Die entscheidende Bürgschaft

AM 11. FEBRUAR 2000 WIRD HANS-GEORG GADAMER 100 JAHRE ALT Kritische Anmerkungen zum 'erfolgreichsten Philosophen der Bundesrepublik'

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung feierte schon 1995 Gadamer als "erfolgreichsten Philosophen der Bundesrepublik" (Jan Ross, FAZ vom 11.2.95). Die Würdigungen, die nun zum 100.Geburtstag erscheinen, werden diese Einschätzung gewiss bestätigen. Die weltweite Wirkungsgeschichte des am 11.Februar 1900 in Breslau geborenen Gadamers hängt mit der Rezeption seines Hauptwerkes Wahrheit und Methode (1960) zusammen. Gadamer lieferte dort die Grundlagen einer philosophischen Hermeneutik und verband damit Philosophie mit allen Bereichen, in denen Auslegungsverfahren notwendig sind, etwa der Literaturwissenschaft, der Jurisprudenz, der Theologie, der Psychologie und auch der Medizin. Gadamers Geburtstag gibt ganz offensichtlich Anlass, das mythisch gewordene Lehrer-Schüler-Verhältnis zwischen den Generationen, die das philosophische Imaginäre dieses Jahrhunderts in Deutschland geprägt haben, durch die nazistische Erfahrung hindurch zu zelebrieren und virile Rangordnungen zu befestigen. Gleichzeitig gibt es aber auch Spuren einer kritischen Distanzierung im Umgang mit Gadamers Werdegang.

Für die erste Variante steht exemplarisch Henning Ritter, der anlässlich einer Besprechung der offiziellen Gadamer-Biographie von Jean Grondin (FAZ vom 23.3.1999) gerade die Orientierung an diesem "eigentümlichen Lehrer-Schüler Verhältnis" vermisste, das er für "den Kern einer Gadamerbiographie" hält. Ritters hochfahrende Schlussbemerkung bringt es auf dem Punkt: "Die Urszene dieses Lebens (Gadamers Leben, TO) bleibt freilich jene Situation in den späten zwanziger Jahren, als sich um Martin Heidegger viele philosophische Begabungen von unterschiedlichen Prägungen scharten, wie es dies seit den Zeiten des deutschen Idealismus nicht gegeben hatte. Eine Schilderung dieser Konstellation steht noch aus." Ob eine solche Schilderung auch ihre nazistische Folgen einschließen würde, ist nicht ausgemacht. Jedenfalls sei hier an Heideggers Lehrmeinung in seiner Nietzsche-Vorlesung von 1940 erinnert, nämlich dass die "`Motorisierung' der Wehrmacht" während des Kriegsfaschismus im Osten, "in Wahrheit (...) ein metaphysischer Akt" sei.

Für die zweite Variante der Gadamer-Lektüre steht Jürgen Habermas, der vor kurzem Gadamers "Anhänglichkeit an den Lehrer der frühen Tage" einer diskreten und fragenden Kritik aussetzt: "Waren es die Prägungen der Marburger Zeit, die Gadamer dazu brachten, die zivilisierende Kraft der Tradition, die er im Sinne hatte, mit der barbarisch verjüngenden Eschatologie eines Seinsgeschicks in eins zu setzen?" (Tagesspiegel vom 1.2.2000). Doch gerade im Umgang mit dieser `Marburger Zeit' (1919-1937), die Gadamer ausführlich in autobiographischen Schriften und Interviews dokumentiert, unterscheidet sich diese Variante nicht allzusehr von der ersten. Ausgeblendet wird nämlich die Zeit, in der Gadamers philosophische Karriere Gestalt annahm, die unzertrennlich mit der nazistischen Verstrickung des nationalkonservativen Bürgertums verbunden ist.

