Die Community geht immer vor

Realitätscheck Der deutsche Sozialstaat bedient sich der Religion längst als „Schmierstoff der Solidarität“ – und ringt nun mit den Folgen
Die Community geht immer vor
Kirche zeigt Flagge: Hier in Hergatz-Itzlings im Westallgäu zur Fußball-EM
Foto: Tobias Kleinschmidt / AFP / Getty Images

Das Verhältnis von Staat und Religion ist in Deutschland nicht laizistisch, sondern pluralistisch organisiert. Das heißt, der weltanschaulich neutrale Staat darf keine Religionsgemeinschaft bevorzugen, sich eine zu eigen machen oder seinen Bürgern vorschreiben. Nach dem pluralistischen Modell muss sich der Staat aber auch nicht von religiösen Institutionen fernhalten oder diese bändigen. Er erkennt an und fördert, dass seinen Bürgern religiöse Identitäten wichtig sind. Wenn Jürgen Habermas nun vermutet, dass religiöse Traditionen selbst in säkularen Gesellschaften gebraucht werden, um die Solidarität aufrechtzuerhalten, dann nimmt er sich wohl diese Rollenverteilung von Staat und Kirchen in Deutschland als Vorbild. Die Frage ist freilich, ob das deutsche Sozialstaatsmodell in dieser Hinsicht wirklich als Ideal taugt.

Direkte Hilfe gibt’s hier nicht

Das meiste Geld an die Religionsgemeinschaften wird von staatlichen Stellen zur Refinanzierung sozialer Dienstleistungen gezahlt. Sechs Spitzenverbände der freien Wohlfahrtspflege haben sich etabliert, drei religiöse und drei konfessionsfreie. Deren Mitgliedsorganisationen erhalten nach eigenen Angaben etwa 98 Prozent der Refinanzierungsmittel, die für gemeinnützig organisierte soziale Arbeit ausgezahlt werden. Die beiden kirchlichen Wohlfahrtsverbände Caritas und Diakonie sind mit Abstand die beiden größten Verbände.

Dieses Modell der freien Wohlfahrtspflege ist vom Gedanken der Subsidiarität inspiriert: Zuerst soll die Community des Einzelnen helfen, bevor die nächsthöhere Einheit, der Staat, eingreift. Und so hilft der deutsche Staat oftmals nicht direkt, sondern finanziert stattdessen Einrichtungen der Wohlfahrtsverbände.

Nun lässt sich bei abnehmender Religiosität der Bevölkerung und zunehmender Professionalität sozialer Dienste fragen, ob kirchliche Einrichtungen von vielen überhaupt noch als Einrichtungen ihrer Community wahrgenommen werden. Die „Gemeindeschwester“, die die alten Menschen einer lokalen Kirchengemeinde betreute, füllte die Vorstellung einer ortsnahen Hilfe noch mit Leben. Inzwischen aber ist die Schwester längst durch mobile Pflegedienste ersetzt, die von alten Menschen als deren Kunden frei ausgewählt werden. Immerhin: Dass man zwischen Anbietern unterschiedlicher Traditionen wählen kann, ist ein Gewinn an Vielfalt.

Folgt man Habermas, dann legen die Umbrüche in der Milieubindung der Bevölkerung aber zumindest nahe, dass die sechs großen Spitzenverbände nicht das letzte Wort bleiben können. Neue, vielleicht vitalere Gemeinschaften, müssten an diesem System teilnehmen können. Konkret betrifft das derzeit die muslimischen Gemeinden. Sie bieten eine Vielzahl sozialer Dienste an, wie eine Studie des Zentrums für Türkeistudien und Integrationsforschung (pdf-Version hier) kürzlich festgestellt hat: Hausaufgabenhilfe etwa, Sprachkurse und Integrationshilfen.

Allerdings hätten erst 15 Prozent der Gemeinden für ihre Projekte öffentliche Fördermittel bekommen. Dirk Halm, einer der Autoren der Studie, führt dies auf den geringen Professionalisierungsgrad zurück. Die meisten Angebote durch Moscheegemeinden würden Ehrenamtler leisten – von denen man kaum erwarten könne, dass sie wüssten, wo und wie man öffentliche Gelder akquiriere.

Von daher bekommen die immer wiederkehrenden Rufe nach einem muslimischen Wohlfahrtsverband, der den einzelnen Initiativen ein professionelles Umfeld bietet, hohe Plausibilität. Das System der Subsidiarität verlangt ja gerade danach, dass Hilfe für Migranten nicht durch Agenturen fremder Communitys, sondern durch solche der eigenen geleitet werden. Wobei man gleich hinzusetzen muss, dass ja nicht alle Migranten die religiöse Community als die ihre ansehen. Sie bleiben an die konfessionslosen Verbände Arbeiterwohlfahrt, Deutsches Rotes Kreuz und den Paritätischen verwiesen.

Verdünnte Religion wirkt

Und dann sind da noch die sogenannten Staatsdotationen, die den Kirchen von Bund und Ländern zufließen, im wesentlichen als Entschädigung für die Enteignung von Kirchenbesitz zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Eine Summe, die sich laut Spiegel im Jahr 2010 auf 193 Millionen für die katholische Kirche und 266 Millionen für die evangelischen Kirchen belief. Mit diesem Geld werden jedes Jahr Kirchenpersonal und Gebäude direkt vom Staat bezuschusst.

Zu versuchen, mit Habermas’ Thesen für den Erhalt dieser Zahlungen einzutreten, wäre recht kühn. Schließlich kann man gut vertreten, dass die Verluste von vor 200 Jahren inzwischen abgegolten sind, und dass solche Zahlungen für den Erhalt einer solidarischen Gesellschaft nun wahrlich nicht notwendig sind. Natürlich bleibt das Problem, dass die Politik sich oftmals durch Staatsverträge zu diesen Zahlungen verpflichtet hat – und umsonst geben die Kirchen ihre Privilegien nicht auf.

Die Tatsache, dass dieses Thema immer wieder schnell verschwindet, sobald es aufkommt, hängt sicher auch damit zusammen, dass es sich keine große Partei mit den Kirchen verderben will. Die Angst vor einem Kulturkampf aber weist daraufhin, dass die Kirchen vielleicht doch noch einen guten Teil der Bevölkerung hinter sich scharen können. Und womöglich hat Habermas da mehr erkannt, als es seinen Kritikern auf den ersten Blick scheint: Nicht nur die gelehrten religiösen Traditionen, auch die inzwischen massiv verdünnte religiöse Praxis bleibt eine Größe, mit der man zumindest rechnen muss.

Christoph Fleischmann lebt in Köln und beschäftigt sich als Journalist mit den Themen Religion und Wirtschaft.

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