Die Erfolgsquote des MfS

’68 und die Linke Ein Zündfunke im Streit um die Deutung der Ereignisse von 1968: Der Fall Kurras und die Geschichtsschreibung. Ohne ein bisschen Fiktion wird alles kaum Sinn ergeben

Carl Wolfgang Holzapfel ist unter anderem Vizebundesvorsitzender der Vereinigung der Opfer des Stalinismus und in jedem Fall ein Opfer unüberlegt-vorschnellen Handelns – wie ließe sich anders seine Anzeige gegen Karl-Heinz Kurras erklären? Kurras, der 1967 auf Benno Ohnesorg schoss, mehrfach vom Verdacht der fahrlässigen Tötung frei gesprochen wurde, ist, wie nun ein Historikerduo der Birthler-Behörde bekannt gab, Mitarbeiter des MfS gewesen und darüber hinaus Parteimitglied der SED. Während Kurras‘ Handeln für Holzapfel die letzten 42 Jahre lang offensichtlich nicht ehrenrührig war, keinerlei Anstößigkeit darstellte, ist nun durch die Verbindung zur Stasi und SED klar geworden: Der Mensch ist ein Mörder, Verräter, Kommunist und was dergleichen Übel mehr sind. Für Holzapfel hängt zumindest die Moral der Geschichte vom politischen Lager ab, in dem man steht.

Aber auch andere meinen, nun müsste die Geschichte der Studentenbewegung umgeschrieben werden, da sie, wären die persönlichen Umstände Kurras‘ bekannt gewesen, anders verlaufen wäre. Der doppelte Konjunktiv deutet es an: mit derartigen Überlegungen treten wir in den Bereich der „virtuellen Geschichte“, einem vergleichsweise neuen Begriff für ein vergleichsweise altes Phänomen, dass sich geschichtlichen Umständen eben unter der Fragestellung nähert, was wäre gewesen wenn? Also Hitler den Krieg nicht verloren hätte, die Reichsbahn Lenin nicht nach Russland befördert hätte, Kolumbus einfach in Westindien geblieben und Landwirt geworden wäre. In Deutschland wurde der Begriff von Althistorikern wie Kai Brodersen oder Alexander Demandt populär gemacht, letztgenannter publizierte ein Buch zur Ungeschehenen Geschichte.

Die Frage danach, wie viel Fiktion oder Dichtung der Geschichtsschreibung innewohnt, ist ein paar Jahrzehnte älter und lässt sich bereits an einem Titel wie Aufstieg und Niedergang der Römischen Welt dahingehend beantworten, dass für diese historiografische Reihe die Erzählstruktur einer Tragödie zugrundegelegt wird. Ein Gutteil der Aufgabe der Historiografie ist eben auch Sinnstiftung; Chaos und Kontingenz historischen Geschehens machen sich als Erzählung nicht wirklich gut, und selbst der von Sammelwut befallene Historismus des ausgehenden 19. Jahrhunderts präsentierte nicht das Sammelsurium, sondern stiftete (narrative) Ordnung. Geschichte wird zur ebensolchen, indem sie erzählt wird. Darin liegt aber genau das Bestreitbare der Geschichtsschreibungen, mithin der Grund, warum auch noch in 200 Jahren „neue“ Geschichten des Römischen oder des Dritten Reiches geschrieben werden – denn dieses sinnstiftende Moment in der Geschichtserzählung, ist das, was die Geschichtsschreibung zur Fiktion und zur philosophischen Spekulation hin öffnet.

Richtige Atmosphäre

Um zum Fall Kurras zurückzukehren, so hat sich hier ein historisches Faktum geändert, das zunächst mal nur die Biografie eines Polizeiobermeisters betrifft: Er verdingte sich dem Schild und Schwert der SED; so weit die bis dato unbekannte Geschichte. Dadurch, dass der Schuss dieses Polizeiobermeisters auf einen Studenten aber mythogen wirkte, einen Märtyrer schuf und eine Ikone der politischen Fotografie ermöglichte, wird dieses an sich nebensächliche Detail zum Zündfunken des langjährigen, nach den Jubelfeiern des vergangen Jahres allerdings schon ziemlich abgenutzten Streits um die Deutung und Bedeutung von 1968.

