Die Erlösung ist inbegriffen

Serien Michael Pekler verliert bei den Predigern der „Righteous Gemstones“ den Glauben. Spoiler-Anteil: 11%
Die Erlösung ist inbegriffen
Wie Tom Jones in weniger guten Jahren: Danny McBride (links) als Jesse Gemstone

Foto: Fred Norris/HBO

Die vielen dystopischen Szenarien, die man seit einigen Jahren sowohl auf der Kinoleinwand als auch im Fernsehen mitverfolgen konnte, mögen die nun plötzlich real existierenden kollektiven Ängste und Untergangsfantasien dieser Tage oft mehr recht als schlecht vorweggenommen haben. Von der sozialen Kluft, die bereits vor dem alles verändernden Großereignis existierte, von der damit einhergehenden Gier und der Verhöhnung jener, die nicht zu den Krisengewinnlern zählen werden, erzählt zurzeit am besten eine Serie, die weder zu den Zombie-Apokalypse- noch zu den Alien-Invasions-Serien zählt, sondern reine Comedy ist: The Righteous Gemstones.

Die Gemstones sind Fernsehprediger. Sie versprechen dem Volk, dass später alles gut werden wird. Dass sie mit ihren TV-Auftritten ebenso erfolgreich sind wie mit ihren perfekt inszenierten Liveshows, bedeutet angesichts der aktuellen realen Situation nichts weiter, als dass Leute wie die Gemstones immer mindestens ein zweites Standbein besitzen. Auch dass der Pilotfilm mit einem nicht ganz so geglückten Gastspiel in China einsetzt, ist natürlich reiner Zufall und schadet dem Familienkonzern nicht weiter. Vater Eli (John Goodman) und seine beiden Söhne Jesse (Danny McBride) und Kelvin (Adam DeVine) haben 5.000 ungläubigen Chinesen mittels Massentaufe den amerikanischen Weg zur Erlösung gezeigt, allerdings dabei – Achtung: Wellenbecken! – das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Ihre weißen Privatjets fliegen selbstverständlich im Namen der Dreifaltigkeit als „The Father“, „The Son“ und „The Holy Spirit“.

Zu Hause wartet auf das Triumvirat eine neue Herausforderung: Eli trauert noch immer um seine verstorbene Frau, mit der er sein Imperium aufgebaut hat. Jesse, sein Ältester und der erklärte Nachfolger im Wartestand, kämpft gegen den eigenen widerspenstigen Nachwuchs. Kelvin, der Jüngste, fristet ein emotional verkümmertes Dasein an der Seite eines bekehrten Freundes, der eher körperliche Vorzüge vorzuweisen hat; und Tochter Judy (Edi Patterson), das Sandwich-Kind, fühlt sich zu kurz gekommen, weil sie als Frau nicht auf die große Bühne darf. Den öffentlich predigenden Brüdern gegenüber ist sie gerade deshalb nie um ein Wort verlegen.

The Righteous Gemstones ist im Grunde eine klassische Dynastie-Serie, in der alte Machtmechanismen ständig neu hereinbrechenden Entwicklungen standhalten müssen. Was die Prediger bei ihren Massenandachten, die wie Politshows im US-Vorwahlkampf inszeniert sind und auch so funktionieren, in ihren Gotteshäusern unters Volk bringen, ist dabei gar nicht so wichtig. Es ist das übliche Gelabere der Televangelisten. Wichtiger ist das, was sich im Hintergrund abspielt: wie die Einnahmen aus dem Klingelbeutel im Saal zu ratternden Geldzählmaschinen hinter der Bühne und zu einem korrupten, zynischen und zugleich verweichlichten Luxusleben führen. Dass sich Jesse bereits zum Auftakt mit einem Video, das ihn als wenig gottesfürchtigen Teilnehmer einer Sex-und-Drogen-Party ausweist, konfrontiert sieht, kommt jedenfalls einem Erpresser mit Teufelsmaske zupass. Einem Teufel, der auch in den folgenden Episoden nicht schläft.

Danny McBride, der hier mit Koteletten aussieht wie Tom Jones in seinen weniger guten Jahren, hat sich das alles mit Comedy-Autor Jody Hill, der in einer Nebenrolle als sein bescheuerter Buddy fungiert, und mit Filmemacher David Gordon Green für den US-Sender HBO (in Deutschland auf Amazon, iTunes, Maxdome usw. verfügbar) ausgedacht, die Freunde teilen sich auch die Regieführung. Und obwohl es ein wenig dauert, bis John Goodman als Godfather die ersten Ohrfeigen austeilt, vergehen die insgesamt neun Episoden schneller, als man zu einem neuen Glauben finden kann.

Wie in so vielen anderen Fernsehserien geht es auch in The Righteous Gemstones um Macht und Geld. Weniger um Liebe – außer jener zu sich selbst. Es geht darum, wer auf Kosten des anderen besser dasteht, in der Öffentlichkeit schöner aussieht und wer in seiner Welt die Meinungshoheit behält und Herrschaftswissen besitzt. Wenn ihm das alles zu viel wird, legt Eli eine Videokassette in den alten VHS-Player und schaut sich Aufnahmen von seiner Frau aus den 1980er Jahren an, als unter Reagan zum ersten Mal die Fernsehwelt vor ihnen niederkniete.

Was sind schon knapp acht Fernsehstunden für die Ewigkeit? Die letzte Folge mit dem außerordentlich schönen Titel Better Is the End of a Thing Than Its Beginning wird jedenfalls nicht das Ende sein. Denn es kommt wie immer nur darauf an, was zu Ende geht.

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06:00 25.04.2020

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