Die Deutschen bezahlten zuerst

Im Gespräch Der griechische Journalist Aris Chatzistefanou über seinen Dokumentarfilm „Debtocracy“ und das Verlangen nach Schulden-Transparenz

Der Freitag: Der Titel Ihres Films „Debtocracy “ ist eine Wortschöpfung. Was meinen Sie damit?

Aris Chatzistefanou: Auf Griechenland bezogen heißt das, ein Land gibt seine Souveränität auf. Eine Regierung bricht das Grundgesetz, um Kürzungsmaßnahmen durchzusetzen, und die Repression hat Ausmaße erreicht, wie man sie nur aus Ländern im Ausnahmezustand kennt. Sie brauchen nur an die Brutalität der Polizei auf den jüngsten Demonstrationen zu denken: Beim Generalstreik am 11. Mai wurden 30 Personen mit schweren Verletzungen ins Hospital eingeliefert – eine Demonstrant entkam nur knapp dem Tod. Griechenland ist in dieser Hinsicht kein demokratisches, europäisches Land mehr. Sogar Amnesty International ist mittlerweile darauf aufmerksam geworden.

Es ist jetzt ein Jahr seit Vergabe der Griechenlandkredite vergangenen – welche Bilanz ziehen Sie?

Die Konsequenzen sind drastisch. Die Schulden wachsen in einem noch schnelleren Tempo. Was unternommen wird, sie abzubauen, zerstört jede Hoffnung auf Erholung. Allein die Tatsache, dass Menschenrechtler aus dem subsaharischen Afrika inzwischen nach Athen kommen, um die Auswirkungen der IWF-Intervention auf unsere Bevölkerung zu studieren, charakterisiert die Lage. Die Krise zerstört die Gesellschaft in einem Ausmaß, dass für uns vormals undenkbare Phänomene auftreten wie das enorme Erstarken neofaschistischer Verbände, die ganze Straßenzüge im Zentrum Athens beherrschen und Migranten am helllichten Tag erstechen.

In Ihrem Film wird die Bildung einer Kommission für einen Schulden-Audit nahe gelegt. Was wären deren Ziele?

Im März hat sich eine griechische Initiative für Schulden-Transparenz gegründet, die von Persönlichkeiten wie Noam Chomsky, Tariq Ali, Slavoj Žižek und Tony Benn, dem altgedienten britischen Labour-Politiker, unterstützt wird. Sie fordert, alle mit den Schulden verbundenen Dokumente zu veröffentlichen, um zu klären, welche Teile der Schulden nicht gezahlt werden müssen, weil sie nicht durch die Bevölkerung verursacht wurden. Dies alles basiert auf der Theorie von Alexander Sak von 1927, wonach Schulden verabscheuungswürdig sind, wenn sie ohne Kenntnis und zum Nachteil der Bevölkerung aufgenommen wurde, und wenn gleichzeitig die Gläubiger davon wussten. Bei uns könnten etwa die mit den Olympischen Spielen von 2004 verursachten Schulden oder die durch Rüstungsausgaben entstandenen Verbindlichkeiten illegitim sein. Die Initiative ist auf eine sich formierende Bürgerbewegung angewiesen, die eine Bekanntgabe geheimer Dokumente erzwingen will, um zu erfahren, durch wen und weshalb wir eigentlich derart verschuldet sind.

Deutschland empört sich erneut darüber, für die Schulden der Griechen in Haftung genommen zu werden.

Sicher, die deutsche Bevölkerung hat das Recht, sich zu entrüsten dass sie für die Griechenland-Krise zahlt. Aber die Deutschen sollten wissen – dieses Geld kommt keinem griechischen Bürger zugute. Ein großer Teil der deutschen Staatskredite schützt deutsche Kreditinstitute vor Schuldenausfällen und landet wieder bei deutschen Banken. Außerdem resultiert die Überschuldung der europäischen Peripherie zu einem großen Teil aus eingefrorenen Löhnen in Deutschland. Dessen enorme Wettbewerbsvorteile speisen sich aus den niedrigsten Lohnstückkosten Europas. Die Deutschen haben insofern als Erste für die Krise bezahlt. Demnach ist der Interessengegensatz zwischen Deutschen und Griechen konstruiert. Eine populistische Presse spielt nun die Karte des nationalistischen Ressentiments, was simpel, aber auch gefährlich ist.

Eine längere Rückzahlungsfrist oder ein Memorandum für weitere Rettungskredite werden momentan viel diskutiert. Was hätten diese Maßnahmen aus Ihrer Sicht für Folgen?

Griechenlands Finanzen werden in beiden Fällen zusammenbrechen. Selbst wenn wir alle Schulen und Krankenhäuser schließen, ist es uns unmöglich, 350 Milliarden Euro zurückzuzahlen. Selbst große ausländische Gläubiger, die seit Jahren an den Finanzmärkten mit Staatsschulden spekulieren, wissen, dass dieses Geld nicht existiert. Deshalb soll über den Euro-Rettungsschirms der europäische Steuerzahler dafür aufkommen. Meine persönliche Meinung: Solange es keine Schulden-Transparenz gibt, sollte ein Zahlungsstopp erklärt werden. Ein zweiter Schritt wäre der mögliche Austritt aus dem Euro. In jedem Fall wäre die Kapitalflucht aus unserem Land zu verhindern, was nur durch eine Kontrolle des Bankensystems möglich ist. Diese Lösungen mögen sich radikal anhören, aber wir haben einen Punkt erreicht, bei dem halbherzige Maßnahmen die fatalen Auswirkungen der Krise nicht aufhalten.

 

Mit dem Ende März erschienenen Dokumentarfilm Debtocracy haben die Journalisten und Filmemacher Katerina Kitidi und Aris Chatzistefanou für große Aufmerksamkeit in Griechenland gesorgt. Chatzistefanou, Jahrgang 1977, war bis Ende Mai bei SKAI, einem der größten Medienunternehmen des Landes, beschäftigt und hat dort das Format Infowar für TV und Radio produziert

10:00 13.06.2011

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