Die entstellte Wahrheit

Essay Helmut Lethens „Der Schatten des Fotografen“ hat den Leipziger Buchpreis gewonnen. Zu Recht, findet Tom Kummer, denn das Buch lehrt uns, Bildern gründlich zu misstrauen

Ach, die Medien! Sie leisten Erstaunliches, können Kriege entscheiden, Skandale provozieren, und immer noch gelten sie als die vierte Macht im Staat. Dabei sind sie wie nie zuvor in den Grundsatz vernarrt: „Seeing is believing“. Online-Plattformen demonstrieren dies mit immer bewegteren Bildern, Augenzeugenvideos, Videopaparazzi überall, Promis richten die Kamera auf sich selbst und kreieren eine Pseudo-Intimität.

Hollywood war in diesem Bilderkrieg schon immer die unheimlichste, weil perfekteste Kraft. Man konnte hier früh Strömungen studieren, die heute weltweit ein Nonstop-Social-Networking dominieren, dessen Herzkammer nicht das Wort, sondern das Bild ist. Was könnte also aktueller sein als der Versuch, hinter die unheimliche Realität von Bildern zu blicken, durch das Regime der Images abzutauchen in den submedialen Raum? Und kein anderes Buch tut dies derzeit intensiver als der Essay Der Schatten des Fotografen von Helmut Lethen, der dieses Jahr den Leipziger Buchpreis in der Kategorie Sachbuch gewonnen hat. Das Buch ist eine wunderbare Einladung zum Mitdenken, zum Theorie-aus-dem-Zusammenhang-Reißen: Was zeigen Fotos wirklich? Was ist ihre Macht? Und: Wieso ist nichts, was ein Reporter mit eigenen Augen sieht, deswegen schon real? Die Verbindlichkeit von Zeichen ist eine prekäre Sache.

Die Zeichenskeptiker

In den sechziger Jahren war Helmut Lethen Redakteur einer linken Kulturzeitschrift, später wurde er sogar Mitglied einer maoistischen Partei. Heute ist er Kulturwissenschaftler – und als solcher skeptischer gegenüber scheinbarer Evidenz. Der Schatten des Fotografen ist ein radikaler Ausdruck dieser Skepsis. „Wer gelernt hat, den Zeichen zu misstrauen, dem bleiben zwei Optionen“, schreibt Lethen: „Entweder legt man es darauf an, unter dem Schein der Oberfläche die eigentlichen ökonomischen, politischen oder sexuellen Triebkräfte zu enthüllen, oder man versucht, in der Wirklichkeit einem letztlich undurchdringlichen, nicht reproduzierbaren Realen zu begegnen, das sich dann aber nur poetisch beschreiben lässt.“ (In Klammern: Verweist er damit vielleicht auf den fantastischen Realismus als letzte Instanz der journalistischen Wahrheitsfindung?)

Methodisch kreist sein Buch um die Deutung verschiedener, teils berühmter, teils anonymer dokumentarischer Fotos. Eines davon ist auf dem Titel des Buches zu sehen: Eine Flusslandschaft an einem sonnigen Tag. Eine Frau watet durch einen flachen Übergang. „Eine bukolische Situation, ein Malersujet“, schreibt Lethen. Das Bild stammt aus dem Jahr 1942, ein deutscher Landser hat es aufgenommen. Die Frau, so viel weiß man, ist eine Gefangene, wurde durch den Fluss geschickt, weil sie darin Minen vermuteten. Die Wahrheit dieses Bildes liegt also nicht in seinem friedlichen Augenschein. Das Foto täuscht: Die Verbindlichkeit der Fotografie existiert nicht. Hat nie existiert, auch wenn die Fotografen Robert Capa, Dorothea Lange, Mary Ellen Mark oder Nan Goldin heißen.

Die Zeichen werden interessant, sobald sie verdächtig sind

Mit Mary Ellen Mark produzierte ich 1988 für die Zeitschrift Tempo eine Story über „Ironkids“: Es ging um Kinder, die wettkampfmäßig Triathlon betreiben. Mark nun nervte ihr fotografisches Opfer im Zielbereich ganz bewusst so, dass sie bald bekam, was sie wollte: Ein Bild, das weinende Kinder zeigt, die von ihren überehrgeizigen Eltern – im Namen eines US-Snackherstellers – gequält werden. Das Schwarzweißbild wurde zur Ikone des humanistischen Fotojournalismus und fehlt seither in keiner Retrospektive amerikanischer Fotografie im 20. Jahrhundert. Ich aber sah während der Recherchen etwas ganz anderes: Die Kinder waren über ihre Niederlage enttäuscht, und von Mark extrem genervt. Die Ironkids entpuppten sich in Wahrheit als noch ehrgeiziger als ihre Eltern.

