Die Dollarinflation grollt von Ferne

Finanzpolitik Droht nach der Finanzkrise der Währungskrieg? Die grassierende ­Deflation kann sich schnell ändern. Was auf einen Niedergang des Dollars folgen könnte, ist offen

Wenn es nur Piraten auf der Welt gäbe, wäre der Dollar als Reserve-, Leit- und Handelswährung eine sichere Nummer. In einem Interview teilte der an Lösegeld-Verhandlungen mit somalischen Piraten beteiligte ehemalige FBI-Agent Jack Cloonan jüngst mit, dass diese nur Dollar akzeptieren würden. Rohstoffhändler und die Ökonomien mit hohen Exportüberschüssen sowie satten Devisenreserven dagegen halten von dem Piratenbeispiel nichts. Sie wollen den Dollar möglichst los werden. Nur wissen sie nicht so recht wie.

Der Dollar wird wie ein alter Platzhirsch von jüngeren Rivalen herausgefordert, kann sich aber immer noch durchsetzen und seinen Währungsharem zusammenhalten. Von den rund 4.200 Milliarden Dollar Währungsreserven werden derzeit rund zwei Drittel (2.700 Milliarden) in Dollar gehalten, ein Viertel in Euro (1.100 Milliarden) und der Rest in anderen Währungen. Der Dollar ist also immer noch dominant, wenn auch in abnehmendem Maße: Anfang 2001 entfielen auf den Dollar noch fast drei Viertel aller Devisenreserven.

Heilige Kühe schlachten

Das schon Ende der fünfziger Jahre diagnostizierte Dilemma der Leitwährung kommt auch 50 Jahre später zum Tragen. Die Dollarbestände im Ausland gibt es nur, weil die USA mehr ausgeben als einnehmen, weil sie sich ein enormes Leistungsbilanzdefizit erlauben. Diesem Manko entsprechen die Überschüsse in anderen Ländern. Der Dollar ist also als Reservewährung stark, weil die USA Schulden auftürmen und dadurch den Dollar paradoxerweise schwächen.

Es ist offenkundig, dass die Wechselkursrelationen des Euro oder des chinesischen Yuan oder anderer Währungen zum Dollar unrealistisch werden, wenn sich die USA über Jahre hinweg ein strukturelles Defizit sowohl im Staatsbudget als auch in der Leistungsbilanz in Höhe von jährlich fast 900 Milliarden Dollar gestatten, während andere Länder Leistungsbilanzüberschüsse haben und ihre Devisenschätze anschwellen.

Was würde in dieser Lage eine Abwertung des Dollars bedeuten? Die USA könnten ihre Schuldenlast teilweise loswerden und den amerikanischen Steuerzahlern Billionen-Verluste ihres Finanzsystems ersparen. Eine Abwertung wäre zwar ein Bruch mit der jahrzehntelangen Tradition der Dollarhegemonie. Aber in der schweren Finanz- und Wirtschaftskrise werden viele heilige Kühe geschlachtet. Die expansive Geld- und Fiskalpolitik der US-Zentralbank und US-Regierung nimmt die Dollarentwertung offenbar in Kauf, auch wenn das Risiko hoch ist: Denn damit steht die Zukunft des Dollars als Reservewährung, als Handelswährung, als Ölwährung und als Transaktionswährung auf dem Spiel. Das sind die Insignien der US-Hoheit in der globalisierten Wirtschaft und Politik wie Zepter, Schwert und Krone für die Macht von Königen.

Im Moment scheint eine Abwertung, also eine Inflation, nicht realistisch, deutet doch alles in die entgegengesetzte Richtung – also in Richtung Deflation. Der Rückgang des Preisniveaus wird seit Ausbruch der Finanzkrise 2007 immer deutlicher: Laut OECD wird die Weltwirtschaft 2009 um vier bis sechs Prozent schrumpfen, der Welthandel um 13,2 Prozent abnehmen und die Arbeitslosigkeit innerhalb der OECD im Schnitt bei zehn Prozent liegen, während die Preise in den USA um 0,4 , in Japan um 1,2 Prozent sinken und im Euroraum stagnieren.

Parallel dazu schießen die Defizite der Staatshaushalte in die Höhe. In den USA beträgt das Defizit inzwischen mehr als zehn Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP), in Britannien sogar fast 13 Prozent, vor allem wegen der Konjunkturspritzen und Rettungspakete.

Diese Rosskur kann jedoch nur erfolgreich sein, wenn man bereit ist, das Fieber der inneren Inflation und äußeren Währungsabwertung zu ertragen. Noch herrscht die Deflation mit ihren vernichtenden ökonomischen Folgen für Schuldner, Arbeitsplätze und Löhne, aber wie lange noch?

Die Ölproduzenten drohen

Zentralbanker und Finanzmarktakteure haben ein gutes Gehör und wissen, was kommen kann: Eine Abwertung des Dollars gegenüber anderen Währungen wäre für alle Länder und Währungsräume mit Dollarguthaben schmerzhaft. Denn die in Dollar gehaltenen Währungsreserven würden entwertet. Daher „pflegt“ ein Land wie China den Dollarkurs (was eigentlich der Federal Reserve der USA zusteht) und verrichtet diese hehre Mission natürlich nicht uneigennützig, denn ein billiger Dollar würde die Exporte seiner Industrie in die USA erschweren.

Eine Dollarabwertung könnte zudem die Ölexporteure veranlassen, ihre Lieferungen nicht mehr in Dollar, sondern in anderen Währungen in Rechnung zu stellen. Das wiederum würde dem Land der Hegemonialwährung viel Ärger bereiten. Bisher scheiterten solche Versuche: Saddam Hussein hatte beispielsweise das Oil-for-Food-Programm im Jahr 2000 von Dollar auf Euro umgestellt. Als die USA drei Jahre später, flankiert von der „Allianz der Willigen“, in den Irak einmarschierten, verkündete die OPEC nur wenige Monate später, dass Öl künftig wieder ohne Ausnahme in Dollar fakturiert würde.

