Die Entführung aus dem Serail

Urteilsfähigkeit Zur Orientierung in verwirrter Zeit bedarf es der Anstrengung geistesgeschichtlicher Erinnerungsarbeit

Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand gebietet - so Carl Schmitt in seiner Verfassungslehre. In der internationalen Politik ist die Regierung der USA derzeit dieser unbestrittene Souverän. Mit ihrer sofortigen freiwilligen Unterwerfung unter deren Krisenmanagement - "uneingeschränkte Solidarität" - steht auch diese Bundesregierung zwar ganz in der Tradition der Westbindungs-Außenpolitik ("Mitmachen statt Außenpolitik") und der aktuelle deutsche Kriegsbeitrag ist wenig mehr als die logische Fortsetzung der von Adenauer ausschließlich politisch, nicht aber militärisch motivierten Wiederbewaffnung: Es wird im konkreten Falle aber zugleich etwas ganz Fundamentales aufgegeben, nämlich bereits das Nachdenken über eigene Optionen aufgrund eigener Lagebeurteilungen und eigener Schlußfolgerungen. So gut wie einstimmig wird die Bundesrepublik Deutschland von ihrer politischen Klasse in eine fatale Einbahnstraße geführt: Es gibt keine Alternative zu dem, was die amerikanische Regierung für richtig hält - und jeder Zweifel an unserer Unterwerfungs-Loyalität bedeutet unter den Bedingungen des Ausnahmezustandes in letzter Konsequenz eine Form von staatspolitischem Dolchstoß in den Rücken der als "Solidarität mit den USA" definierten deutschen Staatsräson, und, darüber hinaus, einen Dolchstoß in den Rücken der Verteidiger "der Zivilisation". Wer Kants Aufklärungsappell: "Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen" einklagt, wird mit dem braunen Etikett vom "deutschen Sonderweg" des Hochverrats an der westlichen Wertegemeinschaft verdächtigt.

Die Rückbesinnung auf Kant, den unbestechlichen Denker des Eigensinns und der republikanischen Bürgerwürde - aber nicht zuletzt auch der unbedingten Militär- und Kriegsgegnerschaft - ist etwas, das Distanz schaffen und die Urteilskraft schärfen könnte. Hier wurden, menschenrechtlich und vernunft-anthropologisch begründet, zivilisatorisch-politische Maßstäbe gesetzt, beginnend mit der Feststellung: "Die wahre Politik kann keinen Schritt tun, ohne vorher der Moral gehuldigt zu haben." Moral aber, nicht nur in öffentlichen Angelegenheiten, dort aber ganz besonders, ist "schon an sich selbst eine Praxis in objektiver Bedeutung, als Inbegriff von unbedingt gebietenden Gesetzen, nach denen wir handeln sollen, und es ist offenbare Ungereimtheit ... sagen zu wollen, dass man es doch nicht könne." In einer Zeit, da für die Bekämpfung sich ausbreitender organisierter, nicht-staatlicher Gewalt die Ordnungshüter auf jegliche rechtliche Begründung ihrer eigenen Gewaltpolitik verzichten, beziehungsweise pragmatisch vermeintliche Effizienz bedenkenlos über das Völkerrecht stellen (die NATO-Bombardierungen Serbiens), müssen alle BürgerInnen, die durch diesen mit dem "guten Zweck" begründeten Gesetzesbruch verunsichert wurden, an Kants Imperativ erinnert werden: "Das Recht muß nie der Politik, wohl aber die Politik jederzeit dem Recht angepaßt werden." Immer sind es die von den "Schlangenwendungen einer unmoralischen Klugheitslehre" gerechtfertigten schlimmen Mittel, die vorgesetzte gute Zwecke zunichte machen und konterkarieren; Gewalt produziert nur wieder neue Gewalt in anderem Gewand und erreicht allenfalls Waffenstillstände, nicht aber dauerhaften Frieden, der die notwendige Bedingung der Möglichkeit von Politik, von selbstbestimmtem Zusammenleben ist.

