Die Einheit des Vergessens

Extase der Welterschliessung Techno mit Nietzsche

Aus. Schluss. Vorbei. Nach dem alljährlichen Absagevorankündigungstheater, das bislang stets mit einem versöhnlichen Happy End über die Bühne ging, ist das kaum Vorstellbare eingetreten: Die Loveparade findet dieses Jahr nicht statt. Was für ein Verlust! Keine halbnackten Tiergartenpinkler mehr, keine plüschverzierten Metrosexuellen und keine peinlichen Provinzverdrogten. Beinahe jedenfalls. Denn mit der eiligst neu geschaffenen und gar amtlich anerkannten Demonstration "Fight the Power!", die am 10. Juli als Loveparade en miniature über die alte Strecke am Ku´damm ziehen wird, scheint der bessere Teil jener Jugendkultur wiederbelebt zu werden, die unter dem Namen "Techno" in den neunziger Jahren die Welt erobert hat. Kleiner soll sie sein und nicht so kommerziell, mit mehr politischem Anspruch. Back to the roots und alles wird gut?

Man sollte sich nicht täuschen lassen. In dem Maße nämlich, wie Techno von der Suggestion zeitloser Dauer lebt, ist die Beschwörung des ewigen (Neu-)Anfangs lediglich ein rhetorischer Trick, um zu überspielen, dass mit der Loveparade verspätet nun geschieht, was die Musik selbst bereits Mitte der 90er Jahre erfahren musste: ihre Historisierung. Das ironische Revival der Loveparade zeitigt die Erkenntnis, dass zu jeder guten Geschichte auch ein Ende gehört. Ohne ein Ende ist Geschichte nicht zu schreiben und erst die Absage der Loveparade macht den Erfolg von Techno erzählbar.

Wer diesen Erfolg verstehen will, muss das Versprechen kennen, das Techno bedeutet. Es geht um nicht weniger als den Genuss von Glück, das dem Gefühl einer unbedingten Einheit entspringt, einer Einheit der Tanzenden jenseits aller Differenzen. Darin liegt die gesellschaftliche Funktion von Techno. Er setzt eine Gemeinschaft in Szene, die im öffentlichen Raum seit Jahren vergeblich gesucht wird. Nach dem "Stand der Einheit" zu fragen, heißt daher, sich die Clubs und Techno-Events (Raves) im Berlin der frühen neunziger Jahre anzusehen, also die Orte aufzusuchen, wo die Welt von Techno entstanden ist. Sie waren Laboratorien der Einheit, in denen die Feier der Gemeinsamkeit unter Vernachlässigung der im Alltag so zentralen Distinktionsmerkmale sozialer und kultureller Art - also auch und gerade der Differenz von "Ost" und "West" - ihren Ort fand. Techno vollzieht eine Einheit, von der sonst nur die Rede ist.

Sofort wird die kritische Gegenstimme vernehmbar: Was für eine Einheit soll das sein? Die einer rein partyorientierten jungen Generation, die egoistisch und hedonistisch ihre Körper dem Bass überlässt und ihren Kopf zum Versuchsobjekt der Chemie degradiert? Ist Techno nicht einfach der extreme Ausdruck einer völlig unpolitischen Weltwahrnehmung und der zeitliche Zusammenfall von deutscher Vereinigung und technoidem Siegenzug purer Zufall? Verkennt die Feier der Raver als eigentliche Träger der Einheit nicht den geschichtslosen Charakter von Techno? Da Geschichtslosigkeit für viele Berufskritiker die Todsünde schlechthin darzustellen scheint, wird umgehend George Santayanas Behauptung, dass, wer nicht aus der Geschichte zu lernen bereit sei, dazu verdammt sei, sie zu wiederholen, aufgerufen und beweiskräftig auf die Nichtaufarbeitung der NS-Zeit und die Folgen verwiesen, im Bedarfsfall noch die taldmudische Weisheit zitiert, die in der Erinnerung das Geheimnis der Erlösung sieht. Wer möchte angesichts dieser Beweislast noch widersprechen und sein Wort für Techno erheben?

