Die eigene Kraft wird zur Qual

DER ITALIENISCHE "SANDALENFILM" Im populären Genre der fünfziger und sechziger Jahre lässt sich ein Kino gegen Unterdrückung, Fremd- und Gewaltherrschaft erkennen

Die Namen, die man dem Genre in Italien und Frankreich gegeben hat, sind von angemessener und schlichter Anschaulichkeit: "sandalone" heißen die Antikfilme in dem Land, in dem sie entstanden sind, während sich in Cinéphilen-Kreisen der Ausdruck "péplum" durchgesetzt hat, der eine Mischung aus Lendenschurz und Toga beschreibt. Damit sind schon die einzigen Kleidungsstücke benannt, die antike Helden in der Fantasie der Produzenten, Regisseure und Zuschauer trugen. Die spärliche Bekleidung ließ die Heroen keineswegs verletzbar wirken, sondern brachte vielmehr eine Hauptattraktion der Filme zur Geltung, die muskelgepanzerten Körper, die es erlaubten, mit bloßen Händen Löwen und Tiger zu erdrosseln oder mit dem Wurf eines Baumes oder einer steinernen Säule ganze Legionen außer Gefecht zu setzen. Nicht einmal im fernen Schottland wird dem Helden in Riccardo Fredas Maciste, der Rächer der Verdammten mehr Kleidung zugestanden, um dem kühlen Klima zu trotzen.

Jene eigentümliche Mischung aus Armut und Pracht, die erschwindelte Opulenz der italienischen Monumentalfilme ist bereits in dieser Kostümierung aufgehoben. Diese unbefangenen Repliken auf die Fantastik antiker Mythen wurden für einen Bruchteil der Budgets vergleichbarer Hollywood-Filme produziert. Ihre große Blüte erlebten sie zwischen dem Niedergang des Neorealismus und dem Durchbruch des Italowestern. Die unglaublichen Abenteuer des Herkules mit dem ehemaligen "Mr. Universum" Steve Reeves brach 1958 weltweit Kassenrekorde. Bis 1964 wurden rund 170 Sandalen-Filme gedreht, gut ein Zehntel der italienischen Gesamtproduktion. Nicht nur daheim, in den Vorstadtkinos, fanden sie eine verschworene Fangemeinde, sondern auch in Exportmärkten wie Latein- und Nordamerika; der Name des Berliner "Delphi"-Kinos erinnert noch heute daran, dass es einst ein Stammhaus dieses traditionsreichen Genres war.

Erste, kurze Antikfilme wurden bereits um die Jahrhundertwende produziert. Das römische Weltreich war als Gründungsmythos für ein Land, das gerade erst seit einigen Jahrzehnten vereinigt war, überaus attraktiv. Mit Cabiria (1914), an dessen Drehbuch Gabriele D´Annnunzio mitarbeitete, erlangte das italienische Kino Weltgeltung; der Film führte zudem die Figur des Maciste ein, der bis zum Ende der Stummfilmzeit noch ein gutes Dutzend Abenteuer erleben sollte. Dass das Genre seine Hochzeit während des Stummfilms und zur Zeit des Siegeszugs von CinemaScope erlebte, verweist auf ein Primat des staunenswert Visuellen.

Das Erzählpersonal ist berechen- und überschaubar: Neben den unanfechtbaren Helden gibt es Schurken, denen die Verschlagenheit ins Gesicht geschrieben steht, und Frauengestalten, die nur selten die Ausschließlichkeit der Kategorien von Gut und Böse unterlaufen. Tatsächlich war das "péplum" ein ideales Terrain für Stilisten. Bei der französischen und britischen Filmkritik standen seinerzeit Regisseure wie Vittorio Cottafavi, Mario Bava und Riccardo Freda hoch im Kurs, verrieten sie doch eine bildträchtige Fantasie, die listig noch über das banalste Drehbuch triumphierte. Fredas kunstvoll drapierte Szenerien und ausgeklügelte Breitwand-Kompositionen, Cottafavis Farbdramaturgie kollidierten keineswegs mit dem relativ gemessenen Erzählrhythmus des Genres und dem Stolz, mit dem Attraktionen zur Schau gestellt wurden, etwa jene rituellen Tanzszenen, die regelmäßig den Erzählfluss verdicken.

Diese mythen- und zaubergewirkte Welt besitzt eine selbstverständliche Nähe zum Übernatürlichen, Fantastischen. Aber die Mischung der Gattungen ging weit darüber hinaus. Bald verstrickte das Genre seine antiken Helden in unmögliche Begegnungen: Sie trafen auf Zorro und Billy the Kid; Maciste, ursprüngliche eine Figur aus der Zeit der kathargischen Kriege, sollte es unter anderem an den Hof des Zaren verschlagen, er sollte China von der Unterdrückung durch den großen Khan befreien, Samson hatte Abenteuer im Reich der Inkas zu bestehen.

Da sich die Helden des "péplum" ohnehin auf einem eher vagen historischen Terrain bewegen, ist ihr erzählerisches Faustpfand die Freizügigkeit in Raum und Zeit. Ihre Abenteuer eröffnen Anspielungsreichtum: Mal erscheinen sie als kalte Krieger, mal müssen sie sich einer Bedrohung erwehren, die an die Atombombe gemahnt. Die schurkischen Philister in Herkules, Samson und Odysseus tragen Nazi-Helme. Cottafavi hat das Genre als ein Kino gegen Unterdrückung, gegen Gewalt- und Fremdherrschaft definiert - was gewiss auch erklärt, weshalb dies volkstümliche Genre zur Zeit des Faschismus praktisch völlig aus der Mode geriet, die Ausnahme ist Scipione, l´Africano von 1937, ein Epos aus der Zeit des zweiten Punischen Krieges, das nicht zuletzt vor dem Hintergrund von Mussolinis Begehrlichkeiten in Nordafrika zu lesen ist.

Die Doppelwertigkeit von Begrenzung und Offenheit verdankt das Genre vor allem der Anlage der Helden, die trotz ihrer Abenteuer und Reisen unwandelbar und erotisch letztlich unanfechtbar sind. Gerade ihre Statur verweist auf ein kurioses Geworfensein: Die meist amerikanischen Hauptdarsteller wirken mit ihren im Bodybuildingstudio antrainierten Muskeln deplaziert in der fingierten antiken Szenerie. Die Inszenierung der Kampfszenen akzentuiert, etwa im Vergleich zum Mantel-und-Degen-Film, weniger Geschicklichkeit und Raffinesse als vielmehr bloße Kraftanstrengung. Diese muss ausführlich dargestellt werden, schon allein um zu kaschieren, dass die zu bewältigenden Felsen und Säulen aus Pappmaché sind.

Tatsächlich ist die Aneinanderreihung von Bravourstücken ein grundlegendes Problem des Genres und seiner Figuren. In den Filmen von Freda, Bava und Cottafavi wird auch ein Hadern der Heroen mit ihrem eigenen Mandat spürbar. Sie beklagen ihre Verfügbarkeit, die eigene Kraft wird zur Qual, weil alle Welt ihre Hilfsbereitschaft einklagen kann. Ruhe und Frieden finden sie nicht einmal zu Hause.

Der Schlaf ist deshalb eine sehnsuchtsvolle, zugleich tückische Konvention des Genres, eine kurze Illusion, sich entziehen zu können. Cottafavis Herkules erobert Atlantis ist eine hübsche Hommage an diese, schon aus dramaturgischen Gründen zu überwindende Verweigerung. Sein sinnenfroher Held würde viel lieber im Kreis der Freunde und Familie ein Festmahl genießen, als in den Krieg zu ziehen. Der König muss seinen Wein mit einem Zaubertrank vermischen, um ihn gefügig zu machen. Aber zunächst wacht Herkules erst einmal unbeschwert auf und sagt: "Ein schöner Tag, nicht wahr?"

Im November zeigt Arte jeweils montags und freitags eine Reihe der Klassiker des Genres nebst Dokumentation.

00:00 16.11.2001

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