Die bleiernen Jahre sind verflogen

Schweiz Es atmet sich heute freier und leichter - die Eidgenossenschaft ist weniger abgeschottet. Ein EU-Beitritt jedoch wird auf absehbare Zeit kaum mehrheitsfähig sein

Es gab in der Schweiz neben zahlreichen weiteren Mythen drei heilige Kühe: die Armee, die Bahngesellschaft SBB und die Swissair. Letztere ist dem Größenwahn des Zürcher Wirtschaftsfreisinns und einem finalen Komplott der Banken zum Opfer gefallen und beim berühmten Grounding im Herbst 2001 für immer am Boden geblieben. Und für die Armee war die Volksabstimmung über ihre Abschaffung im Spätherbst 1989 ein Meilenstein. Die Befürworter der Vorlage unterlagen zwar, fast gleichzeitig aber begann mit dem Ende des Kalten Kriegs der Jahrzehnte alte Mythos von der Unbesiegbarkeit im Alpenréduit zu bröckeln, bevor ihn die Regierung durch zahlreiche Reformen und radikalen Truppenabbau gleich selbst abschaffte, ohne dass dies noch sonderlich aufgefallen wäre.

Musste ich bei Unterzeichnung meines ersten Mietvertrags in Zürich Ende der siebziger Jahre noch meinen Rang im Militär angeben, und waren meine Bekannten - so sie gesellschaftlichen oder politischen Einfluss besaßen - bis weit in die neunziger Jahre Milizoffiziere im Generalstab, so bedrängt heutige Jungbanker oder -juristen keine patriotische Pflicht mehr, um über die Karriere in der Armee ihre zivile Laufbahn zu befördern.

In den vergangenen zehn Jahren kam es immer wieder zu Ereignissen, die letztendlich dazu geführt haben, dass sich das Klima in der Schweiz verändert hat, so wie die Luft gereinigt wird, ohne dass man letztlich genau weiß, wie das passiert ist - Modernisierung der Gesellschaft nennt man das wohl üblicherweise.

So etwas ist überall auf der Welt möglich - aber bei uns!

Mit der Fichen-Affäre der frühen neunziger Jahre, konstatierte gerade erst, im März 2006, die linke Zürcher Wochenzeitung (WoZ), sei der Zenit der Schweizer Protestkultur erreicht gewesen, die sich unter dem Einfluss der Studentenbewegung, durch die Zürcher Globus-Krawalle von 1968 und die Zürcher Jugendunruhen von 1980 allmählich entwickelt hatte. Im Winter 1990 war aufgeflogen, dass die Bundesbehörden seit Ende des Zweiten Weltkriegs mit Hilfe der kantonalen Polizeiorgane über 900.000 Menschen in einem Land mit wenig über sieben Millionen Einwohnern bespitzelt und Akten über sie angelegt hatten. Max Frisch wurde seit 1945 überwacht. Meine eigene Akte beginnt 1968, ungefähr ein Jahr, bevor ich in die Schweiz übersiedelt bin. Es ging die Anekdote um, dass der für die Polizei zuständige sozialdemokratische Luzerner Regierungsrat, der - aufgeschreckt durch diese Ungeheuerlichkeit - der Sache auf den Grund gehen wollte, sich die kantonalen Polizeiakten bringen ließ und als erstes auf seine eigene Fiche stieß.

Ausgerechnet die Linke in der deutschen Schweiz war schockiert. So etwas - das war der Tenor unter Schriftstellern, Intellektuellen und Theaterleuten, ist überall auf der Welt möglich - aber bei uns! Die frankophonen Westschweizer waren weniger erschrocken und offenbarten auf diese Weise nur, dass ihr Verhältnis zum Staat ein weniger inniges gewesen war. Umso größer und einhelliger war in der Folge, wie das bei unerwiderter Liebe zu sein pflegt, die Empörung. Es wurde heftig darüber gestritten, ob und wie man die Feiern zum historisch mehr als fragwürdigen 700-jährigen Jubiläum der Eidgenossenschaft 1991 boykottieren solle. In der Hitze der Debatten setzte es Blessuren, die seither nie ganz verheilt sind.

1992 verweigerten die Stimmbürger in einem Referendum mehrheitlich einen Beitritt der Schweiz zum Europäischen Wirtschaftsraum (EWR), einem Kooperationsabkommen, das die Europäische Gemeinschaft (EG) jenen Ländern anbot, die sich zu einem Beitritt (noch) nicht entschließen mochten. Gräben zwischen Stadt und Land, zwischen französischem und deutschem Landesteil wurden sichtbar. Die bürgerliche Rechte hatte den Beitritt aus rein ökonomischen Gründen gewollt. Die Niederlage leitete das Ende jener Kaste ein, die das Land jahrzehntelang über Politik, Wirtschaft und Armee beherrscht und als "Schweiz AG" geführt hatte.

Teile der Linken und die Grünen lehnten den Schritt in den EWR aus politischen und kulturellen Gründen ab - und der Linksnationalismus feierte fröhliche Urständ´. Ich habe seinerzeit den Schriftsteller Otto F. Walter im Fernsehen sagen gehört, er lehne den EWR ab, weil mit ihm das deutsche Radio ungehindert ins Land eindringen und "unsere Mundart" zerstören würde. Größerer Blödsinn ist in diesem Zusammenhang kaum verzapft worden. Das Land schottete sich ab, und Linke wie Ökologen am Rand der Sozialdemokratischen Partei (SP), Repräsentantin der neuen urbanen Mittelschichten, waren ein getreues Abbild dieses Beharrens.

Eine Gesellschaft, die an sich selbst zu ersticken drohte

Danach war - ohne dass die Protagonisten es recht begriffen - die Zeit der "anderen Schweiz" vorbei. Die offizielle Schweiz mit ihren 700-Jahr-Feiern und Festakten zur 50. Wiederkehr des Kriegsendes verschwand in der Folge ebenso wie die diametral opponierende, die "ohne Armee" und "Schnüffelstaat" sein wollte. Die Kriege im ehemaligen Jugoslawien zeigten dies ab 1994/95 zum ersten Mal. Die offizielle Schweiz unterstützte jene "andere", die bis dato über internationale Kontakte allenfalls punktuell verfügt hatte, beim Aufbau der "Kulturbrücke Schweiz - Sarajevo", und die oppositionellen Kulturschaffenden nahmen die Hilfe an.

Natürlich sind solche Entwicklungen auch mit Personen verbunden, dem damaligen Außenminister Flavio Cotti etwa, dem am Zuschütten der Gräben gelegen war, oder der effizienten Besatzung der kleinen Schweizer Botschaft in Sarajevo - dies alles zeugte von einer grundlegenden Umkehr.

1995 reichte der Jewish World Congress eine Sammelklage in Höhe von 250 Millionen Franken gegen die Schweizer Banken ein, die Guthaben geflohener und ermordeter Juden seit Kriegsende auf ihren Konten schlummern ließen, ohne sich je die Mühe gemacht zu haben, die Kontoinhaber oder ihre Erben ausfindig zu machen. Die Banken wären damals gut beraten gewesen, sich mit dem Kläger auf dieser Grundlage zu vergleichen, denn - nachdem die Affäre eskaliert war - mussten sie stattdessen 1,8 Milliarden Franken hinblättern (was sie allerdings, schaut man sich ihre Jahresbilanzen an, leicht verkraftet haben dürften). Für die Zuspitzung sorgten mit antisemitischem Gefasel und dreister Borniertheit zunächst einmal der Bundesrat, also die Schweizer Regierung, und die Schweizer Diplomatie.

Anfang 1997 äußerte der damalige freisinnige Wirtschaftsminister Delamuraz in einem Interview, es handle sich um ein Komplott des Jüdischen Weltkongresses, um den Finanzplatz Schweiz als Konkurrenten auszuschalten. Er hatte wohl kaum damit gerechnet, dass Antisemitismus vielleicht in den besseren Kreisen am Genfer See, nicht aber bei den ausländischen Partnern salonfähig war. Das Interview gipfelte in der Bemerkung, sie (die Amerikaner, die Juden) täten ja so, "als liege Auschwitz in der Schweiz". Als liege Auschwitz in Deutschland. Aber das war Herrn Delamuraz vielleicht nicht bekannt.

