Die Einsamkeit des Spitzels

Unironisch "Departed: Unter Feinden" von Martin Scorsese

Ironie ist nicht das Erste, das einem bei Martin Scorsese einfällt. Im Gegenteil: Scorseses Filme zeichnet aus, dass er es ernst meint. Selbst sein King of Comedy musste gänzlich ohne Lacher auskommen. Diese große Ernsthaftigkeit führt unter anderem dazu, dass einem die dargestellte Gewalt, selbst wenn sie weit weniger explizit ist als etwa bei Quentin Tarantino, oft unangenehm nahe geht. Im Unterschied zu Tarantino interessiert Scorsese an der Welt des Verbrechens nämlich weniger die modischen Haltungen und markigen Sprüche als vielmehr das Phänomen des Bösen an sich. Man kann sagen, dass Scorseses Filme von Moral handeln, ohne moralisch zu sein. Natürlich liegt man beim Sohn italienischer Immigranten auch nie falsch, wenn man an dieser Stelle die katholische Herkunft anführt. Die Popularität Scorseses in Europa mag sich unter anderem auf dieses alteuropäische Erbe gründen. Aber gleichzeitig gibt es in seinen Filmen etwas ausgesprochen Neuweltliches: Sie handeln vom Glanz und Elend des - männlichen - Individuums, von seinem Größenwahn und seinem Niedergang, von seiner Macht und seiner Gebrechlichkeit.

"Ich möchte kein Produkt meiner Umgebung sein, ich möchte, dass meine Umgebung ein Produkt von mir ist", sagt Jack Nicholson als Frank Costello in einer der ersten Szenen von Departed: Unter Feinden. Und liefert damit nicht nur einen Schlüsselsatz amerikanischen Selbstverständnisses, sondern auch eine Begründung für unser aller Faszination am Kriminellen: Der Verbrecher als Steigerung des Individualisten. Dies ist Jack Nicholsons erste Rolle in einem Scorsese-Film und trotz seiner 69 Jahr füllt er sie mit dem fast übergroßen Ehrgeiz eines Youngsters aus, der dem Ganzen seinen Stempel aufdrücken will. Auf den ersten Blick mag er lediglich wie eine Variation des in die Jahre gekommen Verbrechers erscheinen, der statt Ekel vor den eigenen Taten einen allgemeinen Weltüberdruss entwickelt hat und diesen nun als sadistischer Kopf einer Mafiabande auslebt. Im Lauf der Films wird jedoch immer deutlicher, dass dieser Frank Costello (der Name wird von einem irischen Ursprung abgeleitet, da das Ganze im irischen Milieu Bostons spielt) die Grenze zum Pathologischen längst überschritten hat. Er ist ein Mörder, der das Morden mag. Sexuelle Anzüglichkeiten benützt er nur zum Einschüchtern und Demütigen der Anderen. Er selbst hat am Leben und seinen Genüssen, auch am Sex, längst kein Interesse mehr. Der einzige Thrill, der ihm geblieben ist, ist die Gewalt. Diabolisch, wie man ihn kennt, gibt Nicholson ein menschliches Monster, das mit seinem krankhaftem Blutdurst einen monströsen Mangel umzudeuten versucht: "Ist das der Grund? All das Morden, all die Frauen - aber keine Söhne?" wird er am Schluss gefragt. Mitleid hat man mit ihm allerdings nie.

Die wirklichen Hauptfiguren in Departed: Unter Feinden sind sowieso Costellos "Söhne": Matt Damon spielt Colin Sullivan, einen verwaisten Jungen aus dem irischen Armenviertel Bostons, der in Costello seinen Förderer findet und sich als so begabt erweist, dass dieser ihn zur Polizeischule schickt. Dort macht er mit Glanz seinen Abschluss und fügt sich fortan bestens in die Doppelrolle als erfolgreicher Verbrechensjäger, der zum richtigen Zeitpunkt bei "Papa" anruft, damit der nicht in flagranti erwischt wird. Während Matt Damon aufsteigt, muss ein anderer in den Untergrund: Leonardo di Caprio spielt Billy Costigan, den Spross einer weiteren irischen Familie mit mafiösen Verstrickungen, der sich davon lösen will und deshalb zur Polizeischule geht. Von dort wird er mit Schimpf und Schande davongejagt - die Entlassung ist seine "Deckung" für eine Karriere bei Costello. Seine Mission: Costello ans Messer zu liefern. Doch bevor er ihn verraten kann, muss er erst dessen Vertrauen gewinnen.

