Die Fesseln der Matrix

Spiegelbilder „Der Westen“ und „der Islam“ sind in einem Teufelskreis aus Benennung und Benanntwerden gefangen. Doch es gibt einen Ausweg

Der 11. September 2001 war nicht der Anfang. Den Bruch zwischen „den Muslimen“ und „dem Westen“ könne man bis in das 17. Jahrhundert zurückverfolgen – als die Türken bei Wien von einer gesamteuropäischen Armee geschlagen wurden. Ich datiere den Bruch aber lieber auf Mitte der neunziger Jahre.

Als Korrespondentin einer linksliberalen türkischen Tageszeitung war ich zu einer kleinen Runde am Berliner Wannsee eingeladen. Aus den USA war John Esposito anwesend. Der Islamwissenschaftler der Georgetown University erzählte uns von der „Zukunft der islamischen Demokratie“: Die liberal-demokratische Gesellschaftsordnung sei eine Erfindung des Westens, aber man dürfe nicht allzu pessimistisch sein. „Die Muslime“ könnten sie ja auf ihre „eigene, muslimische Kultur“ adaptieren. So sei das Parlament nichts anderes als die Schura, die sich zu Lebzeiten des Propheten im Hof der Moschee in Mekka versammelte und über die Probleme der Ummah beriet. Und auch für jeden anderen Grundsatz könne man, wenn man wolle, ein islamisches Äquivalent finden.

Angesichts der wachsenden Islamfeindlichkeit in Westeuropa schien mir diese Position auf den ersten Blick fortschrittlich: Die Muslime sind nicht inkompatibel mit der Moderne und der Demokratie; sie müssen sie nur zuerst in ihre eigene Sprache übersetzen. Aber etwas behagte mir daran nicht – und ich widersprach: Sind die aus den westlichen Gesellschaften hervorgegangenen Werte nicht längst universal gültig geworden? Haben sich nichtwestliche Länder wie die Türkei diese Werte nicht bereits angeeignet? Ich kannte Lesben und fromme Pilger, Kommunisten und Ultranationalisten in Istanbul. Vor allem die Jüngeren brauchten keine islamischen Übersetzungen; die Freiheit würden sie sich schon zu nehmen wissen.


In der Runde am Wannsee, die sich hauptsächlich aus „dem Islam“ wohlwollend gegenüberstehenden Orientalisten zusammensetzte, stieß mein Einspruch auf eine Mauer: Ich geriet in die Rolle einer „Muslima“, die so angepasst ist, dass sie ihre muslimische Identität leugnet. Ich geriet in einen Teufelskreis aus Benennung und Benanntwerden, wobei die Definitionshoheit in westlichen Händen lag. Nichts als Unwissenheit, dachte ich damals. Die Zeit der religiösen Diskurse ist doch längst vorbei. Ich habe mich geirrt.

Jetzt, im Jahre 2011, kämpfe ich weiter gegen diese Definitionshoheit. Ich habe nicht nur John Esposito unterschätzt und Samuel Huntington mit seiner Selffullfilling Prophecy. Ich bin auch von 9/11 überrascht worden. Die Anschläge vor zehn Jahren verhalfen einem Diskurs zum endgültigen Durchbruch.

Die Kraft der Minderwertigkeitskomplexe, des Zorns und des Ehrgeizes, die sich in den islamistischen Kreisen angehäuft hatten, unterschätzte ich ebenfalls. Denn sie kamen an die Macht, und statt an einer Übersetzung des westlichen Opus Magnum zu arbeiten, begannen sie mit der Verfassung ihres eigenen Werks.

Die Inhaber der Definitionshoheit sind mit den von ihnen Benannten eine Synthese eingegangen. Ihre Interessen ergänzen sich. Die Menschheit wird auf beste voraufklärerische Art in einer Matrix aus religiös-kulturellen Diskursen für dumm verkauft – vorerst. Ein türkisch-islamischer Kolumnist war nach 9/11 ganz irritiert: Er war zwar gegen den Terror. Aber die Bilder der Terroristen um Osama bin Laden erinnerten ihn an die alten Weisen aus der Entstehungsphase des Islam. „Diese bärtigen, turbantragenden, gütig lächelnden Männer in den afghanischen Bergen könnten unsere Großonkel und Großväter sein. Wie kann ich in ihnen gefährliche Terroristen sehen, die es zu vernichten gilt?“ Die Verwirrung hält an. In der Türkei glaubt eine überwältigende Mehrheit der Bevölkerung immer noch, dass die Anschläge nicht das Werk „der Muslime“ sind, sondern Teil einer westlich-israelischen Verschwörung gegen sie: Willkommen in der Matrix.