Auch die iranische Ölbörse – seit Jahren im Gespräch – hat sich gegen die traditionellen Ölhandelsplätze in London und New York noch nicht durchsetzen können. Das Öl wird immer noch in Dollar fakturiert. Wer ihn angreift, muss mit schwerer Strafe rechnen: Die US-Sanktionen gegen Teheran gibt es auch deshalb, um die geplante Entthronung des Dollar als Ölwährung zu verhindern – Obama hin, Obama her, beim Öl ist alles Bush.

Allerdings hat der Kraftprotz Dollar eine Achillesferse: die schon oft geäußerte, aber nie wahr gemachte Drohung einer Koalition ölexportierender Staaten, den Dollar als Ölwährung abzuschaffen. Die Scheichtümer am Golf verfolgen dieses Projekt. Sie haben mit Abu Dhabi und Dubai inzwischen zwei Weltfinanzzentren, um ihr Öl nicht mehr in Dollar, sondern in Euro oder einem Korb regionaler Währungen zu fakturieren und zu handeln. In Lateinamerika ist ebenfalls ein regionaler Währungsblock im Entstehen.

Viele spitzen den Mund

Mag es wahrscheinlich sein, dass der Euro gestärkt wird, sollte der Dollar an Wert verlieren, so kann doch die Weltfinanzkrise einen Strich durch diese Rechnung machen. Es ist keineswegs sicher, dass die Staaten Mittel- und Osteuropas den drohenden Staatsbankrott abwenden können. Wenn die dort stark engagierten österreichischen Banken abgeschirmt werden müssten, wird man in Wien nicht mehr umhin kommen, sich Kreditlinien durch die Europäische Zentralbank (EZB) einräumen zu lassen. Ob untadelige Solidität dann das Markenzeichen des Euro bleibt, darf bezweifelt werden. Anders als es vor der Finanzkrise schien, wird der Euro nicht automatisch stärker, wenn der Dollar schwächelt.

Der Yuan bietet (noch) keine Alternative, da die Währung nicht konvertibel ist. Auf liberalisierten Währungsmärkten mit vielen privaten Akteuren ist freie Konvertibilität die Voraussetzung dafür, dass eine Währung als Leit-, Reserve-, Handels- und Ölwährung akzeptiert wird. Auch muss der nationale Kapitalmarkt voll in das internationale Finanzsystem integriert sein, damit es keine Handelshindernisse gibt. Das ist in China nicht der Fall. Deshalb hat der chinesische Zentralbankchef Zhou Xiaochuan trickreich vorgeschlagen, den Dollar mit „Sonderziehungsrechten“ (SZR) als internationaler Verrechnungseinheit zu ergänzen. Das wäre eine internationale Kunstwährung, die es seit 1969 zwischen Zentralbanken und als Rechnungseinheit im Internatio­nalen Währungsfonds (IWF) gibt. Sie kann sich so lange nicht durchsetzen, wie hinter ihr nur der IWF, nicht aber eine mächtige Zentralbank steht. Doch Zhou beabsichtigt gar nicht, den US-Dollar vom Thron zu stoßen, sondern mit dem Vehikel Sonderziehungsrechte dessen monopolistische Macht herauszufordern. Mit den Sonderziehungsrechten, so das Kalkül, ließen sich unter Umständen auch Ölgeschäfte abwickeln. Für diese Strategie spricht auch die Einfädelung von so genannten Swap-Geschäften, etwa zwischen China und Argentinien, in denen die beiden Währungen – Peso und Yuan – getauscht werden, ohne auf den Dollar zurückzugreifen. Ein Rückfall in einen währungspolitischen Bilateralismus? Wer das unterstellt, verkennt, dass eine Vielfalt von Währungsregimes durch die Krise der Währung geradezu provoziert und durch die Weltfinanzkrise zum hegemonialen Chaos zugespitzt worden ist.

Augenblicklich lässt sich nicht absehen, welche einigermaßen stabile Konstellation aus dem chaotischen Nebel emporsteigt. Der Niedergang der US-Hegemonie in den kommenden zwei Jahrzehnten wird von einer Reihe seriöser Wissenschaftler vorausgesagt. Doch die Nation, die den Staffelstab im globalen Rennen übernehmen könnte, ist nicht in Sicht. Die EU? Es wäre möglich, aber keineswegs sicher. China? Dieses Land ist immerhin mit Alternativen hervorgetreten. Es ist abzuwarten, ob nicht nur der Mund gespitzt, sondern auch laut und vernehmlich gepfiffen wird.

Wo sind die Dollars?


Die weltweiten Devisenreserven betragen umgerechnet 6.400 Milliarden US-Dollar (sie bestehen zu weniger als zwei Dritteln aus Dollar, zu einem Viertel aus Euro).

Regionale Verteilung


China 24 Prozent (1.528 Milliarden)

Japan 15 Prozent (948 Milliarden)

Russland 7,1 Prozent (464 Milliarden)

Lateinamerika 6,2 Prozent (397 Milliarden)

Euroraum 3,0 Prozent (204 Milliarden)

Netto-Ölexporteure (inklusive Venezuela und Russland) 15,0 Prozent (959 Milliarden)

Die nahöstlichen Ölländer haben den größten Teil der Devisenschätze in US- amerikanischen Staatsanleihen und Staatsfonds angelegt, deren Gesamtvermögen sich auf 2.000 bis 3.000 Milliarden US-Dollar beläuft.

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05:00 28.05.2009

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