Die flotte Lotte

Eigentor Frauen-Fußball? Keinesfalls mit uns, verkündete der Deutsche Fußballbund im Juli 1955. Gekickt wurde ­trotzdem. Es dauerte 15 Jahre, bis das Verbot wieder kassiert war

Frauen in kurzer Hose und Trikot auf dem Rasen, das passte so gar nicht ins Bild der fünfziger Jahre. Und doch gab es sie. Im Ruhrgebiet hatten sich 1955 gleich mehrere Teams gegründet. Der Weltmeistertitel der Männer von 1954 hatte auch bei den Frauen Fußballbegeisterung geweckt. Dem Zeitgeist entsprach das nicht. Und so diskutierte eine erregte Öffentlichkeit über den so genannten „Damenfußball“. Es gehörte sich für keine Frau, die Fußballstiefel zu schnüren. Den Sportfunktionären waren Kickerinnen gleichfalls ein Dorn im Auge, und das schon lange.

Bereits in der Weimarer Republik spielten etliche „wilde Mädels“ – und wurden brüsk zurechtgewiesen. So empörte sich das Verbands­organ Die Freie Turnerin in den zwanziger Jahren: „Das Fußballspiel ist ein männliches Kampfspiel. Was für den Mann Ausdruck der Kampftüchtigkeit ist, das wird hier bei der Frau zur lächerlichen Megärenhaftigkeit, zur Fratze, zur Karikatur. Darum fort damit.“ Gleichwohl sollen damals schon 25 Frauen beim BSK Fürth gekickt haben, schreiben Eduard Hoffmann und Jürgen Nendza in ihrem Buch Verlacht, verboten und gefeiert, in dem sie der steinigen Geschichte des Frauenfußballs nachgehen.

Nicht "fraugemäß"

1930 gründete die Metzgerstocher Lotte Specht mit dem 1. DFC Frankfurt den ersten deutschen Damenfußball-Club. Doch die Kunden im Geschäft des Vaters beschwerten sich lautstark über das unziemliche Verhalten der Tochter, die auf dem Platz die flotte Lotte war. Auch andernorts regte sich Widerstand. „Ich sage Ihnen, wir Mädels hatten es früher nicht leicht auf dem Platz“, erinnerte sich die hochbetagte Lotte Specht 70 Jahre später in der Süddeutschen Zeitung. „Die Zuschauer haben sogar Steine nach uns geworfen. So konnte man gar nicht spielen, da musste man aufhören und weinen.“ Ein Hilferuf an den DFB blieb ungehört. Nach einem Jahr gaben die Spielerinnen zermürbt auf.

Als in keiner Weise „fraugemäß“ galt Frauenfußball während der NS-Diktatur. Nur in Maßen sollten Frauen Sport treiben, Gymnastik und Schwimmen standen hoch im Kurs. Die Mutterschaft war zur nationalen Mission erklärt, während Fußball als „Kampfsport“ galt, der die Gebährfähigkeit der deutschen Mutter beeinträchtigen könne. Der gleichgeschaltete DFB ergab sich dieser Reglementierung und verkündete 1936, der „männliche Kampfcharakter“ des Fußballs widerspreche dem Wesen der Frau. Im Wettkampf werde ihr „die Würde des Weibes“ genommen.

In den Nachkriegsjahren änderte der Fußball-Bund seine Haltung nicht wirklich. Als sich Mitte der fünfziger Jahre immer mehr Frauenfußballvereine gründeten, ließ DFB-Präsident Peco Bauwens das an sich abperlen: „Wir werden uns mit dieser Angelegenheit nie ernsthaft beschäftigen“. Rückenwind bekam er von Fußball-Prominenten wie Max Morlock, der 1954 beim Finale der Fußball-WM gegen Ungarn den 1:2-Anschlusstreffer für die deutsche Mannschaft erzielt hatte. Im Magazin Kicker landete er einen Volltreffer gegen die Fußballfrauen: „Wir empfehlen Schwimmen, Leichtathletik, Turnen oder Skilaufen. Das sind eher frauliche Betätigungen.“

Am 31. Juli 1955 verhandelte der DFB das Thema schließlich auf einem Bundestag, den die dort vertretenen Herren nutzten, um ihren Alleinvertretungsanspruch auf dem Rasen zu zementieren – aus „ästhetischen Gründen und grundsätzlichen Erwägungen”, wie es hieß. Vereine, die „Damenfußballabteilungen“ gründeten, mussten fortan mit Sanktionen rechnen. Frauen durften nicht mehr auf den Plätzen spielen. Schieds- und Linienrichtern war es verboten, Frauenspiele zu leiten. Warum so repressiv? Die heutige Vizepräsidentin für Frauen- und Mädchenfußball beim DFB, Hannelore Ratzeburg, vermutet, das Motiv habe sich aus der Erfahrung des verlorenen Krieges ergeben. Die Männer hätten die vermeintlich heile Welt der Vorkriegszeit wieder reanimieren wollen – zumindest in ihrem näheren Umfeld, meinte sie 2009 in einem Interview, das im Standardwerk Frauenfußball – Der lange Weg zur Anerkennung von Daniel Meuren und Rainer Hennies nachzulesen ist. „Wenigstens der Fußball sollte den Männern dann als letzte Domäne bleiben, wo die Frau höchstens als Anhängsel des Mannes auf dem Fußballplatz mitkommen durfte.“

