Die dritte Republik

re/collection Die Präsentation der Friedrich-Christian-Flick-Collection im Berliner "Hamburger Bahnhof" markiert einen neuen Umgang mit Geschichte

Alles ging recht schnell und ziemlich glatt im letzten Herbst in Berlin. Die Zuständigen zeigten sich erfreut; der Initiator war´s zufrieden. Es wurden Reden gehalten, es wurde andernorts Kritik geübt, und es gehen Leute in die Ausstellung im Hamburger Bahnhof, um Kunstwerke zu sehen, obwohl Flick sie gesammelt hat, und es gehen Leute in die Ausstellung, um zu sehen, was Flick gesammelt hat, und es gehen Leute in die Ausstellung, um etwas von Flicks Besitz zu sehen, auch wenn er die Gestalt von Kunstwerken angenommen hat. So sammeln sich viele Leute mit unterschiedlichen Motiven und geben der Sammlung kommunikative Fülle und Bedeutung. Sie bestätigen die Bedeutung der Kunstwerke, die endlich aus den Verpackungen gelöst und wahrgenommen werden können, und sie machen darin aus der Ansammlung von unausgepackten Objekten in einem privaten Depot eine Sammlung. Auch die Sammlung eines Einzelnen wird zu einer solchen erst durch die Resonanz wahrgenommener Werke, die sich im Auge eines Betrachters versammelt haben. Vor allem dann, wenn sie, wie die Werke, die Flick angesammelt hat, Raum beanspruchen, der die Proportionen selbst großzügigster Privaträume übersteigt.

Die Ansammlung einzelner Werke war also bereits vom Charakter der Ankäufe her als Sammlung in einem öffentlichen Raum gedacht. Daran ist nichts zu bemäkeln - in gewisser Weise entspricht das sogar den in vielerlei Hinsicht sperrigen Tendenzen der zeitgenössischen Kunst, die zu großen Teilen als Installation im Raum konzipiert ist und sich als Wandschmuck nicht mehr so recht anbieten will. Es ist auch nichts daran zu bemäkeln, dass die Privatperson Flick eine Sammlung öffentlich zu präsentieren wünscht. Es ist wünschenswert, dass Kunstwerke nicht im Depot versauern, sondern angeschaut werden können.

Dass Flick zuerst in Zürich ausstellen wollte, zeigt, wie wenig die Person Flick zu aller erst an Strategien der Gedächtnispolitik interessiert schien. Offenbar schien Flick es mit der Devise aus der Fledermaus zu halten: "Glücklich ist, wer vergisst, was nicht mehr zu ändern ist." Was Flick in der Konsequenz in Zürich nicht richtig kalkuliert hatte, in Berlin aber offenbar als Bonus angerechnet bekam, war eben das Unabänderliche des Familiennamens. Im Namen des Vaters und des Großvaters erinnerte man sich in Zürich an jenes Unglück, das weder mehr zu ändern, noch zu vergessen ist: des Nationalsozialismus, der steilen Gewinne, die der Familie Flick in dieser Zeit in nicht unerheblicher Höhe aus der Ausbeutung von Sklavenarbeitern aus den KZs zugewachsen waren. Aus diesem Grund, der kriminellen Quelle des imposanten Vermögens, weigerte sich bereits zuvor eine britische Nobel-Universität, eine Stiftung aus der Familie Flick anzunehmen. Das Argument, dass unrechtmäßig erworbenes Vermögen keine Grundlage für eine Schenkung sein kann, weil es streng genommen dem Besitzer nicht ganz gehören kann, lässt sich wirtschaftshistorisch ebenso wie moralphilosophisch diskutieren. Es ist jedenfalls Teil der Einrichtung des Fonds zur Entschädigung von Zwangsarbeitern gewesen, in den diejenigen Firmen eingezahlt haben, die zwar nicht die Schuld der Tätergeneration, aber doch die Verantwortung für das angenommene Erbe akzeptierten.

Ob es nun die Melodie der Fledermaus war oder die Vision von der Gnade der späten Geburt, die der Altkanzler Helmut Kohl einmal erlassen wollte, der Flick-Erbe wollte nicht mehr länger Mündel der Geschichte sein, sondern Vormund der Gegenwartskunst. Das ihm zugefallene Erbe sah er offenbar im Fluss der Zeit von allen Schlacken gewaschen, so dass er kategorisch ablehnte, in die Fonds zur Entschädigung der Zwangsarbeiter einzuzahlen. Das war ein hartes Statement, denn mit ihm sprach er sich und seinen Namen von historischer Schuld frei, so dass er Verantwortung für die vergangenen Taten nicht mehr zu übernehmen habe. In Kritik geraten, wurde so von ihm demonstrativ eine Stiftung gegen Ausländerdiskriminierung eingerichtet, die von einem um die Gegenwart besorgten Bürger Flick zeugte. Nun ist auch hiergegen nichts einzuwenden, es gibt in der Tat genug Besorgnis erregende Gegenwart - aber die Gegenwart als Kompensation für die Vergangenheit zu tauschen, markiert eben einen neuen Tonfall im Umgang mit der Vergangenheit, der plötzlich zur Melodie einer neuen Kulturpolitik avancierte.

