Die Dienerin war immer da

Drecksarbeit Öffentlich mag es nicht sichtbar sein, aber das Dienstleistungsproletariat ist überwiegend weiblich
Die Dienerin war immer da
Am Knotenpunkt zwischen Klasse und Geschlecht: Unsichtbar und dienend, so mag der Herr seine Mägde – auch in einem Roman Margaret Atwoods

Foto: Calla Kessler/The Washington Post/Getty Images

Seit einiger Zeit ist viel die Rede vom Schlagwort einer „Rückkehr der Diener“. Der postindustrielle Kapitalismus, so die These, habe ein neues Verhältnis zwischen bürgerlichem Herrn und dienstleistungsproletarischem Knecht etabliert. Symbolisch dafür stehen junge, sportliche, meist männliche Fahrradfahrer der Lieferdienste. Dass diese Arbeit anstrengend und prekär ist, stimmt natürlich. Sie findet allerdings in der Öffentlichkeit statt; wir alle sehen die pinken Quadrate auf dem Rücken der Radler – und schämen uns vielleicht für die letzte oder die nächste Bestellung.

Im Gegensatz zu diesen auffallenden, raschen Veränderungen bei den Lieferdiensten stehen die unsichtbaren Tätigkeiten des Pflegens, Reinigens und Kümmerns. Hier kann man keineswegs von einem Comeback der Dienerschaft sprechen. Vielmehr war die weibliche Dienerin schon immer da: in der Antike als Sklavin, im Feudalismus als Magd, später als Dienstmädchen, heute als Putzfrau oder Tagesmutter. Das Patriarchat ist eben älter als der Kapitalismus. Und mit ihm die ungleiche Lastenverteilung zwischen den Geschlechtern.

Auch die Arbeit ist über die Zeit nicht weniger geworden, sie wird allerdings zu wachsenden Teilen als Lohnarbeit verrichtet und ist dadurch – zumindest wenn sie außerhalb der Haushalte stattfindet – etwas sichtbarer geworden. An der Verteilung zwischen den Geschlechtern ändert das allerdings nicht sehr viel: Der größer werdende personenbezogene Dienstleistungsbereich hat in Deutschland einen Frauenanteil von über 70 Prozent. Frauen sind in Gesundheitsdienstberufen, Reinigungsberufen, sozialen und kulturellen Berufen in der übergroßen Mehrheit.

Sexuelle Verfügbarkeit

Global ist dieses Verhältnis noch drastischer. Es geht dabei nicht nur um die quantitative Verteilung, sondern auch um die qualitative Ausbeutung. Ein Bericht der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) beschreibt den weiblich geprägten Dienstleistungssektor so: „Sehr niedrige Löhne, exzessive Arbeitszeiten, das Fehlen von Ruhetagen, mentaler und sexueller Missbrauch sowie die Beschneidung von Freiheitsrechten.“

Das klingt fast so dystopisch wie Margaret Atwoods Report der Magd (1985), der 2017 als US-Fernsehserie viel Aufmerksamkeit erhielt. Die in roten Roben und weißen Hauben gekleideten Mägde werden zum Kristallisationspunkt von Unterdrückung, sie sind als Sex- und Gebärsklavinnen sowohl ökonomisch ihren Herrinnen als auch sexuell ihren Herren unterworfen. An dieser Figur der Magd schnürt sich der sonst so abstrakt formulierte Knotenpunkt zwischen Klasse und Geschlecht zusammen, wie an dem Strick, der den Abweichlerinnen im Roman droht.

Zwar handelt es sich dabei um eine Fiktion totalitärer Herrschaft über wenige gebärfähige Frauen, doch das Fundament für Atwoods Geschichte liegt in den realen Verhältnissen. Marx sprach im Kapital bei den Dienstmädchen davon, dass sie nicht „doppelt frei“ seien wie ihre männlichen Kollegen. Sie wechseln nicht einfach in die Form der Lohnarbeit, sondern bleiben in persönlicher Abhängigkeit und Willkür, sie werden zu „Haussklavinnen“. Sie sind, so könnte man sagen, doppelt unterworfen. Dass Marx selbst ein Dienstmädchen schwängerte, bestätigt seine eigene Annahme. Und sie zeigt auch den Graubereich, das Ungewusste über die Arbeit der Mägde und Dienstmädchen. Welche Begehren und Ausbruchswünsche sie haben, welchen Zorn sie hegen, welche Scham oder sogar welche Liebe sie für ihre Herrinnen und Herren empfinden. Wir erahnen es erst in Romanen oder Serien, die diese Perspektive einnehmen und zur Sprache bringen.

