Die Bobos im Quartier Oberkampf

Schick ist Schock Die Bourgeois Bohémiens erobern den Pariser Osten

"Go East, youg man!" heißt es im Guide du Routard, der Bibel des alternativen Tourismus. Weg von Eiffelturm und Louvre. Weg vom viel zu schick und teuer gewordenen Saint-Germain-des-Près mitsamt "Café Flore" und "Deux Magots", wo internationale Modedesigner wie Gucci und Armani authentische Studentenkneipen und Jazzkeller verdrängt haben. Die überteuerten Mieten des Quartier Latin im 5. und 6. Arrondissement haben Künstler und Intellektuelle in die volkstümlichen, multikulturellen Viertel des 10., 11. und 20. Arrondissements von Paris verdrängt, die sich von der Bastille über Oberkampf und Place de la République bis an den Canal Saint-Martin ausbreiten.

Vor 20 Jahren waren die Gays die Vorläufer dieses Trends. Sie installierten sich in den zerfallenen Pariser Zentral-Vierteln, von denen keiner mehr etwas wissen wollte. Nun folgen ihnen die Bourgeois Bohémiens - kurz Bobos genannt. Oft kommen sie aus der gehobenen Mittelklasse, der sie fliehen. Ihr Credo heißt Lifestyle, Körperkult, Hedonismus. Sie verdienen Geld, aber protzen nicht. Als Graphiker, Designer, PR-Fachleute, Cineasten, Künstler und Spezialisten der Kommunikation sind sie kreativ, antikonformistisch und pragmatisch zugleich. Sie sind Individualisten und Opportunisten, bedienen sich ihrer Clans, hassen Kategorien, glauben weder an Theorien noch Utopien, aber pflegen ihren Look. Mit offenem Hemdkragen, Hose aus Hightechmaterial und in Sandalen stehen sie an der Bar, auf Rad und Rollerblades kurven sie durch die Straßen. Ihr Intellekt ist ihr Kapital, sie schwören auf Selbstverwirklichung und setzen auf das Authentische.

Theken-Freimaurer

Das neue Eden der Bobos ist das Dreieck der Straßen Oberkampf, Jean-Pierre Timbaud, Saint-Maur. Die Namen der aneinander gereihten Cafés und Bars bezeugen das industrielle Paris, das im urbanen Sog verschwunden ist: "La Mercerie", "Café Charbon", "Mecano-Bar". Aus einstigen Handwerkerbetrieben sind Domizile des Happenings geworden, in denen sich Slam-Poeten, Cineasten und Fotografen vor jungem Publikum produzieren. Meist werden an Wochenenden gegen Mitternacht noch die Tische zusammen geschoben, um eine Tanzarena zu schaffen. So hält es jedenfalls der Gastwirt der "Mecano-Bar", einer früheren Klempnerei mit Original-Dekor. Das "Café Charbon", eines der renommiertesten Refugien des Viertels, hat neben dem großräumigen Restaurant gleich noch einen Saal für Konzerte. Daneben ist das "Nouveau Casino" mit Rock-Elektro, HipHop und Pop eine der angesagtesten Pariser Adressen für das Happy Hype. "Hier wurden früher einmal die Metallknöpfe für Strumpfhalter angefertigt", erzählt Jean-Claude Sergues, der 1996 das Lokal ausfindig gemacht hat. Vorher betrieb er ein Café an der Bastille, noch früher war er Plattenhändler. "Um 1870 war das ›Charbon‹ ein Café-Concert, wo sich die Bourgeois unters Volk mischten, um ihren Lüsten zu frönen. Die restaurierten Fresken unter der Decke erzählen noch von Volksbällen, von vornehmen Herren in schwarzem Frack und Zylinder neben tiefdekolletierten Damen in roten Plüschsesseln."

