Die braunen Gespenster

Ungarn Die Regierung von Viktor Orbán tut recht wenig, um einen mit der Wirtschaftskrise in der Gesellschaft wachsenden Antisemitismus einzudämmen
Miklos Horthy in voller Montur – Porträt aus seiner Zeit als Reichsverweser in den frühen vierziger Jahren
Miklos Horthy in voller Montur – Porträt aus seiner Zeit als Reichsverweser in den frühen vierziger Jahren

Foto: Attila Kisbenedek / AFP / Getty Images

Auf dem Budapester Jókai-Platz stehen junge Männer stramm, tragen das Rot-Weiß der Jobbik-Partei oder T-Shirts in den Nationalfarben. Vor ihnen auf der Bühne brüllt ein Redner ins Mikrofon: An der Wirtschaftskrise und den bitteren Sparmaßnahmen für den ungarischen Staat seien die Banken schuld und „diejenigen, die dahinter stecken“. Während der Normalbürger unter dem Joch „ausländischer Herrscher“ und „krimineller Zigeuner“ leide, toleriere die Fidesz-Regierung sogar eine Parade von Schwulen in der Hauptstadt.

Am letzten Wochenende im Juli lässt eine verschwenderische Sonne die Jugendstil-Fassaden am Andrássy-Boulevard glänzen. Passanten schlendern vorbei, ohne dass sie erkennbar stören würde, was sie da zu hören bekommen. Meetings der Ungarischen Garde, des paramilitärischen Arms der rechtsextremen Jobbik-Partei, zählen heute zum Alltag der Budapester Innenstadt. „Die Fidesz von Premier Orbán verfügt über eine Zwei-Drittel-Mehrheit im Parlament und könnte theoretisch versuchen, dem Einhalt zu gebieten“, meint der Politologe János Kis. „Praktisch tut sie gar nichts. Zwischen Fidesz und Jobbik sind die Grenzen fließend geworden.“

Im Mai wurde bekannt, dass ein Jobbik-Abgeordneter seine DNS von einem staatlich anerkannten Medizinlabor untersuchen ließ. Amtliches Ergebnis: Keine Spur von jüdischen oder Roma-Genen. Als ein rechtsradikales Nachrichtenportal dies als „Nachweis rassischer Reinheit“ veröffentlichte, war der Skandal perfekt und die Staatsanwaltschaft eingeschaltet. Die Leitung des Labors parierte mit der verblüffenden Mitteilung, „aus ethischen Gründen“ habe man den Untersuchungsauftrag nicht ablehnen können.

Rehabilitierung von Admiral Horthy

Zeitgleich häufen sich öffentliche Ehrungen für den einstigen Hitler-Verbündeten Miklós Horthy (1868 - 1957). Ihm zu Ehren werden in der Provinz Plätze umbenannt oder Gedenktafeln enthüllt. Als der Künstler Péter Dániel dagegen protestierte, indem er im Ort Kereki eine Horthy-Statue mit roter Farbe bestrich, reagierten Rechtsradikale sofort mit der Schändung des Raoul-Wallenberg-Denkmals in Budapest. „Wir haben diesen Horthy-Kult wiederholt verurteilt, aber das hilft wenig. Wir erwarten von der Regierung, dass sie endlich etwas unternimmt“, sagt Péter Feldmájer, Vorsitzender von MAZSIHISZ, des Verbandes der Jüdischen Gemeinden Ungarns. Doch er erwartet zu viel. Zwar distanziert sich Viktor Orbán regelmäßig von „Extremismus“ und „Exzessen“, möchte Horthy aber keineswegs als „Faschisten“ bezeichnen. Auch sei es legitim, Horthy-Denkmäler einzuweihen, wenn das die Mehrheit einer Gemeinde wünsche.

Da verwundert es wenig, wenn Parlamentspräsident László Kövér nicht nur Geschichte, sondern auch Architektur rehabilitieren will. Also soll der Budapester Kossuth-Platz wieder dem Aussehen von 1944 angeglichen werden. Ein Denkmal für den linksliberalen Politiker Mihály Károly, der 1918 als Ministerpräsident die erste ungarische Republik ausrief, wurde bereits entfernt. Eine Statue des progressiven Dichters Attila József dürfte folgen. Der Umbau beruft sich auf die Doktrin von Premier Orbán, wonach „jede Spur des Kommunismus“ gelöscht werden müsse. Immerhin gilt der Kossuth-Platz für Ungarn als ein symbolischer Ort, auf dem sich das Volk in dramatischen Momenten seiner Geschichte versammelt hat. Dort wurde 1956 gegen den Stalinismus und 1989 für Demokratie demonstriert. „Und ausgerechnet auf diesen Platz will Fidesz jetzt alle linksliberalen oder republikanischen Spuren tilgen. Das ist grober Geschichtsrevisionismus“, empört sich der Historiker János Kenedi.

Mit ihrer Mehrheit im Parlament strebt Fidesz nicht weniger als eine Neugründung von Staat und Gesellschaft an. Selbst der Name des Landes wurde durch die neue Verfassung geändert: Heute heißt es einfach Ungarn, das Wort Republik wurde gestrichen. Dass solcherart Willkür gegenüber der Geschichte dem Nationalismus, besonders aber dem Antisemitismus der Jobbik-Partei Vorschub leistet, wird als Kolleratalschaden in Kauf genommen.

Eine Diskussionsveranstaltung zum Thema von "Streitraum" an der Schaubühne Berlin:

Lajos Vilmos ist freier Autor in Budapest

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