Sogar die Herrinnen kommen uns auch heute noch bekannt vor. Frauen, die Job und Familie vereinbaren wollen oder müssen, geraten in die Lage, selbst andere Frauen für die Hausarbeit oder die Kinderversorgung anzustellen. Auch diese Machtasymmetrie ist hochgradig widersprüchlich. Einerseits ermöglicht die Anstellung einer anderen Frau Zeit für eine Karriere oder überhaupt das notwendige Geldverdienen, zugleich nährt sie das schlechte Gewissen über die unmöglichen Aufgaben einer Mutter und Hausfrau. Unmöglich, weil diese sonst unbezahlte Arbeit ein 24-Stunden-Job sein kann – etwa wegen eines erkrankten Kindes oder eines zu pflegenden Elternteils. Die Herrin, oder heute besser „Arbeitgeberin“, ist ja ihrerseits auch in der Ehe den Machtbeziehungen und Erwartungen unterworfen. Ihre Aufgaben gibt sie in Teilen ab, löst sich aber auch nie ganz von dieser Position. Vielmehr ist es ein Geflecht aus ökonomischen Abhängigkeiten auf allen Seiten, durchkreuzt von patriarchalen Verhältnissen. Mit ihnen spielt immer auch offen oder latent die Verfügbarkeit über weibliche Körper und ihre Sexualität in das Verhältnis hinein.

Vertrag unter Ungleichen

Nicht zuletzt zeigen Schwangerschaften, die von anderen Frauen ausgetragen werden, welche Dienste sich auch heute denen der Mägde in roten Roben annähern. Nicht selten sind es Frauen aus unteren Klassen oder ärmeren Ländern, die ihre Gebärfähigkeit zu Markte tragen. Was formal ein Kaufvertrag wie jeder andere ist, bleibt zugleich eine außerordentliche körperliche Anstrengung und absolute Verfügbarkeit über den weiblichen Körper.

Die Rolle der Mutter, als illusionäres Subjekt ohnehin unendlich überladen, wird hier arbeitsteilig abgesteckt und in einen Dienst eingeteilt. In der feministischen Theorie spricht man deshalb auch von permanenter Enteignung oder Landnahme vormals nicht kapitalistischer Bereiche. Die Arbeit war schon immer da und ist von Frauen umsonst gemacht worden, sie verwandelt sich jetzt in einen Vertrag; in einen Vertrag unter Ungleichen.

Zur ökonomischen und geschlechtlichen kommt eine dritte Achse der Abhängigkeit hinzu, nämlich durch Migration und die massive Ausbeutung von Pflegepersonal und Haushaltshilfen aus anderen Ländern. Die Bewegungen in Europa gehen in das reiche Zentrum: vom Osten nach Westen und vom Süden in den Norden. Die osteuropäische Haushälterin, die „polnische Perle“, ist daher mehr als ein Klischee. Sie ist das Fundament, auf dem viele deutsche Frauen überhaupt in die Lage versetzt werden, an der gläsernen Decke zu kratzen. Dafür müssen andere dann die vorher unbezahlte Drecksarbeit für einen Mindestlohn (oder weniger, bedenkt man die nicht offiziellen Anstellungen) verrichten.

Die Arbeit am und mit Menschen ist allerdings nicht nur Drecksarbeit im Sinne des Aufwischens von Erbrochenem (obwohl auch das gern verdrängt wird). Sie ist auch bereichernd, verlangt nach Fähigkeiten wie Empathie und Sorgfalt, die wir erhalten möchten und die wir nicht unter das Diktat des Profits stellen wollen. Deshalb ist es auch so schwierig, im Gesundheits- und Erziehungsbereich schlicht die Arbeit zu bestreiken und mehr Lohn einzufordern: Es geht immer auch um viel mehr. Nämlich um die Bedingungen, wie wir miteinander und mit den Schwächeren und Kranken umgehen wollen.

Es gibt eine alte sozialistische Forderung: die Aufhebung der Notwendigkeit von Dienstboten. Sie müsste ergänzt werden um die Frage, wie die Dienste, die alle unbestreitbar brauchen, so organisiert werden können, dass sie nicht auf den Schultern der Frauen landen, die ökonomisch am abhängigsten sind. Diese Dienerschaft ist jahrhundertealt und geht tiefer als die bloßen sichtbaren Arbeiten. Entsprechend tief geht die Kritik und auch die Forderung nach einer anderen Lebensweise.

06:00 30.04.2019
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