Im "L´Autre Café", rue Jean-Pierre Timbaud, die im rechten Winkel von der rue Oberkampf abbiegt, sitzt Jérôme Allard auf einem Barschemel. Einer der Pioniere im Quartier, ein Gastwirt der anderen Art, Autodidakt. 15 Jahre hat er in der Fabrik gearbeitet, 15 in der Werbung. Damit liegt er ganz im Trend des Bezirks, vom Arbeiter- und Handwerker- zum Intellektuellen-, Dienstleistungs- und Freizeitmilieu. Nicht nur, dass Maler und Fotografen bei Jérôme ausstellen können. Jeden Donnerstagabend präsidiert er eine Vereinigung, die er mit anderen Café-Anrainern gegründet hat: "FAIRE - Utopie réalisable" (*) zur Förderung junger Talente. Im Juni hat die Assoziation schon das 3. Kurzfilmfestival veranstaltet. "Ich nenne unsere Funktionsweise ›die Freimaurerei der Theke‹", sagt Jérôme, "wie die französischen Eliteschulen ihre Netze auswerfen, werfen wir die unseren." Dazu gehören die umliegenden Restaurants mit originellen Namen: "Chat noir", "Cannibale", "le Vestiaire", "Chez Juan und Juanita" - das einzige von zwei Frauen betriebene Etablissement im Bobo-Quartier übrigens. Karine und Annick fallen auch sonst aus der Reihe, indem sie ihre Gäste mit Kerzen und weißen Tischdecken wie in den "Schönen Vierteln" empfangen.

Ganz anders das "Prawda" im Kantinenstil der Nachkriegsjahre - mit Mobiliar aus Chrom und Plastik haben Jean Calme und Yanik Kerzerho ihr nach der berühmten Zeitung benanntes Domizil eingerichtet. Nichts von russischer Folklore, statt Matrjoschkas funktioneller Bauhausstil, doch bieten sie die größte Auswahl an Wodkasorten in ganz Paris. Yanik hat fünf Jahre in Moskau gelebt, Jean ist Consulting-Fachmann, gleich neben dem "Prawda" betreiben sie noch eine Galerie, in der ein Hauch von russischem Suprematismus à la Malevitch weht.

Zum Kulturbetrieb ist auch die einstige Hochburg der Metallgewerkschaft "la Maison des Métallos" weiter unten in der rue Jean-Pierre Timbaud avanciert. Direktor Gérard Paquet galt als Kulturmäzen in Toulon und wurde dort vom rechtspopulistischen Front National und seinem kulturfeindlichen Anhang vertrieben. Bevor das von Arbeitergeschichte geprägte "Maison" Immobilienhaien in die Hände fiel, hat die Stadt Paris den Komplex gekauft, um ihn bis 2005 zu sanieren. Inzwischen soll Gérard Paquet den Ort kulturell beleben. Vernissagen, Jazz, Konzerte, Theater lösen einander ab. Das Projekt heißt "Terre d´accueil", und die Künstler kommen aus aller Welt wie einst die Immigranten des Viertels - Juden aus Osteuropa oder Nordafrika, Armenier, Araber, Italiener, Türken. Früher brachten sie ihr Handwerk mit, heute ihre künstlerische Deutung einer globalen Gesellschaft.

Der Platz vor dem Metallerhaus selbst ähnelt einer Medina. Afrikaner in ihren langen Gewändern, Frauen mit Babys auf dem Rücken sitzen auf den Bänken im Schatten der Bäume. Eine Moschee und eine arabische Bücherei liegen nebenan. Die gleiche Straße, zwei Welten. Die Immigranten gehen mit Sicherheit nicht ins "Prawda", ihr Treffpunkt ist ein schäbiges "Bar-Tabac". Ein Überbleibsel, ein Relikt in dieser Straße, wo Bourgeois Bohémiens und Proletarier zwar nebeneinander, aber nicht miteinander leben.

Dabei steht proletarisches Ambiente, die Imitation des früheren Arbeiter- und Handwerker-Biotops bei den neuen sozialen Shakern hoch im Kurs. In der rue Oberkampf wie am Canal Saint-Martin, wo über dem Quai de Valmy ein Flair von Amsterdam oder Venedig liegt, heißen die Cafés-Restaurants "Chez Prune", in dem Jean-Marc Barré, der Schauspieler des Grand Bleu, seinen Brunch nimmt, oder "Atmosphère", dessen Dekor an die mythische Aktrice Arletty erinnert. Hier reißen sich die jungen Gäste um die Plätze. Ihr gestylter Look sorgt für einen bizarren Kontrast zum Bar-Dekor der Zwanziger. Überschreitet man die bogenförmige Brücke, ist man im "Hotel du Nord", wo Marcel Carné seinen berühmten gleichnamigen Film mit Arletty und Louis Jouvet gedreht hat. Schon Kultusminister Jack Lang stellte den Bau unter staatlichen Schutz.

