Die Entengrütze der Stagnation

Russland Der Journalisten Oleg Kaschin erzählt in "Es geht voran" von einem Land, in dem das Groteske allgegenwärtig ist

Oleg Kaschin ist in Russland ein bekannter Journalist. Seine Artikel erscheinen in einer der wenigen unabhängigen Zeitungen des Landes, dem Kommersant. Im November 2010 wurde er direkt vor seinem Haus von zwei Männern überfallen und schwer verletzt. Von den Tätern fehlt bis heute jede Spur. Trotzdem gilt es als sicher, dass seine kritische Reportagen Anlass für den Überfall waren, insbesondere seine Artikel über die Jugendorganisation Naschi (Die Unseren), die Putins Partei Jedinaja Rossija (Einiges Russland) nahe steht. Die Organisation hatte, zusammen mit dem Aufruf, ihn zu bestrafen, ein Foto des Journalisten veröffentlicht.

Kurz vor dem Überfall hatte Kaschin in seinem Verlag das Manuskript seines satirischen Romans Es geht voran abgegeben. Das jetzt auf Deutsch in der Übersetzung von Franziska Zwerg vorliegende Buch ist eine sarkastische Abrechnung mit der russischen Gesellschaft der Putin-Ära. Karpow, ein Erfinder, verlässt darin zusammen mit seiner Frau Marina Moskau. Sie geben Job und Wohnung auf und fliegen in den Süden Russlands, in die Heimatstadt des Erfinders. Marina hatte allem zugestimmt, aber auf der Reise stellt sie beunruhigt fest, dass Karpow nervös ist. Sie weiß nicht, dass er kurz vor dem Durchbruch zu einem vielversprechenden Wachstumsmittel steht. Er hofft, in einer von seinen Großeltern geerbten Wohnung in Ruhe weiter an seiner Erfindung arbeiten zu können.

Auf die Größe eines Schafs

Die ersten Versuche, die Karpow heimlich in einem Schuppen auf dem Hof des Hauses durchführt, sind vielversprechend. Das Ratten injizierte Serum führt dazu, dass die Tiere innerhalb weniger Wochen auf die Größe eines Schafs anwachsen. Allerdings beginnt die Sache aus dem Ruder zu laufen, weil die Ratten weiter wachsen. Nur mit Mühe gelingt es ihm, die riesigen Tiere mit einem Stromschlag zu töten. Dann aber kann Karpow die Wirkung des Mittels begrenzen. Er wagt es in einem nächsten Schritt, einem kleinwüchsigen Mann aus dem örtlichen Zirkus das Serum zu injizieren. Wie durch ein Wunder ist der Mann nach zwei Wochen auf normale Größe gewachsen.

Karpows Wachstumsmittel bleibt das einzige wirklich surreale Element in Oleg Kaschins Roman. Aber es genügt völlig, um die Geschichte schnell an Fahrt aufnehmen zu lassen. Obwohl Karpow versucht, seine Erfindung geheim zu halten, haben natürlich bald mächtige und einflussreiche Männer von dem Wundermittel gehört. In Karpows Heimatstadt in der russischen Steppe kennt jeder jeden und kaum etwas kann geheim gehalten werden. Auch die alten Seilschaften aus der Sowjetzeit funktionieren noch, haben sich nur ein bisschen an die neue Zeit angepasst. Bereits am Tag der Ankunft des Erfinders hat die Leiterin des örtlichen landwirtschaftlichen Forschungsinstituts von seinem Eintreffen gehört und bedrängt ihn, als Aushängeschild für das Institut zu arbeiten. Schon seit Jahren hat die Einrichtung keine Forschungsergebnisse mehr geliefert. Mit Karpows Hilfe hofft sie nun, weitere Forschungsmittel in Moskau locker machen zu können. Geld, das zur Hälfte leider für das Schmieren der dortigen Beamten gebraucht wird.

Ohne große Tiefe

Oleg Kaschin muss das, was er zu sagen hat, nicht mehr wie zu Sowjetzeiten verschlüsseln. Großes Vorbild eines im Buch auftretenden Oligarchen ist zum Beispiel Putin. Um seinen Bruder, der ihm gefährlich zu werden droht, einzuschüchtern, wusste er, „welches Gesicht er aufsetzen und welchen Ton er anschlagen würde. Putin hatte einmal in diesem Ton mit ihm gesprochen.“ Und der 1954 im Schweizer Exil gestorbene rechtsnationalistische Philosoph Iwan Iljin, mit dem sich Putins Partei gerne schmückt, soll als Namensgeber für Karpows Wachstumsserum dienen.

Es geht voran ist mit seinem surrealen Plot und seiner beißenden Satire auf die russischen Verhältnisse ein spannender und unterhaltsamer Roman. Allerdings auch ein zeitgebundenes Buch ohne große literarische Tiefe, wozu auch die Anmerkungen beitragen, ohne die der nichtrussische Leser all die Anspielungen nicht versteht. Fraglich ist daneben, ob die Form der Groteske in einem Land funktioniert, wo bereits die Tagesmeldungen groteske Qualitäten besitzen. Wo Größenwahn, Wunderglaube und autoritäre Strukturen für alle sichtbar eine katastrophale Mischung eingehen. Und sich trotz der Möglichkeit, die Wahrheit zu schreiben, nichts tut. In dem es nicht vorangeht, wie am Ende in einem Bericht über die Vorfälle um Karpows Erfindung zu lesen ist, sondern sich wieder einmal „die Entengrütze der Putin’schen Stagnation über ihren Köpfen“ schloss.

Es geht voranOleg Kaschin Aufbau 2012, 152 S., 16,99

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12:00 06.03.2012

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