"Bei dem kleinsten aber und bei dem größten Glücke ist es immer eins, wodurch Glück zum Glücke wird: das Vergessenkönnen oder, gelehrter ausgedrückt, das Vermögen, während seiner Dauer unhistorisch zu empfinden." Nietzsche und dessen Zweite Unzeitgemäße Betrachtung mit dem schönen Titel Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben zur Verteidigung von Techno ins Feld zu führen, könnte helfen, den Einsatz zu verstehen, der mit Techno ins Spiel gebracht wird. Denn die junge Generation ist seine gelehrige Schülerin. Die Feier des Augenblicks im Rave ist nicht schlicht geschichtsvergessene Dummheit, sondern Folge des Bewusstseins, dass es "einen Grad von Schlaflosigkeit [gibt], von Wiederkäuen, von historischem Sinne, bei dem das Lebendige zu Schaden kommt und zuletzt zugrunde geht". Man missversteht Nietzsche jedoch gründlich, liest man dies als Plädoyer für ein erinnerungsloses Glück, ein bloßes Leben im und für den Augenblick. Denn er betont gleichzeitig, dass die Notwendigkeit von Erinnern und die Fähigkeit des Vergessenkönnens untrennbar miteinander verbunden sind und beide "für die Gesundheit eines einzelnen, eines Volkes und einer Kultur nötig" seien. Entscheidend sei, "daß man ebenso gut zur rechten Zeit zu vergessen weiß, als man sich zur rechten Zeit erinnert".

Nietzsches Ausführungen und die darauf aufbauende Erkenntnis, dass übermäßiges und einseitiges Geschichtsverständnis sich in sein Gegenteil verkehren kann, ist heute aktuell. Denn wohin hat uns die hartnäckige Aufarbeitung der jüngsten Geschichte in Bezug auf die Einheit gebracht? Die DDR wurde als kitschig-humorvolle Reality-Soap in den Abendprogrammen re-inszeniert, der real existierende Sozialismus in Sonnenallee oder Good bye, Lenin medial verpoppt und jüngst waren am Hackeschen Markt Club-Cola trinkende, gröhlende bayerische Jugendliche mit DDR-T-Shirt zu entdecken. Ist das die wohlverdiente Erlösung nach unserer bedeutungsschweren Erinnerungsarbeit? Irgendwie, irgendwo, irgendwann ist uns bei all der Aufarbeitung die Geschichte selbst abhanden gekommen, der wir uns doch so vehement auf den Fersen wähnten.

Techno setzt dieser aussichtslosen Geschichtsversessenheit den Rausch des Vergessen, des Traumes und der Nacht entgegen. Durch das zeitweise, vorurteilslose Vergessen ermöglicht er eine Kommunikation über soziale, kulturelle und nationale Grenzen hinweg und versucht eine Form postmoderner Mikropolitik, die symbolträchtiges politisches Handeln nicht mehr benötigt, weil sie dessen Ziele - demokratische Gleichheit, individuelle Freiheit des Handelns, bedingungslose Gemeinschaft aller - bereits verwirklicht hat. Dies gelingt durch eine dreifache Negation, die die Welt von Techno begründet: der Geschichte, des Sinns und der Welt an sich.

Negation der Geschichte: Die Voraussetzung der Gemeinschaftsbildung durch Techno ist die Geschichtslosigkeit der Musik selbst. Techno bricht an einem zentralen Punkt mit musikgeschichtlichen Errungenschaften: Er hebt die über Jahrhunderte entstandenen Hörkonventionen von Musik in einer Weise auf, die jede Form bewusster oder gesellschaftlich eingeübter Rezeption von Musik unwirksam werden lässt, da diese dem Sound ein Wahrnehmungsmuster unterlegen, das ihm nicht angemessen ist. Techno kennt kein musikalisches Genie, keinen Schöpfer, kein vor der Musik existierendes Subjekt - es sei denn die Technik, die Maschine selbst. Techno kennt keine Musik vor ihrer Realisierung, kein Notationsverfahren, kein Aufschreibesystem mehr - es sei denn den Körper des Ravers, in den sich der Sound einschreibt. Techno kennt keinen Produktionsort der Musik, keinen instrumentalen Ursprung, keine Quelle mehr - es sei denn der kurze Klick des DJs am Mischpult, des letzten Mediums zwischen Raver und Technik, Mensch und Maschine. Der Sound besitzt keine Vergangenheit und hat keine Zukunft, er existiert nur für den Bruchteil einer Sekunde, im Moment seines Erscheinens. Eben diese Geschichtslosigkeit ist es, die Techno zu einem gemeinsamen Bezugspunkt jenseits von "Ost" und "West" hat werden lassen. Kulturelles Wissen um musikalische Rezeptionsweisen sind irrelevant, ideologische Vorentscheidung gegenstandslos, bislang gemachte Erfahrungen unnötig. Da alle am Rave Teilnehmenden an einem Nullpunkt des Hören beginnen, kann es keine Machtstrukturen geben, keine sozialen, politischen oder kulturellen Differenzen. Dieser Sound ist nicht "Ost" oder "West", er ist global in dem Sinne, dass die Technik, auf die er einzig noch verweist, global ist. Techno befreit, weil er die Geschichte aus der Welt entfernt.