Luxus-Second-Hand-Designer

In schrillem Orange-Pink und Gelb zieht der Tee-Salon "Antoine Lili" gegenüber von "Atmosphère" die Blicke auf sich. "Schick ist Schock" heißt die Bobo-Devise. Auf Canapés mit bunten Kissen und in molligen Sesseln schlürft man hier Biosäfte und Tee zum "homemade" Cheese Cake. Zudem bedient man sich selbst. Das spart Personal. Kommerz und (Bio-)Ethik gehen Hand in Hand. Im nächsten Eingang bietet die rosarote Boutique "Antoine Lili" farbig-fröhliche Kleider im ethnischen Stil und Modeaccessoires aus der Dritten Welt. Noch schicker, noch teurer kauft man bei Stella Cadente nebenan: Charleston-Röcke, federleichte Boas, romantische Details.

Draußen flitzen Fahrräder vorbei, junge Paare mit Kinderwagen und Hund an der Leine gehören zu den Flaneuren, vor allem sonntags, wenn die Kanalufer für Autos gesperrt und die Geschäfte geöffnet sind. An Sommerabenden sind nicht nur die Bars voll besetzt, auch auf den Quais sitzen die jungen Leute dicht gedrängt, picknicken, diskutieren, schauen den Gauklern und Theaterleuten zu, die ihre Künste darbieten. Sogar Modeschauen unter freiem Himmel werden geboten. Vom Canal bis zur Place de la République ist es ein Katzensprung.

In den Hinterhöfen ringsherum verstecken sich die Pressebüros erfolgreicher Modeschöpfer: Totem Fashion - José Levy, Isabelle Marant, AF Vanderforst. Sie verstehen es, mit Medienstars einschlägige Empfänge zu arrangieren, um in aller Munde zu sein. Neu im Trend liegen aufsteigende Modedesigner, die ganz ohne Boutique ihre Modelle direkt von ihrer Wohnung aus verkaufen. So die Luxus-Second-Hand-Designer Olivier und Michèle Chatenet. In der rue Martel im 10. Arrondissement haben sie sich auf 200 Quadratmetern installiert. Hier dekonstruieren und konstruieren sie ihre Vintage-Klamotten der Marke E2: schottische Kilts, japanische Kimonos, von Fußballern inspirierte Sportkleidung, setzen Ärmel eines Sonja Rykel-Kleids mit Stücken von Christian Lacroix-Modellen zusammen. Alles einmalig und selbst genäht. Das will die Kundschaft. Sogar Madonna hat vor ihrer Pariser Show bei ihnen eingekauft. Bei Klatsch und Kaffee Hauptsache originell, individualistisch, einmalig. Das sind die Trümpfe der Bobos. Mit ihren auf Flohmärkten und Auktionen erstandenen und neu zusammengesetzten Sammlerstücken liegt das Designerpaar Chatenet voll im Trend. Aufwertung von Altem, sei es von Luxusmarken, hat in Krisenzeiten seine Bedeutung.

Krise war auch für Olivier und Michèle, als sie vor vier Jahren mit ihrer Modeboutique Pleite machten. "Die richtige Idee im richtigen Moment haben, darauf kommt es an", sagt Michèle. "Unser Loft in dieser alten Fabrik ist zu unserem Wohn- und Arbeitsort geworden. Per Internet stehen wir mit aller Welt in Verbindung. Unsere Kunden empfangen wir nach Terminverabredung. Wir nehmen uns Zeit. Wenn sie nach ein paar Stunden Klatsch und Anprobieren nichts kaufen, überreden wir sie nicht. Aber wir lassen uns von ihren Ideen anregen und nähen auf Bestellung. Im Grunde fühlen wir uns wie die Bohémiens der Mode."

(*) die machbare Utopie


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Bar-Restaurant-Adressen

OBERKAMPF (11. Arrondissement):

Café Charbon, 111, rue Oberkampf, Tel.: 0143575513
La Mercerie, 98, rue Oberkampf, Tel.: 0143388130
La Forge, 123, rue Oberkampf
L´Autre Café, 62, rue Jean-Pierre Timbaud
Juan et Juanita, 94, rue Jean-Pierre Timbaud, Tel.: 0143576015
Le Vestiaire, 64, rue Jean-Pierre Timbaud
Le Mange-Disque, 58, rue de la Fontaine-au-Roi

CANAL SAINT-MARTIN (10. Arrondissement):

Antoine Lili, Modeboutique 95, quai de Valmy
Antoine Lili, Teestube, Tel.: 0140373486
Stella Cadente, Modeboutique, 93, quai de Valmy
Hôtel du Nord, 102, quai de Jemmapes Tel. 0140407878

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00:00 18.07.2003

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