Stefan Fuchs
30.05.2010 | 08:30 14

Die berühmten 25 % Rendite

Eurokrise Heiner Flassbeck, Chef-Volkswirt der UNCTAD, findet, dass endlich auch über systemirrelevante Banken sowie das verhängnisvolle Markt- und Export-Mantra zu reden wäre

Der Freitag: Die entfesselten Finanzmärkte halten sich an kein Lehrbuch der Makroökonomie. Lassen sich dennoch Etappen erkennen, die zur jetzigen Situation geführt haben?

Heiner Flassbeck: Es hat natürlich mit der allmählichen Deregulierung in den vergangenen 30 bis 40 Jahren zu tun, aber auch mit der Tatsache, dass man bewusst alle Regulierungen wie etwa den Glass-Steagall-Act, der eine Trennung in Geschäfts- und Investmentbanken vorsah, aufgehoben hat. Das wurde schlicht als altmodisch empfunden, weil man ja wollte, dass die Banken das große Spiel spielten. Der Banker als bloßer Kreditvermittler galt als Auslaufmodell. Das muss nun wieder korrigiert werden. Präsident Obama hat dazu einen vernünftigen Vorschlag gemacht und gesagt, wir müssen bei den Banken wieder trennen, zwischen den reinen Casino-Aktivitäten, die wir nicht brauchen, und klassischen Bank-Aktivitäten.

Wie soll das funktionieren?

Wenn die Zentralbanken Geld zur Verfügung stellen, ist das eine massive Subvention. Die können aber künftig nur Banken bekommen, die Kredite für produktive Investitionen in die Realwirtschaft vergeben und sonst nichts! Wenn eine Bank mit dem staatlich zur Verfügung gestellten Geld in die Casinos rennt, muss sie von dieser Subvention ausgeschlossen werden. Wir müssen identifizieren, was bringt für die Gesellschaft einen Ertrag und was bringt keinen. Geschäfte, die keinerlei Ertrag bringen und nur gefährlich sind, müssen verboten werden.

Sie haben bei Rettungsaktionen für den Bankensektor dafür plädiert, genau zu unterscheiden, welche Bank wirklich system­relevant ist und welche nicht. Gibt es da objektive Kriterien?

Man kann Systemrelevanz natürlich unterschiedlich definieren. Die Bundesregierung hat einfach alle für systemrelevant erklärt, inklusive der Zocker. Für mich sind die nicht systemrelevant. Für mich sind Banken relevant, wo Einlagen von Bürgern liegen. Möglicher­weise auch, wo Pensionsfonds ihre Depots haben, obwohl das schon fraglich ist, weil die auch viel Geld an die Hedgefonds geben. Das heißt, wo immer Leute betroffen sind, die dieses Spiel gar nicht spielen wollten, die mit hineingezogen wurden ohne eigene Schuld. Alles andere ist überhaupt nicht systemrelevant.

Warum war die verstaatliche Hypo Real Estate systemrelevant?

Das hat die deutsche Politik nicht erklärt. Sie hat 100 Milliarden gegeben und andere Stützungsmaßnahmen ergriffen, aber niemals gesagt, warum das systemrelevant sein soll, und wer pleite gegangen wäre, hätte man die HRE nicht gerettet. Auch muss man fragen: War es gerechtfertigt, dass die Deutsche Bank elf Milliarden bekam? Hätte sie nicht nur die Hälfte bekommen sollen, so dass man ihr wenigstens, wie man das im Englischen nennt, einen Haircut verpasst hätte?

 Vielleicht ist diese Unterscheidung in der Hektik des Augenblicks schwierig. Aber die Politik müsste doch zumindest danach diese Frage diskutieren: Was ist wirklich wichtig? Was muss ich für die nächsten 20, 30 Jahre am Leben erhalten, und was können wir den Bach runter gehen lassen? Das muss doch hinterher systematisch untersucht werden. Davon habe ich nichts gehört. Es wird nicht einmal darüber gesprochen. Weder die deutschen Finanzminister der zurückliegenden Jahre noch die Kanzlerin haben jemals gesagt, wir müssen das unterscheiden, Zocker brauchen wir nicht. Obama hat es gesagt, Sarkozy hat es gesagt. Paul Volcker, der frühere Präsident der US-Zentralbank, hat ganz klar gesagt: Die einzige Innovation die in den vergangenen 20 Jahren aus dem Bankensektor kam, war der Bankautomat und sonst nichts!

