Die böse Berte

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Ich habe behauptet: Ich bin ein einziges Mal mit meinen Eltern im Kino gewesen, und zwar als meine Schwester, die damals noch auf der Schauspielschule war, ihre erste Filmrolle bekommen hatte. Ins Kino gehen meine Eltern nie, ins Theater dagegen regelmäßig, ins Landestheater meiner Heimatstadt. Als Abonnenten sind sie zu der Ansicht gelangt, dass die Schauspielerei ein ehrbarer Beruf sei, und ich glaube, sie erwarteten insgeheim tatsächlich, meine Schwester werde früher oder später als Bühnenstar wieder in unsere Heimatstadt zurück kehren, um am dortigen Landestheater die Hauptrollen zu spielen, das Gretchen, die Julia, die Antigone oder eine der drei Schwestern von Tschechow. Als meine Schwester im letzten Jahr ihrer Schauspielausbildung war, ging sie zu einigen Casting-Terminen und bekam schließlich ihre erste Filmrolle. Als der Film dann in unserer Stadt ins Kino kam, war meine Schwester schon nicht mehr auf der Schauspielschule und bemühte sich gerade um ihr erstes Engagement an einem Theater. Meine Eltern waren bitter enttäuscht darüber, dass sie es am Landestheater unserer Stadt gar nicht erst versucht hatte. "Bevor ich dort lande, mache ich lieber noch Kindertheater", hatte meine Schwester ihnen zu verstehen gegeben, und meine Eltern hatten dies als tiefe Beleidigung aufgefasst. Vielleicht hat es sie nun mit einer gewissen Genugtuung erfüllt, dass der erste Film, in dem meine Schwester eine Rolle bekommen hatte, und den sie sich jetzt mit mir in unserer Stadt ansehen würden, ausgerechnet ein Kinderfilm war.

Obwohl der Film in der Nachmittagsvorstellung lief, wollten meine Eltern nicht auf ihre Abendgarderobe verzichten, in der sie sonst nur ins Theater gehen. Es gehörte sich so, auch wenn es nur Kino war, nicht Theater, denn es ging um die eigene Tochter. Ich wies die Eltern vorsichtshalber darauf hin, dass ihr Aufzug als übertrieben erscheinen könnte, aber mein Vater erwiderte: "Mir ist egal, was die Leute denken."

Trotz des zweifellos unpassenden Auftretens meiner Eltern freute ich mich auf den Kinobesuch. Da meine Eltern grundsätzlich mit dem Auto in die Stadt fahren, waren wir gezwungen, in dem Parkhaus zu parken, in dem sie auch parken, wenn sie ins Theater gehen. Es gibt sogar einen Ausgang vom Parkhaus direkt ins Theater, und als wir an diesem vorbei dem Schild "Ausgang City" folgten, meinte ich an der Miene meiner Mutter ein kurzes Aufflackern der Erniedrigung zu sehen, die dieser ganze Auftritt in Wirklichkeit für sie bedeutete. Wäre es Abend gewesen, hätte man uns für Theaterbesucher halten können, und für einen Moment wurde mir klar, was es für meine Eltern bedeutet hätte, an diesem Tag ins Theater zu gehen, um ihre Tochter dort auf der Bühne zu sehen, als Antigone oder Julia. Die Vorstellung von dem Glück, das dies für meine Eltern bedeutet hätte, lastete schwer auf mir, und auch später im Verlaufe meiner eigenen unrühmlichen Versuche, es zu etwas zu bringen, war es nicht die Enttäuschung meiner Eltern, die als dumpfer Druck auf mir lastete, sondern die Vorstellung von dem Glück, das ich ihnen durch meine Durchschnittlichkeit vorenthielt. Als wir durch die Fußgängerzone gingen, steigerte sich meine Beklemmung, denn der Einkaufsrummel inmitten der trostlosen Hässlichkeit unserer Fußgängerzone machte jegliche Feierlichkeit zunichte und ließ meine Eltern in ihren Aufzügen geradezu trotzig erscheinen. Kräftigen Schrittes bahnte sich mein Vater einen Weg durch das Kaufgetümmel, entschlossen, wie ich jetzt dachte, die Sache hinter sich zu bringen, nicht etwa aus Vorfreude auf das bevorstehende Ereignis. Im Foyer des Kinos standen wir eingekeilt zwischen zwei Schulklassen. Während mein Vater loszog, um an der Kasse noch drei nebeneinander liegende Plätze zu bekommen, beobachtete meine Mutter, wie sich die Kinder mit Süßigkeiten eindeckten. Als ein kleiner Junge an uns vorbeiging, beide Arme voll Schokoriegel vor der Brust verschränkt, beugte sich meine Mutter zu ihm hinunter und ich dachte, sie würde ihm eine runterhauen. Aber sie streichelte ihm nur über die Backe und sagte: "Dass du nicht platzt."

