Die Dissidenten sind die anderen

Der grüne Bundestagsabgeordnete Hans-Christian Ströbele Über Kreuzberg, Wollsocken und die Hereros

FREITAG: Herr Ströbele, Sie leben schon lange mit dem Label, nicht mehr zeitgemäß zu sein. Wie gehen Sie damit um?
HANS-CHRISTIAN STRÖBELE: Also, diese Auffassung kann ich nun wirklich widerlegen. Immer wenn ich in den Auseinandersetzungen der letzten Jahre besondere, abweichende Auffassungen vertreten habe, im Bundestag zum Beispiel, habe ich immer die Beschlusslage der Grünen oder die jeweils geltenden Parteiprogramme vertreten und nicht etwa altmodische Fundamentalopposition betrieben. Deshalb sage ich: Die Dissidenten waren die anderen.

Meine Frage zielte mehr auf den politischen Typus. Sie haben sich für Ihren Wahlkampf um ein Direktmandat in Berlin ein Plakat von dem guten alten Cartoonisten Seyfried machen lassen. Nostalgischer geht´s ja kaum.
Das haben mir viele vorgeworfen und ich habe am Anfang auch ein bisschen gezweifelt, als ich dieses Plakat gesehen habe. Im Wahlkampf habe ich festgestellt, dass es bei den Älteren häufig Stirnrunzeln erregte. Aber bei den Jüngeren zwischen 18 und 28 war es der Hit. Es war geradezu ein Kultgegenstand und die Leute haben es uns aus den Händen gerissen. Viele haben das Plakat von den Ständern abgerissen und bei sich zu Hause in die Küche oder ins Klo gehängt.

Das Seyfried-Plakat und Sie selbst werden gern als Symbol des alt gewordenen Westberlin der siebziger und achtziger Jahre angesehen. Sie haben Ihre Getreuen im undogmatischen Kreuzberg. Das ist noch immer so etwas wie die Kultur der Unbotmäßigkeit. Aber es ist auch die Kultur einer etwas eingedickten Behäbigkeit der Alternativen und Autonomen. Geht Ihnen das ästhetische Beharrungsvermögen dieses Milieus nicht manchmal selbst etwas auf den Keks?
Nein, überhaupt nicht. Ich vermisse dieses Beharrungsvermögen anderswo. Wo Kritik und Beharrungsvermögen zu Hause sind, fühle ich mich sehr wohl. Es stimmt übrigens nicht, dass meine Getreuen nur in Kreuzberg sind. Der größere Teil meines Wahlkreises liegt in Friedrichshain und Prenzlauer Berg Ost. Da wohnen 60 Prozent der Wahlberechtigten. Und wenn ich bei denen nicht auch erhebliche Stimmenzuwächse erreicht hätte, hätte der Sieg bei der Direktkandidatur gar nicht klappen können.

Guido Westerwelle beklagte kürzlich Ihre Schluffi-Ästhetik. Trifft Sie der Vorwurf?
Ich bemühe mich, mich so anzuziehen, dass ich mich wohl fühle. Hin und wieder will ich auch einen bewussten Kontrapunkt setzen zu den Gestylten in ihren Politiker-Uniformen, Zweireihern und dreiteiligen Armani-Anzügen.

Haben Sie manchmal Sehnsucht nach dem guten alten Kreuzberg der siebziger Jahre?
Auf jeden Fall. Aber man findet es dort noch und in Teilen von Friedrichshain.

Wie hat Ihnen der Film "Herr Lehmann" gefallen?
Ich habe ihn nicht gesehen. Ich komme nicht dazu, ins Kino zu gehen. Ich habe bis heute noch nicht einmal "Good-bye! Lenin" gesehen.

Inzwischen hat es einen kulturellen Umschwung gegeben. Können Sie mit der mobilen, hedonistischen Turnschuh-Fraktion von Berlin-Mitte etwas anfangen? Die sitzen in Lounges und Clubs, tanzen Techno statt Rock. Diese Szene gibt heute den Ton an und kann mit Kreuzberg wenig anfangen.
Ich kann nun wiederum mit dieser Kultur wenig anfangen. Sie ist ja auch in Prenzlauer Berg zu Hause und in Teilen von Friedrichshain. Also gut. Ich gehe ja auch zur Love-Parade und lasse mich dort von der lauten Musik zwei, drei Stunden quälen. Aber natürlich höre ich lieber meine Musik, die Beatles, Bach und ...