Sie haben von Pensionsfonds gesprochen, wenn wir auf den entfesselten Finanzmarkt verzichten, müssen wir dann nicht die Hoffnung aufgeben, mit privaten Anlageformen Lücken der gesetzlichen Altersvorsorge auszugleichen?

Die müssen wir ohnehin begraben. Das ist eine Scheinhoffnung, die sich auf die Scheingewinne der Zocker stützt. Wir können immer nur verdienen, was wir wirklich erwirtschaften. Und das manifestiert sich in einem steigenden Kapitalstock und in steigender Produktivität der Menschen, die arbeiten. Sonst können wir nichts verdienen und auch nichts umverteilen. Die berühmten 25 Prozent Rendite sind nur Scheingewinne, wir sollten uns davon nicht täuschen lassen. Es gibt keinen Finanztrick, mit dem man das Problem der alternden Gesellschaft lösen könnte. Man kann Geld nicht einfach in die Zukunft transferieren. Wenn wir vorsorgen wollen, dann müssen wir heute mehr investieren, investieren in die Produktivität der Menschen, in ihre Bildung. Das ist das Einzige, was uns erlaubt in 30 Jahren eine vernünftige Rente zu zahlen.

Die Politik feiert sich zuweilen und erklärt ihr eigenes Krisenmanagement für exzellent erklärt. Sie dagegen stellen fest, dass die Gleichförmigkeit in den Bewegungen der verschiedenen Märkte bis heute andauert. Kann man davon ausgehen, es hat sich gar nichts geändert, nach der Krise ist vor der Krise?

Es hat sich definitiv nichts geändert. Beim nächsten Schock stehen wir wieder da, wo wir vor zweieinhalb Jahren standen. Was die Banken jetzt triumphierend als Gewinn vorweisen, sind reine Zocker-Gewinne. Wenn man 2009 im Aktienmarkt investiert hat – ich setze investieren da immer in Anführungszeichen –, kann man natürlich jetzt Gewinne einstreichen. Wenn Horden von Zockern alle das Gleiche tun, kann man Geld verdienen. Aber damit hat sich die reale Welt überhaupt nicht geändert. Genau so ist das, wenn ich in eine bestimmte Währung investiere und die Währung steigt – nehmen wir den ungarischen Forint – dann ist das schädlich für die Volkswirtschaft. Ungarn hätte diese Abwertung gebraucht, die vor einem Jahr eingetreten ist. Jetzt haben sie wieder aufgewertet, das bringt Schaden für diese Ökonomie und kurzfristigen Scheingewinn für diejenigen, die im Casino mit dieser Währung spielen. Es geht alles so weiter wie vor der Krise.

Sind Politiker einfach zu inkompetent, das zu begreifen? Ist die Politik zu stark von Lobbyisten gesteuert?

Um mal mit dem Harmloseren anzufangen. Ich glaube in der Tat, dass heute unsere Ministerien nicht adäquat ausgestattet sind. Sie haben weder das Personal noch die Sachmittel, damit sie auf Augenhöhe mit den Finanzmarkt-Akteuren umgehen können. Das Gleiche gilt Parlamentarier, es wird immer über die Höhe der Diäten diskutiert. Aber niemand spricht davon, dass jeder Abgeordnete drei oder vier Mitarbeiter mehr bräuchte, die Sacharbeit leisten und ihm helfen, solche komplexen Zusammenhänge zu verstehen. Daran ist offenbar niemand interessiert. Der Staat ist wirklich schwach auf der Brust, die Folge jahrzehntelanger Sparaktionen und faktischer Steuersenkungen. Wir können ihn natürlich immer weiter schwächen, dann wird er eben auch immer mehr zum Handlanger des großen Kapitals.

Die Politik zeigt wenig Neigung, das zu ändern.

Weil man bequem damit lebt, sich in seiner aktiven Politikerzeit mit der mächtigen Finanzlobby nicht anzulegen. Das bringt einem nach dem Ausscheiden aus der Politik vielleicht einen attraktiven Beratervertrag. Weder in der Wissenschaft noch der Makroökonomie werden diese Fragen kritisch diskutiert. Die These von der Effizienz der Märkte hat man als Dogma über die gesamte Wirtschaftswissenschaft gestellt. Jeder, der auch nur ein Fragezeichen dahinter machen würde, hätte nie eine Chance, einen Artikel in einer wissenschaftlichen Zeitschrift zu publizieren, weil der Glaube an die Markteffizienz geradezu die Voraussetzung ist, um überhaupt Wissenschaftler zu sein. Ich hatte gehofft, dass unsere Demokratien in der Lage sind, Lehren aus der Finanzkrise zu ziehen. Ich bin allerdings nicht mehr so sicher wie vor einem Jahr.

