 20. Jahrhundert explizit auf die Biologie und die Genetik berufen, um ihre Identität und ihre Rechte positiv zu stärken.

„Strategischen Essenzialismus“ kann man diese Form der Selbstbehauptung nennen. Nur sehr selten gehen die Wortführer der Benachteiligten dabei so vor, dass andere Gruppen diskreditiert werden. Meist wählen sie biologische Konzepte, die es erlauben, Diskriminierung per se zu kritisieren. Deutsch-jüdische Wissenschaftler haben bis 1933 aktiv an der Debatte über Rassen, Vererbung und insbesondere die sogenannte „jüdische Rasse“ teilgenommen. Während ihre nichtjüdischen Kollegen in wissenschaftlichen Arbeiten und politischen Foren zunehmend offenen Rassismus proklamierten, waren diese jüdischen Wissenschaftler die lautesten Kritiker des Rassenwahns und der deterministischen Rassenbiologie. Auch sie beriefen sich auf Rassenkonzepte und auf die eventuelle Vererbung bestimmter Eigenschaften innerhalb ethnischer Gruppen. Aber aus der Vielfalt der damals diskutierten biologischen Konzepte wählten sie die weniger deterministischen; ihre Schriften fallen skeptischer und differenzierender aus als die ihrer nichtjüdischen Kollegen.

Wieder geht es um "Rassen"

Die genetische Vielfalt der Menschheit ist ein ungeheuer komplexes Phänomen, das sich weder an Staatsgrenzen noch an Religionszugehörigkeiten oder an die Hautfarbe hält. Entgegen der weit verbreiteten Ansicht, spätestens 1945 sei die Rassenbiologie abgeschafft worden, haben die Biowissenschaften durchgängig versucht, diese Vielfalt zu verstehen und erklären. Seit kurzem wird dies, vor allem in den USA, wieder unter dem Stichwort „Rassen“ praktiziert, sei es im Rahmen biomedizinischer und pharmakogenetischer Fragestellungen oder des boomenden Interesses am „genetic ancestry testing“. Im ethnisch viel homogeneren Deutschland lässt diese Debatte noch auf sich warten.

Sollte die SPD ihr Ausschlussverfahren wesentlich auf den Vorwurf des Rassismus – präzise: biologischen Determinismus – stützen, so sollte sie sich dessen bewusst sein, dass, wie in allen Parteien, ein Großteil ihrer Basis denselben Gedankenfiguren anhängt. Es wäre ein mutiger Schritt, der aber nach sich zieht, biologischen Determinsmen differenziert, gut informiert und konsequent entgegenzutreten.

Veronika Lipphardt ist Biologin und Gruppenleiterin am Max-Planck-Institut für Wissen­schaftsgeschichte in Berlin. Sie erforscht die Rezeption menschlicher Biodiversität im 20. Jahrhundert

Von Genen und Menschen: Was determiniert hier was?

Gene legen vieles fest und doch sehr wenig. Zwar enthält jedes Gen den Bauplan für ein Eiweiß, das eine Funktion ausübt, die Teil eines Komplexes anderer Funktionen, Eiweiße, Gene ist. Das Konzert der Gene ergibt dann Prozesse, etwa im Gehirn, die tatsächlich Tun und Talente bestimmen.

Ob oder wann ein Gen aktiv ist wie das Konzert also klingt wird aber nicht nur von biologischen Zwängen determiniert, sondern auch von prägenden Ereignissen im Leben eines Organismus.

Die Epigenetik umfasst Effekte, die aus der Umwelt bis ans Erbgut heranreichen, und es nachhaltig prägen. Studien zeigen, dass Mutterliebe, Traumata, Ernährung oder Nikotin Abdrücke im Genom hinterlassen, die teils auch an die Folgegeneration vererbt werden. Sehr wahrscheinlich gilt dasselbe auch für Bildung, Kultur und soziales Erleben.