Die Konstruktion der Geschichte hat etwas von der beeindruckenden Statik eines Sakralbaus: Da gibt es die einfache Grundform: zwei gegenläufige Spitzel, der eine unterwandert die Polizei, der andere die Unterwelt. Aus diesen zwei Handlungsträgern entfaltet sich ein ganzes Geflecht an Themen rund um Identität und Selbsterkenntnis, denn bald werden sie auf sich selbst und aufeinander angesetzt. Zwangsläufig kulminiert das Ganze schließlich in der Begegnung der beiden Kontrahenten. Die Handlung haben Scorsese und sein Drehbuchautor William Monahan im Übrigen vom Hongkongfilm Infernal Affairs übernommen.

Die symmetrische Grundform, die ins Komplexe gesteigert wird, zwingt zu einer filmischen Erzählweise, die ohne Schnickschack und Mätzchen auskommen muss. Kein launisches Verweilen bei alltäglichen Handlungen, keine stilisierten Gesten - Zug um Zug wie beim Zeitschach treibt die Handlung nach vorn.

Das Spiegelungsmotiv des chinesischen Originals baut Scorsese weiter aus: Dem "bösen Vater" Costello/Nicholson steht nicht nur der "gute Vater" Queenan/Martin Sheen (es heißt, dass eigentlich Robert de Niro die Rolle hätte übernehmen sollen) auf Polizeiseite gegenüber; beide haben sie einen Adjutanten an der Seite, der ihre schlechteste Eigenschaft spiegelt: Bei Nicholson ist es der von Ray Winstone gespielte "Mr French", der Costellos gering ausgeprägte Zimperlichkeit ins Animalische vergröbert. An Martins Sheens Seite steht Mark Wahlberg als Inkarnation des "Bad Cop": Sein böses Mundwerk trifft durchschlagender als jede Waffe. Freunde und Feinde lässt er damit zu Boden gehen, was aus Wahlberg den heimlichen Star des Films macht. Selten wurde die unschöne Kombination aus maliziös und nicht korrumpierbar fesselnder vorgeführt.

Anders als im Original leistet sich Departed die Unwahrscheinlichkeit eines direkten Berührungspunkts der beiden ungleichen Brüder Damon und Di Caprio: Beide besuchen sie dieselbe Psychologin. Vera Farmiga als Madolyn ist die einzige Frau in diesem Männerfilm. Über sie macht der Film glaubhaft, wie weit die Seelenverwandtschaft der beiden Hauptfiguren geht. In der Beziehung zu ihr wird auch das eigentliche Hauptthema des Films deutlich: Die existenzielle Einsamkeit der beiden, die der Preis für ihr Doppelleben darstellt.

Der eine täuscht vor, "gut" zu sein, der andere, zu den "Bösen" zu gehören: In der Parallelführung der Geschichten lotet der Film seine Moral neu aus. Matt Damon verleiht seiner Figur des falschen Polizisten mit den letzten Spuren seiner Jungenhaftigkeit eine Unschuld, die ihn vom schweren Erbe der Costello-Figur letztlich bewahrt. Er hat nicht dessen Freude am Verbrechen, sondern seine Droge ist die Loyalität. Leonardo di Caprio als falscher Verbrecher, der Schlechtes tun muss, um Gutes zu erreichen, gewinnt demgegenüber eine tragische Größe, die einen als Zuschauer - ungewohnt für einen Scosese-Film - fast zu Tränen rührt. Und im Übrigen von wahrer Ironie gar nicht mehr weit entfernt ist.


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00:00 08.12.2006

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