"Freie Platzwahl!", meinte mein Vater, als er wieder zu uns trat und wedelte dabei spöttisch mit den Eintrittskarten. Er ließ den Blick über das Meer aus Kinderköpfen schweifen und nickte dreimal. Ich glaube, für ihn war die Sache in diesem Moment abgehakt. Dann öffneten sich die Saaltüren und der Einlass begann. Die Kinderschar fing an zu johlen und zu kreischen. Sie freuten sich. Sie kamen mir vor wie die Meute, die der Rattenfänger von Hameln in die Höhle lockt. Außer den beiden Lehrern schienen wir die einzigen Erwachsenen zu sein, und ich fragte mich, für welches Verbrechen unserer Stadtväter wir an diesem Nachmittag wohl die Zeche zahlen mussten. Wir konnten nur Gänseschrittchen machen und ließen uns mit den Kindern in den Saal schieben. Mein Vater rettete sich in die erstbeste Reihe, in die er hineinkam, und reservierte mir und meiner Mutter zwei Plätze, indem er einem Mädchen durch einen groben Wink zu verstehen gab, sie solle zwei Plätze aufrutschen. Dann saßen wir da und starrten auf den roten Samtvorhang und ein letztes Mal werden meine Eltern daran gedacht haben, wie schön es wäre, ihre Tochter auf der Bühne des Landestheaters zu sehen. "Fangen die hier nicht pünktlich an?", fragte mein Vater, als es nach seiner Uhr bereits drei Minuten über der Zeit war. Ich zuckte die Achseln und sagte: "Vielleicht sind die Schauspieler noch nicht alle da." Er lachte nicht. Dann gab es die Vorschau - zum Glück kurz wegen der Kinder - und dann ging es los.

An den Film erinnere ich mich kaum, außer, dass die Erzählerstimme die gleiche war, die ich aus meiner Kindheit von den Hörspielschallplatten kannte, eine sonore Stimme mit süddeutschem Akzent und großväterlichem Duktus. Mein Vater konnte süddeutschen Akzent nicht ausstehen. Ich sah, wie er sich krümmte in seinem Sitz.

Es dauerte etwa eine Stunde, bis meine Schwester ihren Auftritt hatte. Es war tatsächlich nur ein Auftritt, eine Szene, vielleicht zehn Sekunden, in der sie eine Schülerin spielt, die einer Klassenkameradin ein Buch aus der Hand reißt und dabei sagt: "Gib her, das ist meins!" Eine hässliche kleine Szene, meine Schwester darin ebenfalls hässlich zurecht gemacht als die böse Zicke. Als die Szene vorbei war, wusste ich, dass meine Schwester nicht noch einmal wiederkommen würde, und ich war froh darüber. Meine Mutter beugte sich zu mir und fragte: "War sie das?" Und ich sagte "Ja", und dann noch einmal "Ja", weil mir beim Flüstern die Stimme versagt hatte. Dann beugte sich meine Mutter zu meinem Vater, der ihr jedoch durch ein heftiges Kopfnicken zu verstehen gab, dass er Augen im Kopf habe und gesehen hatte, was es zu sehen gab. Dann starrten wir wieder auf die Leinwand, zutiefst erniedrigt, wie mir schien, durch diesen kurzen Auftritt meiner Schwester. Eine Rache, dachte ich damals, eine Rache an meinen Eltern für irgendetwas. Aber warum an mir?, dachte ich, und war tatsächlich wütend auf meine Schwester, dass sie mich in diese Lage gebracht hatte, neben Vater und Mutter, eingekeilt in eine flüsternde und knuspernde Kinderschar, das mit anzusehen.

Als der Film aus war, stand mein Vater sofort auf und ging ohne ein Wort hinaus. Meine Mutter wartete den Abspann ab, wartete auf den Namen ihrer Tochter, war ihr das schuldig, dachte sie wohl, dass sie ihr bis zum bitteren Ende beistehen würde, und musste dann auch noch erfahren, dass die Rolle meiner Schwester "die böse Berte" hieß. "Die böse Berte" murmelte meine Mutter kopfschüttelnd vor sich hin, als wir uns mit den Kindern wieder aus dem Saal schieben ließen. "Die böse Berte." Ich ging aufs Klo und traf dort auf meinen Vater. Ich stellte mich neben ihn. Wir pinkelten schweigend. Dann sahen wir uns an, und ich musste lachen. Meinem Vater gelang immerhin ein bitteres Schmunzeln. Er nickte ein paar Mal, wobei er sich im Rhythmus des Nickens abschüttelte. Aus dem Vorraum hörte ich dann, wie ihn ein anderer Mann ansprach, der ihn offenbar kannte und behauptete, er sei im gleichen Film gewesen. "Ah ja", meinte mein Vater nur, und ich hoffte, der andere, den ich nicht sehen konnte, würde nicht auf meine Schwester zu sprechen kommen. "Ganz lustig", meinte er nur, und mein Vater nuschelte irgendeine Verabschiedung.

"Die böse Berte" empfing uns die Mutter im Foyer, die böse Berte habe die Rolle geheißen. Mein Vater meinte: "Ist das so", und stürmte an ihr vorbei zum Ausgang. Ich blieb bei meiner Mutter stehen und war bereit, sie in den Arm zu nehmen und zu trösten. Sie sah auf ihre Schuhe, hob die Füße an und sagte: "Das klebt hier von dem ganzen Zucker."

In der Erinnerung hallt der Klang der Solo-Trompete und der eines Pferdes auf dem Holzpfad. Ganz für sich sind es Geräusche, die es auch damals gab, nur sind sie untergegangen im Lärm des Krieges, dessen Schlusswort heißt: "Ich habe es nicht gewollt."


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00:00 23.07.2004

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