Epigenetische Prozesse verändern nicht die Gene selbst. Sie hängen chemische Fähnchen ans Erbgut, die durch veränderte Einflüsse meist wieder entfernt werden können.

Menschliches Schicksal kennt mithin biologischen Spielraum. Es hängt von gebotenen oder selbst erschaffenen Möglichkeiten ab. Was neue Probleme aufwirft wenn auch diese Erkenntnisse unreflektierte Schlüsse zeitigen.

Kommentare (9)

Andreas Kemper 15.09.2010 | 14:34

Sehr schöner Artikel!

Ich glaube, ich war der erste, der nach Sarrazin Interview im Lettre-International öffentlich auf dessen Sozialeugenik aufmerksam machte: klassismus.blogspot.com/2009/10/moderne-sozialeugenik.html
Mit Verwunderung verfolgte ich die Diskussionen, die kaum auf den biologischen Determinismus aufmerksam machten.

Erst seit der Diskussion um Sarrazins Buch lässt sich ein Interesse an Eugenik feststellen, was sich unter anderem an der Google-Suche ablesen lässt: dishwasher.blogsport.de/2010/09/14/gibt-es-eine-eugenik-debatte/

Wie schwer es ist, auf den Biologismus Sarrazins zu verweisen, musste ich als Wikipedia-Autor feststellen. Ich bin bei Wikipedia fünf- oder sechsmal gesperrt worden, weil ich versucht habe, im Eugenik-Artikel auf Sarrazin zu verweisen. Während Wikipedia ansonsten durchaus tagespolitische Ereignisse dokumentiert, wenn sie denn eine gewisse Relevanzschwelle überschritten haben, ist der Eugenik-Artikel quasi eingeschweißt, versiegelt. Der Raußchmiss Hohmanns aus der CDU aufgrund seiner antisemitischen Äußerungen ist selbstverständlich im Wikipedia-Artikel "Antisemitismus (seit 1945)" dokumentiert. Ein Hinweis auf das Parteiausschlussverfahren Sarrazins aus der SPD aufgrund seiner eugenischen Äußerungen wird im Eugenik-Artikel hingegen nicht gestattet. Bekennt sich die deutsche Gesellschaft eher zu ihrem virulenten Antisemitismus als zu ihrem virulenten eugenischen Denken?

Dieser biologische Determinismus ist unterschwellig. Er zeigt sich im Hamburger Schulstreit, wo die NPD nicht ohne Grund aufmarschierte und offener als andere Selektionsforderungen vertrat, wo Westerwelle die Dekadenz des Bildungssystems hervorhob, welches nicht mehr zu selektieren wüsste, ebenso wie in der Elterngeldregelung und den vielen Statements darüber, dass die Falschen die Kinder kriegen.

Die Falschgeborenen sollten den (Hoch-)Wohlgeborenen gebührend die Meinung sagen. Noch ist es nur eine kleine Clique, die diese Eugenik-Thesen vertritt, noch ist ihre Strategie, von Eugenik zu sprechen, ohne diese zu benennen. Aber es wird nicht mehr lange dauern, bis ein Heinsohn oder ein Sloterdijk unschuldig fragen wird, was denn bitte schön so schlimm an Eugenik sei.

claudia 16.09.2010 | 11:14

„Biologischer Determininismus” oder kurz „Biologismus” beschränkt sich nicht auf „rassische Eigenschaften”, sondern wird auch im Streit um „Gender mainstreaming” als Keule benützt.
Die Behauptung, das ganze „weibliche” und „männliche” Verhaltensspektrum werde schon im Fötalalter durch die Gehirnentwicklung festgelegt, wird ähnlich wie die Sarrazynische Genetik als pseudowissenschaftliche „Erkenntnis” ins Volk gestreut.

Zusammengenommen ist das schon eine recht starke Glaubensströmung. Eine „Wissenschaftlichkeit”, die sehr wenig mit empirischer Wissenschaft zu tun hat, sondern ihre Interpretationsverfahren eher von der Theologie entlehnt hat.

