Die Erde ist kein schneller Ölbrüter

Zu William Engdahls "Mythen" Wie hoch ist der Energieaufwand, um Öl aus den tiefen Schichten der Erde zu fördern?

Die starke These William Engdahls in seinem Beitrag Vom Mythos der begrenzten Vorräte (Freitag 10/06 vom 10. 3. ), das Erdöl stamme aus großen Tiefen im Erdinneren und die Kohlenwasserstoffe (KW) seien daher entgegen landläufiger Annahme keineswegs biologischen Ursprungs, könnte - wenn sie denn stimmte - Entwarnung in der Debatte um die Grenzen der Ölversorgung signalisieren. Denn das Öl vulkanischen Ursprungs würde länger als die etwa 40 Jahre reichen, von denen BP oder der IWF ausgehen, wenn der Verbrauch auf dem gegenwärtigen Niveau bleibt und nicht wesentlich steigt.

Auch die von den meisten Geologen vertretene Peak-Oil-Hypothese könnte man vergessen. Diese besagt ja, dass die Ölproduktion den Höhepunkt (den Peak) erreicht, wenn etwa die Hälfte des Öls aus der jeweiligen Lagerstätte gefördert ist. Danach fällt sie ab, weil mit der Entnahme der Druck sinkt, der das Öl an die Oberfläche presst, und die Förderung irgendwann versiegt. Viele Studien besagen, weltweit wird dieser Höhepunkt noch in diesem Jahrzehnt erreicht sein.

Der Begründer der Peak-Oil-Theorie, der Geologe Marion King Hubbert, hat mit Hilfe statistischer Berechnungen schon in den fünfziger Jahren, als alle Welt an einen Überfluss von Öl glaubte, sehr genau den Höhepunkt der Ölförderung in den USA vorausgesagt, nämlich Anfang der siebziger Jahre. Entdeckungen größerer Ölfelder hat es in Nordamerika danach nicht mehr gegeben. Die USA haben sich in ein Importland von Öl verwandelt, da die Lücke zwischen sinkender heimischer Produktion und steigender Nachfrage nur durch den Zugriff auf das Öl anderer Länder geschlossen werden konnte.

Die Sicherung der Öleinfuhren hat seither in den USA und in anderen Verbrauchsländern höchste Priorität, zumal zur gleichen Zeit die OPEC den Ölpreis während der ersten Ölkrise 1973 anhob. Obendrein geriet die US-Währung in eine schwere Abwertungskrise, als die Bindung an das Gold durch die Nixon-Regierung im Jahre 1971 gelöst werden musste, weil die Goldbestände in Fort Knox zusammen geschmolzen waren. Den USA gelang es aber, aus dieser doppelten Krise (von Währung und Öl) das Beste für sich zu machen: Der US-Dollar avancierte zur Ölwährung. Die Petrodollars der Ölexporteure wurden mit Hilfe US-amerikanischer (und britischer) Banken "recycled", so dass die Preissteigerung des Öls den USA nicht allzu viel anhaben konnte. Schlechter erging es anderen Ölimporteuren, die sich in US-Dollar verschulden mussten, um ihre Ölrechnung bezahlen zu können. Als dann Anfang der achtziger Jahre der Dollarkurs mit hohen Zinsen nach oben getrieben wurde, gerieten Schuldnerländer an den Rand der Zahlungsunfähigkeit - die ausbrechende Schuldenkrise bescherte den Entwicklungsländern ein "verlorenes Jahrzehnt".

Das alles hätte nicht geschehen müssen, würde Engdahls These vom "abiotischen Ursprung" des Öls aus dem tiefsten Erdinnern stimmen. Schon im frühen 19. Jahrhundert wurde über den Ursprung des Öls debattiert, und kein geringerer als Alexander von Humboldt vertrat die Auffassung, dass das Erdöl vulkanischen Ursprungs sei - "Produkt der Destillation in einer immensen Tiefe, von vulkanischer Aktion". Der sogenannten "plutonistischen" Schule widersprach die "neptunistische" Theorie, der zufolge das Wasser der Ursprung allen Gesteins und daher auch des Öls sei.

Während diese Theorie in Vergessenheit geraten ist, wird die "plutonistische" immer wieder bemüht, auch von William Engdahl. Gegen sie wendet das Brockhaus Nachschlagewerk Geologie (1986 in der DDR erschienen) ein, dass Öl in vielen Revieren "nur in bestimmten stratigraphischen Horizonten" vorkomme; "Öl aus der Tiefe hätte aber auch die darunter liegenden Speicher füllen müssen" (Seite 489). Auch ist es gerade nicht so, dass Öl in vulkanischen Gebieten besonders reichhaltig vorkommt. Daher spricht alles für die "biologische Theorie" der Bildung des Öls: Der Ablagerung der organischen Substanz in Schlämmen folgt deren Verdichtung bei Versenkung und Überdeckung. Wasser wird samt den gebildeten Kohlenwasserstoffen und anderen organischen Substanzen ausgepresst. Die Flüssigkeit verteilt sich in über- oder unterlagernde poröse Gesteine. Es bilden sich auch aufgrund weiterer Versenkung Erdöl-Kohlenwasserstoffe aus den im Gestein verbliebenen Bitumina und aus den Substanzen im Porenwasser der porösen Speicher. Dann erfolgen die Auswanderung der im Muttergestein gebildeten Kohlenwasserstoffe und die Mischung mit den im Speicher gebildeten Stoffen. In größerer Tiefe bei höheren Temperaturen werden die verbliebenen Moleküle gespalten und zugemischt oder es bilden sich selbstständige Kondensatlagerstätten. Neben Druck und Temperatur spielt auch die Zersetzung des biologischen Materials durch Bakterien (anaerob, das heißt ohne Sauerstoffzufuhr) eine Rolle.

William Engdahl hat Recht, dass die biologische Entstehung des Erdöls die Peak-Oil-These stützt. Sein Versuch, dagegen die vulkanische Theorie sowjetischer Wissenschaftler von der Entstehung des Erdöls als Resultat der anorganischen Synthese von Wasserstoff und Kohlenstoff unter Mitwirkung vulkanischer Vorgänge in mehr als 50 Kilometern Tiefe zu setzen, ist aber nicht überzeugend. Die Ölvorräte sind begrenzt - die Konflikte um ihre Verteilung nehmen zu.

Und selbst wenn Engdahl Recht hätte, müsste auf eine entscheidende Frage eine Antwort gegeben werden, die in seinem Artikel gänzlich ausgeklammert ist: Wie hoch ist der Energieaufwand, um die "Teufelspisse" aus den tieferen Schichten der Erde zu holen? Nur wenn der Energieeinsatz geringer als die Energieausbeute ist (der EROEI - energy return on energy input also positiv ist) ergibt die Förderung energetisch und ökonomisch einen Sinn. Die Sowjetwissenschaftler fanden 1986 Erdöl in 8.000 Meter Tiefe, bei Temperaturen von 200 Grad Celsius. Die Tiefenbohrungen im oberpfälzischen Windischeschenbach zu Beginn der neunziger Jahre ergaben in 4.000 Meter Tiefe Temperaturen von 120 Grad Celsius. Die Erde ist kein schneller Ölbrüter, und daher will das Öl mit steigendem Energieaufwand der Erdkruste abgerungen werden - und irgendwann wird das energetisch irrational. Das Ölzeitalter geht zu Ende. Je eher dies akzeptiert wird, umso besser für das notwendige Umsteuern der fossilen Energiesysteme in Richtung erneuerbarer Energien.


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00:00 24.03.2006

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