Die erste große Liebe

Gefühlswelten György Dalos´ Roman "Jugendstil" ist ein gelungenes Beispiel für linke Erinnerungskultur

Der gerade konvertierte Georg Lukács entwarf 1919 ein Bild der kommunistischen Jugend im Räte-Ungarn, das in kräftigen Farben leuchtete. Ihm hatten es vor allem die sogenannten "Kommunistischen Sonntage" angetan, Tage, an denen ihm das Warenprinzip, der Egoismus des alten Menschen, Vergangenheit zu werden schien. Lukács, der spätere Gegner des Expressionismus, zeigte sich in seinen Reden und Schriften dem utopischen "Oh-Mensch"-Pathos nahe. Er sah die Epoche angebrochen, in der die "sündhafte und unheilvolle Selbstständigkeit" des wirtschaftlichen Lebens beseitigt ist und die Produktion in den Dienst der Kultur gestellt wird, er entdeckte in den "Seelen" der engagierten Jugend Kompromisslosigkeit, völlige Reinheit, moralische Makellosigkeit. Die klassenlose Gesellschaft nannte er dann folgerichtig eine "Gesellschaft der Liebe".

Zu der Zeit, in der Dalos` schmaler, letzter Roman Jugendstil spielt, in dem Budapest der Sputnikära (die angesagte Kneipe heißt "Rakete"), erkundigt sich ein proletarischer Jungkommunist namens Brüderchen gelegentlich, "was es mit diesem Lukács auf sich habe, der mal als Marxist galt, mal wieder nicht", interessiert sich aber nicht wirklich für theoretisierende Kommunisten. Er gibt dem Protagonisten zu verstehen, dass er ihn nicht für viel besser hält "als all diese kleinbürgerlichen Intellektuellen mit den Plattfüßen, der Sportphobie und der schwankenden Gesinnung".

Jugendstil ist eigentlich eher eine Novelle als der Roman, als der er annonciert wird. Er schildert Robert Singers Wiederbegegnung mit seiner Vergangenheit. Gelegentlich einer Reise in seine Geburtsstadt begegnet der jetzt in Wien lebende, s tellvertretende Direktor des Instituts für Jugendstil nämlich einem ärmlich gekleideten Mann, den er kennt, aber nicht identifizieren kann. Die Begegnung mit Feri K. wird zu einer Zeitreise in das Jahr 1961, zu einer Begegnung mit dem Ich, das er war: Schüler, der der Enge seiner familiären Umwelt entfliehen möchte, der ein (beinahe) fanatischer Jungkommunist ist, tatsächlich auf Reinheit und moralische Kompromisslosigkeit bedacht, der zudem seine erste große Liebe durchlebt.

Dalos schafft es, mit wenigen Strichen das Bild einer verlorenen Welt zu zeichnen, eines Milieus, in der die völlig unpolitische Großmutter für die Erziehung zuständig ist. Zwei Episoden bilden den Höhepunkt der Erzählung. In der ersten wird die scheiternde Kandidatur des Feri K. beschrieben, der Mitglied des kommunistischen Jugendverbandes werden will und den acht Juroren im biologischen Kabinett des Gymnasiums inquisitorisch begutachten, wobei sie von vornherein wissen, dass der Kandidat abgelehnt werden wird, weil er verschwiegen hatte, dass sein Vater nach 1956, dem Jahr des Ungarn-Aufstands, eine vierjährige Gefängnisstrafe absitzen musste. Dalos` acht Richter sind keineswegs Vorboten einer Gesellschaft der Liebe, sie fühlen sich als authentische Creme der Jugend, als Elite, die sich gegen die Novizen im Jugendverband stemmen, weil diese bloß an ihre Karriere denken, die der Sozialismus aber völlig kalt lässt und die man deshalb gerne vernichtet, indem man sie ausgrenzt. Apropos Liebe und Ausgrenzung. Dalos´ Text ist auch ein beinahe zärtlicher Versuch über das erste Verliebtsein. Das scheitert in der zweiten Hauptepisode standesgemäß an dem für die Novelle typischen "unerhörten Ereignis", der kleinen Katastrophe, die dem Text seinen melancholisch-ironischen Duktus verleiht: Singer versagt als Kommunist, als er bei der Eröffnungsfeier des Gagarin-Klubs an der Schule seine Funktionen als Kontrolleur vernachlässigt. Während Robert seine Ilona, die Tochter eines renommierten Urologen, im Klassenzimmer der IIIe küsst, geht das Licht aus, es kommt (beinahe) zu einer Panik, während der verschwinden einige Mäntel; peinliche polizeiliche Untersuchungen schließen sich an. Die Hauptfolgen des Desasters sind Scham und Liebesentzug.

