Die Berliner Ausstellung

Ausstellung Unsere Russen, unsere Deutschen

Hohn und Respekt, Hass und Angst, Bewunderung und Verachtung - die Palette der Empfindungen von Russen und Deutschen füreinander ist reichhaltig. Die wichtigsten Stichpunkte dieser 200-jährigen Hass-Liebe markiert anhand zahlreicher Gemälde, Plakate, Bücher, Alltagsgegenstände und anderem die Ausstellung Unsere Russen, unsere Deutschen in Berlin.

Vom Eigenen und Fremden wird viel geredet. Die "interkulturelle Kommunikation" ist inzwischen zur wissenschaftlichen Disziplin anvanciert, jegliche Vorurteile im neuen Europa werden aufs Korn genommen und aus der Öffentlichkeit verbannt, gezielt wird am Abbau der gegenseitigen Feindbilder der Deutschen und der Polen gearbeitet, antisemitisches Gedankengut ist aus dem öffentlichen Raum so gut wie vollständig vertrieben. Mit deutschen-russischen Aversionen und Sympathien befasste sich vor einigen Jahren das große Ausstellungsprojekt Moskau-Berlin, Berlin-Moskau. Und ständiges Thema sind sie im Deutsch-Russischen Museum Berlin-Karlshorst, das auch diese Ausstellung (gemeinsam mit dem Staatlichen Historischen Museum Moskau) ausrichtet.

Das Thema ist für die deutsche Öffentlichkeit also nicht neu. Die Ausstellung offenbart derart nichts sensationell Neues, sondern bestätigt vor allem, was wir alle schon von Kindheit an wissen: In guten Zeiten trägt der breitschultrige Russe exotische, bunte Kleider, gerne einen Bart, und mäht sein Heu mit einer altertümlichen Sense. Seine artigen Kinder sind manchmal arm gekleidet, seine Frau hat ein rundliches Gesicht. In schlechten, sprich Kriegs-Zeiten wachsen die Wangen des Russen rasch in die Breite, seine Zähne werden schwarz vor Wut oder fallen gar aus, anstatt mit der Sense hantiert er nun mit Säbel oder Flinte.

Ähnliche Metamorphosen erlebt der Deutsche in der russischen Wahrnehmung: Der stets überpünktliche, disziplinierte, kluge, aber auch etwas sture und naive "Fritz" verwandelt sich in Kriegszeiten rasch in eine plündernde, barbarische Bestie. Besonders beliebt in diesen medialen Schlachten sind die Begriffe "zivilisiert" im Bezug auf das eigene, und "barbarisch" auf das fremde Land.

Dieser Bildermonotonie setzte der Zweite Weltkrieg mit seinen Folgen ein Ende. Aller Emotionen entkleidet gewinnen die Bilder des Russen in der DDR ihre statuarische, etwas leblose Größe und Würde, seine Zähne sind nun wieder alle da, sein Lächeln ist freundlich, sein Haar ist glatt gekämmt. In neueren Zeiten hält er zudem gelegentlich statt der Sense eine Geige oder Harfe in der Hand. Und das in West- und Ostdeutschland. Ansonsten aber lebt in der Nachkriegs-BRD das Feindbild des Russen fort. Ausgesprochen rassistische Dimensionen dieses Bildes halten sich hartnäckig: Jahrzehntelang hat der furchtbare rote Asiat, der uns aus seinem Versteck mit kalten, bedrohlichen Augen ausspäht, für die Nachkriegs CDU geworben. Ein neueres Titelbild des Spiegel, auf dem anstelle eines Mongolen nun Putin den Leser mit seinen listigen Augen durchbohrend mustert, führt zu der Frage, mit der der Besucher im letzten Ausstellungsraum konfrontiert wird: Leben die alten Vorurteile gegenüber den Russen in unseren Medien fort?

Ja, meinen 84 Prozent der Deutschen im Rahmen einer Forsa-Studie, die begleitend zur Ausstellung erstellt wurde. Hier fällt das Bild, das sich die deutsche Bevölkerung von "dem Russen" macht, unerwartet positiv aus. Das überrascht, denn in der deutschen Berichterstattung zum Thema Russland dominieren seit einigen Jahren düstere und didaktische Töne. Ein Blättern in den Überschriften eines beliebigen Dossiers mit Artikeln zum Thema Russland wird das schnell bestätigen: Giftige Grüße aus Moskau, Termin mit dem Tod, Vater Spitzel, Väterchen Rost, Exil, Gefängnis oder Grab, Merkel mahnt Moskau und so weiter. Haben wir wieder "schlechte Zeiten"? Leider kommt gerade der spannende Bezug zur aktuellen medialen Realität in der Ausstellung zu kurz.

Unsere Russen, unsere Deutschen. Bilder vom Anderen 1800 bis 2000. Noch bis 2. März im Berliner Schloss Charlottenburg/ Neuer Flügel. Der Begleitband ist im Ch.Links Verlag erschienen, 29,90 EUR (24 EUR in der Ausstellung)

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare