Die Fischer von Galapagos

erbe der Menschheit Wie Ökonomie und Ökologie in einem Weltbiosphärenreservat kollidieren

Die Galapagos-Inseln, der ganze Archipel von sieben größeren und etwa 40 kleinen Inseln wurde 1978 von der UNESCO zum Welterbe der Menschheit erklärt und 1985 zum Weltbiosphärenreservat. Wegen dieser Einzigartigkeit sind ökonomische Aktivitäten auf etwa drei Prozent der Fläche begrenzt. Davon sind sowohl die Landwirtschaft wie der Tourismus und die Fischerei betroffen. Diese Grenzen zu verschieben, war jüngst das Anliegen der Fischer. Nicht zufällig hatten sie in ihrer Resolution auch verlangt, Landwirtschaft, Tourismus und eine adäquate Infrastruktur zu fördern. Ökonomie gegen Ökologie - die bekannte Kontroverse.

Ziegenmassaker auf Fernandina

Wer auf dem Flughafen von Baltra als Besucher landet, muss nicht nur 100 Dollar Eintritt zahlen (Ekuadorianer zahlen weniger), sondern auch minutiöse Gepäckkontrollen über sich ergehen lassen. Der Import nicht heimischer Pflanzen und Tiere soll auf jeden Fall verhindert werden, denn sie haben keine natürlichen Feinde. Einmal auf die Galapagos-Inseln gebracht, können sich Ziegen und Schlingpflanzen wie Brombeeren oder die Passionsfrucht in Hochgeschwindigkeit vermehren und die indigene Vegetation verdrängen oder gar vernichten. Hunde jagen Leguane, Ratten und Mäuse schleppen Krankheiten ein, Katzen jagen die Vögel und fressen die Eier der Land- und Seeschildkröten.

Dennoch gibt es die Europäern vertrauten Tiere und Pflanzen inzwischen auch auf den Galapagos, eingeschleppt im Verlauf der vergangenen Jahrzehnte. Die Ozean-Barriere konnte die in Millionen Jahren Evolutionsgeschichte entstandene Vielfalt einzigartiger Lebewesen vor den mit den Menschen kommenden tierischen und pflanzlichen Invasoren nicht schützen.

Um den Druck auf die endemische Tier- und Pflanzenwelt zu lindern, reagieren die Menschen nun wie Zauberlehrlinge: panisch. Die heimische Vegetation sollte vor den eingeführten Ziegen gerettet werden, indem man zum Beispiel auf der Insel Fernandina ein Ziegenmassaker anrichtete. Die Population wurde in den siebziger Jahren bis auf den letzten Bock abgeschossen. Dachte man. Inzwischen gibt es auf der Nachbarinsel Isabela, der größten des Archipels, eine Ziegenpopulation von 70.000 bis 80.000 Tieren. Die sollen sich allerdings nicht mehr lange an der Vegetation gütlich tun. Ihre Ausrottung ist generalstabsmäßig vorbereitet. Mit Hubschraubern und Piloten aus Australien, die Erfahrungen mit der Bekämpfung von Kaninchenplagen haben. Das Projekt wird aus ökologischen Gründen auch von der GTZ* unterstützt. Vielleicht gäbe es intelligentere Maßnahmen. Doch sicherlich gehört dazu nicht der von den Fischern in die Diskussion gebrachte Vorschlag, man möge sie dafür bezahlen, die Ziegen einzeln abzuschießen. Denn auf dem Teil der Insel, wo die archaische, weltweit einzigartigen Riesenschildkröten vor den Ziegen geschützt werden sollen, ist menschliches Leben, und sei es auch für Tage oder wenige Wochen, nur mit einem riesigen logistischen Aufwand möglich. Selbst das Wasser für die Jäger müsste auf das heiße Lava-Plateau gebracht werden.

Der britische Biologe Charles Darwin entwarf bei der Beobachtung der phantastisch vielfältigen Tierwelt des Archipels im Jahre 1835 die Evolutionstheorie, ein unverzichtbarer Baustein des modernen Denkens. Auf der Forschungsstation, die seinen Namen trägt, nahe der größten Siedlung der Galapagos-Inseln, Puerto Ayora, arbeiten mehr als 200 Wissenschaftler und viele Helfer. Dort werden Schildkröten aufgezogen, Leguane und seltene Vogelarten studiert, darunter auch die kleinen "Darwin-Finken", die es sogar bis zum Gebrauch von Werkzeugen gebracht haben.

Blockade der Darwin-Station

Die Zufahrt zur Station ist durch die Fischer von Galapagos symbolträchtig blockiert worden. Zunächst total, niemand wurde hinein- und niemand herausgelassen. Das Essen fiel aus. Dann einigte man sich auf eine Versorgung aus den nahen Restaurants von Puerto Ayora. Aber die Streikblockade eskalierte: Die Fischer verhinderten, dass Nahrung für die Tiere in die Station geschafft wurde. Und sie drohten, die Zufahrt zum Flughafen, der auf der vorgelagerten Insel Baltra liegt, zu sperren. Yolanda Kakabadse von der Fundación Futuro Latinoamericano beklagte, dass die Fischer im Nationalpark Schäden angerichtet hätten. Welcher Art - das wurde allerdings nicht näher spezifiziert.

Die Streikführer äußerten sich dazu nicht, gaben aber zu bedenken, Blockade von Ökologie-Station und Naturpark sowie ihre Fischerei-Forderungen seien "nicht politisch" und zudem demokratisch, denn auch ihre Frauen und Kinder seien an den Streikaktivitäten beteiligt. So einfach kann man sich die demokratische Legitimationsbeschaffung machen. "Viva la huelga!".