Es ergibt sich damit folgendes Bild:
In der „biologisch determinierten alpha-Position” befindet sich, wer aus einem christlichen Elternhaus stammt, der willkürlich definierten „Rasse” angehört und männlich ist.

Besitzlose mit diesen Erbmerkmalen dürfen sich den Anderen immer noch überlegen fühlen, denn sie sind wenigstens formell der weltherrschenden Minderheit angehörig.

Wer alles ausser „männlich" mitbringt, kann sich von einem Herrenmenschen heiraten lassen, um an seiner Glorie zu partizipieren und mit ihm „genetisch hochwertigen” Nachwuchs zu erzeugen.

Wer die Erbmerkmale des Herrenmenschen nicht mitbringt, sollte sich aufgrund der „wissenschaftlichen Erkenntnisse” gar nicht erst um soziale Anerkennung bemühen.
Denn die „genetischen Leistungsträger” definieren auch selbst, was „wertvolle Begabung” ist und was nicht.
Nach ihrer Definition ist z.B. ein Besitzer von Rüstungsaktien sehr viel wertvoller als wer sich um Volksbildung bemüht. Schon weil der Besitz ja gar nicht rechtlich, sondern genetisch vererbt wird und ganz automatisch einen "hohen IQ" generiert...

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>>Die genetische Vielfalt der Menschheit ist ein ungeheuer komplexes Phänomen, das sich weder an Staatsgrenzen noch an Religionszugehörigkeiten oder an die Hautfarbe hält. Entgegen der weit verbreiteten Ansicht, spätestens 1945 sei die Rassenbiologie abgeschafft worden, haben die Biowissenschaften durchgängig versucht, diese Vielfalt zu verstehen und erklären.
Nur bedeutet Erforschung der Vielfalt auch innerhalb einer Art nicht, dass die Vielfalt den Wertungen eines Herrschaftssystems unterworfen werden muss.
Aber jede Wissenschaft kann missbraucht werden, wenn sie nicht nicht dagegen wehrt oder sich gar korrumpieren lässt...

Die Auffassung, das ein Mensch, der geboren wurde, sich das nicht ausgesucht hat und schon deshalb ein uneingeschränktes Recht auf Teilhabe in der Gesellschaft besitzen muss widerspricht nicht den Erkenntnissen über die Vielfalt innerhalb unserer Art.
Dass „morbus hartz” eine angeborene „soziale Schwäche” sei, kann leicht widerlegt werden, wenn man die Schicksale zwangsverarmter Individuen zur Kenntnis nimmt. Die Verarmungskeule trifft auch Arier.

Wie weit die Armut der „dritten Welt”, die durch Migration in die Industriestaaten hereinschwappt, durch die Herrschaft der Profitmaximierung verursacht wird, kann nicht untersucht werden, wenn man dem sarrazynischen Glaubensmodell anhängt. Das dürfte eines seiner wesentlichen Ziele sein.

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Seriöse, wissenschaftlich fundierte Genetik kann z. B. die Vererbung eines Krankheitsrisikos aufklären und zu rechtzeitiger Vorsorge führen.
"Klassistische" Ab- oder Aufwertung von Bevölkerungsgruppen kann wissenschaftlich betriebene Genetik nicht unterstützen.

