Matthias Dell
18.11.2009 | 14:00

Die drei Fragezeichen

Film „Die Anwälte. Eine deutsche Geschichte“ von Birgit Schulz

Das waren noch Zeiten, denkt man häufiger, wenn Schily (r., Ströbele l., Mahler, M.) wieder mal in eine Kamera guckt. Aber sonst?

Nur Idioten ändern sich nicht“, sagt Otto Schily in dem Dokumentarfilm Die Anwälte. Dieser Satz hat einen Ort, wenn man Schilys Karriere als den Weg nimmt, den unsere Gesellschaft für normal hält. Dann wäre damit die Mitte markiert, an deren Rändern sich Horst Mahler und Hans-Christian Ströbele, die anderen Protagonisten des Films befinden.

Die Anwälte ist ein aufreizendes Filmprojekt, weil es die Biografien dreier Menschen zusammenbringt, die sich zu einem frühen Zeitpunkt berührt haben und 40 Jahre später an völlig verschiedene Ziele gelangt sind. Drei Menschen, die auch aufgrund ihrer Prominenz die langwierigen Auseinandersetzungen der (West)Deutschen mit ihrer problematischen Geschichte repräsentativ verdichten: Am Anfang steht ein Bild, das nur Schily, Ströbele und Mahler zeigt, letzteren als Angeklagten, schon mit revolutionärem Bartwuchs, die beiden anderen in Verteidigerrobe mit zumindest um Unangepasstheit bemühten Frisuren. Am Ende stehen drei leere Stühle da, wo einst das erste Bild gemacht wurde. Und die Frage – aus der Birgit Schulzens Film ein wenig Spannung zu ziehen vermochte –, ob es gelingt, die drei noch einmal im Gespräch zu vereinen, beantwortet sich von selbst.

So erzählt Die Anwälte drei Geschichten parallel. Birgit Schulz, die bislang fast nur Geschichten von Frauen (Marlene Dietrich, Margarete Mitscherlich, Alice Schwarzer) nachgezeichnet hat, garniert die Selbstauskünfte ihrer Protagonisten mit reichem und manchmal weniger bekanntem Archivmaterial, dessen Recherche und Sichtung an sich ein Verdienst ist. Allerdings scheint sich im überbordenden Materialeinsatz das Erkenntnisinteresse zu erschöpfen: Die Vielzahl der Filmausschnitte ist auch durch die ordnende Stimme einer Off-Erzählerin nicht zu beherrschen, seine Dramatik leiht sich der Film überflüssigerweise bei der Musik. Der Kampf der Aufklärung geht so verloren. Der Film will ein Kommentar sein zu den Images, die wir von Ströbele, Schily und Mahler haben, und reproduziert in der Flut seiner Bilder und unter dem Dröhnen von der Tonspur doch zumeist nichts anderes als eben diese Images, die wir von Mahler, Ströbele und Schily haben.

Aus dem an einem großen Zusammenhang orientierten Film, der im Untertitel Eine deutsche Geschichte heißt, wird auf diese Weise selbst Material, das Anregung zum Neudenken nur im Format der Anekdote ausgibt: dass Mahler seinen beiden Zeitgenossen voraus, ja eine Art Vorbild war; wie Ströbele in einem absurden Fernsehausschnitt Mahlers Gang in den Untergrund zurückgeblieben in der Anwaltskanzlei als „Urlaub“ erklärt; dass Schily von Beginn an medienbewusst in Kameras schaut und davon lässt ab dem Moment, wo die Kameras machtbewusst auf ihn schauen; Ströbeles aufrichtige Verzweiflung über den Bundestagsbeschluss zum Kosovo-Einsatz; Schilys Tränen bei einer Rede über seine Familie und die deutsche Schuld; Mahlers rechte Logik, die nicht einmal die Anhönger jenes Lagers verstehen, das sich seiner Prominenz nun erfreut.

Das sind schöne Beobachtungen, die aber vereinzelt bleiben. Dass Die Anwälte daran scheitert mehr zu sein als eine wohlig-schaurige Zeitgeschichtscollage zeigt die Tatsache, dass Schilys Satz über die Idioten, die sich nicht ändern, keine andere Verortung zulässt als eingangs beschrieben. Dabei wäre es an diesem Film gewesen, sichtbar zu machen, was das eigentlich heißt: Veränderung.