Die Chiquititas werden sauer

Nicht in Berlin In Mexico City werden Frauen tagtäglich massiv begrapscht. Langsam beginnen sie, sich zu wehren
Corinna Ada Koch | Ausgabe 04/2016 8

Auch wenn es mir ein bisschen peinlich ist, damit anzufangen: Ich bin, glaube ich, nicht das, was man „eine klassische Schönheit“ nennt. Attraktiv eher auf die harmlose Art eines Funny Valentine als nach dem Modell von Russ Meyers Supervixen. Ehrlich gesagt, habe ich so konkret nie darüber nachgedacht – bis ich nach Mexico City kam und diese Blicke mich trafen: seltsam feindselige und doch gebeutelt wirkende der Frauen. Und die Männer scannten meinen Körper ab, meist begannen sie bei den Haaren.

Ich bin blond. Das macht mich in Mexiko zur wuerra. „Bitte wie, bitte was?“, fragte ich, als ich das zum ersten Mal hörte. Sprach man mich auf auf la guerra, den Krieg, an, und wenn ja, auf welchen? Nein, wuerra bedeutet so viel wie „das Blondie“, wurde mir erklärt. Seit drei Jahren pendle ich zwischen Berlin und Mexico City, und inzwischen weiß ich, dass „die Blondine“ in Mexiko das lebendige Sinnbild für den Reichtum und die Übermacht Nordamerikas ist. Seit Jahrhunderten läuft zwischen den USA und Mexiko ein reger Austausch: Billige Arbeitskräfte, Bodenschätze, gutes Essen und Drogen kommen aus dem Süden in den Norden. Umgekehrt sind amerikanische Ideale wie Freiheit, Selbstvertrauen und Wohlstand nach Mexiko gewandert. Gerade Letztgenanntes ist zu einem Fetisch für die mexikanische Gesellschaft geworden.

Das Sprachproblem

So werde ich also als Wohlstandsblondine bestaunt, es wird gelacht, gekeucht, gegrinst, wenn ich einen Bürgersteig entlanggehe. Autos mit männlichen Insassen halten abrupt am Straßenrand, aus dem Innern pfeift und johlt man mir entgegen. Oder ich werde von einem Fahrer geschnitten, während ich eine Kreuzung überquere, und aus dem heruntergekurbelten Fenster schallt, betont lässig, ein weiteres wuerrita – oder ein mamita, chiquitita, bonita, perrita oder sonst ein Wort, das mit ita endet, dem spanischen Diminutiv. Die Aggression, die da mitschwingt, wird von der grammatikalischen Verkleinerungsform nicht übertüncht, im Gegenteil.

Schon nach kurzer Zeit wird klar, dass diese Art des „Flirtens“ kein lockeres Spiel ist. Mexikanische Feministinnen prangern das seit vielen Jahren an. Auch für einheimische Frauen gilt: Nie schauen Männer, die sich so äußern, einer Frau ins Gesicht. Keine Chance, auf direkte Art zu kontern: „Ja, ich bin eine heiße Mutter. Schönen Tag noch, Junge.“

Während man die Blicke und die verbalen Anmachen gerade noch so ignorieren könnte – Kopfhörer einstöpseln, Augenkontakt mit Passanten vermeiden –, gibt es eine Sache, die eine Frau in Mexico City nicht so leicht ausblenden kann. 226 Kilometer umfasst das Liniennetz der U-Bahn, hinzu kommen Tausende von Bussen, auch hochmoderne Metrobusse. Mehr als 1,5 Millionen Passagiere sind damit täglich unterwegs, meist sitzen oder stehen sie – gezwungenermaßen – eng aneinandergedrängt. Begrapscht zu werden gehört so zum alltäglichen Programm der Frau.

Tortas heißen die dick belegten Brötchen, die es an jeder zweiten Ecke an Fressständen zu kaufen gibt. Tortas werden auch die Pobacken von Frauen genannt – und tortear heißt das Verb dazu: einer Frau an den Hintern fassen. Fast jede Frau, die ich hier kennenlerne, hat ihre eigenen Torta-Geschichten zu erzählen. Rosa zum Beispiel, 62 Jahre alt und von einer Krebserkrankung schwer gezeichnet. Sie erzählt, wie Männer in überfüllten Bussen ihr unter den Rock fassen und ihr zwischen die Beine greifen: .„Ich war wie versteinert. Ich konnte nichts machen, gar nichts.“

Kleine Siege

Langsam, aber sicher wächst jetzt der weibliche Widerstand in dem erzkatholischen Land. Ja, auch das kommt aus den USA über die Grenze: Bilder von starken, manchmal sogar richtig angriffslustigen Frauen wie Charlize Theron im Kinofilm Mad Max IV, Cate Blanchett in The Hunting Ground oder Daisy Ridley in Star Wars: Das Erwachen der Macht. Mexikanische Feministinnen wie die superkritische, politisch links stehende Starjournalistin Carmen Aristegui würden jetzt stolz ergänzen, dass auch das Land selbst ganz starke Frauenfiguren in seiner (Kultur-)Geschichte kennt: von den aztekischen Wahrsagerinnen über die Nonne Sor Juana de la Cruz, die sich im 17. Jahrhundert in ihrer Poesie als Lesbe outete, über die kommunistische Revolutionärin Tina Modotti bis zur radikalen Künstlerin Frida Kahlo.

Immerhin wird über das Torta-Problem heute öfter gesprochen als zu Zeiten, in denen die kresbskranke Rosa noch ein junges Mädchen war. Und inzwischen gibt es ausgewiesene Frauenabteile in Bussen und U-Bahnen. Trotzdem erlebe ich tagtäglich, wie Männer ausgerechnet dort einsteigen. Einem dieser Herren tippte ich einmal auf die Schulter: „Verzeihung, aber Sie sind hier falsch, das hier ist das Frauenabteil.“ Keine Reaktion. „Señor?“ Meine Stimme wurde schrill. Er reagierte immer noch nicht. „Würden Sie bitte in den hinteren Teil des Zugs gehen, hier ist kein Platz für Sie!“ Schließlich murmelte der Mann, ohne sich zu mir umzudrehen, was mich das denn angehe und dass er ja bald aussteigen würde.

„Das Mädchen hat recht, das hier ist das Frauenabteil“, hörte ich plötzlich hinter mir. „Treten Sie nach hinten durch!“ Meine Unterstützerin war eine chaparrita, eine kleinwüchsige Frau von Mitte 50. Ein junges Mädchen in Schuluniform stellte sich zu uns und deutete auf ein Piktogramm, das eine durchgestrichene Männerfigur zeigte: „Aber da steht’s doch!“ Dann stimmten weitere Frauen ein: „Sie sollten gefälligst Respekt zeigen!“ – „Jetzt machen Sie schon!“ – „Unverschämtheit!“ An der nächsten Haltestelle verzog sich der Mann endlich. Wir Frauen schauten uns zufrieden an, ein bisschen stolz natürlich auch, und für ein paar Momente war da ein Gefühl von Gemeinschaft im Abteil, bis sich eine nach der anderen abwendete und schließlich ausstieg. Um wieder allein zu sein mit dem alltäglichen mexikanischen Sexismus.

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06:00 01.02.2016

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