Die Blauen Seiten

Gayromeo Alles, was sozialen Netzwerken nachgesagt wird – der Reiz der Anonymität, die Abgrenzung vom „wahren Leben“ – wird von ­Gayromeo ad absurdum geführt

Trent heißt der Student aus Yale, der mir beim Frühstück gegenüber sitzt. Wir haben uns über das Reisenetzwerk couchsurfing.org kennengelernt und Trent ist drei Tage lang mein Gast. Für das übliche Sightseeing, aber auch, weil Berlin die deutsche Schwulenhauptstadt ist, da kann sich Köln noch so anstrengen – wir lachen bloß. Es ist Sommer, trotzdem frühstücken wir in der Küche: Draußen könnten wir auf unseren Macbooks nichts erkennen. Während wir kommunizieren – verbal, sowie auf Facebook, wo ich Trent einen Link zu meinem Blog schicke, auf dem ich ein Gedicht über ihn veröffentlicht habe – ertönt permanent ein Harfenklang von seinem Notebook. Pling, pling, jeder Ton eine Nachricht auf gayromeo.com. Trent, 23, bevorzugt in Skinny Jeans mit Hosenträgern, tief aus­geschnittenen Shirts, Bambiblick unter wohlfrisierten Haaren, kommt äußerst gut an in Berlin.

Sexdate oder Beziehung?

Auf Gayromeo, von Schwulen mittlerweile als „Die Blauen Seiten“ bezeichnet, hat jeder volljährige Schwule, Bi oder Transgender die Möglichkeit, sich zu präsentieren. Je aussagekräftiger, desto wirksamer. Gayromeo ist in seinen Grundfunktionen gratis und nahezu werbefrei. Warum sich das trotzdem rechnet? Selbst die Premium-Tarife, die eine freiere Profilgestaltung und mehr Foto-Uploads erlauben, sind günstig. Und die Masse macht’s. Mittlerweile gibt es über eine Million Mitglieder, ein Drittel davon aus dem deutschsprachigen Raum, für jeden ist etwas dabei. Trent beispielsweise wird ein Date zum Sex im Gästebett finden, einen Kumpel, mit dem er in die schwule Sauna geht sowie jemanden für den Wannsee.

Alles, was sozialen Netzwerken nachgesagt wird – der Suchtfaktor eines virtuellen Lebens, der Reiz, die Anonymität zum Überzeichnen der Realität zu nutzen, die Abgrenzung vom „wahren Leben“ – wird von ­Gayromeo ad absurdum geführt: Die virtuelle Kontaktaufnahme dient dem schlichten Zweck, ganz realen Beischlaf zu ermög­lichen. Vielleicht neue Bekannte zu treffen. Eventuell einen Partner zu finden. Lernt man heute einen Mann in einer Bar kennen, fragt man eher nach seinem Profilnamen als nach seiner Telefonnummer. Es ist nicht anders als beim Frühstück mit Trent: Die neuen Plattformen nehmen nicht das wahre Leben weg, sondern integrieren sich. Kommunikation wird nicht abgeschafft, sondern ­findet auf zusätzlichen Ebenen statt: Blog, Chat, Twitter und so weiter. Ich lerne nicht weniger Menschen kennen, sondern mehr – und sie ­haben schon einen Check durch­laufen, der Kompatibilität mit mir ­verspricht.

Nur darauf gewartet

Gayromeo bietet eine effizient organisierte Infrastruktur zur Kontaktaufnahme zwischen willigen Partnern. Vielleicht auch eine logische Reaktion auf zu lang anhaltende Unterdrückung und Kriminalisierung der Homosexualität. Wir scheinen nur aufs Internet gewartet zu haben. Für Heteros sehe ich übrigens keine Hoffnung auf ein vergleichbares Portal – und so entgehen ihnen Perlen der Gayromeo-Profilkunst wie die Headlines „Ich bin ein Temperament voller Araber“ oder „Ich esse Fleisch, ich fahre Rad, ich ficke Arsch.“

Glamourdick heißt eigentlich Volker Ludewig und bloggt seit fast sechs Jahren auf glamourdick.twoday.net

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