Die edlen Wilden

Krisen der Männlichkeit Die Jugendproteste in den Banlieues entspringen nicht dem Wunsch nach Integration - im Gegenteil

"Ich will nicht, dass Sie mich für einen Moralisten halten. Ich will, dass Sie mich für grausam, hart und männlich halten."
Lars von Trier, einer der größten Moralisten des Kinos

Junge Männer, Halbwüchsige mit maghrebinischen und afrikanischen Wurzeln, stehen auf den Straßen und setzen Autos, Gebäude und sogar Menschen in Brand. Sie zählen die Autos, die sie abgefackelt haben und veröffentlichen die Liste im Internet. Sie weisen Reporter darauf hin, dass sie sich schleunigst aus dem Staub machen sollten, wenn ihnen ihr Leben lieb sei, denn dies hier sei ihr Territorium. Sie inszenieren sich als Herren der Vorstädte. Sie sprechen davon, ausgegrenzt zu werden auf Grund ihrer "Rasse", arbeitslos zu sein auf Grund ihrer "Rasse", keinen Kredit zu bekommen auf Grund ihrer "Rasse". Ihre Idole sind nicht Marx, Che, Ho Chi Minh, nicht eine neue Gesellschaft, wie auch immer verblasenen ideologischen Zuschnitts. Die Idole dieser jungen Männer sind der Gangsta, der Pimp, oder als freundlichere Variante der Hip-Hop-Star. Das Substantiv Pimp (Zuhälter) ist inzwischen als Verb in die englische Sprache eingegangen, wo es "aufmotzen" bedeutet.

In diesen Zusammenrottungen, diesen Forderungen und Anklagen steckt nicht nur ein soziales Debakel, wie von allen zugegeben, sondern auch eine Krise der Männlichkeit. Denn es sind immer junge Männer, die die Steine und die Molotowcocktails schmeißen. So weit ich das gelesen habe, waren Alice Schwarzer und Mechtild Gilzmer (s. Freitag vom 2. 12. 2005) die einzigen, die bemerkt haben, dass in diesen Revolten die Frauen unsichtbar sind. Und Georg Klein hat mit dem doppelten Sensorium des Dichters und Vaters von zwei Halbwüchsigen die richtige Frage gestellt: "Was würde Ihnen, so Sie ein halbwüchsiger Bengel wären, mehr Spaß machen: Frühmorgens zum Unterricht in einer Hauptschule antreten, nachmittags die Toiletten derselben als Hilfskraft zu säubern oder das Schulgebäude nachts mit ein paar Kumpanen abzufackeln?" Ein Cartoon beschreibt das Ganze so: In zwei Reihen parkender Autos stehen vier Halbwüchsige. Der linke sagt: "Autos abfackeln, so wie die in Frankreich, fänd´ ich echt geil. Der rechte: Bei uns darf man das leider immer nur am 1. Mai in Kreuzberg."

Die Ethnologie erzählt uns, dass junge Männer immer ein Problem für die Gesellschaft waren, weil sie erst mühsam lernen müssen, gesellschaftsfähig zu sein. Vormoderne Gesellschaften haben Methoden gefunden, diese nach Freiheit, Abenteuer und Gewalt lechzenden jungen Männer über Initiationsriten zu integrieren oder sie auszuweisen, damit sie sich einen neuen Platz suchen konnten. Die Plätze sind verteilt. Und Initiationsriten kennt die moderne Gesellschaft nur noch in der Form einer endlos verlängerten Pubertät, die in den Massenmedien des Entertainments stattfindet. Und wo alles versprochen wird. Rap und viele Filme erzählen dem jungen Mann, dass ein tolles Leben möglich ist, dass er einen Anspruch darauf hat. Und wenn dieser Anspruch nicht eingelöst wird, dann hat er ein Anrecht auf seine Wut, und es brennen eben die Vorstädte.

Es ist nicht nur eine Männlichkeitskrise der farbigen Jugendlichen, aber die ist sichtbarer, weil sie auf der Straße stattfindet und den politischen Reflex herausfordert. Die weißen Männer der Mittelklasse erleben die ihre im Theater, in dessen symbolischen Gewalt- und Blutorgien, oder im Kino, wo der Kultfilm Fight Club die arrangierten Kämpfe junger weißer Männer als Rituale auf dem Weg der Selbstfindung zeigt. Hier kann die soziale Frage ausgeblendet bleiben. Das kann sie nicht, wenn es um Immigranten und "Unterprivilegierte" geht, denn deren soziale Biographien sind die von Gescheiterten. Als Masse der Überflüssigen fallen sie dem französischen Wohlfahrtsstaat zur Last, und es kann durchaus sein, dass sie zu dessen Offenbarungseid führen.