Während Henning Ritter an der apologetischen Gadamer-Biographie Grondins, die der NS-Zeit breiten Raum gibt und Gadamer von jedem Verdacht einer Verstrickung befreien will, moniert, die Kapitel über Gadamers Wirken zwischen 1933-1945 "hätten nicht so ausführlich ausfallen müssen", übergeht Habermas diese Periode mit einem undurchsichtigem Schweigen. Da die Frage nach Gadamers Karriere im Nationalsozialismus von ihm selbst beantwortet wurde, scheint das Bild klar, das Faktenmaterial bekannt zu sein: Gadamer war kein Nazi, er sympathisierte mit dem nationalkonservativen Widerstand, der 1944 gegen Hitler putschte; da er aber seine akademische Karriere nicht opfern und zugleich seinen jüdischen Freunden die Treue halten wollte, muss te er sich durchlavieren und politische Konzessionen machen. Im Gegensatz zu dem einseitigen Bild, das Gadamer nach 1945 zeichnete, sei aber an Folgendes erinnert: Gadamer hat im November 1933 das Bekenntnis der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler und dem nationalsozialistischen Staat unterschrieben, er war Mitglied des Nationalsozialistichen Lehrerbundes (NSLB), er hielt Vorträge im Dienste der NS-Auslandspropaganda in Ländern, die dem faschistischen Bündnis angehörten oder okkupiert worden waren, und erhielt seinen Leipziger Lehrstuhl unter Mitwirkung der SS. Davor vertrat er Professuren, die durch die Judenverfolgung vakant geworden waren (Richard Kroner in Kiel und Erich Frank in Marburg). Als repräsentativ für die Interventionen Gadamers während des Kriegsfaschismus kann sein Vortrag Volk und Geschichte im Denken Herders gelten, den er im besetzten Paris 1941 vor kriegsgefangenen Offizieren hielt. Hier präsentiert Gadamer eine völkische Herder-Interpretation. Dieser Text erscheint 1967 ohne die völkischen Passagen und mit einigen Umarbeitungen wieder. Über die Feststellung von explizit "völkischen" Gedanken hinaus ist es wichtig zu untersuchen, wie Gadamer gerade durch die Wahrung der philosophischen Form das politische Selbstverständnis seiner Gegenwart artikulierte. Dies zeigen zwei Platon-Interpretationen, die mit keinem Wort den Nazismus erwähnen.

Im Januar 1934 warb Gadamer in einem Marburger Vortrag dafür, die Dichtervertreibung bei Platon "im Rahmen einer Staatsgründung" und als "radikale Abkehr vom bestehenden Staat" zu würdigen. Gefeiert wurde eine neue Paideia (Bildung), die die Jugend vor dem sophistischen Geist schützen und ohne die Anerkennung individueller Grundrechte zum Wächter des neuen Staates formen sollte. Dies bildete einen Verstehenshorizont für die Bücherverbrennungen und die Ausbürgerung kritischer Schriftsteller. Der erstaunliche Effekt, dass die NS-Gegenwart nicht direkt benannt wird und doch unausgesprochen präsent ist, beruht auf einer Hermeneutik der Anspielung: Die Texte sind so angelegt, dass sie sich im historischen Verstehenshorizont des humanistischen Gebildetenmilieus mit faschistischen Bedeutungen aufladen. Im Ergebnis wirkt das Hineinhören der faschistischen Gegenwart wie eine Leistung des Zuhörers. Das Protokoll zu Gadamers Vortrag von 1934 gibt davon einen Eindruck. Als Quintessenz wird dort festgehalten "Platos Mythendichtung ebenso wie seine Dialogdichtung zeigen wahre dichterische Fähigkeit, die sich in den Dienst des neuen Menschenbildes stellt." Die Rückprojizierung des Neuen in die platonische Ordnung zeigte sich fähig, eine von Art Déjà-vu-Erlebnis zu gestalten, das den gewalttätigen NS-Verhältnissen im Medium der philosophischen Klassik einen Hauch von heroischer Größe verlieh. Bemerkenswert ist, dass Vorgänge wie die Bekämpfung des Staatsfeindes, die Dichtervertreibung sowie die "Reinigung" der Dichtung (= Zensur) der Gewalt des Staates und nicht des hermeneutischen Dialogs unterstellt werden. Die hermeneutische Kunst der Anspielung, die Gadamer an Carl Schmitts Hamlet-Interpretation hervorhob, beherrschte auch er selbst mindestens ebenso gut.

