Putin und das deutsche Windrad

Sanktionen Für Deutschlands Energiewende aber wäre ein Lieferstopp von russischen Metallen folgenschwer

Seit dem Beginn des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine steht die Verringerung der Abhängigkeit von russischen Exporten fossiler Rohstoffe wie Gas und Öl im Zentrum der Klima- und Versorgungssicherheitsdiskussion in Deutschland und der EU. Dabei wird oft aus dem Blick verloren, dass Russland auch ein wichtiger Lieferant von metallischen Rohstoffen wie Nickel, Titan oder Aluminium ist. Noch sind letztere zwar nicht von Sanktionen betroffen, trotzdem sind die Preise seit Beginn des Krieges stark angestiegen.

Diese Metalle sind von zentraler Bedeutung, um die Energiewende in der EU umzusetzen und somit auch die Abhängigkeit der EU von fossilen Energien zeitnah zu verringern: Sie werden für Solaranlagen gebraucht, in Windturbinen und in Batterien für Elektrofahrzeuge. Die Lage scheint paradox: Wir benötigen russische Metalle, um von russischem Öl und Gas unabhängig zu werden.

Kurz- und mittelfristig könnten mögliche Lieferengpässe durch eine Umstellung auf Lieferanten aus anderen Ländern zwar aufgefangen werden. Genau wie bei der Diversifizierung bei fossilen Brennstoffen aber ergibt sich auch bei der Suche nach alternativen Metall-Lieferanten das Problem, dass nun möglicherweise nur eine Abhängigkeit durch eine andere ersetzt wird. Oder dass nun Exportländer zum Zug kommen, in denen es ebenfalls massive Probleme in Sachen Menschenrechtsverletzungen und Umweltschutz gibt. Zumal das russische Beispiel zeigt, dass die Menschenrechtslage eines Landes in Lieferbeziehungen bislang nicht ausreichend Beachtung findet.

Russland zählt zu den weltweit größten Exporteuren metallischer Rohstoffe, darunter Vanadium, Palladium, Aluminium, Nickel und Titan. Viele davon spielen auch für die Herstellung von Hightech-Produkten im Energie- und Digitalsektor eine Rolle und sind somit unumgänglich für die Energiewende und die Digitalisierung. Beispielsweise ist Nickel ein zentraler Bestandteil von Lithium-Ionen-Batterien. Mit dem Umstieg auf erneuerbare Energien geht der notwendige Ausbau des Stromnetzes einher, wofür große Mengen an Aluminium benötigt werden. Titan findet hingegen Anwendung in der Geothermie – eine Methode zur CO₂-armen Energieproduktion, die von der Ampel-Regierung laut Koalitionsvertrag in den nächsten Jahren gezielt gefördert werden soll.

Die Autoindustrie bangt

Ein Lieferstopp metallischer Rohstoffe würde Auswirkungen sowohl auf die russische als auch die deutsche Wirtschaft mit sich bringen. Die russische Metall- und Edelsteinproduktion macht etwa zehn Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung des Landes aus und erreichte in den vergangenen Jahren ein Exportvolumen von rund 65 Milliarden US-Dollar. Allein auf die EU, Großbritannien und die USA entfallen rund 56 Prozent der Metallimporte aus Russland. Ob Russland seine Exporte diversifizieren kann, hängt vor allem auch von den Reaktionen seiner bisherigen Handelspartner ab. Staaten wie Japan oder Südkorea haben bereits ebenfalls Sanktionen gegen Russland verhängt und könnten daher den Ausfall nicht kompensieren. Ungeklärt ist derzeit noch, welche Rolle China dabei einnehmen wird.

Auf deutscher Seite wird befürchtet, dass es im Falle eines Lieferstopps von metallischen Rohstoffen aus Russland zu Engpässen kommen könnte – mit weitreichenden Folgen für die Energiewende. Akut betroffen wären die Stahlindustrie und die Automobilbranche, die beide vor allem auf Nickel, Aluminium und Titan aus Russland angewiesen sind. Deutschland bezog bisher 44 Prozent seiner Importe an raffiniertem Nickel und 17 Prozent an Aluminium aus Russland. Selbst wenn deutsche Firmen die Primärrohstoffe nicht direkt aus Russland beziehen, könnten Unterbrechungen in vorgelagerten Produktionsstufen der Lieferkette am Ende doch zu Engpässen führen.

Bei Titan, welches auch für die Produktion von grünem Wasserstoff eingesetzt wird, kommen je nach Verarbeitungsgrad 33 bis 41 Prozent der deutschen Importe aus Russland. Laut dem Luftfahrtkonzern Airbus wurden in der Titanbeschaffungspolitik geopolitische Risiken schon so mit einkalkuliert, dass durch entsprechende Lagerhaltung auch kurz- und mittelfristige Ausfälle überbrückt werden können.

Anders sieht es bei der Nickelbeschaffung aus. Aufgrund der hohen Abhängigkeit von Russland wird die Umstellung der Nickellieferkette um einiges länger dauern. Dadurch könnte nicht nur die Stahlindustrie, auf die bis zu 80 Prozent des Nickelbedarfs entfallen, in Bedrängnis kommen. Ein Lieferstopp würde auch die Verkehrs- und Energiewende, für die Nickel inzwischen zum Schlüsselrohstoff geworden ist, verzögern. Sicher ist, dass sich die Industrie auf deutlich höhere Preise auch bei metallischen Rohstoffen einstellen muss. Seit Ausbruch des Konflikts hat sowohl der Preis für Aluminium als auch für Nickel neue Rekordhöhen erreicht. Anfang März wurde der Handel mit Nickel an der Londoner Rohstoffbörse zeitweilig sogar ganz eingestellt, nachdem sich der Preis schlagartig um 250 Prozent erhöht hatte.