oklischat 17.09.2010 | 03:11

Nur weil Gene unmittelbar Proteine kodieren, heißt das nicht, dass sie nicht in ihrer Gesamtheit auch Eigenschaften und kognitive Fähigkeiten kodieren können. Sarrazins volksgruppen-spezifische Intelligenzgene sind sicher Nonsens, aber um festzustellen, dass Gene in Individuen vererbbar Intelligenz kodieren, muss man nix über Proteinsynthese wissen und auch nicht molekularbiologische Einzelheiten im Detail verstanden haben, sondern es reicht in der Tat ein Blackbox-Test, etwa eine systematische Analyse von IQ-Korrelationen beispielsweise bei getrennt aufgewachsenen Zwillingen oder Geschwistern. Um festzustellen, dass Aspirin in der Regel den Kopfschmerz lindert, muss man auch nicht die biochemische Wirkungsweise der Tablette verstanden haben. Eine Serie einfacher Doppelblindtests reicht (Medikamentenzulassungen laufen auch nicht anders). Ein so aufgezeigter Zusammenhang lässt sich nicht ohne weiteres als "Artefakt, statistische Verzerrung, kulturell bedingt oder vollkommen anders" wegdiskutieren. Eine "kulturell bedingt" höhere Intelligenz würde nur ein generelles Ansteigen des Durchschnitts-IQs bewirken, aber die Korrelation der IQs von nichtverwandten Individuen wäre hinterher immer noch Null. Wenn Intelligenz nicht vererbbar wäre, gäbe es gar keine Menschen auf der Erde, weil wir keinen evolutionären Vorteil gegenüber unseren affenartigen Vorfahren gehabt hätten -- die höhere Intelligenz war das hervorstechende Merkmal der Gattung Homo, und die Vererbung von Merkmalen ist Teil des Mechanismus, auf dem die Evolution basiert.

Kavkasez 17.09.2010 | 07:39

Der Artikel macht deutlich, warum die meisten Menschen Wissenschaftlern misstrauen: Die augenscheinliche Tatsache, dass Kinder Eigenschaften ihrer Eltern erben, wird derart differenziert und in Frage gestellt, unter Eugenik- und andere Verdaechte gestellt, dass am Ende nichts mehr sicher bleibt - außer die Volksweisheit, die Lehre der eigenen Anschauung. Wenn Wissenschaftler aber zu lange die Realität durch zu filigrane Untersuchungen ignorieren, verlieren sie nicht nur den Boden unter ihren Fuessen, sondern an Glaubwuerdigkeit. Der Fall Sarrazin zeigt dies nun noch einmal - Wissenschaftler, Politiker und die veroeffentlichte Meinung haben sich von der Realität derart entfernt, dass etwaige Zusammenstoesse mit der Realitaet derart weh tun, dass der Ueberbringer der schlechten Nachricht mit allem Schlechten, was auf Erden versammelt ist, bedacht wird - nur ist der Ueberbringer der schlechten Nachricht nicht deren Verursacher.

Bell 17.09.2010 | 16:26

Wer einerseits schreibt

Gene kodieren für Proteine, nicht für Eigenschaften.


andererseits dann aber im aufklärenden Hintergrund festhält

Das Konzert der Gene ergibt dann Prozesse, etwa im Gehirn, die tatsächlich Tun und Talente bestimmen.


steht ganz offensichtlich mit der Logik auf Kriegsfuß.

Ich vermute mal, das liegt an den Genen. Frau Veronika Lipphardt, so meine Analyse, fehlt ganz offensichtlich das Y-Chromosom.
Feyerabend 19.09.2010 | 19:47

Das Publikum liebt solche Botschaften, sie scheinen aus der Tiefe der Natur zu uns zu sprechen wie ein Orakel, wie eine Kristallkugel, die das unabänderliche genetische Schicksal eines jeden preisgibt: Nicht von uns selbst verantwortet, entzieht es sich dem Griff der Selbstdisziplin und entbindet uns von der moralischen Pflicht, an uns zu arbeiten.

Da fehlt eine ganz wesentliche Komponente in der Genetik-Debatte.