Der Schatten der Fotografie macht deutlich, dass im schwierigen Verhältnis von Zeichen und Realem die Zeichenskeptiker recht haben. Helmut Lethen sucht in seinem Buch nach den Geschichten hinter den ikonischen Bildern, und stößt nicht bloß auf ihre Fabrikation, sondern auf eine Art Einbruchstelle des Realen. Besonders eindrücklich gelingt ihm dies mit der Dekonstruktion von Dorothea Langes legendärem Ikonenbild Migrant Mother (Nipomo, California, 1936). Hier verfolgt er die Wirklichkeitsspur eines der einflussreichsten Fotos der amerikanischen Geschichte – mit der “Madonna des New Deal”. Dabei gerät er immer tiefer in den Wald der Zeichen: Die Erfolgsgeschichte des Bilds führt zu einem Roman. In John Steinbecks Früchte des Zorns (1939) wird in epischer Breite von der Erniedrigung der Migranten in den USA erzählt. Steinbeck wiederum hatte Dorothea Langes Fotos vor Augen, als er den Roman schrieb. Der Kreis der medialen Referenzen erweitert sich mit John Fords Verfilmung des Romans 1940, deren Darsteller im Abgleich mit Langes Fotos ausgewählt wurden. Die Spirale von Mythisierung und Aktualisierung dreht sich immer weiter, von den Dust Bowl Ballads des Folksängers Woody Guthrie bis zu Bruce Springsteens Platte The Ghost of Tom Joad. Und mittendrin die Historiker, die den dokumentarischen Wert sowohl von Langes Fotos als auch von Steinbecks Roman in Zweifel ziehen.

Die beste Subversion

Was ist das Hier und Jetzt? Existiert so etwas wie eine Schwerkraft der Wirklichkeit? Und verbirgt sich unter der Oberfläche der Bilder tatsächlich ein submedialer Raum, der nur auf seine Entdeckung wartet? Die Idee von ihm nährt einen gewaltigen, immer wieder erzählten Verdacht: Dass die Medien uns in Abgründe führen, bis wir endlich ans Ziel unserer Sehnsucht gelangen: Wahrheit! Ist es der notorische Verdacht aus dem Film Blow Up? Dass man eine Leiche findet, wenn man die Bilder nur größer macht? Das Bildarchiv unserer Medienkultur wirkt wie ein Detektivroman, der einen unendlichen suspense erzeugen will. Zeichen werden interessant, sobald sie verdächtig sind.

Helmut Lethens Buch wird vielleicht auch die Kommunikationsguerilla inspirieren. All die Fotoamateure, die im realen und virtuellen Raum gegen die Diktatur der Profis angetreten sind, um deren Inszenierungen von Macht und Herrschaft zu unterwandern. Über dem Schatten des Fotografen schwebt der große Satz von Roland Barthes: „Ist die beste Subversion nicht die, Codes zu entstellen, statt sie zu zerstören?“ In seinem Essay erzählt Helmut Lethen besonders intensiv von Barthes. Dessen fototheoretische Abhandlung Die helle Kammer wurde in den Achtzigern zu seinem „Leib- und Magenbuch“. Ein Foto ist ein Abdruck der vom „Objekt zurückgeworfenen Lichtstrahlen“ im Film. Es ist nicht bloß eine leere Behauptung, sondern enthält Spuren von etwas, „das tatsächlich einmal da war“. Aber was?

Besonders intensiv erzählt Lethen von Barthes

Kürzlich wurde ich in Los Angeles in einer Retrospektive der Fotografin Nan Goldin von einem Porträt überrascht, das mich 1984 mit der New Yorker Künstlerin Kiki Smith in der Knox-Bar in Kreuzberg zeigt. Eine Highschool-Lehrerin führte ihre Schüler vor das Goldin-Bild an der Museumswand und erzählt von den kreativen Menschen der achtziger Jahre, die am Abgrund leben mussten, um sich „wahrhaftig zu fühlen“ – und Drogen und Selbstzerstörung hätten dabei eine entscheidene Rolle gespielt. Bullshit! Das Bild erzählt etwas ganz anderes. Ich nehme keine Drogen, hab an jenem Abend Mineralwasser getrunken, die Champagnerflasche vor mir ist reiner Zufall. Kiki Smith blickt mir tief in die Augen, und ich fühle mich unfähig, die Hand von Kiki zu nehmen, und ihr zu sagen, dass ich mit ihr gehen will. Das ist alles.

Auch Bilder sind Viren. Sie haben sich im Inneren des Körpers festgesetzt und entfalten dort ihre Macht. Falls ich Platon halbwegs verstanden habe, war er von der Unwiderstehlichkeit der Bilder ziemlich überzeugt. Ihre Macht beruht auf einem nicht stillbaren mimetischen Begehren des Menschen: Außenwelt in Innenwelt zu verwandeln. Deshalb verlangte Platon in der Politeia die Kontrolle der Bilderwelten, die Kontrolle des Imaginären. Aber das wird nicht gelingen. Helmut Lethens Buch liefert dafür ein paar gute Gründe.

Der Schatten des Fotografen. Bilder und ihre Wirklichkeit Helmut Lethen Rowohlt 2014, 272 S., 19,95 €

Tom Kummer kam 1963 in Bern zur Welt. Als „Borderline“- Reporter wurde er berühmt und berüchtigt. Er lebt mit seiner Familie in Los Angeles

06:00 01.04.2014

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