Sie sind ja nur ganz knapp an einer Rapper-Karriere vorbeigeschrammt. Hätte Sie das gereizt?
Das war eine ganz wichtige Erfahrung. Ich wollte gar keine Musik-Karriere machen. Stefan Raab hat einen Spruch von mir fast vergewaltigt und ihn in einen Song eingebaut: ein ganz ernst gemeinter Teil einer politischen Rede auf der Hanf-Parade 2002: "Gebt das Hanf frei". Ich war skeptisch. Dann fand ich Raabs Song gut und hab ihn unterstützt. Die Botschaft ist richtig, Hanf mit Alkohol und Zigaretten gleichzustellen und von der Strafbarkeit zu befreien. Der Song landete auf Platz vier in den Charts. Aber zum Superstar hat es nicht gereicht. Mich haben unendlich viele Deutschlehrer angeschrieben und gesagt, es würde nicht "das Hanf" sondern "der Hanf" heißen. Zum Songwriter bin ich doch nicht geboren.

Die junge Berliner Gesellschaft trägt androgynen Britpop, die Politik eher wieder den Retrolook der fünfziger Jahre. Gibt es ein ästhetisches Roll-back in der Politik? Wie beurteilen Sie den Wechsel vom Brioni-Kanzler Schröder zur Sauerland-Ästhetik von Franz Müntefering? Setzt sich wieder der durchschnittliche Machertypus durch?
Ich habe damals bedauert, dass sich der Kanzler mit dicker Unternehmer-Zigarre hat ablichten lassen. Der designierte SPD-Vorsitzende soll nicht Mode gestalten, sondern Politik. Da gibt die Ästhetik des roten Schals doch Anlass, auf mehr soziale Gerechtigkeit zu hoffen.

Sie kokettieren gern mit dem Typus des Uneitlen, dem nichts als der kritischen Sache Ergebenen. Als Sie als Kreuzberger Bundestagskandidat dem ostdeutschen Werner Schulz unterlagen, hatte man bei den Bildern von der Abstimmungsniederlage den Eindruck, dass Sie sich selbst als unersetzlich ansehen. Sind Sie nicht gelegentlich selbst doch vom Glamour der Macht und der politischen Klasse geblendet? Hand aufs ehrliche Herz.
Nein, das bin ich nicht. Ich bin zwar auch eitel wie alle Politiker und so eitel wie wahrscheinlich alle Menschen. Nur beziehe ich die Befriedigung meiner Eitelkeit aus anderen Quellen als denen, dass ich mich schick anziehe.

Sie verabscheuen Glamour, hört man immer wieder. Das trägt Ihnen Respekt ein. Aber dass Sie immer dieselben Wollsocken tragen, turnt selbst viele ihrer Bewunderer dann doch eher ab. Wie halten Sie denn von einem Typ wie, sagen wir, Britney Spears?
Mit der Dame kann ich nicht viel anfangen. Aber wenn Sie die Wollsocken meinen, die mir mal eine Tante gestrickt hat, die hab ich schon vor Jahren entsorgt. Die trage ich also nicht mehr. Manchmal trage ich aber bewusst zwei verschiedene Socken. Denn ich weiß, wenn die Leute das auf dem Podium sehen, machen sie sich Gedanken darüber, warum man eigentlich immer die gleichen Socken an beiden Füßen anhaben muss.

Zum Verhältnis von Politik und Kultur. Es gibt ein weit verbreitetes Leiden der politischen Klasse an der unkulturellen Politik. Es grassiert eine heimliche Leidenschaft für die Kultur. Viele Politiker kompensieren mit Kultur ihren political overstretch. Wie sieht es bei Ihnen damit aus?
Die Kultur kommt eindeutig zu kurz. Ich habe kaum Zeit für eigene kulturelle Betätigung.

Sie sollen früher ein begeisterter Theatergänger gewesen sein.
Das stimmt. Ich war in den sechziger Jahren sehr häufig im Theater und zwar in Ostberlin. Ich habe keine Premiere ausgelassen. Ich hatte damals viel Kontakt mit der Schauspielerin Ursula Karusseit und auch mit Benno Besson, dem damaligen Leiter der Volksbühne in Ostberlin. Später habe ich mich auch in der Westberliner Theaterlandschaft umgetan.