Die Autorin weist ja selbst darauf hin, dass Gene allenfalls "im Konzert" untereinander und im Zusammenspiel mit weiteren Faktoren zu diesem oder jenem Resultat führen. Entsprechend unpräzise sind auch sämtliche Prognosen über genetisch bedingte Risiken: man mag feststellen können, welche Gen-Kombination Herzerkrankungen wahrscheinlicher macht, dies aber nur losgelöst von jedem genauen Zeitpunkt: stattdessen wird nur ein statistisches Risiko oder ein prozentualer Wert errechnet, der die Wahrscheinlichkeit einer Herzerkrankung bei Vorliegen diverser weiterer Faktoren erhöht.

Die Genetik-Debatte leistet also ein Doppeltes. Zum einen scheint da der biologische Determinismus auf - für die eigenen Gene kann niemand etwas (Eltern in naher Zukunft für die Gene ihrer Kinder hingegen schon: PID macht's möglich) und diesem Zwang kann sich auch niemand entziehen. Die Ansicht der Autorin, auf diese Weise könne sich der*die Einzelne dem "Griff der Selbstdisziplin" entwinden, geht aber am Diskurs völlig vorbei. Da ja, wie oben beschrieben, nur mit Möglichkeiten, Wahrscheinlichkeiten und Kontingenzen um sich geworfen wird, wird das Individuum in ein eigenverantwortliches Gen-Management eingebunden.
Dies im Sinne von: wer um seine genetische Disposition zu Herzerkrankungen weiß und trotzdem übergewichtig ist oder nur Fahrstuhl fährt, trägt an der später eventuell (!!) auftretenden Krankheit eine Mitschuld.

Die Genetik-Debatte fügt sich auf diese Weise hervorragend in ein geistiges Klima, dass Risiken nur noch individuell statt gesellschaftsvermittelt denken kann und daher die Verantwortung des Risikomanagements ausschließlich beim atomisierten Individuum abladen kann. Beide Seiten des Diskurses helfen dabei: Dummheit, Faulheit, Erfolglosigkeit etc. pp. können zukünftig entweder als genetisch determiniert und damit dem gesellschaftlichen wie individuellen Zugriff nicht zugänglich definiert werden; oder aber sie werden nur mehr als Resultate schlechten "Gen-Managements" behandelt.

Dass die Gen-Debatte darüberhinaus um Abweichungen feststellen zu können Normalitäten konstruiert die ebenso nichtexistent sind wie "das Tier" als Normaltyp aller Tiere und damit sich der Krankheitsbegriff vom körperlichen Ausnahmezustand zur bloßen Abweichung der Norm wandelt, wäre noch ein weiterer Punkt, der nicht thematisiert wurde.

Vermutlich liegt der Fehler darin, die Gen-Debatte mit naturwissenschaftlichen Argumenten die Schärfe nehmen und Fehler aufzeigen zu wollen, anstelle die gesellschaftlichen Implikationen zu untersuchen. In diesem Sinne hat die Autorin einfach den falschen Beruf...

Thomas Rothschild 21.09.2010 | 16:23

1. Ist "Entgegentreten" wirklich die für wissenschaftliche Auseinandersetzungen adäquate Reaktion? Wenn biologistische Thesen falsch sind, wofür Manches spricht, muss man sie widerlegen. Das ist die einzige angemessene (und letzten Endes die einzige effektive) Form des wissenschaftlichen Streits. Die Berufung auf ein Gefühl reicht nicht aus.
2. Wenn (pseudo)wissenschaftliche Behauptungen unerwünschte oder objektiv schädliche Folgerungen zulassen oder gar aufdrängen, so müssen diese bekämpft werden, nicht die Behauptungen. Der Versuch, unbequeme Thesen zu unterdrücken, weil man ablehnt, was Manche daraus ableiten, geht fast immer ins Auge. Es ist nicht möglich, die Atomspaltung zu verhindern, weil sie auch die Voraussetzung für die Atombombe ist.
3. Wenn schon die Verlautbarung von tatsächlich oder vermeintlich wissenschaftlich unhaltbaren Thesen bestraft werden soll, dann beginne man bei den Vertretern der Schöpfungstheorie. Irgend etwas stimmt nicht, wo man sich über Sarrazin erregt und die Kirche unangetastet lässt; mehr noch: wo man das von Hitler mit dem Vatikan vereinbarte Konkordat unangetastet lässt und der Kirche erlaubt, zu bestimmen, wer an wissenschaftlichen Hochschulen lehren darf.
4. Man soll und muss Sarrazin und Leute seines Schlags politisch bekämpfen. Wenn man es aber mit den falschen Argumenten tut, nützt man ihnen im Ergebnis. Und wer es für ein Versehen hält, dass sich ein Mensch dieser Denkungsart in der Sozialdemokratie daheim fühlt, statt danach zu fragen, womit das zusammenhängt, der lügt sich in die Tasche und will die ganze politische Wahrheit gar nicht wissen, sondern nur seinen Reflexen nachgeben.

