Die engen Welten der russischen Weite

Kollektiver Realitätsverlust Der Moskauer Philosoph Mikhail Ryklin über Putin, den Machtmenschen ohne Geschmack für Politik und das Phänomen postsowjetischer Psychosen im heutigen Russland

Mikhail Ryklin, westlichen Lesern vor allem durch seine in Lettre International erscheinende Kolumne Korrespondenz aus Moskau bekannt, ist einer der profiliertesten zeitgenössischen Denker Russlands. In seinen kulturpolitischen Essays setzt sich der Moskauer Philosoph und Schriftsteller mit den Phänomenen der russischen Gegenwart auseinander. Derzeit untersucht er im Rahmen des von der deutschen Bundeskulturstiftung initiierten und des im Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) in Karlsruhe betriebenen Projekts The Post Communist Condition die "sowjetische Erfahrung" seiner Landsleute.

FREITAG: Vor dem Hintergrund eines rein virtuell erscheinenden Präsidentschaftswahlkampfs in Russland sehen Sie den Ersatz von Politik durch Imagearbeit, einen "Triumph des Imaginären". So etwas kennt man in Deutschland spätestens seit Schröder. Aber was ist daran typisch für das postkommunistische Russland?
MIKHAIL RYKLIN: Im Unterschied zu Deutschland fand im nachsowjetischen Russland kaum Vergangenheitsbewältigung statt. Nur zu Beginn der neunziger Jahre, zu Jelzins Zeiten, gab es kurzfristig einige Versuche die sowjetische Geschichte aufzuarbeiten. Heute sehnen sich viele Menschen nach sowjetischen Zeiten zurück. Was unter Putin geschieht, ist eine Art imaginäre Reise zurück in die sowjetische Geschichte. So wurde zum Beispiel vor drei Jahren die alte Sowjethymne wieder ins Leben gerufen. Das bedeutet nicht, dass die Sowjetunion zurückkehrt, real ist das unmöglich, aber auf symbolischer und vor allem imaginärer Ebene wird diese Möglichkeit in Russland als politische Waffe benutzt. Das meine ich mit Triumph des Imaginären.

Im innerrussischen Diskurs sind die Intellektuellen, wie es scheint, kaum in der Lage, auf diese Entwicklung einzuwirken.
Die Intellektuellen spielen heute eine viel kleinere Rolle als zu Jelzins Zeiten. Einer der Gründe dafür ist, dass unter Putin die Medien unter staatliche Kontrolle gebracht wurden. Auch sind die Intellektuellen keine einheitliche Gruppe, es gibt zum Beispiel Soziologen oder Politologen, die als Imageberater auch für Putin arbeiten. Aber für die im Westen mehr oder weniger bekannten Schriftsteller, Künstler und Philosophen sind die Zeiten schwerer geworden. Unter Jelzin gab es mehr Meinungsfreiheit. Damals kontrollierten zwar Medienzare durch ihr Geld, aber dafür herrschte zwischen den verschiedenen Medien-Imperien ein gewisser Meinungsstreit. Heute sind viele Kritiker entweder im Exil oder angepasst. Das Feld, in dem man Meinungen frei äußern kann, hat sich seit 1999 sehr verengt.

Kann man von einer Entpolitisierung sprechen?
Wenn Räume verschwinden, in denen politische Meinungen frei geäußert werden können, verschwindet auch das Engagement. Um eine Meinung bekannt zu machen, braucht man Fernsehkanäle, Zeitungen, Zeitschriften. Sind die von oben kontrolliert, ist Entpolitisierung die einzige Möglichkeit. Die große Palette der Meinungen ist öffentlich nicht vertreten, ketzerische, häretische Ansichten finden keinen Raum.

Auf der politischen Bühne: Gibt es da nur Putin und alles andere ist Staffage? Was ist zum Beispiel mit der liberalen Kandidatin, der als "Powerfrau" titulierten Irina Chakamada?
Chakamada hat selbst erklärt: Ich kandidiere, aber ich glaube keinen Moment daran, dass ich gewählt werden kann. Das Problem der heutigen russischen Machthaber besteht darin, vor dem Westen den Anschein freier Wahlen zu wahren. Denn es ist von Anfang an offensichtlich, wer gewinnen wird. Das sollte man aber nicht so verstehen, dass Putin ein Alleinherrscher ist. Putin ist ein Mann der Macht, einer, der das System aufgebaut hat. Dieses System arbeitet für Putin, und Putin ist das Endprodukt dieses Systems. Hunderttausende Beamte, Hunderttausende Bürokraten und Militärs wollen Putin an der Spitze haben; Putin ist ihre Wahl.