Eng mit diesem Aspekt der Geschichtslosigkeit hängt die Negation von Sinn zusammen, die Techno in Szene setzt. Weder lassen sich im Regelfall Strukturen der traditionellen Musik erkennen noch besitzen die Sounds eindeutig zurechenbare instrumentale Grundlagen. Die produzierten Geräusche - nicht mal mehr Klänge oder Töne - verweisen auf kein existierendes Instrument, gleichen nur sich selbst. Eine abgrenzbare musikalische Einheit - das Lied, der Song - existiert nicht mehr, nur sogenannte Tracks als Grundlage des Sounds, die durch Mischen und Überlagern ineinander übergehen, ohne Anfang, ohne Ende. Von bedeutungstragendem Text zu sprechen, ist unmöglich. Techno bezieht sich so nur noch auf sich selbst. Musik kann nicht mehr als Medium von Bedeutung verstanden werden, ist keine Trägerin irgendeines identifizierbaren, gar artikulierbaren Sinnes, bringt keine Botschaft mehr hervor. Die einzig denkbare Sinnproduktion wird an den Ort der Rezeption verlagert, findet statt am Körper des Hörenden - und das ist: des Tanzenden. Was Techno letztlich in Szene setzt, ist eine bewusste Absage an die Sprache und ihre weltbildende Kraft. Techno besetzt ein Jenseits des sprachlich Fassbaren, das eine Gemeinschaft zu schaffen im Stande ist, gemeinsames Handeln über eine neue Weltwahrnehmung ermöglicht. Er ist eine Antwort auf die Verschiebung der Grenzen unserer Welt infolge der zunehmenden Medialität und der Tatsache, dass die Sprache dem nicht mehr gerecht werden kann und so eben diese Welt der aktiven Stellungnahme zu entgleiten droht. Techno befreit, indem er den Sinn aus der Welt entfernt.

Die so entstehende Gemeinschaft der Tanzenden ist zweifelsohne eine ästhetische auf Zeit. Sie konstituiert sich über die Körperlichkeit der Musik, über den Bass, der den Körper besetzt, den Sound, der sich in den Körper einschreibt. Sie erfolgt durch eine Identifikation mit dem Anderen im Rave. Man könnte von einer Ent-Äußerung sprechen, die den Anderen - das Antlitz des Anderen - als Spiegel für das eigene Ich benutzt: Ich projiziere mein Begehren auf den Anderen, um ihn wiederum außerhalb seiner Selbst zu finden, im Spiel des Begehrens von Augen-Blick zu Augen-Blick. Die Gemeinschaftsbildung geht hier mit einem bewusst gesuchten Selbst- und Kontrollverlust einher - eine furchtbare Vorstellung für all die selbsternannten Verteidiger der Aufklärung und Moderne, des sich selbst bewussten und Welt sich souverän aneignenden Subjektes. Die Lust an der Nacht, am Traum, am Rausch, der gewollte und wochenendweise praktizierte Verlust des Selbst durch Teilnahme an einem erinnerungslosen Massenkörper: Techno propagiert nicht weniger als eine konkrete Absage an das moderne Subjekt, an das Ideal eines autonomen, im Denken beheimateten Ich.

Und doch ist die Gleichzeitigkeit von extremer Körperlichkeit und Selbstverlust - ein "Ich fühle und träume, also bin ich" - letzte Konsequenz der Erkenntnis, dass die moderne Weltaneignung durch das moderne Subjekt immer auch einen Weltverlust mit sich bringt und die souveräne Herrschaft des Ich nur über Selbstrepression und Körperfeindlichkeit zu erreichen ist. Angesichts der Zweideutigkeit des philosophischen Subjektsbegriffs als - der Erkenntnis, dem Handeln - Zugrundeliegendes und - der Natur, der Gesellschaft - Unterworfenes, wählt Techno bewusst die zweite Option: Durch Unterwerfung unter den Sound, der reine Technik bezeichnet, soll sich die Welt selbst den Körper aneignen und dadurch auch uns. Im Anschluss an den italienischen Postmoderne-Theoretiker Gianni Vattimo könnte man von einem "schwachen Subjekt" sprechen, das der medialen Wirklichkeit der Gegenwart einzig noch angemessen ist. Die Überantwortung an die imaginäre Gemeinschaft des Raves stellt dann für den Tanzenden eine Form der Welterschließung dar, der eben durch Ausschluss der äußeren Welt geworden ist. Techno befreit, weil er die Welt selbst aus seiner Welt entfernt.

