Die einsamste Nation Europas

Christian Buckard im Gespräch mit György Dalos Vor 50 Jahren, im Herbst 1956, wurde der ungarische Volksaufstand blutig niedergeschlagen. Der Schriftsteller György Dalos hat dessen Geschichte aufgeschrieben

FREITAG: Herr Dalos, manche Historiker sehen einen der Hauptgründe für den Volksaufstand im Oktober 1956 in der Niederlage der ungarischen Fußballnationalmannschaft im Juli 1954 in Bern.
GYÖRGY DALOS: Das ist sicher eine Übertreibung, aber nicht ganz unwahr. Nach Stalins Tod war jedes Ereignis dazu geeignet, die Massen gegen die Regierung aufzubringen. Diese Fußballkatastrophe, 3:2 im Spiel gegen die Bundesrepublik, war schon ein Zeichen. Der einzige Bereich, in dem zwischen Volk und Regierung ein Konsens herrschte, war spektakulär gescheitert. Nach der Niederlage kamen sämtliche Frustrationen der Leute zum Ausbruch. Es gab Ausschreitungen, als die "Jungs mit den goldenen Füßen" nach Ungarn zurückkehrten. Dies beweist, dass die Atmosphäre bereits damals so aufgeheizt war, dass es nur eines geringen Anlasses bedurfte, um eine Explosion herbeizuführen.

Wie haben Sie den Einmarsch der Sowjets erlebt?
Die Sowjets sind ja zweimal einmarschiert. Zuerst am 24. Oktober und dann noch einmal am 4. November 1956. Der zweite Einmarsch war die endgültige Entscheidung, um den bewaffneten Aufstand und die damit verbundenen Reformbewegungen unter Imre Nagy niederzuschlagen. Ich war damals 13 Jahre alt und mit meinen Schulproblemen beschäftigt. Für uns Kinder war der Aufstand wie ein Film. Bei uns herrschte eine merkwürdige Romantik. Fast alle Kinder betrachteten sich als Freiheitskämpfer.

Sie auch?
Nein, ich nicht. Ich war anders sozialisiert, als Kind einer armen jüdischen Familie. Wir waren eher pazifistisch, wir waren gegen den Krieg, gegen jedes Säbelgerassel. In den Tagen des Terrors, nach dem Aufstand, hatte ich mehr Mitgefühl als in den Tagen des Aufstands selbst. Da spielten sicher unbewusste Ängste vor einer Bevölkerung eine Rolle, die noch zwölf Jahre zuvor, während der Besatzung durch die Wehrmacht, bei den Verbrechen gegen die Juden weggeschaut oder sich dabei sogar bereichert hatte. Es gab ein gewisses Misstrauen der jüdischen Kleinbürger gegenüber der ungarischen Gesellschaft.

Vor allem auch, weil der Antikommunismus in Ungarn traditionell mit Antisemitismus einhergeht.
Ja, da gab es bei den ungarischen Juden eine spontane und im Grunde berechtigte Angst. Es lag auf der Hand, dass der Wutausbruch der Gesellschaft auch antisemitische Züge zeigen könnte, aber in diesen elf Tagen kam es erstaunlicherweise nicht dazu. Die Atmosphäre dieser Tage war vielmehr durch die nationale Einheit bestimmt. Der sowjetische Einmarsch hatte eine ganz merkwürdige Koalition von Kommunisten und Antikommunisten geschaffen. Und da fragte man nicht danach, wer Jude ist und wer nicht. Die damals in Ungarn lebenden 100.000 Juden - vor allem die Spitze der jüdischen Gemeinschaft - waren mit den Forderungen der Reformbewegung um Imre Nagy und den Aufständischen einverstanden.

Hat der Premierminister Imre Nagy den Aufstand überhaupt gewollt?
Ich glaube, Imre Nagy stand die ganze Zeit unter dem Druck der Straße. Als Kommunist und jahrzehntelanger Freund der Sowjetunion wollte er die Krise im Sinne des Sozialismus lösen. Aber er war der inneren Logik der Ereignisse ausgeliefert. Und dann kam ein Punkt, wo er seine Loyalität gegenüber der Sowjetunion aufgeben und sich auf die Seite des Volkes stellen musste. Das war sehr dramatisch, wie er innerhalb eines Tages seinen Standpunkt änderte. Seinen politischen Höhepunkt erreichte Nagy erst nach der Niederschlagung des Aufstandes. Als er sich weigerte, den Aufstand zu verdammen. Die letzten anderthalb Jahre seines Lebens waren der moralische und politische Höhepunkt Imre Nagys.

Wenn man Ihr Buch liest, drängt sich der Vergleich zwischen Nagy und Salvador Allende fast auf.
Ja, ebenso wie Allende war auch Nagy ein Mensch, der sich dem Gesetz verpflichtet fühlte. Als man Nagy vorschlug, einen Führer des Aufstands, den selbst die Aufständischen hassten, erschießen zu lassen, hat Nagy gesagt: "Wir sind doch keine Stalinisten!" Er wollte nicht mit ungesetzlichen Mitteln an der Macht bleiben. Er glaubte an das, was er tat.