Es kann und sollte nicht genügen, den Scharfsinn wissenschaftlich-publizistischen Räsonnierens auf die reine politische Analyse zu konzentrieren und sie damit zugleich zu beschränken - oder, was auf dasselbe hinausläuft, Tendenzen und zu erwartende Entwicklungen von gesellschaftlicher Relevanz in kritischer Absicht aufzuzeigen. Zu jeder unerwünschten Prognose gehört unbedingt der demokratische Zusatz: "sofern wir selbst als politisch Handelnde nicht aktiv und erfolgreich eingreifen." Kritik, die in der Form des Impliziten auftritt - von gescheiten Auslassungen über die drohende Zukunft von entstaatlichten Kriegen, über Terrorismus als dessen neue Form, über die Militarisierung deutscher Außenpolitik, über ökologische Katastrophenszenarios oder das explosive Potential demographischen Wachstums und die rapide Verelendung der Menschheitsmehrheit durch die kapitalistische Globalisierung - das alles regt nicht mehr auf, weil das bloße Aufzeigen zu erwartender dunkler Zukünfte oder aktueller Skandale urteils- und kritikfähige BürgerInnen voraussetzt, die, wenn sie davon aus den Medien nur Kenntnis erhalten, bei ihren Repräsentanten Protest einlegen, oder, besser noch, sich andere Repräsentanten wählen. Nicht mangelnde Sensibilität ist da verantwortlich zu machen, sondern das weitgehende Fehlen von Urteilskriterien, Maßstäben und Prinzipien, auch von Unrechts- beziehungsweise Rechtsbewusstsein, wie von Kant exemplarisch entwickelt und über ein bloßes subjektives "Meinen" hinaus systematisch begründet. So läuft auch noch die alarmierendste Kritik - 24.000 tägliche Hungertote oder eine halbe Million irakische Kinder als Opfer des US-Imbargos (Außenministerin Albright: "it is worth it") - ins Leere einer zum politischen Umgang damit ratlos-unfähigen Öffentlichkeit.

Die Maßstäbe moralischen Urteilens sind abhanden gekommen, die Kant vor 200 Jahren formulierte: "Handle so, daß du die Menschheit, sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen, jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst." Darum bleibt der "Aufschrei" aus, den Brecht für jedes Unrecht, das in einer Stadt geschieht, erwartete. Nicht nur in der Philosophie, auch in der Dichtung können sie wiedergefunden und einem öffentlichen Diskurs, der sich auf die politischen Parameter der Macht zurückzieht, entgegengehalten werden. Jetzt ist dort überall die Rede vom Dialog der Kulturen. Dieser sei, vor allem mit "dem Islam" nötig und vordringlich - aber von den lautstark Fordernden wird er selbst nicht geführt. Denn die erste Voraussetzung dazu wäre es ja, kritische Distanz zu sich selbst, zur eigenen Kultur und zur eigenen Politik zu gewinnen - ohne dabei die eigene Identität aufzugeben oder sich ihrer gar zu schämen (wie es bei manchen Linken in ihrer verklemmten Haltung zur deutschen Nationalität zu beobachten ist). Selbstkritik, sich von außen, vom Anderen her zu sehen, sich in ihm zu spiegeln, damit finge ein interkulturelles Gespräch an. Das schönste Dokument eines abendländisch-islamischen Dialogs hat uns wiederum die Aufklärung in der Sprache der Dichtung hinterlassen: Goethes West-östlicher Divan, entstanden vor dem Hintergrund der "Befreiungskriege" mit ihrer schrillen intellektuellen Begleitmusik des deutschen Nationalismus´ und Franzosenhasses.

"Gottes ist der Orient!/Gottes ist der Occident! Nord- und südliches Gelände/Ruht im Frieden seiner Hände." Diese poetische Adaption aus der zweiten Sure des Korans zieht sich gewissermaßen leitmotivisch durch Goethes Reise in die Welt der persischen Dichtung, der arabischen Geschichte und des Islam, zu der er seine Landsleute mit seinen wunderbaren Gedichten einlädt; so viel lag ihm gerade an diesem "interkulturellen Dialog", dass er sie mit "Noten und Abhandlungen zum besseren Verständnis" versah und auf eine billige Taschenbuchausgabe drängte. Die Deutschen, wir, haben damals die Botschaft nicht vernommen - hätten wir´s, und sie beherzigt, unsere Geschichte wäre anders verlaufen: noch um 1900 lagen unaufgeschnittene Exemplare unverkauft in den Lagerräumen des Verlags.