Gibt es Märkte, die man überhaupt schließen sollte? Die der Kreditausfallversicherer zum Beispiel?

Da bin ich ganz radikal dafür. Es muss verboten werden, dass man auf den Verfall von Werten spekuliert und Gerüchte in die Welt setzt, mit denen man dann Geld verdienen kann. Man sieht am Fall Griechenland, aber auch an der Lage der Eurozone, welch unglaublicher Schaden damit angerichtet werden kann. Durch den Hype, den die Medien immer weiter verstärken, verdienen einige unglaublich viel Geld. Andere müssen es bezahlen: die griechischen Bürger und die europäischen Steuerzahler. Es ist kein erwirtschaftetes, sondern nur umverteiltes, anderen abgenommenes Geld, was sich da einige Millionäre in die Taschen stecken.

 Die Preise, die da ermittelt werden, sind so falsch wie alle anderen Finanzmarktergebnisse. Die Zinsaufschläge für die griechische Staatsschuld sind genauso falsch wie der Ölpreis oder irgendwelche Wechselkurse, die in dem spekulativen Spiel mitspielen. Deshalb ist es auch eine Wahnvorstellung, wenn das bei uns als Marktergebnis und etwas Objektives dargestellt wird. Es war völlig absurd, als die Bundeskanzlerin forderte, dass Griechenland für seine Kredite Marktpreise zahlen solle, als wäre das die objektive Instanz als solche. Gottseidank hat sich das nicht durchgesetzt. Jetzt werden viele Menschen doppelt zur Kasse gebeten, weil sie möglicherweise ihren Arbeitsplatz verlieren oder soziale Transferleistungen aus­fallen und weil sie Preise bezahlen müssen, die durch Spekulation verzerrt werden.

Und dann müssen auch noch die staatlichen Schulden abgetragen werden. Das muss ja auch irgendjemand tun. Das machen nicht die Banker, das müssen die Leute bezahlen, die aus welchen Gründen auch immer in Not und vom Staat abhängig sind. Es ist nicht nur eine doppelte, sondern geradezu drei­zfache Ungerechtigkeit. Man fragt sich, warum das unsere Politiker noch nicht einmal am Rande ansprechen.

In Deutschland gab es fast eine rassistische Kampagne gegen Griechenland. Es wurde als von Korruption gezeichnetes Land gebrandmarkt, das sich betrügerisch in den Euro hineingeschlichen habe.

Ich war erschrocken über diese Diffamierung, auch über die vorgeblichen Kreuzzüge gegen die Korruption. Wer redet von der großen deutschen Korruption? Was war das, was Siemens und Daimler getan haben? Das war Korruption im großen Stil, viel größer als diese kleine griechische Korruption, wenn man etwas bezahlen muss, um einen Führerschein zu machen. Wir haben hier unglaublich viel europäisches Porzellan zerschlagen, und ich weiß nicht, wie das wieder gekittet werden sollte.

Was steht hinter dem Fetisch Export? Ist das ein Instrument des neoliberalen Wirtschaftsmodells, mit dem man sich vom Prinzip der Nachhaltigkeit des europäischen Sozialstaats verabschiedet, weil man nicht mehr darauf achten muss, dass die Menschen die Produkte, die sie herstellen, auch kaufen können müssen?

Was hinter diesem Fetisch steht, ist mir ziemlich schleierhaft. Dass andere Länder auf der Welt auch exportieren oder sich durch ständig wachsende Importe nicht immer höher verschulden wollen, kommt in diesem Mantra vom Export gar nicht vor. Da schimpfen wir dann auch noch auf die Chinesen, die es sich erlauben, auch noch so viel exportieren zu wollen wie wir. Wenn man das von außen betrachtet, aus Sicht Frankreichs oder der Schweiz, ist das schlicht absurd: ein Land, das sich darauf kapriziert nur noch zu exportieren. Man kann viel exportieren, dann muss man aber auch viel importieren. Man kann nicht andere Länder systematisch in die Verschuldung treiben, aus der sie sich nicht selbst befreien können. Es führt überhaupt kein Weg an ­einem Ausgleich vorbei. Wenn Deutschland glaubt, es könne sich da raushalten und sich im ­Euroraum ausleben, dann ist das unglaublich naiv. Wir werden erleben, dass es nicht geht.