claudia 27.09.2010 | 09:17

>>...stattdessen wird nur ein statistisches Risiko oder ein prozentualer Wert errechnet, der die Wahrscheinlichkeit einer Herzerkrankung bei Vorliegen diverser weiterer Faktoren erhöht.
So ist es. Man kann mit diesem Wissen motiviert sein, bestimmte Risikofaktoren zu mindern oder auch nicht.

Möglicherweise kann auch ein Demenzrisiko genetisch erkannt werden. Auch dann gilt, dass man versuchen kann, vorhandene Aktionsfähigkeiten zu fördern oder nicht.
Eine „Rassenerbdemenzlehre” entbehrt jedenfalls der wissenschaftlichen Grundlage. Sarrazin beweist ja am eigenen Beispiel, dass die intellektuelle Leistungsfähigkeit auch bei deutschstämmigen Leistungsträgern stark gemindert sein kann. Und dass er es eben aufgrund seiner Hierarchieposition nicht nötig hat, etwas dagegen zu tun.

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>>Dass die Gen-Debatte darüberhinaus um Abweichungen feststellen zu können Normalitäten konstruiert die ebenso nichtexistent sind wie "das Tier" als Normaltyp aller Tiere und damit sich der Krankheitsbegriff vom körperlichen Ausnahmezustand zur bloßen Abweichung der Norm wandelt, wäre noch ein weiterer Punkt, der nicht thematisiert wurde.
Darin sehe ich auch eine Gefahr. Allerdings ist die Wandlung des Krankheitsbegriffes von „Störung des Wohlbefindens” zu "Abweichung von sozialen Normen" längst vollzogen.
In den USA lag es bis vor 50 Jahren noch im Bereich der Normalität, von afrikanischen Vorfahren geerbte dunkle Hautfarbe und Kraushaar mit Bleich- und Glättungsmitteln zu „therapieren”. Erst die Kampagne "black is beautiful" hat den Therapiebedarf beendet.

Abweichung von sozialen Körpernormen als behandlungsbedürftige Krankheit zu definieren, ist im europäischen „Kulturkreis” gang und gäbe. DNS-Analyse als „Diagnosemethode” hat hier allenfalls nachfolgenden Charakter.
Wie es dem nichtbesitzenden Menschen geht, ist weitgehend egal, wenn er nur in eine bestimmte Schablone des profitablen Untertanen passt.

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Die Behauptung, wer im Zwangsdiscountlohn(="schlechter Steuerzahler/Empfänger von Transferleistungen") landet, habe eine „angeborene soziale Schwäche” namens morbus hartz ist leicht als Propaganda zu entlarven.
Die Zahl der Arbeitslosen lag vor 40 Jahren noch unter 200 000. Auch Diese waren nur für kurze Zeit einkommenslos und hatten bald wieder eine tariflich bezahlte Stelle und zahlten Steuern und Beiträge in AV, KK und RV.
Wenn also heute die soziale Schwäche morbus hartz sich pandemisch ausbreitet, dann kann das nicht erblich, sondern nur durch Umweltfaktoren bedingt sein.