Die begeisterte Aufnahme der Flick-Collection durch die bundesdeutsche und Berliner Politik pfeift diese Melodie nun munter weiter. Es wird an alles und aller gedacht, aber bitte in getrennten Abteilungen: des Holocaust kann man demnächst in Peter Eisenmans Rauminstallation gedenken; der Flick-Familie beim Betrachten von Kunstwerken; der gefallenen Soldaten in Kohls proportional korrigierter Kollwitz-Pietà der Neuen Wache; und über eine zeitgemäße Verlegung der Topographie des Terrors vom Originalschauplatz in einen anderen Ausstellungsort wird gerade nachgedacht. Kurzfristig soll man sogar darüber nachgedacht haben, ob man das Holocaust-Mahnmal nicht zu einer Verwaltungseinheit mit dem Jüdischen Museum vermählen sollte, so als wäre das Mahnmal nicht eines für die Nachkommen der Täter, sondern ein Ersatz-Friedhof für die vernichteten Juden.

Die bunte Vielfalt der Wiederkehr berühmter Namen und berüchtigter Taten täuscht aber nur schwach darüber hinweg, dass es hier um neue Schichtungen des historischen Gedächtnisses geht, die - wie man weiß - ja immer aus einer gegenwärtigen Entscheidung heraus getroffen werden. Diese neue Schichtung läuft darauf hinaus, den Holocaust und die Versklavung eines Teils der europäischen Bevölkerung als abgeschlossenes und erfolgreich memorial bewältigtes Gründungsereignis der alten Bundesrepublik abzulegen, das am Ende nicht nur rituell, sondern auch vertraglich kompensiert erscheint. Mit dieser Auslösung scheint der Weg geebnet, Geschichte insgesamt als generationelle Schichtung zu verstehen. Hatte Kohl noch die "Gnade" der späten Geburt erflehen wollen, begreift sich die neue Generation von Politikern als in keinster Weise mehr "erlösungsbedürftig" oder verantwortlich - eine Generation war die schuldige, die nächste in der Verantwortung, und die jüngste "nach ´89er"-Generation definierte sich schon einer anderen Republik zugehörig. Flick-Enkel und der aufgestiegene Schröder fühlen sich im neolibertären Gründungsmythos der dritten Republik zu Hause: eine Zugewinngemeinschaft im Geiste des freien Unternehmertums, das sich durch keine historischen Fesseln dem freien Kräftespiel des Marktes anvertrauen möchte. Hier gelten andere Werte: Politik braucht keine historischen Bindungen sondern Initiative, der Name Flick steht hier für auch für ein tatkräftiges Unternehmertum, das auf eine Erfolgsgeschichte im Wirtschaftsleben zurückblicken kann. Dass die Kulturpolitik, die kaum noch Gelder für Ankäufe der staatlichen und kommunalen Sammlungen aufbringen kann, es als Geschenk empfand, Flick finanziell bei seinem Sammlungs-Unternehmen zu unterstützen, lässt sich nur auf diesem Hintergrund verstehen. Die öffentlichen Sammlungen, die einmal (im Übrigen auch mit Stiftungsgeldern und Sammlungen gespeist) das kulturelle Gedächtnis bewahren sollten, werden in Konkurrenz gesetzt zur Idee der Sammlung als Denkmal ihres Stifters beziehungsweise Besitzers. Diesen soll man im Gedächtnis behalten als Freund und Förderer der Künste, der sich wie einst die feudalen Besitzer der Wunderkammern in ihnen spiegeln kann.

Eine Sammlung schöpft viele Formen von Wert, sie stellt einen historischen Wert dar, und einen für den Kunstmarkt, einen für den Sammler aus Leidenschaft, und einen für den Sammler von Reputation. Am Charakter, am Gestus einer Sammlung zeigt sich auch ein Verhältnis zum Gesammelten und zur Kunst. Das kunstkritische und -historische Urteil über die Flick-Collection mag günstiger ausfallen als das über die politische Idee, die sie nach Berlin gebracht hat, unstrittig dürfte sein, dass sich an ihr an ihrem gegenwärtigen Ort nicht nur die kunst-historischen Geister scheiden, sondern die zweite (Bonner) Republik von der dritten (Berliner) Republik.

Gertrud Koch ist Professorin für Filmwissenschaft am Institut für Theaterwissenschaft der Freien Universität Berlin. Der Text ist eine leicht veränderte Version ihres Beitrags zur Konferenz Die Flick-Collection wird geschlossen am 16. Dezember 2004 im Berliner Hebbeltheater HAU 2.


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 14.01.2005

Ausgabe 39/2020

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare