Die Eingeborenen zuerst

Grossbritannien Im Londoner Bezirk Barking and Dagenham fischt die rechtsextreme British National Party (BNP) nach der "weißen Arbeiterklasse"

"Ich weiß nicht, was sie sich dabei gedacht hat", sagt Stadtrat Milton McKenzie und klingt so hilflos und wütend. Der große schwarze, weißbärtige Mann predigt mit seiner dröhnenden Stimme gelegentlich in einer Baptistengemeinde. Er ist seit fast 40 Jahren in der Labour Party und fühlt sich nach eigener Aussage "zweifellos als Sozialist". "Margarets Bemerkung war von großem Nachteil für uns", fährt er fort und meint den Satz aus dem Mund von Parteigenossin Margaret Hodge, der Unterhausabgeordneten für den Londoner Bezirk Barking and Dagenham. Mitten im Kommunalwahlkampf hatte die Ex-Arbeitsministerin in einem Interview erklärt: "Acht von zehn Leuten in meinem Wahlkreis könnten diesmal in Versuchung geraten, die British National Party zu wählen!"

Das erschien kontraproduktiv, auch wenn Margaret Hodge Recht behalten sollte. Nirgendwo sonst in London war bei den Kommunalwahlen im Mai das Ergebnis für Labour so verheerend wie im proletarischen Nordosten. Zwar stimmten dort nicht 80, sondern 17 Prozent für die rechtsextreme BNP - doch das reichte, damit die im Bezirksparlament von Barking and Dagenham zweitstärkste Fraktion werden konnte.

Die BNP kommt aus der rechtsextremen Szene der späten Achtziger, als 1999 der Holocaustleugner und einstige Aktivist der National Front Nick Griffin den Parteivorsitz übernimmt und um ein respektables Image bemüht ist. Die anrüchige ideologische Liaison mit militanten Neonazis wird herunter gespielt, kurzzeitig will Griffin sogar Nicht-Weiße als Parteimitglieder zulassen - für die meisten Aktivisten eine Provokation, so dass der Vorsitzende seiner "Idee" bald abschwören muss, um einem innerparteilichen Putsch zuvor zu kommen. Der harte Kern verliert jedoch zusehends an Einfluss, und Griffins Taktik, die BNP nach dem Vorbild von Jean-Marie Le Pens Front National (FN) in Frankreich zu einem populistischen Sammelbecken von politischem Gewicht zu machen, trägt Früchte - im Augenblick könne die BNP landesweit mit sieben Prozent rechnen, sagen die Demoskopen.

Richard Barnbrook, Fraktionsführer der Nationalisten im Bezirk Barking, gehört zu den Modernisierern um Parteichef Griffin. In der Wahlnacht hat er sich so brav wie zynisch bei Margaret Hodge "für ihre Unterstützung" bedankt. Auf die Forderung der BNP angesprochen, Ausländer aus Großbritannien auszuweisen, wiegelt er ab. Wer sich anständig verhalte und schon lange hier sei, dürfe gern bleiben. Und überhaupt, er repräsentiere alle in seinem Wahlkreis - "ob schwarz oder weiß!" Der frühere Lehrer war noch vor 20 Jahren Mitglied der Labour-Party und schimpft über deren "Verrat an der weißen Arbeiterklasse". "Als Labour multikulturell wurde, war dort kein Platz mehr für mich". Nun jedoch seien "die Patrioten" nicht nur im Nordosten Londons zweitstärkste Partei, sondern bald überall im Vereinigten Königreich. Die BNP konzentriere sich auf die Europawahl 2007.

In diesem Jahr hat sich in Barking and Dagenham das Verhältnis zwischen Einwanderern und Eingesessenen spürbar verschlechtert. Häufiger kommt es zu Übergriffen. "Ich habe Freunde, die weggezogen sind, weil es für sie zu gefährlich wurde", erzählt Ahmed, ein britischer Staatsbürger, dessen Eltern einmal aus Pakistan kamen. Thomas Musau, ein mittlerweile anerkannter Asylbewerber aus Somalia, spricht über die tägliche Einschüchterung, der er sich ausgesetzt fühle: "An manchen Wohnungen hängen jetzt Schilder, auf denen steht: ›Zu vermieten! Nicht für Scheiß-Ausländer!‹"

Weiße Engländer wie die 22-jährige Sarah dagegen glauben, mit der BNP würde sich endlich jemand um ihre Interessen kümmern. "Es sollte mehr für uns getan werden, für die Engländer hier - nicht für die Somalis. Wir sollten als erste Kindergartenplätze und Wohnungen bekommen." Natürlich sei sie nicht mit allem einverstanden, was die BNP sage, aber irgendwer müsse für die Engländer eintreten. Seit Jahren steht Sarah auf der Warteliste für eine Sozialwohnung. Weil sie problemlos im Reihenhaus ihrer Eltern wohnen könne und daher nicht akut von Obdachlosigkeit bedroht sei - so die Behörden - müsse sie eben warten.