Doch was wird aus diesem neuen Subjekt, wenn die Drogen zu wirken aufhören, die Musik endet und die Party vorbei ist? Mit dem Verlassen des Raves tritt man ja wieder ein in die Welt, von der man sich doch verabschiedet, in die Geschichte, der man sich eben noch enthoben gefühlt, und die Sinnproduktion, die man als nichtig empfunden hat. Die oft gestellte Frage, ob die Toleranz, der Umgang mit Differenz, das im Rave praktizierte Spiel in diese andere, "richtige" Realität hinübergerettet werden kann, ist unzulänglich, da sie einen Gegensatz, eine Unvereinbarkeit beider Welten behauptet. Dabei ist es gerade dieses neue Subjekt, das sich durch die Beheimatung in beiden Welten selbst erschafft. Techno bezeichnet in diesem Sinn einen Lernprozess, in dem es um das friedliche Aushalten von Differenzen geht, da das Leben und Handeln in unterschiedlichen Wirklichkeiten zur Ausbildung eines "polyphrenen Subjektes" (Wolfgang Welsch) führt, das zwischen wie auch immer als "normal" oder "real" und medial oder virtuell zu fassenden Welten oszilliert. Mit Techno steht die Verwirklichung postmoderner Subjektivität als Basis der Welterschließung auf dem Spiel. Die Ekstase der Subjektivität, die Techno in Szene setzt, kann dann als Vermittlung der bislang gegensätzlich gedachten Instanzen von Individuum und Gesellschaft gesehen werden, indem der Prozess der Weltaneignung als sozialer - unter Laborbedingungen: im Rave - nachvollzogen wird.

Wohlgemerkt: All das bezieht sich auf die Techno-Kultur der frühen neunziger Jahre in Berlin. Die voraussetzungslose Zusammenkunft von "Ost" und "West" in der neu entstehenden Techno-Kultur war ein Phänomen des letzten Jahrzehnts, die nur mehr als Geschichte in der Vergangenheitsform erzählt werden kann. Sie ging mit Aufkommen des Pop als Lebenshaltung zu Ende. Der Möglichkeitsraum Berlin und dessen vorzüglichstes Experiment Techno machten der medialen Inszenierung einer "Berliner Republik" und dessen eindimensionaler Ausdrucksform des Pop Platz. Die Nostalgisierung der Loveparade am 10. Juli 2004 erinnert an diese Geschichte und holt gleichzeitig jene anderen Ereignisse des Jahres 1989 ein. Die (ausgefallene) fünfzehnte Loveparade übernimmt so die Funktion des eigentlichen 15. Jahrestages der Wende und stellt an ihn die Frage, ob dies wirklich die angestrebte Einheit ist.

Aus? Schluss? Vorbei? Nicht ganz: Denn es lohnt sich zu überlegeben, ob das Prinzip des Techno als gemeinschaftsstiftende Einheit auch heute noch reproduzierbar ist. Kann es Anwendung finden auf jene andere Ost-West-Vereinigung, die man angeblich gerade miterleben und mitgestalten kann, die Europäisierung der EU im Zuge des eben erfolgten Beitritts? In diesem Fall könnte man sich Seminare zur verhängnisvollen Geschichte des 20. Jahrhunderts, zu Welt- und Kaltem Krieg, Vernichtung und Vertreibung sparen und die gemeinsame Party der jungen Generation in den Blick nehmen, die längst begonnen hat. Denn wen kümmert es heute noch, dass es Ostpreußen nicht mehr gibt? Die Benesch-Dekrete nur noch als permanente Rechtschreibfehlerquelle im Gedächtnis bleiben? Und niemand mehr Grass liest? Das Zusammengehörigkeitsgefühl der Jugend Europas übersteigt offensichtlich die Vorstellung vieler 68er-Pädagogen, und es bleibt mit Techno zu hoffen, dass die geschichtslose Musik lauter ist als das historisch belehrende Wort. Ob das Geschichtsrevisionismus ist? Wenn dadurch Kommunikation in Gegenwart und Handeln für die Zukunft gefördert werden kann, mag man das gerne so nennen. Vielleicht ist mit (und gegen) Nietzsche das aus der Geschichte zu lernen: dass sie nicht immer so wichtig genommen werden sollte. Denn Geschichte ist nicht das plötzliche In-die-Welt-Treten von Ereignissen, sondern abhängig von der Interpretation von Ereignisabläufen, die wiederum auf Interpretationen beruhen: Geschichten von Geschichten. Es wird also Zeit, etwas Polnisch zu lernen, denn die besten Partys, so hört man, steigen jetzt in Warschau. Und das - glücklicherweise! - ohne Günter Grass, Erika Steinbach oder dem neuesten Baedeker. Für 29 Euro. Einfach.


00:00 09.07.2004
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