Das Gespräch führte Stefan Fuchs

(*) UN-Konferenz für Handel und Entwicklung. Eine Langfassung dieses Interviews wurde vom Deutschlandfunk ausgestrahlt.

Heiner Flassbeck (59) wurde nach der Abwahl von Helmut Kohl und dem Antritt einer rot-grünen Bundesregierung im Herbst 1998 vom neuen Finanzminister Oskar Lafontaine als Staatsekretär berufen. Er war unter anderem bemüht, gemeinsam mit Frankreich eine nachfrageorientierte Finanz- und Währungspolitik in der EU zu verankern. Der Rückritt Lafontaines im März 1999 sorgte auch für den Abgang Flassbecks aus dem Ministerium. Seit Seit November 2000 ist er Chef-Volkswirt der UNCTAD in Genf.

Kommentare (14)

derendingen 30.05.2010 | 12:01

Herr Flassbeck hat recht, wie es ja auch Hauke Fürstenwerth detailliert in seinem Buch „Geld arbeitet nicht“ beschrieben hat. Doch das von Fürstenwert beschriebene Beispiel der Zerschlagung der Höchst AG geld-arbeitet-nicht.jimdo.com/zerschlagung_hoechst_ag.php ist erschreckend. Alle wissen es, aber niemand hat den Willen, es zu verhindern. Es gibt keinen kollektiven deutschen Willen zur Selbsterhaltung. Aber hoffentlich einen der Menschheit.

j-ap 31.05.2010 | 20:40

Ich schließe mich mh an.

Aber hat das jemand gemerkt? »Die Preise sind falsch«? Stört so eine Aussage wirklich niemanden? Das ist die große Hybris aller zeitgenössischen Ökonomen. Daß die bei sich zu Hause am Schreibtisch haargenau sagen zu können glauben, wann Preise (immerhin spricht er ja nicht von 'Werten', das ist schon ein Vorteil!) »richtig« und »falsch« seien. Diesem Trugschluß sitzen, mit ebenso bemerkenswerten wie akademisch-mainstreamig völlig ignorierten Ausnahmen, alle Makroökonomen auf, weshalb der Großteil der gängigen Makro mit ihren sagenhaften Aggregaten, Multiplikatoreffekten et al. einfach nur haarsträubender Mist ist.

Genau solche Leute sind es aber, die dann irgendwo in den Zentralbanken sitzen und in Buchlänge darüber brüten, wieviel nun genau die »richtige« Geldmenge sein soll, was »investive« Zwecke sind und was »sozial erforderlich« ist. Witz komm raus, du bist umzingelt.

Die Zentralbanken gehören nicht umbesetzt, sondern einfach nur abgeschafft, genauso wie das Fractional-Reserve-Banking.

Der nächste Punkt ist die berühmte »Deregulierung« — an sich übrigens ein Jahrhundertgassenhauer seit dem englischen Bank Charter Act aus dem Jahre 1844. Schon damals befaßte man sich mit der Frage, ob nicht Banken 'zuviel' Ersparnisse in den Tresoren gebunkert hätten, die dann anschließend zu wirtschaftlichen Abschwüngen führen würden. Daß der Peel's Act scheiterte, war abzusehen, denn es lag von vornherein und schon damals nicht an Ersparnissen. Übrig blieb übrigens das staatliche Notenmonopol der Bank of England, und bezeichnenderweise führte das dann (1861, 1873, 1889, 1901, 1904, 1908 und 1912, im Anschluß daran fiel dann der Goldstandard, weil ansonsten der I. Weltkrieg höchstens bis Weihnachten 1914 finanzierbar gewesen wäre) zu nachträglichen Neu-Regulierungen, die natürlich auch keinen Segen brachten, aber sehr schön verdeutlichen, daß der einzige Zweck staatlicher Regulierungen der ist, im Anschluß daran neuerliche Regulierungen zu erlassen.