János Kádár, der von den Sowjets nach der Niederschlagung des Aufstands als neuer Regierungschef eingesetzt wurde, ist vielleicht eine nicht weniger tragische Figur als Nagy.
János Kádár ist es gelungen, aus der Diktatur, die er nach dem 4. November ausbaute, später etwas zu machen, was ein wenig besser war als die Diktaturen der Nachbarländer. Kádár war nach 1956 an Morden beteiligt. Er hatte Blut an den Händen. Aber eine psychologische Besonderheit Kádárs ist, dass er - im Unterschied zum früheren Diktator Rákosi - keine sadistische Freude an diesen Morden hatte.

In Ihrem gerade erschienenen Buch "1956. Der Aufstand in Ungarn" schildern Sie, dass Kádár im Herbst 1989, als die sterblichen Überreste von Nagy und der anderen ermordeten Politiker umgebettet wurden, in seiner Wohnung saß und nach seinem Opfer Imre Nagy fragte.
Ohne dessen Namen zu nennen. Er sagte: "Ist jener Mann schon beerdigt?" Kádár hatte Angst, Imre Nagys Namen auszusprechen.

"Nagys Geist"...
Ja, ich finde, dass das in einem Shakespeareschen Sinne doch von einem gewissen Format spricht. Honecker, Ulbricht, Zivkov oder die sowjetischen Oberhenker waren hingegen ständig davon überzeugt, richtig gehandelt zu haben. Aber die hatten ja auch nicht fünf Jahre im Gefängnis Stalins gesessen und waren nicht gefoltert worden wie János Kádár. Er ist eine tragische, gebrochene Figur.

Arthur Koestler hat die Ungarn einmal als die einsamste Nation Europas bezeichnet. Haben sich die Ungarn je einsamer gefühlt als im November 1956?
Die Ungarn haben sich sicher einsam gefühlt. Das hängt auch mit kulturellen Faktoren zusammen, vor allem der Sprache. 1956 gab es natürlich das Gefühl, von der westlichen Öffentlichkeit verlassen worden zu sein. Die offizielle Politik der USA und der Westmächte hatten stets davon gesprochen, die so genannten versklavten Nationen hinter dem Eisernen Vorhang zu befreien. Doch 1956, als die Einlösung ihres Versprechens fällig gewesen wäre, haben sie nichts getan. Das ist natürlich verständlich. Sie wollten keinen nuklearen Konflikt.

Und doch glaubten viele Ungarn, darunter auch viele Emigranten, dass der Westen schließlich doch helfen würde.
Ja, das wollte man glauben. Selbst intelligente Ungarn hofften das. Man kann sagen, dass die optimistischen Flüchtlinge in Deutschland und Österreich blieben. Nur diejenigen, die an keine Änderung mehr glaubten, haben gleich für die USA und Australien optiert. Es gab viele Flüchtlinge, die noch sehr lange gehofft haben, dass die UNO-Truppen kommen würden. Nicht wenige sind diesen Weg in den Westen und zurück drei, vier Mal gegangen. Diese offene Grenze war ein Teil der Taktik. Die Herrschenden wollten die Gesellschaft beruhigen. Und irgendwann schnappte dann die Falle zu. Viele dieser Rückkehrer mussten mit ihrem Leben oder hohen Haftstrafen zahlen.

Was waren das für Leute, die in den Westen flüchteten?
Die intellektuelle Elite spielte unter ihnen eine relativ untergeordnete Rolle, die Mehrheit der meist jungen Flüchtlinge kam aus dem Arbeitermilieu. Es gab sehr viele ungarische Bergleute, die im Ruhrgebiet geblieben sind. Oft war es so, dass diese Leute aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse auf einem niedrigeren Niveau beschäftigt wurden, als sie es verdient hätten. Aber viele junge Leute, vor allem Studenten, wurden mit Stipendien gefördert, damit sie deutsche Schulen und Universitäten besuchen konnten. Die Aufnahme der rund 200.000 Ungarnflüchtlinge in Europa war schon auch ein Ruhmesblatt der europäischen Geschichte.

Was ging mit der Niederschlagung des Aufstandes verloren?
Der Einmarsch der Sowjets am 4. November hat eine sehr große Wirkung auf die Geschichte, auf die dreißig Jahre danach gehabt. Vor allem sind sämtliche Hoffnungen kaputt gegangen, dass der Sozialismus in Ungarn mit nationaler Unabhängigkeit und Demokratie einhergehen kann.

Welche Rolle spielt die Erinnerung an den Aufstand heute?
Eine relativ geringe Rolle. 1989 sah es eine Weile so aus, als hätte das neue demokratische System den Volksaufstand als legitimierenden Ausgangspunkt genommen. Das war aber eine typische Zeitillusion. Die Revolution von 1956 erwies sich für die beginnende Marktwirtschaft und für die auf die EU ausgerichtete Republik als zu radikal, zu links.

Wie wird man den 50. Jahrestag des Volksaufstands in Ungarn begehen?
In Ungarn wird es sicher sehr große Veranstaltungen geben. Vielleicht ist es jetzt zum ersten Mal möglich, dass die unterschiedlichen Organisationen der 56er gemeinsam feiern werden. Vielleicht wird es jetzt nicht mehr diese unrühmlichen Szenen, die Anpöbelungen und das Auspfeifen geben. Vielleicht haben die Leute ja inzwischen etwas mehr Toleranz gelernt.

Das Gespräch führte Christian Buckard

Das Buch von György Dalos ist dieser Tage unter dem Titel 1956. Der Aufstand in Ungarn im Beck-Verlag, München, erschienen.


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00:00 01.09.2006

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