Niederschmetternd ist es, dass Robert erfährt: Liebesentzug und Skandal haben den gleichen Verursacher, mehr noch: die gleiche Ursache. Ilonas Vater sieht in Robert den Feind, den kommunistischen Romantiker und - den Juden. Auch Feri K., der für die Beinahe-Katastrophe verantwortlich war, bekennt: "Merkwürdig - hätte ich dich als Juden und Kommunisten nicht gehasst, könnten wir als Menschen sogar Freunde sein."

Der Titel des "Romans" erweist sich als Irreführung: Wir haben nämlich gar kein Buch über den Jugendstil vor uns, eher eines über den Stil der Jugend, einen Modus vivendi, den der Autor so umschreibt: "Nach zwanzig oder dreißig Jahren wissen wir allerdings kaum noch, für welche Lesart von welcher Idee wir mit übermenschlicher Anstrengung Vorkämpfer werden wollten." Es gibt kein Happy End; zwar ist Robert inzwischen angekommen in Wien, sogar stellvertretender Direktor geworden, aber sein Lebenswerk, das epochale Kompendium über den Jugendstil, hat er immer noch nicht geschrieben.

Man kann Dalos mit seinen ungarischen Kollegen vergleichen. Anders als der Protagonist in Dezsö Kosztolányis Held seiner Zeit, der das Leben des modernen Menschen am Paradigma einer Straßenbahnfahrt schildert: als mühselig-absurde Abfolge von Versuchen, seinen Platz in dem überfüllten Mikrokosmos eines Wagens zu finden, über Zwischenstationen, die den relativen Komfort des Sitzenkönnens anbieten, bis hin zu einer umfassenden Bequemlichkeit, die allerdings gleichbedeutend ist mit der Leere an der abseits gelegenen Endstation, dem Horror vacui angesichts der Endstation des Lebens. Anders also als jener Kornél Esti, verbindet Dalos die Ironie der Desillusionierung mit der Melancholie des Scheiterns.

Die Romane und Historienbücher des 1943 geborenen Dalos, der heute in Berlin und Budapest lebt, sind vom Gründerpathos der Revolutionäre der ersten Stunde weit entfernt. Sie zeigen das ernüchternde Bild des niedergehenden Realsozialismus vor der Wende oder die Jahre des Stalinismus und Poststalinismus an exemplarischen Gestalten. Anders als bei Peter Esterhazy oder György Konrad ist Dalos´ Blick auf die Gestalten dieser Epoche von einer Attitüde geprägt, die den früheren "linksradikalen" Dissidenten verrät. Dalos, den der 2005 gestorbene Schriftsteller Istvan Eörsi seinen Freund nannte, ist weit entfernt von den leicht parfümierten Mitteleuropa-Konzepten, denen hierzulande von den "meinungsbildenden Kräften, den Preisverteilungskommissionen, den Kulturpostenvergebern" (Eörsi) der Beifall gewiss war, ehe sie von den Realitäten der EU in die Rumpelkammer der Geschichte befördert wurden. Ihm ist aber auch das barock anmutende Spiel mit großformatigen Formen fremd, das ein Mann wie Peter Esterhazy liebt.

Dafür zeigt uns Dalos die Schwierigkeiten, die revolutionären Gefühlswelten von einst (in diesem Fall die zu Beginn der sechziger Jahre) zu rekonstruieren. Sein leiser, subtiler Text hebt sich wohltuend ab von manchen gegenwärtigen Versuchen, die deutsche Gefühlswelt von 1968 zu erinnern. Von ihm ließe sich folgendes lernen: Es ist fatal, das Gespür für die Pathologien der Gegenwartsgesellschaft zu verlieren. Wieso Dalos dieser Gefahr nicht erlegen ist, zeigt das Resümee seines Erinnerungsbuches über den Aufstand 1956: "Die heutige bürgerliche Demokratie und die freie Marktwirtschaft mit ihren raffinierten Medien- und Machttechniken sowie den vorprogrammierten Mustern von Luxus und Armut entspricht kaum den Idealen der schlecht gekleideten, nichtbürgerlichen Demonstranten und Aufständischen vom Herbst 1956."

György Dalos Jugendstil. Roman. Rotbuch, Berlin 2007, 172 S., 17,90 EUR

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