Die Deutschen als Makler

Deutsche Außenpolitik Bonner Afghanistan-Konferenz 2001 - Berliner Kongokonferenz 1884/85: Über Fischer und Bismarck und die Kosten des "Dabeiseinwollens"

Seit geraumer Zeit folgt die deutsche Politik von der regierenden Mitte bis zum rechten Rand dem Motto: "Dabeisein um jeden Preis". Elementare Fragen nach dem Wo, dem Warum und dem Wozu bleiben zunächst unbeantwortet und sollen sich offenbar während des "Dabeiseins" von selbst klären. Historische Analogien stimmen nie vollkommen. Aber noch die schiefste vermag wenigstens eines - sie kann zum Nachdenken anregen über Risiken, Implikationen und Folgen des "Dabeiseinwollens".

Für ein paar Flinten

Eine der Vorgeschichten des heutigen Präsenzdrangs verlief so: Bismarcks Deutschland wollte nach vollzogener Reichsgründung endlich an der Aufteilung der Restwelt teilhaben - vorzugsweise beim beliebten Flaggenhissen in Afrika. Wo immer ein Stück "herrenloses", das heißt, noch nicht von anderen Kolonialmächten beanspruchtes Land entdeckt wurde, waren mehr oder weniger verdeckte Kaufleute oder Abenteurer unterwegs. Besonders komfortabel schien Bismarck die Lage, als sich zwischen 1880 und 1885 England, Frankreich und Russland in mediterranen Breiten um die Konkursmasse des Osmanischen Reiches balgten. Im April 1884 "erwarb" ein Bremer Großkaufmann einige Gebiete in Südwestafrika. Klammheimlich, aber mit voller Rückendeckung durch den Kanzler in Berlin, zog der Afrika-"Forscher" Gustav Nachtigall im Juli 1884 in Togo und Kamerun (Südwestafrika) die deutsche Flagge hoch. Drei Monate später schloss der berüchtigte Abenteurer Karl Peters mit Eingeborenen einen "Vertrag", der ihm weite Gebiete Ostafrikas zugestand - "für ein paar Flinten mit einigen Negerkreuzen", wie Otto von Bismarck spottete. Aus Berlin gab es für diese Erwerbungen "kaiserliche Schutzbriefe".

Das muntere Treiben des ambitionierten Newcomers ärgerte freilich die britische Regierung, die gerade dabei war, das Kongobecken unter ihre Kontrolle zu bringen, um die, angeblich philanthropischen Zwecken dienende Privatkolonie des belgischen Königs Leopold II. zu überwachen. Nachdem der deutsche Besitzstand gesichert war, lud Bismarck nach langen Vorverhandlungen 15 europäische Staaten für den 15. November 1884 zur "Kongokonferenz" nach Berlin. Frankreich und dem Deutschen Reich ging es vor allem darum, die weltweite britische Vorherrschaft zu durchbrechen. Bismarck verfolgte auf dem Kongress nicht das illusorische Ziel einer neuen Landverteilung, sondern die aussichtsreichere Politik der "offenen Tür". Afrika sollte Freihandelszone werden und damit allen Kolonialmächten gleiche Chancen einräumen. Am Ende der Konferenz - man schrieb den 26. Februar 1885 - standen der Grundsatz der Handelsfreiheit, die Freiheit der Schifffahrt auf dem Niger und Kongo sowie das Verbot des Sklavenhandels in der Schlussakte. Von dieser Sanktion abgesehen, blieb das alles papierene "Realpolitik", mit der sich imperiale Interessen notdürftig drapierten. "National" unterlegte ökonomische und militärische Ansprüche der Kolonialmächte zersetzten den diplomatischen Formelkram, bevor die Tinte unter dem Schlusspapier trocken war. War die Berliner Kongokonferenz ein Sieg für Bismarck und seinen Willen zum kolonialen Dabeiseinwollen? Innenpolitisch nutzte dem Kanzler der "Kolonialschwindel" (so Friedrich Engels Ende 1884) für die Reichstagswahl, die praktisch mit der Eröffnung der Kongokonferenz zusammenfiel und ihm ein günstiges Resultat bescherte.

Die von Bismarck inaugurierte Großmachtpolitik des Dabeiseins führte geradewegs in die Katastrophe von 1914. Engels konnte das nicht voraussehen, doch er warnte schon 1884 vor den "nur langsam sich realisierenden, aber auch horrend schweren Unkosten" dieses "Dabeiseinwollens". Erst mit dem "Kolonialrausch", der 1884 in großen Teilen der deutschen Bevölkerung ausbrach und von der Regierung und ihrer Presse kräftig befördert wurde, formierte sich der radikale deutsche Nationalismus. Jetzt begann das sich ständig selbst überbietende Gerede von "deutscher Großmacht", "deutscher Welt-Hegemonie" und "deutscher Weltmacht". Fungierte Frankreich längst als "Erbfeind" - so richtete sich der deutsche Nationalismus ab jetzt ebenso gezielt gegen England und seine Dominanz auf dem Weltmarkt wie gegen Russlands Ansprüche auf dem Balkan. Der deutsche Drang, weltpolitisch mitzumischen, hat die Konkurrenz unter den imperialistischen Mächten nicht erzeugt, aber unerhört verschärft und eine mörderische Eigendynamik nationalistischer Politik entfesselt, die bald nicht mehr kontrollierbar war. Bereits am 15. Oktober 1885 erkannte die Frankfurter Zeitung in der Kolonialpolitik "ein Mittel nationaler Selbstberauschung" - und mit dem Regierungsantritt von Wilhelm II. 1888 wurde dessen "Weltpolitik" zum Verstärker globaler Konkurrenz und zum Treibsatz für den Weltkrieg.

Wieder einmal Neuordnung

Joschka Fischer ist nicht Bismarck und die Bonner Afghanistan-Runde nicht die Kongokonferenz. Aber dennoch kann die neueste Drehung beim deutschen Drang nach weltpolitischem Dabeisein Prozesse auslösen, die noch im Dunkeln liegen. Wenn die FAZ neuerdings "die Deutschen als Makler" (22. November 2001) für "eine Neuordnung" in Afghanistan in Stellung bringt und sich dabei darauf beruft, dass Wilhelm II. schon während des Ersten Weltkriegs mit Afghanistan zusammengearbeitet habe, um eine "gemeinsame Front gegen Großbritannien zu schmieden", darf man auf die rot-grüne Übersetzung dieses hybriden Satzes schon einmal gespannt sein. Beim Neuordnen von Afghanistan haben sich schon andere überhoben. Die Einhelligkeit, mit der das neueste BVG-Urteil, das die parlamentarischen Rechte in der Sicherheitspolitik verkleinert, begrüßt wurde, ist ein Vorzeichen dafür, was zum Thema "neue internationale Verantwortung" und "weltpolitisches Krisenmanagement" noch zu erwarten ist. Die FAZ konstatierte Anfang 1993 bei den "Deutschen ein gebrochenes Verhältnis zum Militärischen". Die rot-grüne Regierung möchte das offenkundig ändern.

Die Gefahr, dass die heutige Kriegsallianz mit jedem Schritt, den sie unternimmt, immer tiefer im Sumpf versinkt, den sie trocken legen möchte, ist größer als die Chance, Frieden zu stiften. Was Afghanistan mit dem ursprünglichen Kriegsziel - Zerschlagung der wirklichen Zentren terroristischer Gruppierungen - zu tun hat, ist bis heute eine völlig offene Frage geblieben.

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00:00 30.11.2001

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