Die Buddha-Magie

Indien Im kommunistisch regierten Bundesstaat Westbengalen wird das "chinesische Modell" hofiert. Ist Chefminister Bhattacharjee ein neuer Deng Xiaoping?

Die alte Garde ist verunsichert. Wohin steuert Westbengalen, das Bollwerk der indischen Sozialisten? Was plant die Führung der Kommunistischen Partei Indiens/Marxisten (CPM) nach dem Wahlsieg im Mai? Er bescherte der Linksdemokratischen Front (LDF) mit 233 von insgesamt 293 Sitzen im Parlament eine noch nie da gewesene Mehrheit (s. Freitag 20/06). Und warum hat Buddhadeb Bhattacharjee, der 61 Jahre alte CPM-Vorsitzende, bei seiner Amtseinführung als Chefminister mehr Industrielle aufs Podium geladen als verdienstvolle Parteiaktivisten? Was geht da vor?

Für das langjährige Politbüro-Mitglied Sitaram Yechury und für Brinda Karat, die Vorsitzende der CPM-Frauenvereinigung, steht außer Zweifel: Die Reformisten haben in Westbengalen die Partei gekapert. Auch V. R. Krishna Iyer, einst Justizminister im Bundesstaat Kerala und in den siebziger Jahren Richter am indischen Supreme Court, warnt, die Regierung von Westbengalen, seit 1977 von der Linken dominiert, "schwört zwar auf den Sozialismus, entscheidet sich aber im Zweifelsfall für die Kapitalisten". Dass ein Teil der Medien Bhattacharjee mittlerweile als Wiedergänger des chinesischen Reformers Deng Xiaoping feiern, hat die Skepsis der Parteilinken und vieler Führungskräfte im linken Gewerkschaftsbund CITU noch verstärkt. Vor wenigen Monaten erst hatten viele Gewerkschaften überall in Indien gegen das Vorhaben der Zentralregierung agitiert, die Flughäfen von Bombay und Delhi mit Hilfe internationaler Konsortien ausbauen zu lassen. Und was tut Bhattacharjee? Er hat bei der Zentralregierung eine ähnliche Modernisierung des Flughafens von Kalkutta beantragt.

Sicher ist nur: Die Zeiten, in denen rechte Parteien, große Konzerne und konservative Blätter gegen die "Überbleibsel des Kommunismus" in Westbengalen und in Kerala wetterten, sind vorbei. Erst kürzlich haben laut einer Umfrage der indischen Handelskammer 78 Prozent der westbengalischen Unternehmer erklärt, sie würden ganz auf Buddhadeb Bhattacharjee setzen. Der Chef der einst marxistisch-leninistisch ausgerichteten CPM sei um ein kapitalfreundliches Klima bemüht.

Kalkutta boomt

Einheimische Firmen wie auch multinationale Investoren haben sich offenbar arrangiert. In Westbengalen hat die CPM seit 1977 in 125 Wahlkreisen ihre Kandidaten stets durchgebracht - sie vermochte in sieben Wahlen fast die Hälfte aller Wahlkreise zu halten. Ein Ergebnis, das niemand ignorieren kann. Die westlichen Konzernchefs stören sich daher auch kaum an den politischen Statements von "Buddha", wie Bhattacharjee in Westbengalen genannt wird. Als kürzlich David Mulford, der amerikanische Botschafter in Indien, mit dem Abzug von US-Geldern drohte, empfahl ihm Bhattacharjee, das doch zu tun. Und setzte noch einen drauf: George Bush sei doch nur "der Führer der am besten organisierten Killerbande".

Dass in den Mai-Wahlen gleich 80 Prozent der Sitze an die von der CPM dominierte LDF gingen, hat eben auch mit deren pragmatischer Politik zu tun. Kalkutta zum Beispiel, die ehemalige Armenstadt Indiens, hat ihr Gesicht völlig verändert. Breite Zufahrtsstraßen, kühne Fly-Over, glitzernde Einkaufszentren, neue Hochhausquartiere und eine nach wie vor vitale Kultur prägen mittlerweile die westbengalische Metropole, die sich vor wenigen Jahren noch als "sterbender Moloch" stigmatisiert fand. Allein in den vergangenen fünf Jahren haben sich über 250 Unternehmen aus der Informationstechnologie - teilweise mit ihrem Hauptsitz, teilweise mit Tochterfirmen - in Kalkutta niedergelassen und 40.000 Stellen geschaffen. Diese Branche wächst in Westbengalen derzeit um unglaubliche 70 Prozent im Jahr - eine Quote, die deutlich über dem nationalen Durchschnitt liegt. Dazu haben sich ausländische Laden- und Fastfood-Ketten in Shopping Malls wie Forum, City Centre, 22 und Metro Plazaff eingerichtet. Nirgendwo sonst in Indien erzielt Music World, die größte CD-Kette des Landes, mehr Umsatz pro Quadratmeter - so stehen die Multis Schlange.

"Warum sollten wir uns gegen ausländische Konzerne wehren, wenn die hier Jobs schaffen?", fragt Bhattacharjee seine parteiinternen Kritiker und erinnert immer wieder daran, dass es "einen sozialistischen Staat in einer kapitalistischen Wirtschaft" nicht geben könne. Entscheidend seien die politischen Vorgaben. So entsteht derzeit am Rande von Kalkutta auf Basis einer sorgfältigen Planung die New Town Kolkata, die 750.000 Menschen Wohnraum bieten wird. In ihr sollen vor allem Slumbewohner untergebracht werden, die ihre Dörfer auf der Suche nach einem Job verlassen haben. Die Häuser dort werden nach ökologischen Grundsätzen errichtet; sie sind energiesparend konstruiert, die Kanalisation sammelt das Regenwasser.

Links für immer

Auf dem Land hat die CPM ohnehin keine Konkurrenz. "Ich habe den Linken so viel zu verdanken, dass ich bis zu meinem Lebensende für sie stimmen werde", sagt etwa Basu Mondal, der früher ohne Land war und jetzt in seinem Dorf Rajivpur einen halben Hektar bewirtschaftet. Nirgendwo sonst in Indien ist die gesetzlich vorgeschriebene Landreform so konsequent umgesetzt worden und nirgendwo sonst sind die Kommunisten so populär. Seit Ende der siebziger Jahre haben sie über 5.500 Quadratkilometer Latifundien enteignet und etwa 1,6 Millionen Bauern Pachtrechte verliehen, die sie aus der Knechtschaft befreiten. Knapp die Hälfte der Landbevölkerung hat von diesen Reformen direkt profitiert. Dazu kommen 350.000 Selbsthilfegruppen, in denen vorzugsweise Frauen ein eigenständiges Auskommen finden.

Die Transparenz bei Entscheidungen, die Nähe zur Basis (die weitgehende Mitbestimmungsrechte hat), der egalitäre Ansatz, die kontrollierte Öffnung nach außen, die Aufgeschlossenheit gegenüber moderner Technologie - all diese Faktoren prägen die Buddha-Magie, die besonders jüngere Parteimitglieder fasziniert. Diese wohl einzigartige Mischung ist es, die Westbengalen von China und Bhattacharjee von Deng Xiaoping unterscheidet. Sollte "Buddha" angesichts der Widersprüche, die sein Kurs aufwirft, den Investoren zu weit entgegen kommen, wird dies die CPM noch vor der nächsten Wahl spüren. Denn die Westbengalen verfügen - dank der CPM - nicht nur über einen vergleichsweise hohen Bildungsstand. Sie haben auch - ebenfalls dank der Kommunistischen Partei - gelernt, sich zu wehren.


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00:00 23.06.2006

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