Grundsätzlich ist es bei Metallen schwierig, Abbaukapazitäten kurzfristig zu erhöhen, da die Erschließung neuer Projekte besonders langwierig ist. Die Internationale Energieagentur (IEA) schätzt den durchschnittlichen Zeitraum von der Rohstoffexploration bis zum Abbaustart auf über 16 Jahre, wovon der Aufbau von Infrastruktur inklusive Planung im Schnitt schon 4,4 Jahre benötigt. Beschleunigt man diese Verfahren – beispielsweise indem Firmen Konzessionen, die sie bereits erhalten haben, nutzen, um Projekte schneller voranzutreiben – oder erhöhen Bergbauunternehmen kurzfristig ihre Produktionskapazitäten, kann dies zu menschenrechtlichen Risiken vor Ort führen. Hierzu gehören zum Beispiel das Vernachlässigen des Arbeitsschutzes oder die fehlende Einhaltung von Umwelt- und Sozialstandards. Auch bei einer Diversifizierung der Nickelimporte bestehen solche Risiken.

Weltweit liegen Indonesien und die Philippinen als wichtigste Abbauländer von Nickel noch vor Russland. Bei der Verarbeitung des Metalls besetzt China den Spitzenplatz, dicht gefolgt von Indonesien. Indonesien investierte in den vergangenen Jahren stark in den Aufbau der metallverarbeitenden Industrie. Dadurch wird das Land künftig zu einem wichtigen Handelspartner für hochwertige Nickelprodukte. Dies ist auch von Bedeutung für die Elektromobilität – die Deutsche Rohstoffagentur schreibt Indonesien gar eine Schlüsselrolle in der Batterieherstellung zu.

Alternative Indonesien

Mit Blick auf diese Länder ist jedoch schon lange bekannt, dass es entlang der Nickellieferkette regelmäßig zu Verstößen gegen Menschenrechte und zur Zerstörung der Umwelt kommt: Gesundheitsrisiken für Beschäftigte sowie angrenzende Gemeinden, Verunreinigung von Trinkwasser oder (Zwangs-)Umsiedlungen von Dörfern, die neuen Nickelminen weichen müssen. Ein weiteres Problem stellt auch die Freisetzung von sauren Grubenabwässern dar, die Boden und Wasser verunreinigen. Das führt zu negativen Auswirkungen auf Flora und Fauna und damit auf die landwirtschaftliche Produktion. Laut der internationalen Nichtregierungsorganisation Global Witness kommt es in Indonesien wie auf den Philippinen regelmäßig zu Einschüchterungen wie Bedrohungen von und Morden an Umweltaktivisten und -aktivistinnen, wodurch Protest gegen Bergbauprojekte besonders gefährlich wird.

Das Beispiel der Nickellieferkette verdeutlicht das Risiko, welches eine schnelle Diversifizierung der Lieferkette metallischer Rohstoffe jenseits von Russland mit sich brächte. Deutschland und die Europäische Union sollten daher vermeiden, dass die Abkehr von rohstoffreichen Staaten wie Russland Risiken für die Einhaltung von Menschenrechten in anderen Ländern befördert. Das gilt insbesondere vor dem Hintergrund der Energiewende – die zwar als Schlüssel zur Unabhängigkeit von Öl- und Gasimporten gehandelt wird, gleichzeitig jedoch einen höheren Metallverbrauch und somit neue Abhängigkeiten mit sich bringt. Langfristig können eine Ausweitung von Lagerhaltung, der Ausbau von heimischen Rohstoffquellen, die Förderung von Kreislaufwirtschaft und eine Reduzierung des allgemeinen Verbrauchs zwar Möglichkeiten sein, um Abhängigkeiten bei der Versorgung von Metallen zu verringern. Kurz- und mittelfristig ist die Diversifizierung der Lieferkette aber der notwendige Schritt.

Dabei ist es wichtig, Nachhaltigkeit und Resilienz in Lieferketten auch in diesem Fall zusammenzudenken und bei einer solchen Diversifizierung der Lieferbeziehungen mit im Blick zu behalten. Bei der Auswahl alternativer Rohstoffpartner gilt es, eine Balance zwischen der Sicherstellung der Versorgung und der Gewährleistung von Menschenrechten sowie dem Schutz der Umwelt zu finden.

Andererseits muss menschenrechtlichen und umweltbezogenen Sorgfaltspflichten in der Beschaffung von Rohstoffen hohe Priorität eingeräumt werden. Die Verabschiedung eines europäischen Lieferkettengesetzes, dessen Entwurf die Kommission im Februar vorgestellt hat, ist dafür ein wichtiges Instrument. Dieser Ansatz – ebenso wie die Umsetzung des deutschen Lieferkettensorgfaltspflichtengesetzes ab 2023 – darf angesichts der Sorge vor Versorgungsengpässen nun nicht in den Hintergrund rücken. Im Gegenteil: Das russische Beispiel verdeutlicht abermals die Notwendigkeit der Integration menschenrechtlicher Sorgfaltspflichten in Lieferbeziehungen.

Melanie Müller leitet das Forschungsprojekt Transnationale Governance-Ansätze für nachhaltige Rohstofflieferketten der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP).

Inga Carry ist Forschungsassistentin im Netzwerk Nachhaltige Globale Lieferketten der SWP.

Viktoria Reisch ist Forschungsassistentin im Projekt Transnationale Governance-Ansätze für nachhaltige Rohstofflieferketten der SWP

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