Die französische Tochter

Telekommunikation Europäische Mobilfunkkonzerne bekriegen sich wieder. Vodafone möchte nun Teile von Vivendi schlucken, um erneut weltweit führend zu werden

Der Kauf von Mannesmann durch Vodafone vor fast drei Jahren war mit einer Kaufsumme von 204 Milliarden Euro die bis dato teuerste Übernahme der Wirtschaftsgeschichte - dreieinhalb Monate hatten sich beide bekämpft und allein den beteiligten Werbeagenturen Einnahmen von mehr als einer Milliarde Mark verschafft. Nach dem Börsencrash geht das billiger. Der Vodafone-Vorsitzende Chris Gent versucht einen neuen Coup: Für bis zu 13 Milliarden Euro will er vom französischen Mischkonzern Vivendi dessen Telekommunikationstochter Cégétel kaufen. Vodafone-Chef Gents eigentliches Ziel ist die Mobilfunktochter SFR, die mit einem Marktanteil von 35 Prozent die Nummer zwei in Frankreich ist und mit dem Kauf vollständig zu Vodafone übergehen würde. Damit wäre Vodafone in den fünf wichtigsten europäischen Märkten Nummer eins oder zwei - und weltweit mit dann 116 Millionen Kunden Marktführer. Nach der Mannesmann-Übernahme hatte Vodafone diesen Platz bereits inne, damals reichten noch 42 Millionen Kunden.

Die Aktien von Vivendi Universal sind in diesem Jahr um rund 80 Prozent gefallen. Diese Verhältnisse erinnern an ein gescheitertes Start Up-Unternehmen, dabei ist Vivendi einer der größten französischen Konzerne. Zur Jahrtausendwende priesen Medien, Anleger und Analysten die Strategie des Vorstandsvorsitzenden Jean-Marie Messier, aus dem Mischkonzern ein Medien- und Kommunikationsunternehmen zu machen. Deshalb wurden die Versorger-Bereiche samt Aktiennotierung ausgelagert, deshalb die Einkaufstour der letzten Jahre. Heute ist Messier aus dem Amt gejagt, die Vision jedoch überlebt bei seinem Nachfolger Jean-René Fourtou. Er sträubt sich gegen einen Cégétel-Verkauf, obwohl sein Konzern nah am Konkurs ist. Da könnten die 6,8 Milliarden Euro, die ihm Gent bietet, die Verschuldung nahezu dritteln. Zumal sich die Briten mit den anderen beiden Großaktionären bereits geeinigt haben und Vivendi, trotz Vorkaufsrecht, mindestens mit den Vodafone-Geboten gleichziehen müsste. Das Geld soll durch Beteiligungsverkäufe aufgetrieben werden - in den kommenden 18 Monaten will man sich von Geschäften im Wert von zwölf Milliarden Euro trennen. Wie im aktuellen Fall der US-Verlagsgruppe Hougton Mifflin wird es auch bei anderen Objekten kaum ohne Verluste über die Bühne gehen angesichts auf breiter Front gefallener Unternehmensbewertungen. Man braucht kein abgeschlossenes Studium der Betriebswirtschaftslehre, um zu wissen, dass Verkaufsverhandlungen, bei denen der Verkäufer unter Zeitdruck steht, in der Regel nicht die vorteilhaftesten für ihn sind. Weil der gesamte Vivendi-Konzern derzeit an der Börse nur zwei Milliarden Euro mehr kostet, als das aktuelle Gebot Vivendis für Cégétel kamen - natürlich sofort dementierte - Gerüchte aus entsprechenden "Kreisen" auf, denen zufolge Gent gleich den gesamten Konzern kaufen könne. Vivendi à la Mannesmann. Es ist viel Geld im Spiel, aber - im Vergleich mit der Mannesmann-Übernahme - unglaublich wenig. Und Vodafone kann es sich leisten: Der Konzern hat ein ausgezeichnetes Kreditrating und im letzten Geschäftsjahr erfolgreiche Zahlen vorzuweisen.

Ein Unternehmen ganz anderer "Qualität" ist Mobilcom. Das einstmalige Vorzeigeunternehmen müsste eigentlich in Konkurs sein, seit Großaktionär France Télécom die Finanzierung aufgekündigt hat. Aber im Juni haben Gläubigerbanken einer Umschuldung zugestimmt und im September wurde ein staatlich verbürgter Kredit von 400 Millionen Euro zugesagt. Derweil verkaufen Großaktionär Gerhard Schmid und seine Frau munter ihre Mobilcom-Aktien: Denn in einem der Welt am Sonntag zugespielten Teil des Rettungsvertrages heißt es, beide zusammen hielten 39 Prozent des Aktienkapitals. Im April waren es noch 49,9 Prozent. Die Differenz würde 60 Millionen Euro entsprechen bei einem Durchschnittspreis von zehn Euro pro Aktie in den vergangenen 200 Tagen. Berücksichtigt man nur die Zeit seit Schmids Rückzug - erst danach wäre ein Verkauf nicht meldepflichtig gewesen - bliebe immer noch die Hälfte der Summe übrig. Mittlerweile liegt der Fall bei der Staatsanwaltschaft und die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht untersucht mögliche Insidergeschäfte im Zusammenhang mit Mobilcom.

Warum soll dieses Unternehmen überhaupt gerettet werden? Die 5.000 Arbeitsplätze fallen als Grund natürlich ins Gewicht. Doch der fast gesättigte deutsche Mobilfunkmarkt hat derzeit vier Betreiber mit eigenem Netz. Branchenbeobachter gehen davon aus, dass für mehr Anbieter kein Platz ist. Allerdings wurden sechs UMTS-Lizenzen versteigert, eine davon ist bereits vakant. Das unter dem Label "Quam" betriebene Geschäft des Joint Ventures von Telefónica Moviles und Sonera wird nun, nach rund einem Jahr am Markt, eingestellt. Offensichtlich gilt auch für den Mobilfunksektor, was in einer im Auftrag des Wirtschaftsministeriums im letzten Jahr erstellten Studie über "Entwicklungstrends im Telekommunikationssektor bis 2010" über die Fernübertragungsnetze steht: "Die hohen Investitionen ... haben sowohl zu einem intensiven Preiswettbewerb, als auch zum Aufbau großer Überkapazitäten geführt." Allerdings nicht immer zur Freude der Anleger und Arbeitnehmer in der Branche - außer, wenn die Telekommunikationskosten sinken. Im Falle Mobilfunk in Deutschland kommt noch hinzu: Erst kassiert der Staat bei der Lizenzverteilung kräftig ab, um dann maroden Unternehmen wie Holzmann unter die Arme zu greifen. Wohin das führt, konnte man sehen: Der Baukonzern hatte in den zwei Jahren Aufschub, die ihm der öffentlichkeitswirksame finanzielle Einsatz von Schröder im Jahr 1999 gebracht hat, immerhin noch Gelegenheit, Dutzende mittelständischer Firmen mit seinen Dumpingpreisen zu bedrängen.

00:00 15.11.2002

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos. Wenn Sie danach weiterlesen, erhalten Sie das Buch "Oben und Unten" von Jakob Augstein und Nikolaus Blome als Treuegeschenk.

Abobreaker Artikel 3NOP ObenUnten

Kommentare