Die Bomber von Guernica

Spanien Die Verbrechen der deutschen Truppen im Spanischen Bürgerkrieg bleiben weiter ungesühnt und noch immer tragen manche Straßen den Namen von Mitgliedern der Legion Condor

Es war eine Siegesparade für einen Militäreinsatz, den es offiziell gar nicht gegeben hatte. Am 6. Juni 1939 marschierten die Truppen der Legion Condor durch Berlin. Mit Parade und anschließendem Appell im Lustgarten inszenierte die Naziführung ihren ersten militärischen Sieg. Die ganze Stadt wurde mit Hakenkreuzfahnen geschmückt, die Berliner standen Spalier, um ihre Kriegshelden zu bejubeln, die Kinder bekamen an diesem Tag schulfrei. Gleichzeitig ergoss sich über die deutsche Öffentlichkeit eine wahre Flut von Zeitungsberichten zum Einsatz der Legion Condor. Die Siegesfeier wurde für die Nazis zu einem nachhaltigen Propagandaerfolg. Damit der Tag den Berlinern in Erinnerung blieb, erhielt die Wannseestraße in Zehlendorf den Namen Spanische Allee. So heißt sie noch heute.

Die von der Legion Condor an der spanischen Zivilbevölkerung verübten Kriegsverbrechen – dem Luftangriff auf Guernica fielen hunderte Zivilisten zum Opfer – sind bis heute ungesühnt. Aus dem anfangs eher sporadischen Zusammenspiel zwischen Francos Bodentruppen und deutschen Luftwaffenverbänden entwickelte sich ein strategisches Konzept, das für den weiteren Verlauf des Bürgerkrieges charakteristisch werden sollte. Die Republikaner wurden aus ihren Verteidigungsstellungen gebombt, die feindliche Infanterie rückte nach, während die sich zurückziehenden republikanischen Soldaten und die fliehende Zivilbevölkerung von deutschen Bomber- und Jagdstaffeln attackiert wurden. Nachdem der Vormarsch der franquistischen Truppen durch die zunehmende Gegenwehr der republikanischen Verbände zum Stehen gekommen war, konzentrierte sich die Legion Condor unter Führung des Generalmajors Hugo Sperrle und seines Stabschefs Wolfram von Richthofen auf die Erprobung neuer Waffensysteme und Luftkriegstechniken. Nach einer im Dezember 1936 begonnenen »Testreihe« wurden die durch die Bombenwirkung verursachten Schäden schriftlich wie photographisch dokumentiert. Bei einer solchen Bombardierung von Bujalance und Montoro starben am 14. Dezember 1936 etwa 100 Menschen; mehr als 200 Gebäude wurden zerstört.

Im Frühjahr 1937 befahl Franco angesichts der Misserfolge bei den Angriffen auf Madrid und auf Ratschlag der Legion-Condor-Führung den Angriff auf den militärisch schwachen, aber rohstoffreichen Norden Spaniens. Hier wurde das im Sommer 1936 erstmals erprobte strategische Konzept mit Erfolg angewendet. Die Stellungen der republikanischen Soldaten im baskischen Bergland wurden durch systematische Bombardements für einen anschließenden Angriff der Infanterie vorbereitet; das Gleiche galt für die baskischen Städte Ochandiano, Durango, Elorrio, Eibar oder Guernica, die an Knotenpunkten für den Nachschub lagen und für Straßen, auf denen Zivilisten und Soldaten vor dem nachrückenden Feind flohen.

Ein spanisches Verdun

Beim Angriff auf Guernica am 26. April 1937 wurde das Zusammenwirken von Bombern und Jägern sowie ein neues Bombenabwurfverfahren erprobt. Der britische Kriegsberichterstatter George L. Steer berichtete als erster über den Luftangriff: „Zuerst warfen kleine Gruppen von Flugzeugen schwere Bomben und Handgranaten über der ganzen Stadt ab, wobei sie sich hübsch ordentlich ein Gebiet nach dem anderen vornahmen. Dann kamen die Jagdflieger im Tiefflug und beschossen aus Maschinengewehren die, die in Panik aus den [bereits getroffenen] Bunkern rannten. … Das Ziel war es offenbar, die Bevölkerung wieder unter die Erde zu treiben, denn nun erschienen bis zu zwölf Bomber auf einmal und warfen schwere Bomben und Brandbomben, … um die Häuser zu zerstören und sie über den Opfern verbrennen zu lassen.“