Frankreich reagiert mit doppeltem Schuldbewusstsein. Denn es gibt das sehr französische Problem der alten, nie wirklich bewältigten kolonialen Vergangenheit, aber darüber hinaus auch die Lebenslüge aller westlichen Wohlfahrtsstaaten, dass genug da sei für alle, dass jeder ein Recht habe auf eine selbstbestimmte Arbeit, und darauf "privilegiert" zu sein. Nichts anderes bedeutet ja der Begriff "Unterprivilegierung". Im Unterprivilegierten verkörpert sich das Scheitern des nur ökonomisch gedachten, liberalen Gedankens der Gleichheit, der ja endlos ist, weil er besagt, dass, wenn eine Gesellschaft schon BMWs und Mercedes herstellt, dann auch alle ein Anrecht darauf haben, einen zu besitzen.

Analysen aus Schuldbewusstsein verhalten sich masochistisch zu ihrem Erkenntnisobjekt. Für Unruhen im liberalen Wohlfahrtsstaat bedeutet das, dass der Staat mit dem sozialen Reflex reagiert: dem Versprechen auf mehr staatliches Geld. Und natürlich wäre das hochwillkommen und nötig. Aber in diesen Protesten geht es nicht einfach um legitime soziale Forderungen. Es geht um die Wunschwelten des ewig kampflustigen Mannes. Gangsta und Pimp haben das, was der pubertäre Mann haben möchte: das Geld, die Waffe und die Verfügung über die Frauen, alles zusammen ergibt dann Coolness. Aber Coolness bedeutet auch, dass Bildung, Arbeit und soziales Verhalten abgelehnt werden. Coolness ist ein Verhalten, das aus den Ghettos der schwarzen Unterschichten kommt, wo das einzig Stabile die Frauen sind, denn die Männer sind flüchtig oder im Gefängnis. Und je länger der junge Mann diesen Versprechungen glaubt, die auch der Kern jedes Rap sind, desto mieser sieht ihn seine soziale Biographie an.

Diese Revolte ist eine a-soziale der grandiosen männlichen Selbstinszenierung in einer Jugendkultur nihilistischer Kaltschnäuzigkeit. Wenn diese Jugendlichen auch Kindergärten, Schulen, Turnhallen und Tagesstätten abfackeln, dann diktieren sie den anderen in ihren Territorien, den Alten, Frauen und Kindern, ihr Gesetz, und sie zerstören das einzige, was diese westliche Wohlfahrtsgesellschaft ihnen geben konnte: soziale Maßnahmen, solange die Kassen es bezahlen konnten. In dieser männlichen Wunschwelt geht es gar nicht um Integration, sondern um Exklusion. Nicht um die Aufforderung: helft uns, kommt her und seht euch an, wie schlecht wir hier leben. Sondern: bleibt ja weg, denn dies ist unser Territorium, das wir kontrollieren. Genau so wenig wie der Rechtsradikalismus einfach aus der Arbeitslosigkeit kommt, es sogar eher die arbeitenden jungen Männer sind, die ihm zufallen, genau so wenig ist der Protest dieser Jugendlichen allein mit der Arbeits- und Perspektivlosigkeit zu erklären. Da unser politisches Gewissen und unser politisches Vokabular sozial geprägt sind, wurde alles sofort legitimiert als verständlicher Frust, der soziale Ursachen hat.

Diese Revolte ist in ihren Forderungen apolitisch, weil sie nichts wirklich von dem will, was der Staat ihr geben könnte. Es geht ihr um "Respekt und Ehre". Damit wird besonders ihre Wut beschworen auf die Praktik der Polizei, jeden mit dunklerer Hautfarbe zu kontrollieren. Respekt und Ehre sind aber nichts, was ein Citoyen oder auch nur ein Bourgeois vom Staat verlangen kann. Es sind Begriffe aus einer vormodernen Gesellschaft, die auch immer eine sehr patriarchalische war. Mit ihnen werden die Umgangsformen zweier Männer auf Augenhöhe beschrieben, die mit Hilfe von Ritualen ihre Kampfeslust zähmen und so ein oft fragiles soziales Miteinander begründen. In den französischen Vorstädten wird daraus die Wunschwelt einer unkontrollierten Verfügung über einen Bereich der Stadt. Denn der andere, mit dem das ausgekämpft werden muss, ist die Polizei. In den asymmetrischen Männerkriegen zwischen den Jugendlichen und der Polizei wird die Wut ausagiert, die aus der Erfahrung eines Bruchs kommt. In der vormodernen Familienwelt steht einem Mann die Ehre zu, in der modernen Funktionswelt muss er auch eine Leistung erbringen, um seinen Platz in der Gesellschaft zu finden.

