Die Blitzübernahme

Vor dem Krieg Mit der Zerschlagung der Tschechoslowakei begann die imperialistische Phase des Dritten Reiches. In einer Nacht hatte Hitler Präsident Hácha das Land abgepresst

Am Tag, an dem die Deutsche Wehrmacht in die „Rest­tschechei“ einmarschierte, wie Hitlers Propaganda nach der Sudetenkrise den tschechoslowakischen Rumpfstaat verächtlich nannte, zeigte sich Böhmen winterlich kühl und schneeverhüllt. Schneestürme tobten mancherorts. Sie stellten an diesem Mittwoch, dem 15. März 1939, kein ernstzunehmendes Hindernis für den vorgegebenen Zeitplan dar, mit dem diese „Zweite Republik“ seit den frühen Morgenstunden von den fremden Truppen überrollt wurde. Die Liquidierung eines europäischen Staates war keine Angelegenheit von Tagen, sondern von Stunden.

Während man in einigen Orten des Sudetenlandes, das seit dem Herbst des Vorjahres zum Reich gehörte, die durchziehenden Streitkräfte bejubelte, wurden hinter der innerböhmischen Sprachgrenze die fremden Panzer und die deutschen Soldatengesänge mit gespannter Ruhe aufgenommen. Auch in Prag.

Das Trauma des Münchner Diktats

Die Journalistin Milena Jesenská, die als eine der wichtigsten Feuilletonistinnen der tschechischen Sprache gilt, berichtete eine Woche nach dem Einmarsch in der liberalen Wochenzeitung Přítomnost (Gegenwart), wie die Bewohner der tschechischen Hauptstadt auf dem Weg in die Arbeit an den Militärkolonnen vorbeieilten, ohne diese zu beachten. Einvernehmlich meldeten tschechische Zeitungen und ausländische Korrespondenten, dass die Besetzung überall ohne Zwischenfälle abgelaufen sei. Die Aufforderung der entmachteten tschechoslowakischen Führung an die Bevölkerung, sich den Truppen nicht zu widersetzen, zeigte Wirkung.

Sich im vorangegangenen September dem Münchner Diktat gefügt zu haben, war schon lähmend – sich der räuberischen Großmacht nun mit ebenso wenig Widerstand zu ergeben, traumatisch. Diese bedingungslose Kapitulation zeichnete sich durch eine Besonderheit aus: Vor ihrer Unterzeichnung hatte sich keine einzige Kampfhandlung abgespielt, war kein einziger Schuss gefallen. Italiens Diktator Benito Mussolini, der in Hitlers Vorgehen nicht eingeweiht worden war, höhnte daher: Ein Volk, das über eine große Zahl an wehrfähigen Männern und über ein beachtliches Waffenarsenal verfüge, dennoch zu keinem eindrucksvollen Gestus fähig sei, habe genau das Schicksal verdient, von dem es nun ereilt worden sei.

„Ich hatte keine Vorstellung davon, wie schön Prag sein kann“

Milena Jesenská, vielen auch als „Freundin Kafkas“ bekannt, griff einige Tage später Mussolinis Herablassung in einem Beitrag für Přítomnost auf: „ Nein, die Tschechen sind kein Volk mit Sinn für einen Gestus. Wir sind ein Volk arbeitender Menschen, das sage ich mit Stolz, ja Hochmut ... Durch Arbeit haben wir zur eigenen Kultur, zur Musik, zur eigenen Literatur gefunden ... Den einzigen Gestus, den tschechische Männer am 15. März 1939 hätten aufbringen können, wäre ein selbstmörderischer gewesen. Vergeblich zu sterben, mit Heldenpose gar und Blut für das Vaterland zu vergießen, mag ja schön sein. Ich denke sogar, es ist nicht einmal schwer. Doch wir müssen etwas anderes als das tun. Wir müssen leben.“

Beflügelt von seinem Triumph, der ihn die strapaziöse Nacht in Berlin vergessen ließ, in der er dem tschechoslowakischen Präsidenten Emil Hácha die Kapitulation abgepresst hatte, erschien der „Vůdce“, wie der „Führer“ nun von Teilen der tschechischen Presse willfährig genannt wurde, höchstpersönlich an der Moldau. Obwohl ihm, wie die Londoner Times am 17. März 1939 berichtete, seine Leibwächter von dem Auftritt zu diesem Zeitpunkt aus Sicherheitsgründen abgeraten hatten. Hitler wollte die prächtige Beute im frischen Zustand ihres Todes in Augenschein nehmen. „Ich hatte keine Vorstellung davon, wie schön Prag sein kann“, wird er in demselben Bericht der Times zitiert.

