Die drei tragen Zeichen

Im Kino Der Dokumentarfilm "Flammend´ Herz" von Andrea Schuler und Oliver Ruts erzählt von der Tätowierung als Lebenssinn

Die Haut als letzte dünne Schicht zwischen Individuum und Welt war schon immer Kommunikationsmittel, um Botschaften an die Nachwelt zu übermitteln. So glaubt man, dass die Seefahrer des Mittelalters durch ein tätowiertes Kreuz versuchten eine christliche Bestattung zu sichern, falls sie fern der Heimat zu Tode kommen sollten. In weiten Teilen der bürgerlichen Welt stieß die Tätowierung seit Mitte des 19. Jahrhunderts auf Ablehnung, gehörte das Hautritzen in die Halbwelt, zu Randgruppen wie Häftlingen, Söldnern, Zirkusleuten, Kriminellen oder Prostituierten. Das änderte sich erst gegen 1970, als Motorradfahrer und Rockstars die stigmatisierenden Zeichen des Außenseitertums gesellschaftsfähig machten. Heute ist die Tätowierung im christlichen Abendland weithin akzeptiert und längst nicht allein Seemännern, Knastbrüdern und Körperkünstlern vorbehalten. Hollywoodstars, Models, Polizisten, Sportler und Bankangestellte betrachten das mechanische Injizieren von Pigmenten oder Tusche längst als Ausdruck wahrer Individualität. Tattoos sind so sehr Mode geworden, dass es besonderer ist, keins zu haben - man denke an das arg verlachte "Arschgeweih", eine einst beliebte tribal-inspirierte Tätowierung über dem Steißbein, die nun angeblich jede Friseuse hat.

Wie die Tätowierung zum Schicksal werden kann, zeigt Flammend´ Herz, ein Dokumentarfilm von Andrea Schuler und Oliver Ruts. Die Hauptdarsteller, drei rüstige Herren um die 90, entdeckten ihre Liebe zum Körperschmuck, als Tätowierung noch unter Strafe stand. Genauso wie Homosexualität. Das "Tattoo" ist hier kein Lifestyle-Accessoire, es steht für nichts weniger als die Suche nach einem erfüllten, selbst bestimmten Leben.

Herbert Hoffmann, der 1961 an der Hamburger Reeperbahn die "Älteste Tätowierstube Deutschlands" eröffnete, war schon als Kind fasziniert von Tätowierungen. Kilometerlang lief er deren Besitzern, Feldarbeitern und Zirkusleuten, hinterher. Nach dem Krieg aus russischer Kriegsgefangenschaft heimkehrt, machte er sich mit seiner Kamera und den sogenannten "Heimatkarteien" auf die Suche nach Menschen mit den rätselhaften Körperzeichen. Er traf etwa auf Albert Cornelissen, von Beruf Seemann, der auf dem Schiff und mit seiner fahrbaren Tattoo-Stube in der ganzen Welt herumgekommen ist. Der 90-jährige übernimmt im Gegensatz zum bedächtigen Hoffmann den heiteren Part des Films, pfeift Lieder, macht Witze, reißt Zoten. Am anrührendsten aber ist das Schicksal des 90-jährigen Karlmann Richter, der als Großbürgersohn in einer Kieler Villa aufwuchs, sich aber schon als Kind zu den "einfachen Menschen" hingezogen fühlte. Die resolute Mutter verheiratete ihn schließlich mit dem Dienstmädchen, obwohl er sich gar nicht für Frauen interessierte . Nach einem späten Coming-Out, verließ er noch mit 60 Jahren Ehefrau und Sohn, um zu Herbert Hoffmann nach Hamburg zu ziehen. Dort lebte und tätowierte man in einer ménage á trois, einer frühen schwulen Männer-WG im Hinterraum der Tätowierstube.

So anschaulich die drei Freunde, die sich im Alter verstritten haben, aus ihrem Leben erzählen, für den Zuschauer ist es nicht ohne Anstrengung. Die Stimme des zarten Karlmann wird brüchig und der holländische Akzent des weißbärtigen Albert machen das Zuhören manchmal mühevoll. Anrührend ist der Auftritt des zerbrechlich wirkenden Karlmann, als er sich auf dem Weg in das Haus seiner Eltern macht. Sein Körper ist übersät mit Zeichen, seine dünnen Arme sind schwarz vor Tätowierungen. Mit langsamen Bewegungen zieht er sich an und macht sich fein zum Ausgang. Wenn das seidene Halstuch die letzten sichtbaren Bilder am Hals verdeckt, verraten immer noch die gepunkteten Hände seine große Passion.

Man spürt die große Liebe, die die Filmemacher mit ihren Figuren verbindet. Sie kommen ihnen sehr nahe, zeigen sie immer wieder im Halbdunkel sitzend, nahezu unbekleidet. Dann fährt die Kamera über die beschriftete Haut, über die Körpergemälde mit ihren Falten und spürt den Erzählungen der Hautbilder aus Kreuz, Herz und Anker, aus Palmen, Sternen und Drachen, Linien, Punkten und Symbolen nach.


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00:00 15.10.2004

Ausgabe 39/2020

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