Im Zusammenhang mit der gegenwärtigen Finanzkrise und ihren Ursachen kann ich von Deregulierung (im Sinne einer Ursache) eigentlich überhaupt nichts erkennen bis auf die Abschaffung des 1932 erlassenen Glass-Steagall Acts unter Bill Clinton im Jahre 1999. Glass-Steagall schrieb in den USA den Banken die Spartentrennung vor (in Investment, Spar-, Kredit-/Hypobanken) und verbot ihnen darüber hinaus, bundestaatenübergreifend tätig zu werden. Zum einen führte das zu der grotesken Situation, daß in den Vereinigten Staaten eine banale Überweisung von einem Bundesstaat in einen anderen wie eine Auslandsüberweisung behandelt wurde und man nicht einfach so an einem Geldautomaten in Alabama Geld abheben konnte, wenn das eigene Konto bei einer Bank in New York geführt wurde. Für all das zahlte man nicht nur horrende Gebühren, sondern es war de facto nichts anderes als ein Quasi-Monopol für Western Union, die solche Transaktionen problemlos und kostengünstig durchführen konnten, weil es sich dabei schließlich um keine Bank handelte. Zum dritten war die gesetzlich gebotene Trennung in verschiedene Spartenbanken, die in Europa immer als besonders perfider Auswuchs des Laissez-Fairismus angesehen wurde, für das Finanzsystem insofern desaströs, als die Institute ihr Risiko nicht mehr wie in Europa auf verschiedene bankinterne Bereiche diversifizieren konnten, sondern eben eine Investmentbank im Investment bleiben mußte und eine Sparbank beim Guthabenverwalten.

Ironischerweise hat Obama Mitte 2009 die Bankbranche in den USA aufgefordert, endlich zu einem Modell wie in Europa überzugehen — also etwas zu tun, was bis vor 11 Jahren in den USA gesetzlich schlicht verboten war! Eine schönere Karikatur auf die Segnungen und die Weitsicht staatlicher Regulierungskapazitäten ist eigentlich kaum denkbar, insofern kann man sich auch zwischendurch mal darüber wundern, weshalb immer die bösen Kapitalisten dazu aufgefordert werden, über ihre Rolle nachzudenken, während der Gesetzgeber gegen kritische Selbstreflektion irgendwie allergisch zu sein scheint.

Der dritte und größte Brocken ist die gut keynesianische (d.h. ricardianische) Unterkonsumptionstheorie, die, auf 'drängende' NAchfrage, zum Ende des Interviews durchscheint.

Ich darf an der Stelle noch einmal kurz und prägnant resümieren, was die besagt:

Die Unterkonsumptionisten nehmen an, daß die Kapitalakkumulation früher oder später an den Punkt gelangt, an dem die Kunsumkraft der Verbraucher nicht länger hinreicht, um die zustandegekommene Überproduktion abzunehmen, zumal die Kapitalhalter nicht konsumieren, sondern nur sparen und akkumulieren und von daher zum Konsum gar nichts beitragen können. Deshalb, so behaupten sie, sei auch das Gesetz von Say falsch und die generelle Überproduktion bzw. Unterkonsumption sei ein systemimmanenter Fehler der kapitalistischen Ökonomie.

Soweit, so schlecht.

Der erste und augenfälligste Einwand gegen die Unterkonsumptionstheorie ist, daß sie im Falle ihrer Richtigkeit viel zu viel erklären würde. Wenn die Konsumfähigkeit ab einem bestimmten Zeitpunkt generell nicht mehr hinreicht, um die Produktion abzunehmen, wieso gibt es dann keine permanente Depression? Warum gibt es neben dem bust auch den boom? Hätten die Unterkonsumptioniste recht, dann hätte es in der Geschichte nur einen einzigen einmaligen Aufschwung geben dürfen, etwa zu Beginn der Industrialisierung, auf den seither ein Zustand konstanter Depression hätte folgen müssen — und das ist halt einfach falsch.

Zum zweiten ignoriert diese Theorie, daß Ersparnisse nicht einfach totes Kapital sind, das irgendwo in der Weltgeschichte herumliegt und außer Zinsen nichts mehr generiert, sondern Ersparnisse immer ausgegeben werden, solange man sie nicht unmittelbar in Form etwa von Goldbarren unter der Bettdecke hortet oder sie wie Dagobert Duck in den Geldspeicher legt, wo sie allerdings tatsächlich völlig sinnlos herumliegen und das genau deshalb in keinem nennenswerten Umfange gemacht wird.