Hácha, die präsidiale Marionette

Zur gleichen Zeit saß der tschechoslowakische Staatspräsident auf der Strecke Berlin–Prag fest, da die Rückfahrt seines Zuges durch die Reichsbehörden immer wieder unterbrochen worden war. Offenbar war Háchas Anwesenheit in Hitlers Szenario für den 15. März noch nicht vorgesehen. In den Abendstunden war das Besatzungsregime in der „alten deutschen Reichshauptstadt Prag“ schon installiert, Gestapo inklusive, die ihre ersten Razzien in Fremdenpensionen machte, um politische Flüchtlinge aus Deutschland, Österreich und dem Sudetenland aufzuspüren. 5.000 Menschen seien in der ersten Nacht verhaftet worden, schrieb die Times. Es habe viele Selbstmorde gegeben.

Am 16. März wurde zum Staatsempfang geladen, mit Hitler als dem Gastgeber auf dem Hradschin, in der bisherigen Residenz des tschechoslowakischen Staatspräsidenten. Auf dem Burghof bejubelt von einigen Tausend Prager Deutschen, devot begrüßt von den einbestellten tschechischen Honoratioren, empfing er auch Hácha, dessen künftige politische Rolle als präsidiale Marionette im „Reichsprotektorat Böhmen und Mähren“ noch justiert werden musste.

Slowakische Separatisten spielen entscheidende Rolle

In den sechs Monaten, die dem Münchner Abkommen nach September 1938 gefolgt waren, hatte es nicht an Unterwerfungsgesten der Prager Regierung gefehlt, mit denen sie signalisierte, die deutsche Dominanz in Mitteleuropa und eine noch größere deutsche Einflussnahme auf innere tschechische Belange gegen eine nachhaltige Bestandsgarantie für die neue Staatsgrenze zu akzeptieren. Doch Hitler hatte längst seine Pläne gemacht und wartete auf die günstige Gelegenheit.

Diesmal kam nicht den nazifizierten Organisationen der 500.000 Deutschen, die als Minderheit innerhalb der Grenzen der Zweiten Republik verblieben waren, die Schlüsselrolle zu. Auch wenn die aggressiven Schlagzeilen des Völkischen Beobachters am 14. März vom „Tschechenterror“ gegen die „Volksgenossen“ in der mährischen Metropole Brünn berichteten und somit für eine passende Begleitmusik für das Kommende sorgten, blieb es den slowakischen Separatisten vorbehalten, die Hauptaufgabe für Hitlers Plan zu übernehmen.

Die Kraft des Radios

Ihr Agieren entfaltete sich zwar aus eigener Kraft, aber erst durch die Unterstützung aus dem Reich konnte es seine zerstörerische Wirkung beweisen. Dabei spielte das Medium Radio eine wichtige Rolle. Am 5. März 1939 berichtete die New York Times über regelmäßige slowakischsprachige Sendungen des Reichssenders Wien, in ­denen separatistische Forderungen slowakischer Rechtsextremisten abgefeuert wurden. Noch bedrohlicher muss Prag die ­Entsendung einer slowakischen Regie­rungsdelegation zu Wirt­schafts­­verhand­lungen nach Berlin erschienen sein, von denen man erst aus den Medien erfuhr.

Mit dem Einsatz von Polizeikräften und Militär am 9. März 1939 gab die Prager Zentralregierung ihre vorsichtige Haltung auf. Der katholische Priester Josef Tiso, Ideologe eines klerikalfaschistisch geprägten Ständestaates, wurde vom Posten des slowakischen Ministerpräsidenten abgesetzt, und es wurde eine von gemäßigten Nationalisten angeführte Autonomieregierung unter Karol Sidor installiert. Der Schlag zielte auch gegen die paramilitärischen Verbände der aggressiv antijüdisch auftretenden slowakischen Hlinka Garde, die nach dem Vorbild der SS entstanden war.

Eine Nacht läuft im Stakkato ab

Nun war für Hitler der richtige Moment gekommen. Schon am 12. März prophezeite die New York Times den Ablauf der kommenden Ereignisse so: „Das ist Hitlers Weg. Zuerst lässt er die Dinge reifen und dann ergreift er eine günstige Gelegenheit, um mit blitzartiger Geschwindigkeit vollendete Tatsachen zu schaffen, noch bevor die anderen überhaupt verstanden haben, was geschah.“

Just zum selben Zeitpunkt, als die neue slowakische Regierung sich von Bratislava (Pressburg) nach Prag begeben hatte, um dort den Amtseid abzulegen, reiste der abgesetzte Josef Tiso als Gast Hitlers und des Außenministers Joachim von Ribbentrop zu einem „offiziellen Besuch“ nach Berlin. Noch klammerte sich die Prager Tageszeitung České slovo (Tschechisches Wort) am 14. März an die Hoffnung, Tiso gehe nach Berlin als Emissär der neuen Regierung, um Hitler zu beschwichtigen. Stunden später wurde in Berlin aber schon die Loslösung der Slowakei aus dem gemeinsamen Staatsverband mit den Tschechen verlautbart, am 14. März wurde sie vom slowakischen Parlament gebilligt.