Das Eindrücklich-Vorbildhafte dieses ebenso bescheiden wie fordernd sich präsentierenden deutsch-islamischen Dialogs drückt sich in der einfühlsamen Haltung des Reisenden Goethe aus, dem es, so in der Selbsteinführung, "zum Lobe gereicht, wenn er sich der fremden Landesart mit Neigung bequemt, deren Sprachgebrauch sich anzueignen trachtet (Goethe machte ausführliche arabische Schreibübungen), Gesinnungen zu teilen, Sitten aufzunehmen versteht". Ja, er geht in seiner Divan-Ankündigung so weit, "den Verdacht nicht abzulehnen, dass er selbst Muselmann sei". "Wenn Islam Gott ergeben heißt,/Im Islam leben und sterben wir alle." Gleichwohl hat Goethe seine Kritik am Islam, am Propheten Mohammed und an einzelnen Aussagen des Koran deutlich ausgesprochen - auch das gehört zur Empathie. Der Weg dahin - und auch das kann man für den derzeit mehr rhetorisch geforderten als tatsächlich geführten Dialog bei und von Goethe lernen - führt nicht über die Theologie oder die Politik, sondern über Dichtung und Geistesgeschichte: Hier gewinnt eine Kultur, auch eine Religion, ihr Selbstverständnis, ihre Sprache, ihre Gestalt, hat sie ihr Gedächtnis und ihre Seele. Es muss nicht der altpersische Dichter Hafis sein (dem im vergangenen Jahr in Weimar ein Denkmal gesetzt wurde), sondern das leistet heute die reiche arabische Literatur und Historiographie: Der Ägypter Nagib Machfus erhielt den Literatur-Nobelpreis und die Algerierin Assia Djebar im letzten Jahr den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

"Verwirrende Lehre zu verwirrtem Handel waltet über die Welt", schrieb Goethe in seinem letzten Brief. Die Aufklärung, das größte geistesgeschichtliche Erbe der Moderne, hat auch noch eine weitere Dimension Maßstäbe setzender Orientierung erschlossen und uns zur Aneignung und Fortentwicklung übergeben: die Musik. Ihre Sprache kann in unseren Konzertsälen jederzeit gehört und das Verständnis für die ethischen Dimensionen dieser Sprache erlernt werden. Aber man muss sie ernst nehmen - auch und gerade dort, wo sie leicht daherzukommen scheint. Gibt es auf unseren Bühnen ein geglückteres Beispiel für die Auflösung eines schweren christlich-islamischen Konfliktes im gemeinsamen Nenner von Bitte um Vergebung und Verzicht auf Rache als Mozarts "Entführung aus dem Serail"? Die Musiksprache erreicht ganz andere Bewusstseinsschichten als das verbal artikulierte Argument, als das politische allemal. Daniel Barenboim bildete auch darum aus israelischen und palästinensischen Musikern ein "Divan-Orchester" (wofür er in Weimar mit der Goethe-Medaille geehrt wurde).

Die Besinnung auf die universalistischen Traditionen im philosophisch-dichterisch-musikalischen Erbe einer jeden Kultur enthält langfristig die größten Chancen für produktive inter-kulturelle Dialoge - das braucht Zeit und Geduld. Demokratie, gegründet auf Überzeugungsarbeit und gemeinsamer Lösungssuche durch Argumente und den Dialog, ist die "Erfindung der Langsamkeit" bei schwerwiegenden Entscheidungen für die politische Gemeinschaft. Sie bedürfen kurz- und mittelfristig jenes zu leichtfertig ignorierten oder vergessenen Fundus von Maßstäben und Urteilskriterien, ohne die wir der Konfusion schnell produzierten Meinens ausgeliefert sind. Für Europa ist das vor allem die nach griechischer Klassik und Renaissance schönste und fruchtbarste Blütezeit, die Zeit der Aufklärung.

An die Aufklärung wäre aber auch die amerikanische Gesellschaft und Politik zu erinnern, verdankt sie ihr ja nicht zuletzt die Gründung dieser Republik als "Leuchtturm der Hoffnung". Der Verfasser der Unabhängigkeitserklärung und dritte Präsident, Thomas Jefferson, der Primus inter pares unter den Gründungsvätern, hat sein außenpolitisches Vermächtnis unter anderem so formuliert: "Meine Hoffnung, für unser Land den Frieden zu erhalten, basiert nicht auf dem höheren Prinzip, jedwedem Unrecht keinen Widerstand entgegenzusetzen, sondern sie beruht auf dem Glauben, dass gerechtes und freundschaftliches Verhalten unsererseits Gerechtigkeit und Freundschaft der anderen zur Folge hat." Und: "Es liegt mir viel daran, daß wir der Welt eine weitere nützliche Lehre erteilen, indem wir ihr andere Methoden als die des Krieges beibringen, um Ungerechtigkeiten zu bestrafen, worunter der Bestrafende ebenso leidet, wie der Bestrafte." Auch das ein großer Maßstab.

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00:00 16.11.2001

Ausgabe 42/2021

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