Desweiteren ist, jetzt methodisch gesprochen, äußerst fragwürdig, wie die Unterkonsumptionisten auf so grob geschnitzte aggregierte Größen wie 'Produktion' und 'Konsum' kommen können, die sich ohne weiteres gegenüberstehen sollen. Es gibt schlichtweg keine Überproduktion oder Unterkonsumption! Was es gibt, ist ein relatives Zuviel an Produktion im Verhältnis zum Preis, zu dem konsumiert werden kann oder im Falle von Depressionen eben nicht mehr konsumiert werden kann. Das Preissystem spielt bei Unterkonsumptionisten allerdings bezeichnenderweise nie eine Rolle, genau darauf käme es aber an, denn alles, was man benötigt, um die relative Überproduktion in Ausgleich zu bringen mit der zurück- oder ausbleibenden Konsumfähigkeit, die ihr gegenübersteht, sind fallende Preise. Lasst die Preise fallen, und die Produktion und Konsum werden sich ausgleichen und die Unternehmensverluste werden vorübergehender Natur sein — bezeichnenderweise hat allerdings die Politik in aller Regel nur im Sinn, in Zeiten fallender Preise price fixing zu betreiben und folglich die Rezession ungebührlich in die Länge zu ziehen. Das ist derzeit übrigens auch wieder der Fall, aber das nur nebenbei.

Und noch einen rein empirischen Punkt kann man gegen den Unterkonsumptionismus anbringen: Krisen oder Rezessionen beginnen nämlich niemals bei den Konsumgütern, wie es die Unterkonsumptionstheorie nahelegen würde, sondern stets bei den Investitionsgütern und bei den Investitionsgütern bezeichnenderweise auch zuerst in den Bereichen, die vom Konsum am weitesten entfernt sind.

Am besten ist es, jemanden wie Herrn Flassbeck einfach zu ignorieren.

Giuseppe Navetta 31.05.2010 | 23:52

Vielen Dank für das Interview! Im Interview werden viele wichtige Punkte angesprochen, die einer öffentlichen Diskussion bedürfen und einige der benannten Probleme bzw. Mißstände sollten sogar Inhalt parlamentarischer Debatten sein. Einen Punkt möchte ich nochmals unterstreichen:

Das Problem der Macht ist in der ökonomischen Theorie tatsächlich unterrepräsentiert, wenngleich man sofort hinzufügen sollte, das dies in dieser relativ jungen Sozialwissenschaft nicht immer der Fall war – Marx wie Smith verstanden sich als Ökonomen wie auch der Sozialphilosophie verpflichtet und die Königsdisziplin bei Max Weber war die Soziologie und die Nationalökonomie ein Bestandteil ihrer – die Werke dieser drei großen Denker beinhalteten selbstverständlich auch das Phänomen der Macht und Herrschaft.

Das der Begriff der Politischen Ökonomie zumindest im deutschsprachigen ökonomischen Mainstream heutzutage kaum mehr gebräuchlich ist und höhnisch genauso wie dümmlich eher altbackenen marxistischen Lesezirkeln zugerechnet wurde bzw. wird, ist keineswegs eine unbedeutende Umetikettierung sondern signifikant für die Verabsolutierung neoklassischer/neoliberaler Paradigmen (Gleichgewichtstheorie, Walras-Gesetz, Methodologischer Individualismus, Homo Oeconomicus etc.) und ebenso signifikant für die Vernachlässigung des Phänomens der Macht. In Abgrenzung dazu erschuf man paradigmatisch passend die sogenannte „Neue Politische Ökonomie“, welche zwar den Wohlfahrtsverlust aufgrund der interessensgeleiteten „bösen“ politischen Institutionen des Gemeinwesens kannte, aber alles wiederum nur unter den immer wieder wiederkehrenden gleichen schablonenhaften Lehrmeinungen der Orthodoxie. Das dabei nichts heraussprang außer der Bestätigung wie auch Rechtfertigung des gesellschaftlichen Status quo insgesamt und die „Machtfrage“ gleichzeitig unter dem Deckmantel der positiven Wissenschaft und einer nur vermeintlichen pragmatischen Wirklichkeitsnähe gleichsam mitentsorgt wurde, kann inzwischen jeder ökonomische Laie auch ganz ohne große empirische Untersuchung feststellen – der Vorwurf einer quasi autistischen Haltung der ökonomischen Orthodoxie gegenüber den realen Verhältnissen ist mehr als nur gerechtfertigt!

