Die Flüsse überdauern alles

Europäisches Schicksal Zum Tod des polnischen Dichters und Essayisten Czeslaw Milosz (1911-2004)

Einmal beenden die Flüsse ihre Wegstrecke zwischen Quelle und Mündung. Sie entbetten sich und gehen über in Meere und Ozeane. Und fließen doch weiter. Einer verbrachte seine Kindheit an ihren Ufern, war Flusspirat am Niewiat im Tal der Issa, lauschte "dem Rauschen des heraklitischen Flusses", sammelte gegen das Versiegen durch das Nazi-Morden das polnische Wort im Untergrund, setzte die Segel des "rettenden Wissens" gegen Verführtes Denken und blieb auch im freien Westen einer, der gegen den Strom schwamm, weshalb ihm neun Jahre lang ein US-Visum verweigert worden war.

Er wurde Professor in Berkeley, Nobelpreisträger, doch mehr als dieser Preis mochte ihn berührt haben, dass 1980 Solidarnosz-Gewerkschaftler Worte aus einem seiner Gedichte für das Denkmal an der Danziger Werft auswählten, um ihrer toten Kollegen zu gedenken: "Der du dem einfachen Menschen Unrecht / Getan hast und darüber noch lachst, / (...) Sei nicht so sicher. Der Dichter merkt es./ Du kannst ihn töten - es kommt ein neuer."

Der Universalist und Dichter Czeslaw Milosz ist am 14. August in seinem Haus in Krakow im Alter von 93 Jahren gestorben. Als "Dichter des anderen Europa" hat er sich seinerzeit in seiner Dankesrede zum Nobelpreis bezeichnet. Tatsächlich kann man in ihm eine Symbolfigur des 20. Jahrhunderts sehen, denn im Fluss seines Lebens entfaltet sich ein europäisches Schicksal, das die Zerrissenheit dieses Kontinents, seine politischen und ideologischen Tragödien repräsentiert. Ein Marathonläufer bis ins hohe Alter, ein Mann der Metamorphose, dem es immer darum ging, möglichst viel Welt in sich einzusaugen, um aus dem unpoetischen Material Poesie zu formen.

Unbedeutend, doch wichtig, sein Geburtsort, Seteiniai in Litauen, wo er als Sohn eines glücklosen Gutsbesitzers geboren wird. 1911: Die Region gehört zum Zarenreich, nach der Oktoberrevolution und im Geleitschutz der Mittelmächte erklärt Litauen seine Unabhängigkeit, die von der jungen Sowjetunion "für immer" respektiert wird; Milosz´ Wilna, das Jerusalem des Nordens, seine Gymnasialstadt, soll die zukünftige Hauptstadt werden. Nach der Niederlage der Mittelmächte aber erhebt Polen Ansprüche auf das Wilnaer Land und erhält 1923 die kosmopolitische Stadt, der Milosz viel später ein Erinnerungsbuch - Die Straßen von Wilna - widmet.

Beides, die Kindheit am Fluss und die Jugend in der Stadt, prägt den jungen Milosz. Sein Buch Das Tal der Issa wurde vielfach als autobiografischer Roman aufgefasst, denn der Ort der Handlung ist eindeutig, auch der richtige Name des Landkreises wird genannt, und in Tomasz Dilbin könnte man den jungen Czeslaw identifizieren, über den der Autor einmal sagte, dass ihm tatsächlich viele Elemente aus dem wirklichen Leben beigemengt sind. Aber der Fluss hat eine besondere Symbolik, sein Tal wird als das Herz Litauens bezeichnet und damit als ein unverbrüchlicher Teil des Landes charakterisiert. Das steht den polnischen Nationalisten entgegen, die gern darauf zurückgreifen, dass die Region, insbesondere Wilna, damals auf Grund der ethnischen Zusammensetzung nur im geringen Maße litauisch war: Um die Jahrhundertwende lebten zum Beispiel in Wilna 40 Prozent Juden, 30 Prozent Polen, 20 Prozent Russen und nur 2 Prozent Litauer. Doch "der Pole" Milosz, der die Region zu einem mythischen Traumland generiert, verwehrt dem Nationalismus den Zutritt. Das bringt er später auch durch seine Ton angebende Mitarbeit bei der Schriftstellergruppe und Zeitschrift Zagary zum Ausdruck. Man trifft sich im Wilnaer Café Rudnicki, während die jüdischen Intellektuellen in Wolfs Café gehen, denn das polnische und das jüdische Wilna existieren nebeneinander ohne sich zu kennen, wie Milosz schreibt, "im Grunde genommen zwei Städte, zwei Kulturen".