In den Aufständen in den französischen Banlieues sind die Frauen unsichtbar, genau so unsichtbar, wie sie es in den Aufständen von Los Angeles und Brighton waren. Wenn die Jugendlichen Kindergärten, Schulen, Tagesstätten, Supermärkte abfackeln, alles Einrichtungen, die den Frauen helfen, ihrer Arbeit nachzugehen und aus den Banlieues herauszukommen, machen sie deutlich, dass sie genau das nicht wollen. Die Frauen sollen zu Hause bleiben. Sie sind dafür zuständig, die Mühsal des täglichen Lebens zu organisieren, sie haben das aus der Kontrolle geratene Triebpotential der Männer zu zähmen. Ein Sozialarbeiter, der selbst maghrebinische Wurzeln hat und seit vielen Jahren in den Banlieues arbeitet, beschrieb, dass die kaum 13-jährigen Brüder von einigen Mädchen, die eine Lehrstelle bekommen hatten und mit denen er über Bücher sprach, die Sitzung sprengten und ihren Schwestern verboten, weiter daran teilzunehmen. Die einzige Ehre, mit der Frauen in diesem Denken zusammen gebracht werden, ist die Ehre ihrer Brüder, dass ihre Schwester keine Hure ist. Das alles verwundert nicht, wenn man sich deutlich macht, dass die Eltern dieser Jugendlichen in vielen Fällen hilflos sind, oft Analphabeten, die in einem kulturellen Vakuum leben. Außerdem schätzt man, dass es in Frankreich rund 20.000 Familien gibt, in denen die Männer in polygamen Ehen leben.

Integration? Diese jungen Männer sind nur zu sehr integriert, weil sie die Versprechen auf Gleichheit und Brüderlichkeit der französischen Republik ernst nehmen. Und sie sind gleichzeitig nicht integriert und wollen es auch keinesfalls sein, weil sie ein Sozialmodell leben wollen, in dem ihnen die traditionellen Vorrechte als Männer zustehen. Wenn die Integration für diese jungen Männer in Markenklamotten mit Handys, wie ein Reporter sie erlebt hat, Realität wird, dann bedeutet das auch Einschränkung, Beschneidung und Mühsal. Integration in die kapitalistische Welt ist ein Prozess der Disziplinierung, den jeder einzelne auch für sich allein gehen muss. Und seine Aussichten sind nicht sonderlich glamourös, denn angesichts der Krise moderner Wohlfahrtsstaaten diskutiert die politische Philosophie seit einiger Zeit darüber, ob nicht die Forderung der Gleichheit ersetzt werden solle durch die der "Suffizienz", das heißt dass der Staat nur noch zuständig für bestimmte Mindestbedingungen eines "menschenwürdigen Lebens" zu sein habe.

In den Artikeln vieler Journalisten war eine klammheimliche Bewunderung zu spüren für die Frechheit dieser Jugendlichen, die herrscherliche Geste, mit der sie die von Berufs wegen Neugierigen aus der Kampfzone ausweisen. An den "Unterprivilegierten", die Gewalt ausüben, bildet sich eine Faszination, die viel zu tun hat mit der Amoralität der ungebrochenen Körperlichkeit. Der Prozess der Zivilisation ist auch ein Prozess der Abstraktion, die Körper werden verfeinert, die Kraft bleibt auf der Strecke. Seit Rousseau gibt es den edlen Wilden. Er lebt jetzt unter uns auf Inseln der Dritten Welt, wie man die Banlieues und die Slums nennen könnte. Er ist zuständig nicht mehr für die von der Zivilisation noch nicht verdorbene Moral, sondern für den von der Zivilisation noch nicht verdorbenen Körper. Die Systemtheorie sagt, dass alle Sozialsysteme ihr Verhältnis zu den Körpern ihrer Umwelt irgendwie regulieren müssen. Wenn aber dieses Verhältnis aus dem Ruder läuft, wenn es thematisiert werden muss, wenn sich in gewisser Weise dieser Körperbezug selbstständig macht, wird eine Systemkrise angezeigt. Die Körper, an die die Systemtheorie dabei denkt, sind allerdings geschlechtslos. Die Revolten der jugendlichen Männerkörper demonstrieren die Krisen unseres Systems. Aber möglicherweise sind ihre Markenklamotten und die Handys von den unsichtbaren, fleißig arbeitenden Schwestern bezahlt worden.


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00:00 09.12.2005

Ausgabe 39/2020

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