Die Reihe der von der Legion Condor begangenen Kriegsverbrechen setzte sich bei den Kämpfen am Ebro-Bogen im Sommer 1938 sowie dem Dauerbombardement der katalanischen Hauptstadt Barcelona zwischen dem 21. und 25. Januar 1939 fort. Tausende Einwohner Barcelonas fielen den Luftangriffen und anschließenden Massakern der franquistischen Truppen zum Opfer. So flog auch die von dem Jagdflieger Werner Mölders befehligte Jagdstaffel in der Schlacht um den Ebro-Bogen zahlreiche Einsätze. Zehntausende Soldaten und Zivilisten starben im Laufe der sich bis in den November hinziehenden Kämpfe am Ebro, die allgemein als Verdun des Spanischen Bürgerkrieges bezeichnet werden. Angesichts der Luftüberlegenheit der auf Francos Seite kämpfenden Fliegerverbände scheint ein Eingreifen der Jagdstaffeln in den Bodenkampf, Angriffe auf Truppenverbände, Ortschaften und Zivilisten mehr als wahrscheinlich, zumal diese in Selbstzeugnissen Mölders bereits aus dem Mai 1938 nachgewiesen sind.

Ungeachtet dieser zahlreichen dokumentierten Kriegsverbrechen blieben die Einsätze der Legion Condor in der Bundesrepublik Deutschland vielfach Gegenstand unreflektierter Verehrung. Dies führte zu zahlreichen Benennungen sowohl außer- als auch innerhalb der Bundeswehr, unter anderem mit dem Traditionsnamen Mölders.

Einseitiges Geschichtsbild

Dieser Tradition setzte der damalige Verteidigungsminister Peter Struck (SPD) im Jahre 2005 mit der Umbenennung der nach dem Jagdflieger Werner Mölders benannten Bundeswehreinrichtung ein energisches und deutliches Ende. Grundlage für die Entfernung des belasteten Namens war ein Beschluss des Deutschen Bundestages vom 24. April 1998 sowie ein Gutachten des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes Potsdam aus dem Jahr 2004. Das Parlament hatte vor dem Hintergrund des 60. Jahrestages der Bombardierung der spanischen Stadt Guernica durch die Legion Condor entschieden, für Bundeswehreinrichtungen Namen der Angehörigen dieser Einheit nicht weiter zu verwenden. Bereits erfolgte Benennungen von Bundeswehreinrichtungen nach Mitgliedern der Legion Condor seien aufzuheben. Das Militärgeschichtliche Forschungsamt berücksichtigte in seinem Gutachten sowohl Mölders’ Rolle als Angehöriger der Legion Condor im Spanischen Bürgerkrieg als auch seine NS-konforme Haltung und sein Handeln im Sinne der Kriegsführungspolitik des Nazi-Regimes.

Trotz dieser eindeutigen Entscheidungen der militärischen wie auch politischen Führung zeigen sich die verbliebenen »Mölders-Anhänger«, unter ihnen ehemalige Generale der Bundeswehr, unverbesserlich. Kritiker der Mölders-Verehrung werden angegriffen, öffentlich diffamiert und mit Klagedrohungen unter Druck gesetzt. Bestärkt werden die »Mölders-Anhänger« unter anderem durch die Tatsache, dass der Legion Condor auch heute noch in der Öffentlichkeit ehrendes Andenken zuteil wird. Außer der Spanischen Allee in Berlin gibt es in zahlreichen deutschen Städten nach wie vor Möldersstraßen.

So konnten letztendlich die in den Jahren 1998 und 2005 auf Grundlage politischer Entscheidungen durchgeführten – längst fälligen – Korrekturen das einseitig geprägte Geschichtsbild über die Einsätze der Legion Condor wieder geraderücken, die Ehre der ­republikanischen Spanienkämpfer wiederherzustellen vermochten sie jedoch nicht. Jahrzehntelang mussten die deutschen Franco-Gegner in der Bundesrepublik um ihre An­erkennung kämpfen. Während in der DDR die Geschichte der Spanienkämpfer in die Tradition des antifaschistischen Widerstandes einbezogen wurde, stießen sie in der Bundesrepublik als „Bolschewisten und rote Söldner“ auf Ablehnung, zumal die Adenauer-Regierung zum Franco-Regime gute Beziehungen unterhielt. Erst 1972 wurden die ehemaligen Inter­brigadisten hinsichtlich ihrer Versorgungsansprüche den Condor-Legionären gleichgestellt.

Michael Berger ist Mitarbeiter am Militärgeschichtlichen Forschungsamt in Potsdam

05:00 10.06.2009

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