Die Champagner-Königin

Kulturgeschichte Neugierig und hemdsärmelig kämpfte Barbe-Nicole an der Seite von François Clicquot für den Erfolg des Geschäfts – und stieg nach seinem Tod zur ersten Großunternehmerin Europas auf

Der Verlag zum Buch:

Die große Dame des Champagners - die Geschichte eines temperamentvollen Weins und einer einzigartigen Frau. Achtung: Berauschend!

"Veuve Clicquot" steht für Glamour, Stil und Luxus. Wer war die junge Witwe Clicquot, die mit ihrem Champagner die Höfe Frankreichs, Großbritanniens und Russlands in Hochstimmung versetzte und so zur ersten Großunternehmerin Europas aufstieg?

Während Europa noch unter den Folgen der Napoleonischen Kriege litt, setzte sich Barbe-Nicole Clicquot Ponsardin über die Konventionen ihrer Zeit hinweg und übernahm die Weinhandlung ihres früh verstorbenen Mannes. Die einfallsreiche, resolute Geschäftsfrau erfand neue Herstellungsverfahren, exportierte ihren Champagner weltweit und wurde eine der ersten großen Frauen der Wirtschaftsgeschichte. An einem Tag arrangierte sie heimliche und riskante Champagnerlieferungen nach Russland, an einem anderen plauderte sie mit Napoléon und Joséphine Bonaparte. Das Erbe der klugen und kühnen Unternehmerin lebt noch heute – nicht nur unter dem berühmten Label.


Leseprobe:

Auf welche Weise genau Barbe-Nicole, eine Frau, die für ein Leben in häuslicher Geborgenheit bestimmt war, die Grundlagen des Weingeschäfts erlernte, hat immer als großes Geheimnis gegolten. Denn eigentlich lebte sie in einem besonders ungünstigen historischen Augenblick. Ein Jahrhundert zuvor war es für Frauen aus der Mittelschicht keineswegs unmöglich gewesen, an der Leitung eines Familienunternehmens mitzuwirken. Die meisten Betriebe waren immer noch in Familienhand und wurden durch ein ausgedehntes Netzwerk enger Beziehungen geführt. Im Europa des 19. Jahrhunderts dagegen sorgten eine postrevolutionäre Warenkultur, das Aufkommen der internationalen Produktion und ein neues System moderner Gesetze – der Code Napoléon – im Zusammenspiel dafür, dass sich die Welt für Frauen deutlich verengte. „Bezeichnend für den Code Napoléon ist ein Vorurteil gegen Frauen in der Wirtschaft; er verwies sie auf ein ausschließlich der Reproduktion gewidmetes Leben“, hat die Historikerin Bonnie Smith geschrieben.

Doch der Code Napoléon war eine Schöpfung der ersten Jahre des neuen Jahrhunderts, und Barbe-Nicole, so könnte man meinen, hatte gerade noch rechtzeitig, im letztmöglichen Augenblick, ihr Leben als Gattin eines reichen Industriellen begonnen. Der Industrialismus bedeutete bereits, dass sich in den meisten Familien Ehefrauen und Töchter mit dem Bereich des Salons begnügen mussten. Barbe-Nicoles elegante Schwester Clémentine, die schon bald von vier Kindern in Beschlag genommen war – von ihrem Sohn Balsamie und drei Stiefkindern –, sollte diese neue Häuslichkeit verkörpern. Barbe-Nicole hingegen trat in die Fußstapfen einer verblassenden Geschäftstradition, nämlich des unternehmerischen Familienmodells, das sowohl sie als auch François als Kinder altmodischer Geschäftsleute kennengelernt hatten. Die unterschiedlichen Lebensverläufe der beiden Schwestern lassen erkennen, wie rasch sich die Welt veränderte. Wäre Barbe-Nicole modebewusster oder hübscher gewesen, wäre ihr Weg ihr möglicherweise als zu großes Opfer erschienen. Ihre Entscheidung muss sie gerade in diesen ersten Jahren des Häuslichkeitskults zur sozialen Exzentrikerin gestempelt haben. Ich möchte auch die Vermutung wagen, dass Barbe-Nicole, wenn François Brüder gehabt hätte – wenn da mehr als nur der eine Sohn gewesen wäre, der das Familienunternehmen weiterführen konnte, und wenn ihr Interesse nicht einen gewissen Nutzen gehabt hätte –, niemals die unsystematische Ausbildung in geschäftlichen Dingen hätte genießen dürfen, die ihr zuteil wurde...


© der deutschsprachigen Ausgabe 2009 by Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg


Aufgrund von Absprachen mit den Verlagen, die uns die Leseproben zur Verfügung stellen, können wir diese nur für eine begrenzte Zeit online stellen. Vielen Dank für Ihr Verständnis!

Buch der Woche: von Tilar J. Mazzeo

Aus dem Amerikanischen von Andreas Wirthensohn
Hoffmann und Campe
ISBN 978-3-455-50124-7
320 Seiten, 19,99

Tilar J. Mazzeo ist Kulturhistorikerin, Biographin und professionelle Feinschmeckerin. Sie lebt im kalifornischen Wine Country und in Maine, wo sie als Dozentin am Colby College arbeitet.
Andreas Wirthensohn, geboren 1967, lebt als freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker in München. Er übersetzte u. a. Bücher von Michael Hardt/Antonio Negri, Eva Illouz und Eric Hobsbawm.

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