Politaufsteiger Putin als Produkt postkommunistischer Strukturen ...
Wenn man Politik als öffentlichen Akt versteht, ist Putin gar kein Politiker. Er hält keine öffentlichen Reden. Ich kann mich nicht erinnern, dass Putin je vor 2.000, 3.000 unbekannten Menschen öffentlich gesprochen hätte. Ihm behagt so etwas nicht. Lieber erscheint er im Fernsehen unter vorbereiteten Bedingungen, spricht drei bis fünf Minuten, und dann ist Schluss. Ich denke, er findet keinen Geschmack an öffentlicher Politik. Putin regiert als Endprodukt eines komplizierten Systems.

Russland führt Krieg in Tschetschenien. In welchem Maß bestimmt dieser Zustand die gesellschaftliche Normalität?
Offiziell gibt es nur eine Antiterror-Operation, die eigentlich seit vier Jahren beendet ist. Aber entgegen den offiziellen Verlautbarungen dauert dieser Krieg fort, und kein Ende ist absehbar. Ein unerklärter Krieg bleibt aber trotzdem nicht ohne Einfluss auf die Bevölkerung, er hat eine allmähliche Verrohung der Gesellschaft zur Folge. Zwar wollen die Bürger nicht selbst Krieg führen, sie wollen nicht, dass ihre eigenen Kinder hingehen und umgebracht werden, aber sie wollen, dass der Krieg zum Sieg geführt wird. Das ist eine traumatische Einstellung. Die Spaltung zeigt sich in dem Wunsch, nichts von diesem Krieg zu wissen. Eine selbst auferlegte Unwissenheit. Wer will, kann sich über verschiedene Kanäle sehr gut informieren.

Was hat sich seit dem ersten Krieg in Tschetschenien verändert?
Der erste Tschetschenienkrieg war in der Öffentlichkeit sehr präsent, es gab die verschiedensten Meinungen dazu, scharfe Kritik von Journalisten und sogar von diversen Institutionen. Heute gibt es das nicht mehr. Die Leute wollen nichts von einem Krieg hören, und die Medien berichten sehr wenig. Der dritte, vielleicht wichtigste Unterschied ist, dass Putin von Anfang an im Kriegszustand regierte. Er hat als Präsident keinen einzigen Tag ohne Krieg erlebt. Er kam als Resultat des Krieges an die Macht, daher ist es für ihn besonders schwierig, diesen Krieg zu beenden. Seine Macht wurzelt in diesem Krieg.

Sie machen den anhaltenden Kriegszustand für Veränderungen in ganz Russland verantwortlich. Für welche?
Zum Beispiel verwüsteten vor einem Jahr so genannte Gläubige in Moskau eine Ausstellung zeitgenössischer Kunst mit dem Titel "Achtung Religion". Diese Randalierer wurden später freigesprochen; angeklagt sind jetzt dagegen die Organisatoren der Ausstellung, weil sie angeblich diese Vorfälle verschuldet hätten. Dem Gesetz nach ist Russland heute ein säkularer Staat. Formal ist die Sache klar: Die Randalierer müssten bestraft werden, sie zerstörten Kunstwerke im öffentlichen Raum. Doch sie argumentieren, die Werke seien blasphemisch. Woanders würde diese Argumentation nichts nützen, aber in Russland ignoriert der Staat seine eigenen Gesetze. Das sind die Folgen der Kriegsmentalität.

Eine Erosion des Rechtsstaats ...
Missachtung der Gesetze, gefügige Journalisten ... Das alles sind Folgen des Krieges. Unerklärte Kriege sind vielleicht sogar gefährlicher, weil die Leute in der Überzeugung leben, dass eigentlich nichts passiert. Ich sehe eine allgemeine Verschlechterung auf verschiedenen Ebenen. Von außen ist das vielleicht kaum sichtbar, aber ich als russischer Bürger spüre diese Veränderungen am eigenen Leib.

