Die Damen von heute

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Eigentlich bange ich tagsüber meinen Jahresanfangsdepressionen entgegen, muss aber verblüfft feststellen, dass sie sich bisher entschieden weigern, in ihre Rechte zu treten. Vielmehr haben sie einer leichten Verstörtheit Platz gelassen.

Früh fing es damit an, dass ich im SB Center auf meine alte Jugendliebe, Sylvia D., gestoßen war. Oh, ich kann Ihnen sagen, also, sie war, na gut, davon lieber später vielleicht mal. Jedenfalls sind ihre einstigen Traummaße doch zu recht stattlichen Zahlenwerten aufgequollen, und ihre Zahnreihen stiften im Gemüt eines neutralen Betrachters größte Verwirrung. Sylvia ist jetzt an der Leergutannahme und ein, wenn auch trauriger Grund mehr, nicht mehr im SB einzukaufen. Gibt genügend andere. Märkte.

Zum Beispiel den extra. Die Kassiererin im extra ruft mir in ebenso emotions- wie interpunktionsloser Diktion zu: "Wenn alle so wären wie Sie dann tätes hier richtig Spaß machen!" Die Nachbarkassiererin bestätigt wortreich.

Im Plus spricht die Gemüsefrau: "Den Blumenkohl mach' ich Ihnen mal eine Mark billiger." Die in der Backwarenabteilung (die mit den riesengroßen Klunkern) muss sich in meinem Beisein erst einmal hinsetzen und beginnt versonnen in ihrer Jugendzeit nachzukramen. Ihr sonst eher hermetischer Blick spricht Bände.

Im Spar kommt der Azubi herzugepest und händigt mir im Auftrag der umsichtigen Kollegin ("die dahinten") einen Korb aus, weil es nun doch mehr geworden ist, als ich ursprünglich (Flasche Wein) kaufen wollte.

Zu Mittag, am Fahrkartenschalter eines bundesweiten Beförderungsunternehmens, bekomme ich von der blinzelnden Schalterdame zugepiepst, ich könne im Zug lösen und werde auch mit einem "Tschühüs" in Richtung Bahnsteig entlassen. In der Bahn nach P. stuft die Zugbegleitpersonalrätin meinen Fahrkartenwunsch jedoch unter Kulanz ein ("das gilt auch für die Rückfahrt") und schließt die Abteiltür schmunzelnd wieder von außen.

Im Bioladen erfahre ich die neuesten Beziehungsprobleme der Verkäuferin (die mit der Wagenknecht-Frisur) und werde um seelsorgerischen Rat ersucht. Die so schon überaus freundliche Buchhändlerin stapelt meine Bücher auf einmal direkt neben der Kasse und lädt mich für demnächst auf einen Kaffee ein. Na klar, ich könne sogar Tee haben.

Auf dem Weg nach Hause fix in den Copyshop. Die adrette Vierzigerin (heute im Countrylook) fragt, was sie "sonst noch so" für mich tun könne und winkt mir ein "bald wieder" hinterher.

Selbst meine, das muss man jetzt wirklich mal so sagen, ganz schön violent disponierte Nachbarin, die ihrem Automobil alle nur erdenklichen Waghalsigkeiten abverlangt, scheint heute völlig anderen Sinnes. Anstatt mich, wie sonst, einfach samt Fahrrad über den Haufen zu fahren, gewährt sie mir nichts, dir nichts Vorfahrt. Und abends, am Altpapieriglu, zettelt sie sogar ein Gespräch an, das allen Anstand und jegliche Contenance weiträumig umschifft. Ein besonders guter Tropfen warte schon seit langem ...

Kann mir jetzt vielleicht mal einer sagen, was heute eigentlich los ist?

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00:00 21.01.2000

Ausgabe 41/2021

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