Dem Verbot zum Trotz kickten immer mehr Frauen, bis der bayerische Regionalverband einigen Vereinen doch erlaubte, „Damenfußballabteilungen“ aufzunehmen. Es fanden inoffizielle Länderspiele statt: 18.000 Zuschauer saßen im September 1956 im Essener Mathias-Stinnes-Stadion und erlebten das erste Länderspiel im deutschen Frauenfußball, das die niederländischen Gegnerinnen mit 1 : 2 verloren. Ein halbes Jahr später strömten 17.000 ins Münchner Dante-Stadion, zum zweiten Länderspiel. Das rief den DFB auf den Plan. Verbandsfunktionär Dr. Georg Xandry ereiferte sich beim Oberbürgermeister wegen der Freigabe des Stadions: „Mit der in Frage stehenden Veranstaltung sind sie uns in unserem Kampf gegen den Damenfußball in den Rücken gefallen.“

Der Frauenfußball übte längst eine Faszination aus, die auch so manchen Geschäftemacher anlockte. So bei einer inoffiziellen Europameisterschaft 1957 in Berlin. Sie endete mit einem Haftbefehl gegen die Veranstalter wegen dringenden Betrugsverdachts. Anfang der sechziger Jahre ließen sich mit „Damenfußballspielen“ dann offenbar keine Geschäfte mehr machen. So habe der DFB festgestellt, „dass sich Unternehmungen wie die zum Geldverdienen organisierten Länderspiele totgelaufen hätten, und es deshalb des Beste wäre, den weiblichen Kick zu bagatellisieren“, resümieren Daniel Meuren und Rainer Hennies diese Jahre im erwähnten Buch.

4 : 1 gegen Norwegen

Ende der Sechziger jagten bundesweit schon 40.000 bis 60.000 Frauen den Ball, auch bei DFB-Vereinen. In dieser Zeit entstanden in der DDR gleichfalls immer mehr Frauenteams – das erste Match fand im August 1969 in Possendorf bei Dresden statt. 1.500 Zuschauer waren dabei, als die Frauen der Betriebssportgemeinschaft Empor Dresden-Mitte die Possendorferinnen mit 2:0 schlugen. Wochen später berichtete dann auch die Neue Fußballwoche (Fuwo) über das Ereignis, unterschlug aber – weshalb auch immer – das Ergebnis. Bis Anfang der siebziger Jahre schossen im Osten Frauen-Mannschaften wie Pilze aus dem Boden. Im Gegensatz zum Westen war diese Sportart in der DDR nie verboten oder geächtet. Der Deutsche Fußball-Verband (DFV) hatte sie freilich dem Freizeit- und Erholungssport zugeordnet und damit noch hinter dem Jugendfußball platziert.

Woran sich bis 1989 nichts ändern sollte. Im Mai 1990 wurde dann im Potsdamer Karl-Liebknecht-Stadion das erste und letzte Frauen-Länderspiel der DDR angepfiffen. Leider landeten die Spielerinnen keinen einzigen Treffer, was nicht über Gebühr verwundern konnte, schließlich trugen ihre tschechoslowakischen Gegnerinnen schon 20 Jahre lang derartige Bgegnungen aus.

In der Bundesrepublik dürfen Frauen seit genau 40 Jahren auch offiziell beim DFB spielen. Am 30. Oktober 1970 rang sich der konservative Verband dazu durch, seine groteske Blockade aufzugeben. Zur Zäsur geriet das Endspiel bei der Frauen-Fußball-EM 1989 in Osnabrück. 22.000 Zuschauer sahen im ausverkauften Stadion das 4:1 gegen Norwegen. Die DFB-Spitze schien euphorisiert und meinte, sie müsse den deutschen Nationalspielerinnen mit einem Kaffeeservice zu ihrem Sieg gratulieren. 1995 leisteten sich die Honoratioren des Fußballsports einen weiteren Fauxpas, als kurz vor der WM einige Nationalspielerinnen bei den Euro Games der Schwulen und Lesben in Frankfurt/Main Badminton spielen wollten. Der DFB parierte mit der Drohung, sie aus dem Nationalkader zu streichen. Einhelliger Tenor der Medien: Eigentor für den Fußball-Bund! Er hätte den hohen Lesben-Anteil im deutschen Fußball doch lieber totgeschwiegen.

Diana Engel arbeitet als Journalistin und Radioautorin im Medienkombinat Berlin

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11:30 10.10.2010

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