Können Sie sich an eine tolle Aufführung erinnern?
"Der Drache" mit Eberhard Esche im Deutschen Theater oder "Arturo Ui" im Berliner Ensemble mit Ekkehard Schall oder dann "de Sade/Marat" von Peter Weiß im Schiller Theater. Einige Szenen sind mir heute noch präsent.

Warum hat das nachgelassen? War die Politik der Grund?
Anfangs nein, da war ich noch gar nicht politisch tätig. Später schon. Ich war eben durch anderes beansprucht und stark auf Westberlin konzentriert. Und das Angebot im Theater fand ich nicht mehr sehr interessant.

Gab es da einen Kulturbruch? Hat Sie die Machart nicht mehr angesprochen? War sie Ihnen zu progressiv oder nicht mehr progressiv genug?
Ich hatte keinen persönlichen Kontakt mehr. Ich habe mir zwar einiges im Berliner Ensemble angeschaut. Aber eher, um in Erinnerungen zu schwelgen und nicht, weil ich viel Neues erfahren konnte.

Wann waren Sie zum letzten Mal im Theater?
Zur Zeit schaffe ich es ganz selten, ins Theater zu gehen. Aber immerhin alle paar Monate gehe ich hier um die Ecke ins Berliner Ensemble und frage: Habt Ihr noch Karten? Dann schaue ich spontan eine Vorstellung an. Die letzte war "Richard III".

Kommen wir zu den kulturellen Debatten von heute, Stichwort: Martin Walsers Rede in der Paulskirche, die Vertriebenen-Debatte, von dem Buch von Günter Grass bis zu dem gerade erschienenen Buch von Christoph Hein "Landnahme". Registrieren Sie solche Debatten und die entsprechenden Bücher - vor lauter Krieg-Verhindern, Geheimdienste-Kontrollieren und Parteispenden-Ausgraben?
Das kriege ich schon mit. Aber meistens nicht im Original. Sondern durch die Medien. Zur Vertriebenendebatte habe ich einen biografischen Zugang. Meine Familie wurde 1945 von der US-Army von Schkopau in der Ostzone, wo mein Vater Chemiker in der Buna-Produktion war, in die Westzone gebracht. Aber zur der Debatte um das Vertriebenen-Zentrum sage ich klar: Ich halte nichts von einem Zentrum gegen Vertreibungen in Berlin. Mit einem Zentrum an der Grenze zu Polen sähe das schon anders aus.

Kennen Sie das "Herero"-Buch Ihres Freundes Seyfried?
Ja sicher. Ich war zum Jahreswechsel in Namibia und habe auch mit einem Herero-Chief gesprochen. Als Mitglied des Ausschusses für Entwicklung im Bundestag bereite ich jetzt eine Erklärung des Parlaments vor, mit der die deutsche Verantwortung für den Massenmord am Herero-Volk im ehemaligen Deutsch-Südwestafrika anerkannt wird zum 100. Jahrestag der Schlacht am Waterberg am 11. und 12. August 1904.

Sie haben 1970 die ersten RAF-Terroristen vor Gericht verteidigt. In der Ausstellung "Das MoMA in Berlin" kann man jetzt Gerhard Richters Zyklus "Oktober 1977" über die Gefangenen in Stammheim sehen. Woran denken Sie bei diesen Bildern?
Ich kenne diese Bilder nicht. Aber ich wundere mich, dass so etwas in Berlin ausgestellt wird. Immerhin hatten wir hier gerade eine heftige Kontroverse um die RAF-Ausstellung der Berliner Kunst-Werke. Da haben Politiker und Bild verhindert, dass eine öffentlich geförderte Ausstellung sich mit der RAF beschäftigt. Ich werde mir die Richter-Bilder ansehen, wenn die Schlange vor der Nationalgalerie kürzer ist.