Was von Berlin so lautstark als Verwirklichung des Selbstbestimmungsrechts der Völker dargestellt wurde, war sogar für den Antidemokraten Tiso eine Entscheidung zwischen Pest und Cholera. Denn von Anfang an wurde den slowakischen Separatisten in Berlin verdeutlicht, dass ihr Staat nur als Vasall des Dritten Reiches Zukunft habe, er ansonsten zur Disposition stünde.

Nach einer ultimativen Vorladung des „Führers“ eilte noch am selben Tag Präsident Hácha in Begleitung seines Außenministers František Chvalkovský nach Berlin und konnte hautnah Bekanntschaft mit dem in den New York Times beschriebenen Vorgehen Hitlers machen. Einem Bericht der České slovo vom 16. März zufolge lief der nächtliche Besuch im Stakkato ab: Kaum war die Ehrengarde der SS abgeschritten, ging es um 1.10 Uhr zu einem Treffen mit Hitler, Luftwaffenchef Hermann Göring und Außenminister Ribbentrop, Dauer eindreiviertel Stunden. Danach folgten Sonderverhandlungen nur mit Göring und Ribbentrop, im Morgengrauen dann die Abschlussrunde mit Hitler.

Unterwerfung mit Bombendrohung erpresst

Mit Hitler und Hácha stießen sehr unterschiedliche Welten aufeinander. Hier ein rücksichtsloser Diktator, da ein tschechischer Politiker mit der Denkweise eines korrekten Beamten altösterreichischer Schule. Der von der Situation überforderte und von Hitlers cholerisch vorgetragenen Drohungen eingeschüchterte Hácha, ein alter und kränklicher Mann zumal, sah sich vor die Wahl gestellt, entweder sein Volk der Vernichtung anheim fallen zu lassen oder mit seiner Unterschrift das Schlimmste zu verhüten. In diesem Moment war er noch ein tragischer Held, am Ende seines Weges 1945 stand er da als Symbol der Kollaboration.

Nach einem Schwächeanfall und nach Drohungen, man werde den Hradschin, den Veitsdom und andere Gebäude Prags bombardieren (nach dem Krieg bezeugt von Hitlers Dolmetscher Paul Schmidt), unterschrieb Hácha eine Erklärung, wonach der „Präsident des tschechischen Staates in vollem Vertrauen das Schicksal des tschechischen Volkes und des tschechischen Landes in die Hände des Führers des Deutschen Reiches“ legte. Der „Führer“ habe die Erklärung angenommen und „entschieden, das tschechische Volk unter den Schutz des Deutschen Reiches zu stellen,“ berichtete die České slovo in ihrer Ausgabe vom 16. März.

Das Ende der Appeasement-Politik

Die Angleichung des besetzten Territoriums an die politischen Verhältnisse im Reich erfolgte nicht nur auf der Ebene der Verwaltung, sondern sehr schnell auch in den gesellschaftlichen Organisationen. Eine traurige Vorbildfunktion erlangten dabei die Tschechische Ärztekammer und die Standesorganisationen der Anwälte. Mit dem richtigen Instinkt für den Ungeist der Zeit beschlossen sie schon am 16. März, wie České slovo berichtete, ein Berufsverbot für jüdische Ärzte und Anwälte. Das sollten die ersten, im Rückblick fast harmlos erscheinenden, Vorboten für das sein, was Juden in der Todesfalle Böhmen von den Besatzern zu erwarten hatten.

Während sich die tschechischen Zeitungen mit Kritik am deutschen Vorgehen zurückhalten mussten, benannten die westlichen Medien klar die Zwecke des Einmarsches: Hitler habe die einzige Armee zwischen Berlin und der Donau zerschmettert, die seinen Plänen Widerstand hätte entgegensetzen können, kommentierte die New York Times am 16. März. „Er hat das Gold geraubt, das er dringend brauchte. Er hat den kleinen Staaten in Mitteleuropa ‚eine Lektion erteilt‘. Die einzige Entschädigung für das alles liegt darin, dass er der Welt den Wert eines Naziversprechens und den Zweck des Dritten Reiches gezeigt hat.“

Da der Westen nun auf Hitlers Wort nichts mehr gab, hatte der Diktator mit dem Einmarsch in Prag gleichzeitig der Appeasement-Politik den endgültigen Todesstoß versetzt. Die Zeit der westlichen Zugeständnisse gegenüber den Nazis war nun vorbei. Knapp sechs Monate später konnte Hitler daher Europa ein letztes Mal vor die entscheidende Frage stellen: kämpfen oder leben?

Der in Berlin lebende Journalist Richard Szklorz stammt aus Odry/Odrau in der Tschechischen Republik

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