Tatsächlich geht es um ökonomische Interessen, und die sind ganz banal. Die Fischer wollen mehr Geld, 800 bis 1.000 Dollar bei einem ekuadorianischen Durchschnitt von vielleicht 400 bis 500 Dollar pro Monat und Haushalt. Aber auf den Galapagos ist alles teurer als auf dem Festland, und die nordamerikanischen und europäischen Touristen auf den Kreuzfahrtschiffen lassen das dolce vita erahnen, das "money can buy". Zumal in Ekuador der Dollar einzige Währung ist. Und von den green bucks haben die ekuadorianischen Bürger viel zu wenige. Die schicken Kreuzfahrtschiffe aber umrunden die Inseln, setzen die Passagiere nur kurz an schönen Stränden mit Seelöwen, Leguanen, einer fantastischen Vogelwelt und Unterwasserparadiesen ab. Das bringt für die Wirtschaft der Inseln wenig. Zumal die Touristen auf ihren Schiffen essen und übernachten. Die Fischer fordern daher eine obligatorische Übernachtung an Land. Doch dafür fehlen Hotels und Infrastruktur. Sogar Süßwasser fehlt, einmal abgesehen vom dann benötigten Service-Personal.

Der von den Fischern ebenfalls geforderte obligatorische Kauf heimischer Produkte wird kaum die Produktion anregen können, wohl aber die ohnehin schon sehr hohen Preise steigen lassen. Denn die Galapagos sind Naturreservat und die Landwirtschaft kann sich nicht ohne Änderung der Gesetze mit Massentierhaltung und monokulturellen Plantagen in die Landschaft fressen. Und so treffen die Forderungen der Fischer nicht einmal auf den Beifall von Hoteliers und Restaurantbesitzern. Sie befürchten, verdrängt zu werden.

Aber die Fischer wollen auch die Inbetriebnahme von Zentren zur Unterstützung der Fischerei und die Errichtung einer Universität; "denn auch Fischer wollen, dass ihre Kinder studieren". Drei Zentren werden bereits von der Weltbank mitfinanziert. Sie schließen Kühleinrichtungen ein, deren Kapazität weit größer ist, als die derzeit zugelassene Fangmenge. Auch das ein Grund, warum die Fischer neue Regeln durchsetzen wollen, die auch das Fischen mit Langleinen zulassen - Angelleinen mit Hunderten von Haken, an die auch Meeresleguane, Seelöwen, Delphine, Schildkröten und nicht nur Thunfische und andere begehrte Speisefische geraten. Gerade deshalb sind sie bislang verboten.

Um das erstrebte Einkommen erzielen zu können, muss die Produktivität des Fischfangs gesteigert werden. Das haben die Fischer sehr wohl begriffen, zumal ihnen die großen Fangflotten aus Japan jenseits der 1994 eingerichteten 40-Meilen-Zone zeigen, wie man Ressourcen mit kurzfristigem ökonomischen Erfolg plündern kann.

Ökologische Schrauben respektieren

Umweltschützer wie Wild Aid machen nun gegen die Fischer mobil - unterstützt von den Direktoren des Galapagos-Nationalparks und der Darwin-Station, die auf Verhandlungen setzen und den Rat von Experten suchen. Gegen die aber hegen die Fischer verständliches Misstrauen. Sie erinnern an das Ziegenmassaker. Dafür gibt es Geld, monieren sie, uns fehlt es. Ein zwar richtiges, aber kurzsichtiges Urteil. Denn die Ziegenplage weist auf eine sehr wichtige Erkenntnis: Ein terrestrisches oder maritimes Ökosystem darf nicht aus der Balance geraten. Rigorose Kontrollen sind notwendig und richtig. Das Gleichgewicht wird unausweichlich gestört, wenn Methoden der Produktivitätssteigerung nachgeahmt werden, die auch in anderen Meeren zur Überfischung und letztlich zum Kollaps der Fischpopulation geführt haben.

Das Märchen vom Fischer un sinner Fru beschreibt dies in der Tendenz genau wie eine Realfiktion: Der Fischer fängt einen Butt, lässt ihn aber wieder frei. Seine Frau, die Ilsebill, meint, der Butt sei ein verwunschener Prinz - sie könnten sich von ihm für die Rettung etwas wünschen. Der Fischer ruft von der Mole aus den Butt, und der erfüllt einen Wunsch. Das geht so weiter, das Meer gibt her, was es hat, der Fischer und seine Frau Ilsebill werden immer reicher - bis sie überziehen, bis das Meer nichts mehr liefert - und der schon gewonnene Wohlstand verloren geht.

Eine Ökonomie der ökologischen Missachtung mag zunächst zu einem gewissen Wohlstand führen, zugleich aber unterminiert sie die natürlichen Reichtümer einer Landschaft, die langfristig Grundlagen für das Überleben bieten - während die Raubökonomie auf Dauer weder den "Wohlstand der Nationen", noch den der Fischer von Galapagos sichert.

Inzwischen ist die Blockade der Darwin-Forschungsstation und des Nationalparks beendet und ein Kompromiss gefunden. Kommissionen werden eine Lösung erarbeiten, nationale Gesetze zur Regelung des Fischfangs wohl geändert. Die Fischer bleiben bei ihren Forderungen, und die Umweltorganisationen versuchen, das Biosphärenreservat gegen den ökonomischen Druck zu verteidigen. Das gesellschaftliche Naturverhältnis ist eben schwer zu regulieren. Auch auf den Galapagos.


* GTZ - Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit

00:00 16.04.2004

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