Die fehlenden Küsse

Gastbeitrag Während der Corona-Pandemie verschwinden wir in unseren sozioökonomischen Blasen. Mit unabsehbaren Folgen für unsere Gesellschaft
Die fehlenden Küsse
Unsere Eingeschlossenheit macht uns schlussendlich zu Bewohnern von virtuellen Gated Communities. Sie berauben uns vieler Möglichkeiten – wie zum Beispiel der, dass sich eine Medizinstudentin in einen Tänzer verlieben kann

Foto: Anthony Wallace/AFP/Getty Images

Die ineinander laufenden Wellen haben sich zu einer Flutwelle aufgetürmt. Und diese Flutwelle – obwohl sie wie alle Naturkatastrophen nicht per se darauf programmiert ist, Leben je nach Herkunft, Bankkonto oder Postleitzahl zu zerstören – mündete zwangsläufig darin, die Schwächsten der Schwachen am härtesten zu treffen. Die Stimmen, die nicht müde wurden zu betonen, dass vor dem Virus alle gleich sind, sie sind längst verstummt.

Die nächste große Welle dürfte die Welle der psychischen Belastungen werden. Sie könnte ein Drittel der Bevölkerung treffen – allen voran diejenigen, die an vorderster Front gegen Covid kämpfen. Obwohl die Situation für sie lähmend sein muss, sie sich mitunter machtlos Tod und Krankheit entgegen stellen, opfern sie sich ohne Rücksicht auf ihre eigene Gesundheit für eine bigotte Gesellschaft, die es unterdessen nicht einmal mehr für notwendig erachtet, ihnen Beifall zu zollen, weil sie in ihrer Sucht nach Normalität blind für ihren Einsatz geworden ist.

Ein „Green New Deal“, „New Generation“-Fonds oder jedwede andere Maßnahme, die darauf abzielt, die Gesellschaft für die Zukunft fit zu machen, muss ebenfalls der Transformation des Gesundheitssystems Wichtigkeit beimessen – selbst wenn es unterdessen scheint, als könnten wir uns schon nicht mehr vor drängenden Dingen retten. Dennoch reicht es längst nicht mehr aus, das Gesundheitspersonal mit Respekt zu behandeln und mit ausreichenden Ressourcen auszustatten. Es muss vor allem darum gehen, Lebensqualität zu sichern – nicht zuletzt bezüglich der psychischen Gesundheit – und das ganze System einmal gründlich zu überdenken.

Niemand kann heute noch leugnen, dass Gesundheit ein öffentliches Gut ist. Sie spielt eine zentrale, fundamentale Rolle und ist – wie wir gerade hautnah erfahren dürfen – abhängig von dem Tun und Handeln anderer. Es muss also um die Verbesserung von Gesundheitsinfrastrukturen und Arbeitsbedingungen gehen, aber auch um die Bekämpfung von Einsamkeit, einen besseren Zugang zur Natur, ein aktives Leben, gute Ernährung und nicht zuletzt um die Qualität der Luft, die wir atmen.

Die Welle der psychischen Belastungen wird auch eine Flutwelle von – eigentlich nicht sonderlich – unerwarteten Folgen nach sich ziehen. Auch sie wird die Menschen unterschiedlich hart treffen – je nachdem, wieviel Glück oder Pech sie ihre Arbeitsbedingungen betreffend haben –, was nicht zuletzt (in mehrfacher Hinsicht) auch ein Generationenproblem ist. Einerseits sind da jene, die das vermeintliche Privileg genießen, ihre Arbeit von zuhause aus verrichten zu können, andererseits jene, die dieses Privileg nicht besitzen. Dann wiederum gibt es die, die sich genug Platz zuhause leisten können, und jene, die diesen nicht haben.

Schlecht funktionierender sozialer Fahrstuhl

Je länger außerdem die Bildung nicht in den Schulen stattfinden kann, desto größer wird auch der Einfluss der Pandemie auf zukünftige Ungleichheit sein. Es besteht eine offensichtliche Kluft zwischen denen, die über Ressourcen – Eltern, die als Lehrer einspringen können, die notwendige Technologie und vor allem: die nötige Ruhe – zu Hause verfügen und denen, die diese nicht haben. Gerade für Schulkinder in jungem Alter dürften die Auswirkungen besonders gravierend und mittelfristig nur schwer zu kompensieren sein.

Aufgrund eines schlecht funktionierenden sozialen Fahrstuhls und einer auf Privilegien aufgebauten Meritokratie führt der anhaltende Pseudo-Lockdown ebenfalls dazu, dass wir uns in unseren jeweiligen sozioökonomischen Blasen verkriechen. Aufgrund von sozialer Distanzierung oder Maßnahmen, die es uns lediglich erlauben, noch irgendwie zur Arbeit zu kommen, verlieren wir den Kontakt zu „den Anderen“.

Und das ist alles andere als harmlos. Unsere Demokratie, unsere Städte, die Orte, in denen wir leben, aber auch Innovationssysteme, sie alle bauen auf Vielfalt, Austausch, dem Unerwarteten auf. Ohne die offenen Fenster, die andere Sprachen öffnen, ohne die Anstrengung, die nötig ist, um einen anderen zu verstehen, sich mit ihm auszutauschen oder mit ihm zu arbeiten, ist unsere Gesellschaft nicht länger das, was sie ausmacht.

Unsere Eingeschlossenheit macht uns schlussendlich zu Bewohnern von virtuellen Gated Communities. Gated Communities, die, wie der Architekt Paulo Mendes da Rocha sagte, vor allem privat sind, weil sie ausschließend wirken. Sie berauben uns vieler Möglichkeiten – wie zum Beispiel der, dass sich eine Medizinstudentin in einen Tänzer verlieben kann.

Es ist alles andere als ausgeschlossen, dass eine der schwerwiegendsten und jetzt noch am wenigsten sichtbaren Folgen der Pandemie der endgültige Ausfall des eh schon ramponierten sozialen Aufzugs ist, der bis dato irgendwie noch dank der Kraft des Austauschs halbwegs funktionierte. Und dank der Küsse, die gänzlich verschiedene Personen teilten.

Ramon Marrades ist Stadtökonom, Autor und Aktivist. Er ist Leiter von Placemaking Europe und lebt in Valencia

Der Artikel erschien zuerst auf valenciaplaza.com

Übersetzung: Jan Jasper Kosok

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