Wasser auf die falschen Mühlen

Eine Zeitlang glaubte ich selbst den schönen Theorien über die „nichtwestliche hybride Moderne“, verteidigte das Recht der Frauen, ein Kopftuch zu tragen, und konzentrierte mich auf die versteckten Formen des Rassismus und der Islamophobie, die an den demokratischen Fundamenten Westeuropas nagten. Ich spielte das Spiel im Namen der multikulturellen Demokratie mit, ohne zu merken, wie sehr ich Wasser auf die Mühlen einer zutiefst konservativen Entwicklung trug.

Man kann Ehrenmorde nicht beseitigen, wenn man gleichzeitig konservative Rollenmodelle propagiert. Die Emanzipation ist eine wichtige Errungenschaft, die sexuelle Revolution für diese unerlässlich, die Gewerkschaftsbewegung eine unverzichtbare Basis des Arbeitslebens, die verbrieften sozialen Rechte müssen nicht in willkürliche islamische Almosen rückübersetzt werden, und das Recht auf freie Meinungsäußerung ist untrennbar mit dem freien Individuum verbunden, einem Konzept, das es in keiner Religion gibt. Kurzum: Diese Werte gehören in eine einzige Menschheitszivilisation. Die Übersetzungsidee ist eine Kopfgeburt, sie greift nicht, sondern stärkt das konservative, autoritäre Element. Sie trennt, statt zu verbinden.

Die Benennung von Millionen von Menschen als „die Muslime“ und nicht etwa als Arbeiter, Frauen, Liberale, Sozialisten oder Kapitaleigner, ihre Verwandlung in das Gegenstück zu einer ebenso einheitlich konzipierten „modernen westlichen Welt“ – diese Operation ist vorerst geglückt. Wir sind alle in diese Falle gelaufen. Tagtäglich verlieren wir uns in dummen Kommentaren und Diskussionen. Die Linksliberalen und Linken, die Huntington belächelt und auf die Kraft der universalen, demokratischen Ideen vertraut haben, müssen heute erkennen, dass hier die Konservativen auf beiden Seiten Hand in Hand über die Liberalen gesiegt haben, während die Linke überfordert war.


Der trennende Diskurs von „dem Westen“ und „den Muslimen“ hat für die Menschen, die außerhalb Europas ein autonomes, aufgeklärtes Leben führen wollen, verheerende Folgen. Er stellt Fronten her, die sich nicht gegenüberstehen, sondern ergänzen. Die Anschläge vom 9/11 bilden nicht den Anfang, aber den entscheidenden Wendepunkt in der Etablierung dieses Diskurses. Wir leben in einem Bezugssystem, das unsichtbar ist, weil religiöse Identitäten als etwas Monochromes, Naturwüchsiges und Unveränderbares angesehen werden. Stark, weil jeder Einspruch von jenen niedergeschlagen wird, gegen deren Interessen er stößt. Mächtig, weil jede Diskussion nur zur Stärkung dieser Basis beiträgt.

9/11 war nicht der Anfang. Aber eine vollständige Aufklärung der Anschläge könnte den Anfang des Endes für die Matrix bedeuten: Eine gemeinsame, grenzüberschreitende, moralisch integre Untersuchungskommission, die sich der Fragen um das Jahrhundertereignis annimmt. Wie das Ergebnis auch ausfallen mag: Allein die Tatsache, dass alle – jenseits ihrer vermeintlichen religiösen Identitäten – an einem Strang ziehen, würde der beste Beweis dafür sein, dass wir außerhalb der Matrix eine vernünftige, gute, menschenfreundliche gemeinsame Zivilisation aufzubauen fähig sind.


Dilek Zaptçıoğlu
, Jahrgang 1960, wurde in Istanbul geboren und studierte in Göttingen. Die Schriftstellerin und Journalistin wurde u.a. mit dem Gustav-Heinemann-Friedenspreis ausgezeichnet





Dieser Text ist Teil der Freitag-Sonderausgabe 9/11, die der Perspektive der arabisch-muslimischen Welt auf die Terroranschläge und ihre Folgen gewidmet ist. Durch einen Klick auf den Button gelangen Sie zum Editorial, das einen ausführlichen Einblick in das Projekt vermittelt. In den kommenden Tagen werden dort die weiteren Texte der Sonderausgabe verlinkt.


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07:00 08.09.2011

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