Der Fluss, Kindheit, Heimat, Ausgangspunkt seines Lebens, aber auch Quelle des Lebens überhaupt, der Menschheit, der Welt, der Fluss der Geschichte: "Sie überdauern alles, die Flüsse!" Der poetische Name "Issa" steht für die Namensschwester der Isis aus der ägyptischen Mythologie. Ihr wird, gemeinsam mit dem Sonnengott Ra der Sieg der Unschuld und des Guten über den Gott Seth, der für das Böse und die Arglist steht, zugeschrieben. Dieses Bild verdient Aufmerksamkeit, denn Milosz hat sich des Öfteren als "Manichäer" bezeichnet, was Adam Zagajewski zwar bezweifelt. Doch diesen versymbolisierten Metakampf des Guten gegen das Böse, getragen von einer anrührenden, sich bis ins Ekstatische erhebenden Sprache, findet sich in Milosz´ Werk da und dort. Der Dichter mochte gerade als Essayist ein Mensch von großer analytischer Durchdringungskraft sein. Ebenso wenig kann man seine "Übertritte" ins Mystische übersehen, seine Irrationalismen, seine gnostische Gotteserkenntnis. "Ich überlebe diese Epoche nur, wenn ich sie in mich aufnehme", sagte er einmal. Es wäre auch etwas zu viel verlangt, diese Epoche der großen Kriege, der wahnwitzigen Ideologien, der Massenvernichtungen und Vertreibungen als etwas Rationales verstehen zu wollen.

Egal, ob Litauen oder Polen, die Orte seiner Jugend gehen doppelt unter, changieren in den Mythos des Erinnerns, in die Ekstase des schönen Wortes. Verheerend ist die Vernichtungspolitik der Deutschen; und in der litauischen und polnischen Historiografie und Literatur mehren sich die Arbeiten über die blutige Spur des Kommunismus. Milosz, der im polnischen Untergrund aktiv war, geht zunächst in den diplomatischen Dienst der neuen Gesellschaft. Er, der früh schon mit der Dichtung erziehen wollte und die "Diktatur des Intellekts statt der Emotionalität" einforderte, wird jedoch schnell desillusioniert. Verführtes Denken (1953), sein häretischer Wendeessay, geht mit jenen Schriftstellerkollegen ins Gericht, die das eigene kritische Denken gegen das totalitäre Vorsagen eingetauscht haben.

1951 bleibt er in Paris, bricht mit dem Realsozialismus, wendet sich von allen hegelianischen Planspielen ab, sucht das Gespräch mit Arthur Koestler ("Er hatte einen schrecklichen Charakter...") und Manès Sperber, sucht neue geistige Orientierung bei Albert Camus, mit dem er befreundet ist, bei Arthur Schopenhauer, Lew Schestow, in der Dichtung bei US-amerikanischen Lyrikern wie Walt Whitman und Robert Frost. Sein aphoristisches Erinnerungsbuch Mein ABC. Von Adam und Eva bis Zentrum und Peripherie, zwei autobiografische Alfabete 1997 und 1998 vorgelegt (deutsch 2002), lassen ein wenig von dieser kreativen und ausufernden Suche ahnen. "Die Wahrheit über uns wird einem Mosaik ähneln, zusammengesetzt aus vielen Steinchen, die sich in Farbe und Wert stark voneinander unterscheiden." Milosz nennt in seinem ABC nicht nur Stationen oder Begegnungen mit bestimmten Persönlichkeiten (Sartre misstraute er wegen dessen Kampagne gegen den am Kommunismus zweifelnden Camus...), sondern auch kleine lyrische Bilder: immer wieder und trotz allem die Schönheit des Daseins. Diese wiederum erscheinen wie Illustrationen seiner Schopenhauer-Rezeption: "Man kann dem Unglück nicht entkommen, indem man sich einfach einredet, es sei nicht vorhanden - wenn es doch da ist." Pessimismus zwar, wiewohl gebrochen durch den Glauben an die Erlösungskraft der Kunst; bei Milosz wird diese Teleologie zunehmend auf die Religion ausgeweitet. Adam Zagajewski schreibt über ihn: "Im Jahrhundert Becketts, eines großen, geistreichen und sehr traurigen Schriftstellers, verteidigte Milosz die religiöse Dimension unserer Erfahrung, verteidigte unser Anrecht auf Unendlichkeit. Nietzsches Telegramm an die Europäer, dass Gott tot sei, erreichte ihn zwar, doch er verweigerte offenbar die Quittung und schickte den Boten unverrichteter Dinge weg."

Ins Tal der Issa ist er nach der Wende zurückgekehrt, doch die Dörfer seiner Kindheit gab es nicht mehr, sie wurden von den Sowjets geschliffen. Und in Wilna, dieses "Wunder kontinentaler Exotik", leben heute nahezu keine Juden mehr. Europa hat im vergangenen Jahrhundert ganze Flüsse zum Versiegen gebracht. Trotz allem Pessimismus gibt sich Milosz zum Lebensende hin versöhnlich: "Unsere Zivilisation hat das Wasser der Flüsse vergiftet, und diese Verschmutzung wird immer stärker auch emotional bewertet. Da der Lauf des Flusses ein Symbol für die Zeit ist, liegt es nahe, auf eine vergiftete Zeit zu schließen. Doch die Quellen sprudeln weiter, und so vertrauen wir darauf, dass auch die Zeit einst wieder gereinigt sein wird. Ich liebe es, dem Fließen des Wassers zuzusehen, und gerne möchte ich alle meine Sünden den Fluten übergeben, damit sie ins Meer hinausgeschafft werden."


00:00 20.08.2004

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann lesen Sie noch mehr Beiträge und testen Sie die nächsten drei Ausgaben des Freitag kostenlos:

Abobreaker Startseite 3NOP plus Verl. ZU Baumwolltasche

Kommentare