Dass man in London möglicherweise vier Jahre und länger vergebens auf eine Sozialwohnung hofft, liegt keineswegs daran, dass die Behörden vermeintliche Fremde bevorzugen würden. Es gibt schlicht immer weniger Quartiere dieser Kategorie. Noch 1986 waren in Großbritannien 5,6 Millionen Wohnungen im öffentlichen Besitz, 2004 nur noch 2,8 Millionen - Ergebnis der Privatisierungen, mit denen Margaret Thatcher begann und Tony Blair fortfuhr. Viele Briten waren zunächst begeistert vom Programm der Konservativen für eine property owning - democracy: Wer seine Sozialwohnung kaufen wollte, konnte einen Nachlass bis zu 36.000 Pfund erhalten. Das right to buy war populär. Auf den Bedarf an Sozialwohnungen hatte das freilich kaum Einfluss. Wer sich keine Eigentumswohnung leisten konnte, musste entweder privat und oft teuer mieten oder um die verbliebenen Sozialwohnungen konkurrieren, die von den Kommunalverwaltungen nach "Bedürftigkeit" vergeben werden, sprich: einem komplizierten System der Mangelverwaltung. Natürlich nutzt die BNP die Wohnungsnot und behauptet öffentlich, Schwarze bekämen Zuschüsse, um sich Wohnungen zu kaufen. Es gäbe ein Regierungsprogramm, das Farbigen bis zu 50.000 Pfund (74.300 Euro) in Aussicht stelle. "Gossenpolitik" nennt das Stadtrat Milton McKenzie, die BNP erzähle den Leuten, was sie hören wollten.

Trotz aller Dementis zirkulieren diese Gerüchte unter der weißen Bevölkerung. Nahrung gibt ihnen der fortgesetzte Zuzug von Migranten der zweiten Generation, die in den Londoner Randbezirken nach billigem Wohnraum suchen. Das hat sowohl wirtschaftliche als auch psychologische Gründe: Immobilienbesitz gilt als beliebte Geldanlage und Altersvorsorge. Einen Fuß auf der so genannten property ladder wollen fast alle haben - auch Migranten aus Asien und der Karibik, die es bis in die untere Mittelschicht geschafft haben. Ihre Mittel reichen allerdings meist nur für eine Eigentumswohnung im uniformen Wohnblock - die billigsten davon gibt es in Barking and Dagenham.

Einst stand in dieser Gegend die größte Autofabrik Englands mit 34.000 Arbeitsplätzen. Als Ford die Produktion 2002 einstellen ließ, waren es noch 4.000. Viele der damals Entlassenen sind bis heute arbeitslos und fühlen sich von Labour verraten. Wer sich das vor Augen hält, weiß um die ganze Brisanz der eingangs zitierten Bemerkung von Margaret Hodges, einer Vertrauten des Premierministers, dessen neoliberale Politik die Sympathien für Labour immer weiter untergräbt. Ausgerechnet sie äußerte Verständnis, wenn ehemals sozialdemokratische Wähler für eine rechtsextreme Partei stimmen wollten, und erklärte? "Die weißen Familien in Ost-London finden keine Wohnung für ihre Kinder, aber sie sehen Schwarze und andere ethnische Minderheiten einziehen, und sie werden wütend!"

Für Stadtrat Milton McKenzie war das eine Zumutung, Margaret solle in Zukunft besser schweigen, meint er. Seit den Wahlen kämpfen er und andere Labour-Deputierte in Barking and Dagenham um eine einheitliche Haltung. Schwer fällt ihnen weniger der Umgang mit der BNP als mit deren Wählern. Wohlmeinend plante die Verwaltung des Bezirks im September ein "Afrikanisches Volksfest" mit Musik, Tanz und kulinarischen Spezialitäten, aber fast niemand kam. Zu groß war bei vielen die Furcht, der BNP weitere Munition für ihre Propaganda zu liefern. Auch den "Tag des Flüchtlings" ereilte ein ähnliches Schicksal, keiner der Stadträte wollte noch etwas damit zu tun haben und als "Asylantenfreund" angegriffen werden.


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00:00 17.11.2006

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