Mit besten Grüßen!

P.S.: Schade nur der zu scharfe Ton zwischen Herrn Flassbeck und Herrn Hickel in der öffentlichen Auseinandersetzung um die Probleme in Griechenland! Ich schätze beide als verdiente Wissenschaftler, die nicht ständig saturiert, bequem mit dem Strom schwimmen, wie das sonst doch oft bei Ökonomen anzutreffen ist, eine Zusammenarbeit der kritischen Kräfte wäre da wünschenswert!

Giuseppe Navetta 31.05.2010 | 23:57

"Diesem Trugschluß sitzen, mit ebenso bemerkenswerten wie akademisch-mainstreamig völlig ignorierten Ausnahmen, alle Makroökonomen auf, weshalb der Großteil der gängigen Makro mit ihren sagenhaften Aggregaten, Multiplikatoreffekten et al. einfach nur haarsträubender Mist ist."

...interessant, interessant... ...wenn das haarsträubender Mist, was ist dann der tautologische Nutzenbegriff auf dem fast alles in der Mikrökonomie fußt?

MaxK 07.06.2010 | 13:10

Also j-ap:
Ich glaube nicht, dass es darum geht zu sagen daheim im stillen Kämmerlein weiß ich wie die Preise aussehen, es geht darum, dass Spekulation die Marktpreise, und das nicht nur bei Aktien, sondern auch bei Devisen und sogar Nahrungsmitteln massiv beeinträchtigt. Da erleben Länder wie Ungarn einen Währungskollaps, mit allen Auswirkungen auf die Bevölkerung, wegen der Spekulation. Darum geht es und nicht darum zu sagen, daheim wüsste Herr Flaßbeck was der Preis ist, ist ja auch Wurscht. Nur verhält es sich beim Markt ja leider nicht nur um Angebot- und Nachfrage, gerade wenn Spekulation ins Spiel kommt ist es vielmehr ein Schönheitswettbewerb. Was glaube ich, glauben die Anderen, wer die Schönste (Aktie,Währung, Whatever) ist.

Von "Unterkonsumptionismus" lese ich auch nichts in dem Interview, lediglich über einen skandalösen deutschen Exportüberschuss und einem Binnenmarkt der im Vergleich zu den nationalen Einnahmen zu wenig abnimmt, aber das dürfte ja nichts Neues sein. Sogar in dem Käseblatt von dem Ort wo ich herkomme ist man inzwischen darauf aufmerksam geworden. Und der Konsum der Masse sind nunmal die Einnahmen der Wirtschaft, zumindest dem Teil der ernsthaft Wirtschaft betreibt und keine Schönheitskomkurenzen.

Ziemlich genau das selbe Interview (nur länger), gabs übrigens schon zum 2.5. im D-Radio, Essay und Diskurs, Podcast immer noch verfügbar.

j-ap 07.06.2010 | 14:20

(MaxK schrieb am 07.06.2010 um 11:10)

»(...) es geht darum, dass Spekulation die Marktpreise, und das nicht nur bei Aktien, sondern auch bei Devisen und sogar Nahrungsmitteln massiv beeinträchtigt.«

Es ist vollkommen korrekt, daß ein Spekulant die Preise beeinflußt — genau das ist ja seine Aufgabe! Ohne ihn wären es eben andere Preise. Spekulation an Märkten (und zwar an allen) führt allerdings höchstens zu Preisdämpfungen, und zwar in beide Richtungen.

Aber Vorsicht, indem Sie, MaxK, tanken, beeinflussen auch Sie die Preise und zwar ganz in die von allen kritisierte Richtung, nämlich nach oben. Es waere an der Zeit, über eine wirksame Regulierung Ihres Kraftstoffverbrauches nachzudenken, denn wenn das mit dem unregulierten Tanken etwa Schule machen sollte ... nicht auszudenken, wohin der Öpreis noch steigen könnte!

»Von "Unterkonsumptionismus" lese ich auch nichts in dem Interview, lediglich über einen skandalösen deutschen Exportüberschuss und einem Binnenmarkt der im Vergleich zu den nationalen Einnahmen zu wenig abnimmt (...)«

Jawohl — genau dieses Phänomen bezeichnet man gemeinhin als Unterkonsumptionismus.

Grüße,
J. A.-P.