Ist Rot-Grün eigentlich noch ein Kulturmodell? Die Koalition scheint ja auszulaufen. Ihr "Spirit" ist nicht mehr recht auszumachen: Wachstum bremsen, Friedenspolitik, die ökologische Wende, das alles erodiert unmerklich unter den Händen der Beteiligten.
Das ist auch meine Wahrnehmung. Ich bedaure das sehr. Die Enttäuschung, die jetzt überall grassiert, hat etwas damit zu tun, dass wir 1998/99 dachten, wir könnten zu neuen Ufern aufbrechen. Natürlich haben wir uns damals nicht vorgestellt, dass wir die ganze politische Kraft nur noch auf Reparaturarbeiten konzentriert müssen.

Wo ist die Idee eines neuen Zivilisationsmodells geblieben?
Die geht natürlich schnell verloren. Wenn ich jetzt durch Brandenburg fahre und diese Windparks sehe, dann sind die zwar ein Ausdruck dieser neuen Ideen, die wir etabliert haben und ich denke oft beruhigt: Na bitte, wenigstens etwas, von dem was wir wollten, ist geglückt. Aber Sie haben völlig Recht. Rot-Grün muss das andere Zivilisationsmodell wieder in den Vordergrund rücken. Wir dürfen nicht zurückkommen zur alten Wachstumsideologie. Daran ersticken wir.

Ihr ästhetischer Sympathisant Seyfried hat sich ins Exil in die Schweiz begeben. Wohin gehen Sie nach der Politik?
Ich werde wohl in Berlin bleiben. Außerdem habe ich ein Refugium im Odenwald. Da verbringe ich in der Regel meine Sommerferien. Da habe ich ein Holzhäuschen, an dem ich rumbastele. Aber in die Schweiz gehe ich nicht. Auch wenn dort der Hanf grünt und blüht. Ich habe meine Zweifel, ob Seyfried da ewig bleiben wird.

Florian Illies, Bestseller-Autor und Chef der "Generation Golf", sieht Sie als Kartenabreißer im Kreuzberger Alt-68erMuseum...
Na, dann soll er mal nach Kreuzberg kommen. Da ist nix mit Alt-68er Museum. Und überhaupt, was soll das sein: "Alt-68er" ? Die alternativen Wohn- und Lebensformen der 68er finden sich doch längst überall von Wanne-Eickel bis Passau. Und die Kultur in Kreuzberg und Friedrichshain war doch immer in stetiger Veränderung.

Meinen Sie die neue deutsch-türkische Mischkultur? Die ist inzwischen sogar preiswürdig. Ein junger turkodeutscher Regisseur, Fatih Akin, hat auf der Berlinale den Goldenen Bären mit einem Film über ein Frauenschicksal aus diesem Milieu gewonnen.
Ich bin ein Fan dieser Kultur. Ich trage den Begriff der Multikultur auch immer vor mir her. Viele kritisieren mich, dass ich das zu optimistisch sehe.

Ist es wirklich Multikultur? Existieren da nicht eher Ghettos nebeneinander her und findet dort trotz des beliebten Kreuzberger Festes "Karneval der Kulturen" eigentlich gar nicht sehr viel Austausch sondern eher ein "Kampf der Kulturen" im Kleinen statt?
Es ist mehr Interkulti. Der Austausch findet nicht immer und überall statt, aber durchaus auch auf dem Kreuzberger Türkenmarkt und auch in der Oranienstrasse. Auch wenn die Kultur dort einseitig türkisch geprägt ist. Aber an den Rändern der communities, in den Restaurants, Geschäften, den Begegnungsstätten gibt es die Überlappung und Befruchtung der Kulturen.

Können Sie mit dem Begriff Leitkultur etwas anfangen?
Von einer proklamierten deutschen Leitkultur halte ich gar nichts. Natürlich wird sehr viel durch die deutsche Sprache und die deutsche Kultur in Vergangenheit und Gegenwart geprägt. Aber die Kultur ändert sich ständig, es kommen immer neue kulturelle Einflüsse hinzu: aus der Türkei, Arabien, Polen und nicht zu vergessen immer auch aus den USA.

Welches Buch lesen Sie gerade?
Ich lese gerade das Buch der ehemaligen CDU-Schatzmeisterin Brigitte Baumeister "Welchen Preis hat die Macht" über die CDU-Spendenaffären von Helmut Kohl und Wolfgang Schäuble. Ein interessanter Einblick in den Intrigantenstadl der CDU.

Das Gespräch führte Ingo Arend


00:00 05.03.2004

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