Man muss Gadamer keinen Opportunismus unterstellen, sondern es geht darum, die erstaunliche Kohärenz seiner Position zu dokumentieren. An der Platon-Interpretation von 1934 wird deutlich, dass Gadamer im Medium der Ideenwelt Platons und ihrer hermeneutischen Aktualisierung das Bündnis mitvollzog, welches das nationalkonservative Bürgertum, das im Namen des "Geistes von Potsdam" die Reichswehr in den NS einbrachte, mit den Nazis einging. Sein Beitrag Platos Staat der Erziehung (1942) kann als Symptom verstanden werden, wie dieselbe preußische Formation, Stalingrad vor Augen, das Bündnis lockerte und eine autoritäre Reform des Staates anstrebte. Das Idealbild einer sich selbst mäßigenden autoritären Herrschaft reagierte auf die terroristischen Transformationen des Kriegsfaschismus. Gadamers Aufruf zur Heilung kranker Staatswesen zeigte sich anschlussfähig an Konzepte, die in den Führungsetagen von Militär, Staat und Kapital entworfen wurden und die das NS-System und seine Kriegspolitik reorientieren sollten. Der Bewegungsmodus dieser Fraktion kommt in beiden Texten zum Ausdruck. Gadamer selber erklärt nachträglich, "das Interesse am politischen Platon" habe "mit den Nazis noch gar nichts zu tun", es sei, "das Bedürfnis, sich an einem Vorbild einen Staat vorzustellen, in dem es noch Staatsgesinnung gab. Denn das gab's in der Weimarer Republik nicht." Vieles spricht dafür, dass diese Gesinnung keineswegs mit Demokratie, sondern mit einem autoritären Obrigkeitsstaat verbunden war. Dies wird zumeist übersehen aufgrund einer faschismushistorischen Fehleinschätzung, die auf der falschen Vorstellung basiert, der real existierende Nazismus habe allein aus Hitler und der Nazi-Partei sowie einer völkischen Doktrin mit groben eugenischen und autoritären Konzepten bestanden. Elemente, die sich in dieses Bild nicht einordnen lassen, avancieren zu vermeintlichen Widerstandspositionen. In dieser Sichtweise sind die konservativen Eliten in Wirtschaft, Kirchen, Universitäten und Wehrmacht als treibende und tragende Kraft ausgeblendet. Die klassische und die neuere Faschismusforschung belegen mit Eindringlichkeit, dass die inneren Differenzen zwischen beiden Lagern geradezu konstitutiv für den Erhalt des Nazismus als gesellschaftlicher Formation waren. Man war sich einig in der Bekämpfung der Weimarer Republik zugunsten eines autoritären Führerstaates, was noch in den Konzepten des konservativen Widerstandes zum Ausdruck kommt. Jemand wie Gadamer konnte das liefern was Isabelle Kalinowski "die entscheidende Bürgschaft" für das Hitler-Regime genannt hat: "Der Hass auf den Weimarer Rechtsstaat hat ohne Zweifel in Gadamers Kommentaren zu Platon eine tiefere Form von Wirksamkeit gefunden, als das direkte Engagement von Heidegger, der vielleicht paradoxerweise eine größere politische Naivität beweist."

Jan Ross hat in seiner Würdigung von 1995 recht damit, "dass Gadamers virtuose Fähigkeit" darin bestand, "die Sache des Denkens veränderten Umständen und vor allem dem Umstand dauernder Veränderung anzupassen". Doch ist es "Gadamers Geheimnis" und "gefährdetes Erbe, die große philosophische Tradition von Platon bis Heidegger in den Haushalt der prosaischen Bundesrepublik eingeschmuggelt" zu haben. Dieses Geheimnis fordert zu einer Relektüre von Wahrheit und Methode auf. In diesem Werk erreicht die hermeneutische Nutzanwendung der im Nationalsozialismus gereiften Erfahrung Gadamers den Rang einer Theorie der Interpretation mit Universalitätsanspruch.

Tereza Orozco ist Lehrbeauftragte für Philosophie in Berlin. Zuletzt erschien von ihr 1995 im Hamburger Argument-Verlag: Platonische Gewalt. Gadamers politische Hermeneutik der NS-Zeit.

00:00 11.02.2000

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