Sie haben in "Verschwiegene Grenze. Briefe aus Moskau 1995-2003" geschrieben: "Im Mittelpunkt meines Interesses steht die Neudefinition des Begriffs der Psychose in Anwendung auf postsowjetische Realia." Steht Psychose hier für kollektiven Realitätsverlust?
Genau. Während sich ein Neurotiker dieses Verlusts bewusst ist, lebt der Psychotiker im Imaginären. Es ist die einzige Realität, die er hat. Dieser Unterschied ist entscheidend. Und meiner Meinung nach lassen sich in Russland heute eine große Anzahl psychotischer Phänomene finden. Den Vergleich sollte man nicht als klinischen Vergleich verstehen. Ich arbeite mit Sozialpsychosen, mit Massenphänomenen; es geht mir um die psychotische Einstellung zur Realität.

Verursacht durch den, wie Sie sagen, kaum aufgearbeiteten sowjetischen Staatsterror?
Das Trauma ist so tief, dass die Leute, die daran leiden, es sich gar nicht leisten können, das Trauma zu bemerken. Was nicht daran liegt, dass das Trauma so geringfügig ist, sondern daran, dass es zu groß ist. Um es verarbeiten zu können, müsste das Trauma erst kleiner werden. In Deutschland steht in der Verfassung, dass jemand, wenn er den Holocaust leugnet, strafrechtlich verfolgt werden kann. In Russland gibt es nichts Vergleichbares. Das stalinistische Trauma bleibt für die Menschen mehr oder weniger geheim. Sie wissen noch nicht, woran sie leiden, weil das Leiden zu stark ist.

Wie äußert sich das in der postsowjetischen Realität?
Der Politiker Schirinowski, der Chef der Liberaldemokratischen Partei in Russland, ist das beste Beispiel eines Psychotikers. Natürlich würde Schirinowski sagen, dass er nicht leidet. Er würde sagen, er genieße jeden Augenblick seines Lebens. In Russland sind Psychotiker ungeheuer zahlreich; in der Gesellschaft, in der Freud lebte, waren Psychotiker Einzelfälle, die zwar in ihren eigenen Welten lebten, aber diese Welten wurden nicht von der Gesellschaft unterstützt. In Russland dagegen ist die Psychose so verbreitet, dass die Leute leben, als gäbe es gar keine andere soziale Realität. Hier liegt das Problem, warum Russland die Modernisierung so schwer fällt, warum es sich von Europa isoliert, warum es sich nicht in Institutionen integrieren kann. Politiker wie Schirinowski sehen sich in einer therapeutischen Funktion; das ist das Perverse.

Was bedeutet diese von Ihnen als starke These vertretene Psychose für eine Gesellschaft?
Die Leute wollen das Realitätsprinzip nicht anerkennen. Vor vier Wochen war ich im Ural, in Jekaterinburg, und schaute Fernsehen. In einer kleinen Stadt wehrten sich die Menschen gegen neue Ausweise. Warum? Weil sie glaubten, dass in diesen Ausweisen dreimal die Zahl 6 stehe. Und das sei ein böses Zeichen. Priester hätten gesagt, sie sollten diese teuflischen Dokumente nicht annehmen. Was heißt es, ohne Ausweis zu leben? Sie dürfen nicht ins Ausland, kriegen keine Krankenversicherung. Ich habe den Ausweis genau untersucht und keine 666 gefunden. Die Psychose ist eine Sackgasse. Ich kann die Außenwelt ignorieren; ich kann in einer imaginären Welt bleiben, aber das verursacht eine sehr starke Bestrafung von außen, von der so genannten nicht psychotischen Welt.

Die Welt ist für einen Psychotiker sehr eng.
Ja, sehr eng. Ein Psychotiker kann in dieser Welt bleiben - aber die Frage ist, ob er in dieser Welt überlebt oder nicht. Und ich glaube, Psychotiker haben keine große Zukunft.

Das Gespräch führte Roland Schenke

00:00 12.03.2004

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