Bleiben wir einen Moment bei der angesprochenen Ikone: das Foto, das im emphatischen Sinn Geschichte machte, zeigt die Studentin Friederike Dollinger kniend neben dem sterbenden Benno Ohnesorg. Die Aufnahme stammt von Jürgen Henschel, der daraufhin zum Pressefotografen der Wahrheit wird. Die Wahrheit war das Zentralorgan der Sozialistischen Einheitspartei Westberlins. Hier ließen sich nun trefflich paranoide Spekulationen anstellen, ob der SEDler Kurras dem SEWler Henschel zugearbeitet hat, beide mit dem Ziel die ­bundesrepublikanische Gesellschaft als faschistoid und totalitär darzustellen. Der Treppenwitz der Geschichte ist, dass unabhängig von der Parteizugehörigkeit sowohl Kurras‘ wie Henschels die Reaktionen der Medien, der Polizei wie der Justiz etliches dafür getan haben, diesen schon entstandenen Eindruck nachhaltig werden zu lassen. Anders gesagt: das, was von einigen Theoretikern seinerzeit ideologische Staatsapparate genannt wurde, gab sich redlich Mühe, mit Notstandsgesetzen und Radikalenerlass die Vorwürfe der Studenten zu rechtfertigen. Die Frage, ob dafür der Tod Benno Ohnesorgs notwendig war, ist unsinnig. Entscheidend war, dass es eine psycho-politische Atmosphäre gab, in welcher jemand das Gefühl hatte, er könne auf einen Studenten schießen. Noch entscheidender ist es, dass der Schütze nach der Tat geschützt wurde, die Parteizugehörigkeit oder politische Vorstellungen spielten dabei keine Rolle, geschützt wurde er als Polizist. Die Personen sind im historischen Prozess einerseits konkret, andererseits aber auch Träger von Funktionen. Benno Ohnesorg und Karl-Heinz Kurras haben ihre Biografien, ihre mehr oder minder individuellen Geschichten. Für die Geschichte der Studentenbewegung ist genau dieser individuelle Teil aber redundant – ein anderer Polizist und ein anderer erschossener Demonstrant hätten ebenso als Fanal gewirkt. Die Frage, was wäre gewesen, wenn kein Student erschossen worden wäre, ist wiederum eine der virtuellen Geschichte und ließe sich unterhaltend in einem Roman durchspielen – wie alle Alternativen zur geschehenen Geschichte.

Falsches Bewusstsein

Nehmen wir in diesem Sinne gegen die derzeitige Faktenlage mal an, Kurras hätte von seinem Führungsoffizier beim MfS den Auftrag bekommen, die Revoltenstimmung durch Schüsse auf die Demonstrierenden oder die Erschießung eines Demonstranten anzuheizen, was nicht gut zur politischen Taktik des Marxismus-Leninismus passt. Wenn dem dennoch so gewesen wäre, was wäre dadurch anders? Zynisch gesprochen, die Erfolgsquote des MfS. Aber sonst?

Der Pariser Philosoph Jacques Rancière hat in seinem Buch über Die Namen der Geschichte am Beispiel – natürlich – der französischen Revolution ausgeführt, dass die Begriffe, mit denen die Revolutionäre ihren Kampf gegen den ersten und zweiten Stand (Adel und Klerus) führten, überhaupt nicht mehr den tatsächlichen Verhältnissen entsprachen. Nur durch diese begriffliche Vereinfachung war aber der Kampf auf einer Massenbasis überhaupt möglich. Mit einem falschen Bewusstsein von den tatsächlichen Machtverhältnissen kämpften die Revolutionäre für die Ideale von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und bewirkten eine realen emanzipatorischen Fortschritt. Wenn nun die Studenten mit einem falschen Bewusstsein von den tatsächlichen politischen Verhältnissen gehandelt hätten, stehen dann die Ideale, aus denen heraus sie handelten, zur Disposition? Wird das, was in Westberlin und der Bundesrepublik 1967ff. geschah, zur Farce, durch die SED-Mitgliedschaft eines Polizeiobermeisters? Waren die drei staatstragenden Gewalten der BRD, Judikative, Exekutive und Legislative nur Spielbälle in den Händen Erich Mielkes? Manchmal stellt sich doch die Frage, wofür etwa die Historiker der Birthler-Behörde da sind, wenn sie nichts anderes tun, als sinnlose Fakten offenzulegen, die allenfalls als Klatschpressefutter dienen.

Allerdings müsste das nicht so sein, ließen sich Historiker vor ihren Forschungen ein wenig mehr von Friedrich Nietzsche leiten, der in der zweiten seiner Unzeitgemäßen Betrachtungen Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben dekretiert, „dass Cultur noch etwas Andres sein kann als Dekoration des Lebens“ und das Andere wäre eben das Unzeitgemäße, „das heißt gegen die Zeit und dadurch auf die Zeit und hoffentlich zugunsten einer kommenden Zeit – zu wirken“. Über die kommende Zeit nachzudenken und Geschichte in dieser Perspektive zu schreiben, wäre allemal eine Aufgabe, die die Faktenhuber auf einige Zeit zum Schweigen brächte und auch sonst Kultur befördernd wirken könnte.

Um mit einer eher persönlichen Note zu schließen: Wird Kurras nun verurteilt, zeigt sich, wie sehr die Studentenbewegung damals im Recht war und wie wenig sie trotzdem erreicht hat. Denn dann wären die politischen Maßstäbe, nach denen geurteilt wird, dieselben entweder geblieben oder wiederum geworden.

Christian Jäger ist Privatdozent für Neuere Deutsche Literatur an der HU Berlin. Zuletzt erschien von ihm: Minoritäre Literatur, DUV, Wiesbaden 2005

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05:00 28.05.2009

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