Die Angelegenheit zog sich in die Länge. Sie - die Amerikaner, die Juden - wollten einfach nicht nachgeben. Ende 1997 wurde der in Zürich erscheinenden SonntagsZeitung ein interner Bericht des Schweizer Botschafters in den USA, Carlo Jagmetti, Generalstabsoffizier auch er, an das Eidgenössische Departement des Äußeren (EDA) zugespielt, in dem es hieß, es herrsche "Krieg an der Innen- und an der Außenfront". Selbst in einer Schweiz der politischen Clans und militärischen Seilschaften war Jagmetti nicht mehr zu halten und wurde ersetzt - durch einen Spezi des Außenministers, der früher das Bundesamt für Kultur (BAK) geleitet hatte und in Diplomatie nicht gerade bewandert war.

Die Kontroverse schlug nun endgültig auch im Inland Wellen und polarisierte das Land. Für manchen Stammtischler änderte der schöne Spruch "Geh doch nach drüben" urplötzlich die Himmelsrichtung und bedeutet nun: über den Atlantik! Und ich bin nicht sicher, ob der Anti-Amerikanismus, der sich anlässlich des Irak-Krieges in der Schweiz bemerkbar machte, eine seiner Wurzeln nicht schon damals bekam. Ende 1997 jedenfalls sahen sich beide Kammern des Parlaments genötigt, ein Gremium von Historikern, die nach ihrem Präsidenten benannte "Bergier-Kommission", mit der Aufarbeitung der Geschichte der Schweiz im Zweiten Weltkrieg zu beauftragen. Und die Banken begannen mit Zeitungsanzeigen in der ganzen Welt, nach den Inhabern oder Rechtsnachfolgern der herrenlosen Konten zu fahnden. 1999 legte die bewusste Kommission ihren Bericht zur Flüchtlingspolitik der Schweiz zwischen 1939 und 1945 vor - 2002 ihre Schlussbilanz. Darin fand sich - mit Ausnahme vielleicht der Stromlieferungen an das Nazi-Regime - nichts, was nicht bekannt gewesen wäre, von der Zurückweisung jüdischer Flüchtlinge an den Grenzen über die "Beschlagnahme" jüdischer Konten durch die Banken und die offenen Nazi-Sympathien in Politik und Wirtschaft bis hin zu Rüstungslieferungen und Goldgeschäften.

Aber die erneute und geballte Kenntnisnahme des historischen Opportunismus der damaligen Eliten hat die Luft gereinigt. Womit wieder einmal die Maxime bestätigt wurde, dass die Aufarbeitung von Geschichte lebensnotwendig ist.

Die Schweiz, das waren lautlose Effizienz, protestantische Ethik, soziale Kontrolle. Fremdenfeindlichkeit. Eine der höchsten Suizid-Raten Europas. Eine Gesellschaft, die an sich selbst zu ersticken drohte. Für die Autoren meiner Generation und jener davor war sie tägliches Brot, Pflichtthema und Mühlstein. Jüngere Schriftsteller siedelten ihre Geschichten wie über Nacht in Norwegen, New York oder inmitten exotischer Vegetationen an.

Neulich war in der Neuen Zürcher Zeitung zu lesen: Die Teilnehmerzahlen an Waffenläufen, jener typisch schweizerischen Militärsportart, seien seit Ende der achtziger Jahre dramatisch, nämlich um zwei Drittel, zurückgegangen. Das heißt auch, es atmet sich freier und leichter in jenem Land, in dem ich einst zu bleiben beschlossen hatte, weil mich die Reichsgötter, die mir ein Berufsverbot verordnet hatten, hier nicht einmal am Abend besuchen konnten.

Die Schweiz ist ein normales europäisches Land mit extrem hohem Ausländeranteil und Zürich eine kleine Kapitale der Welt geworden, ohne dass beide deswegen ihren Eigensinn verloren hätten: Vier Landessprachen und drei indigene Kulturen. Ein Beitritt zur EU scheint, auch deshalb, auf absehbare Zeit beim Stimmvolk nicht mehrheitsfähig zu sein.


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00:00 12.05.2006

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